Testosteron

Cis-Passing

Ich nehme inzwischen seit über drei Jahren Testo. Meine Erfahrungen mit „Passing“ sind von Highlight- und Wochenend- zu Langzeit- und Alltags-Erfahrungen geworden. Und obwohl „Passing“ an und für sich ein mindestens fragwürdiges Konstrukt ist (Wer bestimmt eigentlich, wer wann wie passt?, Stichwort Cisnormativität) möchte ich hier ein paar meiner jüngeren Gedanken dazu teilen.

Wie ich hier auf dem Blog irgendwo auch bemerkt habe, war eine meiner Ängste vor der Hormontherapie, dass Testo eine neue Fehlverknüpfung zwischen Außenwahrnehmung und Selbstverständnis etablieren würde. Das war für mich interessanterweise zu keinem Zeitpunkt ein Problem.
Meine geschlechtliche sehe ich inzwischen ähnlich wie meine geografische Herkunft: Im Ausland genügt es, zu erzählen, dass ich aus Deutschland komme, inlands präzisiere ich je nach Kenntnis meines Gegenübers die Himmelsrichtung, das Bundesland oder die nächste, etwa 200km entfernte Großstadt. Nur wenn jemand die Region, in der ich aufgewachsen bin, gut kennt, macht es Sinn, über genaue Ortschaften und Stadtteile zu sprechen.
Genauso verhält es sich mit meiner geschlechtlichen Identität. Wer die genauen queeren Differenzierungen kennt, mit dem kann ich auch ins Gespräch kommen wo ich „Mann“ als passend empfinde, um welche Teile des Begriffs ich ringe, welche ich mir angeeignet habe, was ich ablehne und welche Bezeichnung ich außerdem brauche. Für fast alle anderen Gelegenheiten reicht die Bezeichnung als „Mann“ oder „er“ als grober Hinweis und alles weitere dann, wenn ich darüber sprechen will. Mit dieser kompromisslichen Ungenauigkeit kann ich gut leben.

Das Passing als „Mann“ ist im großen und ganzen eine unproblematische Erfahrung für mich gewesen. Für mich dagegen nach wie vor holprig und ambivalent ist das Passing als „cis“.

Ich lebe aktuell in Teilen meines Lebens stealth (das ist beizeiten nochmal ein ganz eigenes Kapitel wert). Menschen, die mich neu kennen lernen und allen, denen ich auf der Straße, beim Einkaufen, auf der Arbeit begegne gehen davon aus, dass ich als Junge und dann Mann aufgewachsen bin.
Insbesondere sind sich die meisten Cis-Menschen nicht bewusst, dass es auch Menschen gibt, die nicht cis sind.
Konkret also mit vielen alltäglichen Dingen abweichende Erfahrungen gemacht haben oder machen und das Bewusstsein, dass es prinzipiell überhaupt die Möglichkeiten gibt, diese ganz anderen Erfahrungen zu machen.
Unhinterfragt und naturalisiert als cis und weiß gelesen zu werden bedeutet außerdem, dass man mir die Rolle eines Vertreters der Mehrheitsgesellschaft zuschreibt.
Für mein tägliches Leben, vor allem aber mein Gefühl zu meinem Alltag hatte das bedeutende Folgen und ist der Hauptgrund, warum ich die fehlende Reflektion der Cis-Norm wiederkehrend als belastend erlebe.

Früher war ich Objekt der Beobachtung und Begutachtung im öffentlichen Raum, und zwar sowohl in der Rolle des als „weiblich“ zugeordneten als auch in der Rolle des als „gender nonconforming“ gelesenen Menschen. Dieses Gefühl war mir lange derart vertraut, dass ich es gar nicht hätte benennen können, so „normalisiert“ waren die Mikro-Aggressionen für mich (dazu haben einige Butches sehr kluge, einfühlsame und empowernde Texte geschrieben, die mir dabei sehr geholfen haben, dieses Gefühl zu erkennen und zu bewältigen!) Ich habe mich oft jenseits einer Glasscheibe gefühlt. Eine panoptische Scheibe, die zwischen Beobachter und Beobachteten, „normal“ und „deviant“ einteilt. Eine Scheibe, deren bloße Existenz zudem noch von diejenigen, die kein Bewusstsein von gesellschaftlichen Geschlechterkonstruktion haben, schlichtweg bestritten wird.

Ich lebe nun diesseits der Glasscheibe. Gegenüber fellow queers und teilweise auch Cis-Frauen bin ich in einer privilegierteren Position. Im Gespräch bin ich derjenige, der Blicke lenken kann (nein, wir reden jetzt nicht über die geschlechtlich uneindeutig lesbare Passant*in) und dessen Beobachtung von sichtbaren gesellschaftlichen Minderheiten im öffentlichen Raum gefürchtet wird (die Kassierer*in, den ich als Tomboy lese, die meinem solidarisch-freundlichen Blick ausweicht).
Auch die Scham verschiebt sich.
Wenn ich früher misgendert wurde, bedeutete das zugleich immer auch: Du bist nicht „normal“, du bestimmst nicht, wer du bist und du gehörst nicht zur Mehrheit. Misgendert zu werden war eine Beschämung.
Heute kommt es gelegentlich wegen meines offenbar manchmal als uneindeutig wahrgenommen Vornamens dazu, dass ich im Schriftverkehr falsch angesprochen werde. Wenn ich die Anrede richtig stelle, fühlt sich mein Gegenüber beschämt. Mit mir hat diese Scham nichts mehr zu tun.

