stone butch blues

„Stone Butch Blues“ – eine unromantische Geschichte in 10 Bildern

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Träume in den erwachenden Morgen – unser Zuhause

07_Highfemme-Frühstück

Katzenfrühstück

12_mein Arbeitsplatz

Mein Arbeitsplatz

05_Wer hier eintritt, auf den regnen keine Goldtaler

Wer hier eintritt, auf den regnen keine Goldtaler

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StoneButch Dreams

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glamouröse Barkultur

06_fliegender Teppich in eine andere Welt

Fliegender Teppich in eine andere, virtuelle Welt

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unser Butch/Femme-Stammtisch

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Dein Arbeitsplatz

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Endstation Sehnsucht

Eine lakonische Fotoreihe aus Bremerhaven in Hafennähe von heute (Danke an Labyrinthus fürs Begleiten). Das Quartier hatte in den 1950er und 1960er Jahren seine große Zeit – mit einer riesigen Dichte an Kneipen, Bars, Jazzclubs, und dem Aladin-Kino mit seinem besonders geschwungenen Eingang. Einige Bars, die hier vor allem von schwulen* Männern betrieben wurden, sahen weit weniger heruntergekommen aus als heute. Lesben* waren bzw. sind durchaus Teil der Gäste, zum Beispiel heute im „Dreams“. Dennoch war das alles nicht schön oder glamourös – wie gegenwärtige nostalgische 50’s-Cupcake-oder Rockabilly-Fantasien nahelegen. Es war eher wie St. Pauli bis Ende der 1960er Jahre oder die Barszene in „Stone Butch Blues“. Die „homosexuelle Barkultur“ bis Ende der 1980er Jahre hatte verschlossene Türen, kleine Sichtfenstern, Türkontrollen, Jukeboxes, mal mehr, mal weniger roten Plüsch und war im „Rotlichtmilieu“ angesiedelt. Wer in die Bar wollte, musste klingeln, der_die Inhaber_in öffnete ein kleines Fenster und schaute, wer draußen war, um dann persönlich die Tür zu öffenen. Alle wurden per Handschlag begrüßt. Das waren Sicherheitsmaßnahmen aufgrund der langen Kriminalisierungsgeschichte von queeren* Menschen. Als ich in dieser Zeit im Rickmersstraßenrevier immer wieder mal unterwegs war, erfuhr ich von Freund_innen zum Beispiel, dass ein Schwuler* aus Homophobie in einer Seitenstraße erschlagen wurde, und von Lesben*, die als Zuhälter_innen arbeiteten. Auch gab um 1990 Morde an Sexarbeiter_innen. Sie wurden hier hinter einem Supermarkt getötet in den Container geworfen. Neben dem „Babylon“, das früher „Why not“ hieß,  gab es eine Bar, die hieß „La Femme“ und von Lesben* betrieben wurde. Ein paar Monate später übernahmen Zuhälter sie „feindlich“, so dass in den Hinterzimmern Sexarbeit stattfand.

Vor diesem Hintergrund konnte und kann ich die Romantisierung von „Stone Butch Blues“ nicht verstehen, der ich immer wieder begegne. Als ich das Buch las – mehr als dreimal habe ich es bislang nicht geschafft – , konnte ich vor allem die alltägliche (sexualisierte) Gewalt, das Überleben und Ausgeliefertsein in ein paar Quadratkilometern Straßenrevier, die Wut über die Perspektivlosigkeit und die Angst, die im Nacken sitzt, und die Trostlosigkeit des „Leben am Randes“ schmecken. Fühlen konnte ich die überlebensnotwendige Bedeutung eines Mikrokosmos von Freund_inschaften, Liebesbeziehungen, die zarten Augenblicke, das Innehalten, die kleinen liebevollen und gleichzeitig unterstützenden Gesten, die sinnlichen und auch verstehenden Blicke – Momente, wie das zeitentrückte Innenleben in einem Kokon. Auch ich habe mal für jemanden, die vergewaltigt wurde, Kakao gekocht und das Badewasser eingelassen – ich empfinde und sehe diese Erinnerung nur als „zarter Schaum“, „warmes Wasser“, „dunkel, heiß, süß“ und „schweigen“. Dafür und für den „StoneButch/Femme-Blues“ gibt es nur Bilder, keine Worte.

 

 

 

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Farewell, Leslie Feinberg

Ich lag auf dem Bett in einer spartanisch eingerichteten Kammer des Tübinger Stifts, genau dort, wo vielleicht auch Hölderlin einst in einer ebenso kärglichen Kammer gelebt hatte, als ich Stone Butch Blues in einer Winternacht durchlas. Zuvor hatte ich mit heftig klopfendem Herzen das erste Mal in meinem Leben einen Frauen-Buchladen betreten. Seltsam genug, dass der Ausgangspunkt meiner kultivierten Maskulinität ausgerechnet ein solcher Ort sein musste.

Stone Butch Blues war weder die erste noch die letzte persönliche Lebensgeschichte eines Gender-Outlaws, die ich las.
Ich hatte Nadia Brönimanns „Die weiße Feder“ und John Colapintos „Der Junge, der als Mädchen aufwuchs“ und die Berichte eines psychiatrisierten Tomboys in den USA der 50er gelesen, noch bevor ich die Pubertät erreichte, und seither folgten von Halberstam und Butler, Califia und Nestle, bis zu Schwarzenbach und Kuhnen viele andere mehr.
Stone Butch Blues wurde eine wichtige und prägende Erzählung, weil sie mich überraschte. Feinberg überraschte mich auch jetzt ein letztes Mal, weil ihre letzten Worte nicht auf ihr queeres Engagement verwiesen, sondern auf dieses im größeren politischen Zusammenhang.

Feinberg war die erste Person, die mir zeigte, dass ich noch etwas anderes sein könnte als ein Mann.
Ich lebte bis dahin mit dem Gedanken, ich könnte entweder eine so genannte Frau bleiben oder meine Männlichkeit chirurgisch angleichen lassen, und das einzige