Dieser Blickwechsel aus der Minderheitsperspektive zur unfreiwilligen Mehrheitsposition ist mächtig und beängstigend.
Denn auch wenn man es mir nicht mehr ansieht, bin ich natürlich immer noch nicht Teil der Mehrheitsgesellschaft. Ich bleibe trans und queer und von weiteren strukturellen Benachteiligungen betroffen.
Werde ich als cis gelesen, gewinne ich Handlungsmacht. Weil ich trans bin, ist diese Handlungsmacht mit einem Ablaufdatum versehen. Best before: outing. Das Gute dabei (das immer noch schlimm genug ist), ist dass nur ich dieses Datum sehen kann.
Zugleich habe ich an Wirkungsmacht in vielen Situationen netto dazugewonnen (mit freundlichen Grüßen, die patriarchalen Strukturen). Zu dieser neuen Macht kann und will ich mich verantwortungsvoll verhalten. Als jemand, der lange Zeit in einer sehr marginalisierten Position gelebt hat – und sich relativ zu weißen, heterosexuellen Cis-Männern immer noch in einer weniger privilegierten Position befindet! -, ist es schwer, mich an den neuen Handlungsspielraum und das veränderte Gewicht meiner Worte zu gewöhnen. Und weil unterschiedliche Diskriminierungs- und Benachteiligungsformen in der Kombination jetzt, da ich mir meiner alten (Weiß-sein, zum Beispiel) und neuen (männlich-gelesen werden, zum Beispiel) Privilegien zunehmend bewusster werde, verschiebt sich die Perspektive von Als-sichtbare-Minderheit-überleben dahin, Privilegien bewusst wahrzunehmen und zu teilen. Das ist kein kleiner Schritt. Das ist ein ganz neuer Modus des Alltagslebens.
Cis-Passing mündet mit diesen ambivalenten Bewegungen in ein seltsames, gleichermaßen ambivalentes Konglomerat: 1. männliche Privilegien durch Zuschreibung zu erhalten, die aber aufgrund der Cis-Norm stets bedroht sind und potenziell entzogen werden könnten und 2. der Ambivalenz, auf einer sozialen Achse Vorteile zu erlangen, die aber durch Nachteile auf der anderen egalisiert werden (könnten) und 3. der fehlenden Gewöhnung im Umgang mit gesellschaftlicher Macht (der berüchtigten „männliche Privilegien“). Das Verhältnis dieser Aspekte zueinander verdient gewinnt natürlich durch Ungleichheiten auf weiteren sozialen Achsen zusätzlich an Komplexität.
Ich vermute, dass es unter anderem diese Mischung ist, verbunden mit Schuldgefühlen (dafür, ungerechtfertigte Vorteile durch Zuschreibung zu erhalten), Ängsten (vor Entzug der Cis-Privilegien) und Unsicherheit (im Umgang mit den Vorteilen des Als-männlich-gelesen-werdens) die viele Butches, die Testo genommen haben oder nehmen, unter dem Stichwort „Unsichtbarkeit“ verhandeln.

Zwischen Passing als cis und Passing als Mann besteht der Zusammenhang, dass in der gesellschaftlichen Mainstream-Sicht das eine das andere bedingt. Wäre die Verbindung zwischen beidem nicht so eng, würden strukturell mehr Sichtbarkeiten möglich und mein Verhältnis dazu individuell wäre nicht so ambivalent.
Das als ein paar vorläufige Skizzen zu meinem Erleben von Passing.

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Einen ganzen Winter lang nichts anderes

Samstagabend, Dachgeschoss, ein Tisch voll Pizza-Schnittchen, Gemüse-Sticks und selbstgebackenen Muffins im Flur. Es schneit stundenlang und die Frauen trinken Mischbier und Bowle an jenem Abend. Auf dem Tisch stehen mehrere Plastikbecher mit selbstgebrautem, dunkelbraunen Tomaten-Chili-Alkoholgemisch, das hier „Schleusenwasser“ heißt und für das wohl jede Dorfgeneration ihren eigenen Namen und eigenes Rezept hat.
Das sind die Männer und Frauen aus meiner Heimatstadt, meistenteils heterosexuell, studierend, etwa 25 Jahre alt.
Sie sind kaum 25 und sehen aus wie ihre Eltern. (Die Männer trinken Bier und Hart-Alkohol.) Sie reden über Karriere und Körpergewicht derer, die gerade gegangen sind. (Die Frauen studieren Lehramt oder irgendwas Soziales.) Sie diskutieren über Aufstiegsmöglichkeiten im öffentlichen Dienst. (Die Männer studieren Ingenieuerwissenschaften oder Mathe-Physik-Lehramt.)
Hin und wieder denke ich von mir, dass ich nichts lieber will als genauso zu leben.

Ich bin das erste Mal in so großer Runde mit neuem Pronomen und Dreitagebart, den ich drei Wochen lang gezüchtet habe.
Ich hatte damit gerechnet, mit Anrede, Erinnerungen, alten Dynamiken auf die Vergangenheit verwiesen zu werden, vielleicht subtiler, vielleicht gewalttätiger. Ich war vorbereitet, mich dagegen zu verwehren.
Nichts davon ist passiert.
Alle Gäste vermeiden einen ganzen Abend, eine ganze Nacht lang jeden Namen und jedes Pronomen für mich.

Dieser Abend treibt mich um, denn untergründig habe ich irgendwie doch gehofft, mit mehr Wahrhaftigkeit und Bei-mir-sein mit den Leuten aus meiner Heimatstadt anders sprechen zu können, dass wir uns auch retrospektiv gegenseitig etwas verständlicher finden. („Ich versteh das nicht, es gibt Frauen, die sind Anfang 20 und wissen schon ganz genau, dass sie keine Kinder wollen … wie geht sowas?!“, sagt J., die in ihrem Praktikum Kinder mit physischen Einschränkungen unterrichtet, morgens am Küchentisch.) Mich treibt um, dass sie so eng leben und zugleich so sicher (Jobs, die angetreten werden, weil die Mutter einer Klassenkameradin aus dem Französischkurs 6. Klasse ist Schulleiterin in Groß-W.), und dann höre ich auf zu lachen und gehe ins Bad und nehme mir vor, eure Fingernagelfeilen zu verstecken, jeden Morgen wieder, einen ganzen Winter lang.
Denn ich trauere heftig, dass mein Leben ihnen unverständlich bleiben wird und dass mir ganz und gar die Mittel fehlen, ihnen zu erklären, dass Geschlecht echt die kleinste meiner Entwicklungen gewesen ist. Dass die Zweigeschlechterordnung viel grausamer ist, als ihr je wissen werdet und dass wir deswegen für eine sehr lange Zeit nicht mehr miteinander sprechen werden.
Ihre nächsten zwei Jahrzehnte, die auch die meinen zwei Jahrzehnte gewesen wären, hätte ich nicht angefangen, queer zu leben, wird alles klar, voraussagbar, wohlgeordnet und wohltemperiert sein. Sie werden mit ihrer Langzeitbeziehung in eine Stadtwohnung ziehen, irgendwann um ihren 27. Geburtstag herum, ein Auto anschaffen, Kinder alsbald (vielleicht zuerst die Kinder, dann das Auto), und wenn nichts Gravierendes dazwischenkommt, wird ihr Alkohol teurer werden und der Gin, Bombay Sapphire wenn sie dreißig sind, Old Raj, wenn es auf die fünfzig zugeht, immer regelmäßiger ausgeschenkt.
Ich weiß, dass ich nichts tun kann, um zu verhindern, dass wir mit Anfang, Mitte 40 spätestens auf dem Balkon stehen, ein bisschen erschöpft, ein bisschen resigniert, du am Ende deiner heterosexuellen Langzeitbeziehung die erste Zigarette seit deiner letzten Schwangerschaft vor zehn Jahren rauchend, unaufhaltsam unsere Plattitüden aufsagend („Was hat das Leben nur aus uns gemacht?“) und Lebensverhältnisse gegeneinander aufrechnend („Du hast zwei wundervolle Kinder“ – „Du hast deinen Eltern wenigstens einmal gesagt, dass du sie nicht liebst“)
Ich halte ein schales Bier der örtlichen Brauerei in der Hand und schweige viel. Ich sitze wie in einem Wackelbild, in dem ich unter den nach dem dritten Umzug unerbittlich zerfleddernden Plakaten von Wacken 2006 abwechselnd die angehenden Väter, die nicht weinen und nicht zuhören, aber Elternzeit nehmen werden, für unwirklich halte, und zugleich alle paar Minuten zweifle, ob ich wirklich echt, wirklich da bin.

Je nachdem, wie man zählt, bin ich zur Zeit circa in der dritten Pubertät. Nach Aufbruch, Ausbruch, langen Nächten ohne Schlaf und in Kneipen und auf Tagungen ist das die Phase, in der ich neuerlich frage und abwäge und zweifle, über Lebens- und Geschlechterentwürfe, die diesmal mehr als nur ein paar Monate halten müssen.
Ich stelle mir vor, wie ich 35 Jahre alt bin und im malvenfarbenen Hemd mit meinem Kind darüber streite, ob es ein pinkes Überraschungsei haben darf.
Ich bin noch nicht 25, aber ich weiß genug, um zu verstehen, dass Abende wie diese nicht nur eine harmlose Komödie über Geschlechterklischees sind, sondern dass Geschlecht der Spiegel und das Brennglas ist, durch das soziale und emotionale Gemeinsamkeiten und Unterschiede unübersehbar werden.
Ich will nie wieder fünfzehn sein. Sie hören die gleiche Musik wie vor zehn Jahren, als sie so jung gewesen sind und so betrunken.
Mir war lange nicht deutlich, dass Transition nicht die Ursache ist und noch nichtmal der Anlass für mein wehmütiges bis markerschütterndes Befremden.
Meine Transition hat mir ermöglicht, dass ich genauso leben könnte wie sie, nichts mehr und nichts weniger als das. Ich wollte das und weiß nicht mehr, ob ich das immer noch will. Ich weiß nicht, ob ich eine Alternative finde, die nachhaltig lebenswert bleibt.

Meine Klassenkamerad*innen und Bekanntschaften meiner Kindheit und Jugend sind ruhig, bürgerlich und vollkommen unbewegt von den Verhältnissen der Welt. Sie sind, generationell völlig durchschnittlich, meistens im Ausland gewesen, sprechen mindestens eine Fremdsprache fließend, haben beinahe mehr Freund*innen international als national.
– Die EU-Außengrenzen müssen auf jeden Fall dicht!, sagt L., die gerade von einem Praktikum aus England kommt, noch vor dem ersten Kaffee am nächsten Morgen.
Die Dachfenster sind verdunkelt von einer durchschneiten Nacht und wir streiten vergeblich bis zum Mittagessen.
Mich treibt um, dass Bildung, wie es scheint, trotzdem schlussendlich und alles in allem nichts, aber auch gar nichts ausrichten kann (nichts für ein gutes Leben, nichts für Menschlichkeit und Zivilcourage, nichts gegen Abende mit angehenden Ingenieuren und angehenden Lehrerinnen) und wenn Bildung nichts nützt, bin ich geneigt zu sagen, dass ich nicht weiter weiß.
– Du nimmst die politischen Verhältnisse zu persönlich, sagen meine Eltern unisono am Telefon.

Mich treibt um, dass ich in diesem Umfeld nie und nimmer hätte leben wollen, dass ich vielleicht nicht auf dem Land leben kann, selbst wenn ich es denn wollte (und ich möchte ja alle halbe Jahre nach Tübingen oder Langeoog ziehen).
Ich, der ich mich gerne kokett als Skeptiker gefangen im Körper eines Humanisten bezeichne, bin zutiefst erschrocken, dass meine Existenz-Möglichkeiten zu keinem Zeitpunkt jemals so weitläufig waren, wie sie einem weißen, scheinbar heterosexuellen Mittelschichts-Kind in Mitteleuropa gerne versprochen werden, und ich fürchte, dass ich all dem nicht entkommen bin, dass mehrere Jahre und hunderte Kilometer zwischen mir und dem Dorf nichts, nichts ausrichten werden gegen Weihnachten, Klassentreffen und Abende wie diese.
Ich kann nicht leben im Dorf, aber das Dorf könnte sehr gut leben mit mir, denn für das Dorf bleibe ich eine von ihnen. Etwas anderes war nie vorgesehen. Das Dorf wird mir jedes Mal wieder mein Tagebuch in die Waagschale legen.
– Manche Dinge weiß man im Nachhinein wirklich besser zu schätzen, sage ich, als wir am nächsten Tag spazieren gehen, alle etwas verkatert. Die Landschaft, die Atmosphäre, das vermisse ich schon manchmal.
– Ja, sagt L., die in einer deutschen Großstadt studiert. Die Luft ist super. Und was wirklich toll ist, dass es hier noch nicht diese ganzen Türken-Viertel gibt!
Am Hafen schlittern ein Nissan und ein Smart mit angezogener Handbremse über den gefrorenen Neuschnee. Das Wetter ist sehr schön. Ich hoffe, dass mein Bus nicht ausfällt.

Wie ich einmal angekommen war

Schade, dass mein Muskeltonus zu verschiedenen Transitionsphasen nicht gemessen wurde. Dieses Diagramm wäre vielleicht aufschlussreicher als jeder Video-Vergleich.
Ich bin ruhig, als der Türsteher in der Schwulenbar meinen Ausweis sehen will und sich vertraulich zu mir neigt:
– Are you a girl?
– No, it’s just the name.
Er nickt, ich nicke und mein Herz hat nicht einen Schlag ausgesetzt.

Bevor ich mich auf den Weg gemacht habe, zu transitionieren, war ich mehr als skeptisch gegenüber jenem vielzitierten, seltsam nebulösen „Angekommensein“.
Was soll das bitte bedeuten, wie sich anfühlen? Wo ich doch schon der allzu griffig-allgegenwärtigen Formel des „Weges“ misstraue? Und ist für jemanden wie mich, der queer bleibt, in Unfrieden und Widerwillen gegen die heteronormative Zweigeschlechterordnung, ein „Ankommen“ in dieser Welt überhaupt denkbar?
Dass kein Datum einer Spritze, eines Krankenhaustermins, eines Behördenstempels dafür bürgen könnte, war naheliegend. Auch, dass eine Transition und ihr Endzustand sich nicht anfühlt wie auf Speed, Achterbahn und Kindergeburtstag alle Tage.
„Angekommensein“: Ein bestenfalls situativer Zustand, der über eine Tasse Tee nie hinausreichen wird? Physisch oder metaphysisch? Ein amorphes Gebilde, dessen Position und Gestalt sich umso mehr verändert, je weiter ich mich darauf hin bewege?

Ich glaube dennoch, ich bin angekommen.
Ich tue mich schwer, dieses Lebensgefühl zu beschreiben, weil es unaufgeregt ist, voll Alltäglichkeiten und Dingen, die für fast alle Menschen selbstverständlich sind und für mich erst langsam selbstverständlich werden.
Ich lebe nicht mehr in der Katastrophe und ich glaube nicht mehr an Wunder.
Transition bedeutet für mich nicht mehr und nicht weniger als die radikale Entscheidung, mich auf meinen Körper und meine Identität einzulassen. Angekommensein heißt, mit welchen Mitteln auch immer, frei genug geworden zu sein, deren Bedürfnisse zu erfahren und gerecht werden zu können.
Das ist alles.

Dem jungen Mann geht es gut.
Herrentoiletten, Herrenhaarschnitte, eine lange Reihe performativer Selbstverständlichkeiten.
Schon wieder in der Pronomenrunde eingenickt.

Es passieren immer noch schlimme Dinge dann und wann.
Individuell für mich, wenn die zwei kleinen Jungs am Pissoir neben mir sich so ungezwungen unterhalten, dass ich noch minutenlang die Fäuste in der Hosentasche balle. Wenn in der Facebook-Gruppe das alljährliche Klassentreffen-Doodle geteilt wird, ich ganz gefasst eine Pro-Kontra-Liste schreibe und nachts trotzdem schweißgebadet erwache, weil mir im Traum ein Bekannter erklärt hat, er werde niemals den neuen Namen benutzen, denn letztlich sei das mit dem Namen nunmal im Unterbewusstsein verankert, und das Unterbewusstsein lasse sich nicht betrügen.

Transition bleibt lange Frühling und, wenn es gut geht, länger noch Sommer.
Für die meisten sind es, ich wiederhole mich, ziemlich genau zwei Jahre, in denen sie Videos machen, auf Facebook schreiben, Stammtische und Tagungen besuchen, aktiv, selbstbewusst und politisch werden.
Ich bin überrascht, dass dieses Fenster von zwei dutzend Monaten für einige Menschen viel verändert, aber für die meisten alles in allem ziemlich wenig.
Eine hormonell-biologisch legitimierte Pubertät im Zeitraffer, ein bisschen rumprobiert, ein bisschen eskaliert, und danach rasten die meisten, klick-klack, ziemlich nahtlos wieder in ihre alten Wertesysteme ein, als wäre nie etwas geschehen.
Wer durch eine Transition nicht freigesetzt wird, wird niemals frei sein.
Diese allzu wahrscheinliche Tatsache finde ich höchst bedauerlich. Auch deshalb, weil es nur anfangs so schien, als seien meine Mit-Transitionierenden im selben Maße wie ich suchend gewesen, suchend und aufgewühlt, kochenden Blutes über die Ungerechtigkeiten der Welt, strampelnd und spuckend angesichts aufflutender Dysphorie, mit den Fingernägeln an den Knochen des heteronormativen Systems rüttelnd und kratzend, und darüber unabhängig, nachdenklich und ein bisschen fassungslos geworden.
Ich selbst vermisse manchmal das Gefühl dieser Ganz Großen Freiheit, in der alles fragwürdig schien, monatelang. Ich hatte das Privileg, meinen eigenen Kompass wählen zu dürfen. Meine Freiheit des Angekommenseins besteht darin, ihn zu kalibrieren, dessen Koordinaten zu folgen, nachzujustieren und darum zu wissen, dass nicht nur der Kompass sondern das Moos und die Sterne meine Wegzeichen sein können.
Ich habe Transitionierende, seien es Frauen und Männer auf dem Weg zu sich selbst, seien es Butches, aus denen Männer, Frauen, die zu Femmes wurden, genderqueere, die ihr binäres Coming-Out hatten und andersrum, in einer zutiefst offenen, verletzlichen, fragilen, prägenden Zeit ihres Lebens erblühen sehen dürfen.
Die beengende Last meiner eigenen Angst, Sinnsuche, den manchmal überwältigenden Ungewissheiten wurde mehr als aufgewogen durch die wilde Schönheit von Transitionsgesprächen: so viele Menschen, die das erste Mal Sex hatten; die eines Tages einen Namen trugen, der sie stark machen wird; die sich aufgemacht haben, endlich Pyrotechniker*in, Tättowierer*in und Pornostar zu werden.
Diese hoffnungsintensive Zeit ist für meinen Transitions-Jahrgang vorüber.
Wer jetzt keine Eltern hat, findet keine mehr. Wer immer noch nicht schlafen kann, wird lange schlaflos bleiben.

PS: Dieser Text erzählt nur vom gegenwärtigen Gefühl des Angekommenseins, für mich und im Verhältnis zu denen, die in einem ähnlichen Rahmen wie ich transitionier(t)en. Welche Faktoren dazu geführt haben und welche Auseinandersetzungen mit Körper und Identität dem vorausgingen, ist ein anderes Thema für einen anderen Beitrag. Und wie bereits der Titel spoilert: Dass es bei diesem ersten Angekommensein bleibt, habe ich auch nur einen kurzen Moment geglaubt.

Von einer tiefen Müdigkeit

Letztens sprach mich jemand auf einer Party an und fragte, welche Wohlfühl-Pronomen ich für non-binäre Identitäten kenne. Und wie man überhaupt jemals mit all dem Schmerz und Nichtweiterwissen zwischen Sprache und Körper klarkommen kann.

Oh, wie gut kenne ich diese Fragen, den vorgebeugten Oberkörper, den hungernden Unterton. Wie oft habe ich selbst mir halbe Abende einen Anlass ausgedacht, mit den richtigen Leuten ins Gespräch zu kommen, habe ich mit ihnen in Ecken gesessen und in der Kälte gestanden, bis weit in den Morgen hinein, und über Transitionsgeschichten, Pronomendiskussion, Queererfahrungen mehr als einmal meine Station verpasst.
Ach, das kommt schon alles in Ordnung, meinte ich nur, kam mir altväterlich vor und wusste genau, dass meine Antwort weder hilfreich noch tröstlich war.

Bei vielen Transitionen – und damit meine ich sowohl binäre als auch non-binäre, medizinisch-juristische und nicht medizinisch-juristische – kann man die Uhr präzise stellen: Nach ziemlich genau zwei Jahren der intensiven Auseinandersetzung tritt eine Ruhephase ein, die für viele in einer Abkehr von Community überhaupt mündet.
Meine zwei Jahre sind seit einigen Monaten abgelaufen.
Das spüre ich deutlich, auch wenn ich nach außen nicht so wirke, weil meine in spannenderen Zeiten gesammelten Gedanken und Anregungen darüber hinweg täuschen.
Ich ertappe mich bei Plattitüden wie Im-Grunde-sind-wir-doch-alle-nur-Menschen. Ich habe meinen Browserverlauf schon lange nicht mehr gelöscht. Ich zünde keine Häuser mehr an, wenn mich jemand misgendert.
Mir fehlt die Kraft zur fundamentalen Empörung und die Geduld zu ermunterndem Mentoring. Ich bin so müde, dass ich das noch nichtmal bedaure. Ich möchte Gender-Winterschlaf, lange und tief.
Ich bin müde, und ich bin zugleich distanziert und gelassen. Die Frustration über allgemeine Cis-, Binär- und Heteronormativität, holzschnitthafte Transitions-Erzählungen, selbstzerstörerisches Szene-Gebaren, so deprimierend, nervenaufreibend, empörend ich das alles oft empfand, nehme ich hin, wach und milde.

Man hört wenig von dieser Müdigkeit.
Einerseits ist das banal: Transition ist für viele, mich eingeschlossen, eine unvergleichlich aufregende Lebensphase, die irgendwann in ihre unvermeidlichen Alltäglichkeiten übergeht. Ich kann ich nicht mein ganzes Leben lang jeden Tag etwas Neues, Verheißungsvolles im Spiegel entdecken.
Andererseits haben die, die sich über die üblichen zwei Jahre hinaus mit Trans- und Queer-Themen beschäftigen, zusehends weniger Gesprächspartner*innen auf Augenhöhe.
Habe ich einfach schlecht mit meinen Kräften gehaushaltet? Oder ist das Ende der Transition wirklich erst der Anfang des Weges?
Erfahrungswerte, ob eine Pause oder doch Gender-Ruhestand die richtige Antwort auf diese Müdigkeit sind, existieren kaum.

Genau genommen setzt sich die geschilderte Erschöpfung aus drei verschiedenen Müdigkeiten zusammen: Die Transitions-Müdigkeit, die Aktivismus-Müdigkeit und die Identitäts-Müdigkeit.
Mich interessiert schon lange nicht mehr, ob trans* oder nicht, ob Coming Out oder nicht, welche Identität, welche sexuelle Orientierung, gefangen im falschen Körper, in der falschen Gesellschaft oder im falschen Leben. Ob die Identität politisch subversiv genug, die Entscheidung für Hormone, Operation, Krawatte die richtige, der Umgang mit Unsichtbarkeit, Dazwischensein, Maskulinität wohl erwogen.
Ich hätte es nie für möglich gehalten, eines Tages so fundamental gelangweilt sein zu können von diesen Themen.

Überlegungen wie der Einfluss von Alter, Bildung, Wohnort auf geschlechtliche Lebensläufe, Unsichtbarkeit und Schmerzlichkeiten einer Nicht-Mainstream-Identität beschäftigen mich nach wie vor.
Ich komme in meiner Auseinandersetzung nur langsam und oft gar nicht voran. Vieles, das mich derzeit interessiert, ist so diffus, dass ich darüber nur mühsam sprechen, geschweige denn schreiben kann.

Meine Antworten werden dürftiger. Manchmal denke ich, überhaupt nichts mehr sagen zu können.

Vielleicht bin ich so müde, weil mein politisches Bewusstsein so präsent ist. Ich finde es notwendiger denn je, die Kräfte auf die verschiedenen Erfahrungen und das gemeinsame Anliegen zwischen Lesben, Schwulen, Trans-, Queer-, Inter- und Hetero-Menschen zu konzentrieren.

Der Weg ist so lang. Ich liege abends nicht mehr wach.

Butch in Bild und Ton

Geschlechtlich medizinisch und/oder juristisch Transitionierende waren vermutlich die ersten, die ihre Veränderungen durch Hormone und Operationen, aber auch die Vorbereitung darauf, zugehörige Zweifel, Überlegungen zu ihrer Identität und Vieles mehr auf Youtube detailreich publik machten.
Zu Butch gibt es immer noch keine annähernd so vielfältige Perspektive auf derlei Themen, wie auch auf Alltagsfragen insgesamt. Deutschsprachige Videos sind mir bislang leider überhaupt nicht bekannt.
Kurze Übersicht einiger Channels, die sich zumindest für eine erste Erkundung lohnen:

Das Gender-Gleichgewicht

Ich balanciere die verschiedenen Erfordernisse meines Geschlechts: Wie ich nach außen wirke, wie ich mich selbst ausdrücke, wo ich der Gesellschaft Herausforderungen zumute und wo ich mich den Gegebenheiten füge.
Ich balanciere zwischen dem Bedürfnis nach Sichtbarkeit, als queer, als Transmaskulinität, als Butch. Unter anderem, weil ich finde, dass das zu mir passt.
Als Gegengewicht steht die Anstrengung, die Anpassung, das Bedürfnis nach unaufgeregter Normalität. Denn ich bin manchmal müde, bin immer häufiger müde, habe keine Lust und keine Kraft für Erklärungen, und ich brauche den Schutz, den Rückzugsraum, den metaphysischen Massagesalon, den unsere Gesellschaft nur jenen bereitstellt, die ein unkompliziertes, ungebrochenes Geschlecht anzubieten haben.

Damit es mir gut geht, wäge ich ab. Für Butch wie für Genderqueerness überhaupt gibt es nicht die eine Autobahn, sondern ein ganzes Geflecht von Trampelpfaden im Feld. Für jede Entscheidung, jede Abzweigung, die sich auf möglichen medizinisch-juristischen Transitionswegen stellt – dem Namen, dem Personenstand, den Hormonen, den Operationen – ein gegeneinander Wiegen der verschiedenen Optionen.

In der Grundschule haben wir Bamboleo gespielt: Eine Holzplatte liegt auf einer Kork-Kugel. Indem man Holzteile in verschiedenen Farben und Formen hinzufügt oder wegnimmt, gerät die Platte ins Gleichgewicht oder außer Balance. Wenn man zu viele Teile auflegt, stürzt die Konstruktion in sich zusammen.
Ich probiere, die Teile, die mein Geschlecht ausmachen, in ein tragendes Verhältnis zueinander zu setzen. Wenn dieses Gleichgewicht gelingt, wird es scheinen, als würde es schweben.
Ich füge den schweren Testosteron-Klotz hinzu und die Platte kippt gefährlich. Vielleicht hätte ich den nicht so eindeutig auf die eine Seite, sondern eher in die Mitte legen sollen. Oder einfach eine Nummer kleiner gewählt. Andererseits, es macht Sinn, die schwersten, unförmigen Komponenten zuerst unterzubringen.
Testosteron fügt meinem Körper mehr Queerness, mehr Uneindeutigkeit hinzu und beraubt mich zugleich meiner sozialen Lesbarkeit und Ambiguität.
Ich bringe einen kegelförmigen, weiblichen Personenstand auf die gegenüber liegende Seite und frage mich, ob das genügt für ein vorläufiges Gleichgewicht.
Ich erstrebe die richtige Balance an Sichtbarkeit, nicht nur, weil ich daran gewöhnt bin, sondern auch weil ich mein Gender als ein politisches verstehe. Politisch kann nur das werden, was im öffentlichen Raum wirksam ist, Sichtbarkeit ist ein Aspekt davon. Keine Ahnung, ob „Mann“ jemals ein politisches Geschlecht werden kann, jedenfalls sehe ich mich durchaus in einer Tradition mit jenen, die „Frau“ als ein solches etabliert haben. Mir erscheint „Transmann“ nicht politisch genug.
Ich lebe mit einem geschlechtsneutralen Namen. Ich verschiebe diesen Baustein, indem ich diesem einen eindeutig männlichen an die Seite stelle.
Ich arbeite hart an meinem Gleichgewicht. Ich probiere, was sich gut anfühlt und zugleich plane ich voraus. Ich komponiere mein Geschlecht, wie andere Leute Symphonien und Gedichte komponieren, ich entwerfe verschiedene Szenarien auf dem Spielbrett und ich kalkuliere, wie belastbar diese Konstruktionen sind.
Der Gedanke, Geschlecht könnte das Ergebnis langwieriger Gewichtsproben, eines fein justierten Zusammenspiels sein, ist noch immer provozierend. Er widerspricht dem allgegenwärtigen Authenzititätsdiktat, dem auch Transmenschen bruchlos gehorchen, indem sie als ihren tiefsten Wunsch und Transitionsbegehr anführen „endlich sie selbst sein zu dürfen“.
Ich stelle mir vor, diesen meinen gewählten Namen in meinen Ausweis zu tragen. Stelle mir vor, ihn konform als legalen Vornamen oder als Künstlernamen zu führen.
Ich ergänze auf dieser Seite, der widerständigen, noch eine Reihe kleiner Dominosteine, die meinen Bildungsauftrag repräsentieren, ganz nebenbei, indem ich meine Geschichte erzähle, indem ich anderen Vokabeln wie queer, transmaskulin, Butch zumute, indem ich junge Queers tröste, die daran verzweifeln, ob sie überhaupt jemals irgendwo hingehören.

Andere haben eine Balance für sich gefunden.
Ivan Coyote hat zeitweise Testosteron genommen und die Brust-Operation gemacht, im Gegengewicht dazu jedoch niemals seinen legalen Namen und Personenstand geändert.
Micah ist asexueller Neutrois, hat Top-OP und Vornamens- und Personenstandsänderung durchlaufen, zum Ausgleich dafür nur intervallweise niedrig dosiertes Testosteron genommen und eine Transition durchlaufen, die Binarität weder zum Weg noch zum Ziel hat.
Sunny Drake nimmt Testosteron und wird seine boy-tits operieren lassen, und er identifiziert sich als Mann auf der einen Seite und als femme auf der anderen.
Rae Spoon nahm und nimmt kein Testosteron und erwägt keine Operation, identifiziert sich demgegenüber jedoch als genderqueer und nimmt die Freiräume einer Künstler-Identität in Anspruch.
Gleichgewicht ist nicht alles. Bei manchen sehe ich vermeintlich dieselbe Klötzer-Konfiguration und sie nennen sich nicht Butch und nicht genderqueer, sondern Transmann.

Die Balance ist immer mal wieder gefährdet. Wenn ich einen der Bausteine wegnehme oder verschiebe, verändert sich das Gesamtsystem.
Es bleiben einige unförmige Klötzer, die mein ganzes Spiel zu ruinieren drohen. Kann ich die grobe Belastung der heterosexuellen Außenwahrnehmung unterbringen? Reicht es, wenn ich lange Haare, oder zumindest Iro, Dreads und andere geschlechtsunabhängige Frisuren als Gegengewicht aufbringe?
Manchmal wünschte ich, ich wäre eher Femme statt Butch. Das wäre eine mächtige, tief subversive Ergänzung jeder Transitionsbemühung. Weil meine Persönlichkeit bleibt, wie sie ist, wird es immer Komponenten geben, die in meinem Baukasten möglicher Geschlechtsausdrücke einfach niemals vorkommen werden.
Ich werde maximal zum Karneval Glitzerstulpen tragen, und sollte mein maskuliner Habitus eines Tages ungebrochen männlich wahrgenommen werden, bleibt es mir verwehrt, dem mit einer Feminisierung meiner Attitude und Kleidung zu begegnen.
Fallen mir andere Strategien ein, mir selbst gerecht zu bleiben? Bemerke ich vielleicht über die Jahre, dass mir die aktuell unvermeidlich scheinende Queerness verzichtbar wird und ich schließlich meinen Binärfrieden gemacht habe? Oder werde ich einer jener peinlichen Transmänner mit Vollbart, die in jedem Gespräch jedem Gegenüber in den ersten drei Minuten aufdrängen, dass sie ja übrigens auch Butch waren oder sind?

T und ich

To T or not to T, das ist hier die Frage: Für alle Menschen, die weiblich zugewiesen worden sind, sich mindestens teilweise als maskulin, männlich oder genderqueer definieren oder anderweitig in randständigen Gebieten der Gendernormvarianz herumtreiben, steht früher oder später die T-Frage zur Debatte.
Es ist der große Prüfstein und mehr als jede OP-Erwägung ist dies der Wendepunkt ein jeder Transitionsdiskussion. Das Zeichen, dass deine Identität keine Phase ist, dass es dir ernst ist, dass du dich auf den Weg gemacht hast, dass du für deine Identität einstehst.

Leute, die zögern und zweifeln werden als Newbies gerade so noch toleriert, solche, die sich zeitweise oder gar vollständig dagegen entschieden haben, misstrauisch beäugt. Ist der wirklich genug trans? Warum mit weniger als dem maximal Möglichen zufrieden geben? Und was ist mit dem Leidensdruck?
Zu diesen Fragen und ihrer Wirkung in der Community gibt es viel zu sagen, und sicherlich werde ich in dem einen oder anderen Blogeintrag nochmals darauf zurückkommen.

Ich transitioniere sehr wohl, und ich nehme kein Testosteron. Nicht, weil ich aus medizinischen Gründen nicht dürfte oder aus beruflichen oder gar religiösen Erwägungen heraus glaube, nicht zu dürfen; und auch nicht, weil man mir die Indikation verweigert oder ich zu feige, unsicher oder ängstlich wäre, das Wagnis einzugehen.
Ich nehme einzig und allein deshalb kein Testo, weil ich nicht will. Weil ich mich hier und heute dagegen entschieden habe, was natürlich nicht heißt, dass ich diese Entscheidung nicht vielleicht eines Tages anders treffen möchte.
Auch ich habe meine Gründe dafür. Einige davon mache ich hier gerne öffentlich mit dem Ziel, die T-Frage mal von einer anderen Seite anzugehen und ein Stück Sichtbarkeit dafür zu schaffen, dass ein Leben ohne T seine ganz eigenen Qualitäten hat und auch Hormone niemals „alternativlos“ sind.

Ich nehme kein Testosteron, weil ich die Kraft dafür habe. Ich traue mir zu, mit meiner queeren Maskulinität sichtbar zu sein. Wir alle, die mindestens einmal im Leben fundamental in Konflikt mit den so wohlgeordneten Männer-die-nicht-zuhören-und-Frauen-die-nicht-einparken-können-Verhältnissen geraten sind, brauchen weithin unüberhörbaren Widerspruch gegen die symbolische Ordnung. Wenn alle in der gendernormalen Hetero-Komfortzone abgetaucht sind, werden die Geschlechtsvorstellungen so beengend und farblos, ebenso langweilig wie gewaltvoll bleiben, wie sie heute sind.
Ich will zeigen, dass auch ein vermeintlich randständiger Geschlechtsausdruck ermöglicht, mittendrin zu sein, dass queere Maskulinität eine schöne und stolze Identität ist, und dass hier Platz ist gleichermaßen für die Harley und das Reihenmittelhaus und viele Gäste in unserem Garten. Ihr seid alle herzlich eingeladen.
Ich möchte kein Testosteron, weil ich trotz der anstrengenden, manchmal deprimierend fruchtlosen Auseinandersetzung um meine Geschlechtlichkeit und einen würdevollen Umgang mit meinem Körper durchaus auch passend bin, wie ich bin. Ich verweigere mich dem in Trans-Zusammenhängen so dominanten Abwertungs-Diskurs, den eigenen Körper ausschließlich als fehlerhaft und unpassend, als Quelle von Scham, Leid, Einschränkungen, ja, als Gelegenheit zur permanenten Selbstabwertung zu denken.
Das ist meine Art, mich nicht als gefangen in meinem Körper zu verstehen: Ich bin und bleibe frei. Ich weigere mich, ein Fehler der Natur zu sein.
Ich nehme kein Testosteron, weil ich wichtig finde, dass insbesondere die junge Queers eine Perspektive jenseits klassischer Transitionswege sehen und dass Transition durchaus nicht ausschließlich eine leidvolle, sondern eine gute und aufregende Erfahrung ist.
Ich brauche kein Testosteron, weil ich Geschlecht in einem Denkrahmen von Performance, nicht in einem Konzept von Biologie sehe. Natürlich ist das idealistisch und wir leben wahrlich nicht in den besten Zeiten für eine solche Sicht. Dennoch, ich will es versuchen.
Ich nehme kein Testosteron, weil ambigue Maskulinität eine ebenso kreative wie lehrreiche Erfahrung war und ist. Dass ich auch Jahre nach meinem inneren und äußeren Coming Out auf Hormone verzichtet habe, hat mir ein Verständnis davon ermöglicht, wie Geschlecht funktioniert, das anders niemals möglich gewesen wäre. Ganz zu schweigen davon, dass man zwischen den Geschlechtern die amüsantesten Dinge erleben kann – Monty Python wären heute mit Sicherheit queer.
Ich benötige kein Testosteron, weil ich individuell privilegiert bin in dem Sinne, dass meine Umgebung es mir leicht macht. Ich habe tolle Freund_innen und sogar eine vergleichsweise coole Familie, die meine sichtbare Queerness mittragen und meinen Geschlechtsausdruck wesentlich so akzeptieren können, wie er ist.
Ich verzichte auf Testosteron, weil ich denke, dass die Widersprüche, Brüche und Zumutungen des Dazwischenseins eine gesellschaftliche, eine zwischenmenschliche Herausforderung bleiben sollen und nicht individuell und allein in meinem Inneren stattfinden, weil Testo dieses Gefühl nicht heilen, sondern nur verschieben und verstecken kann.
Ich will kein Testo, weil ich rausfinden will, wie weit ich durch mein Handeln allein die Grenzen meines Geschlechtsausdrucks verschieben, wie weit ich gehen kann. Je weiter ich gehe, umso mehr bemerke ich, dass ich weiter komme, als ich je für möglich gehalten hätte. Und das ist ein sehr gutes Gefühl.

Ich freue mich auf weitere Überlegungen und Gedanken von Euch in den Kommentaren.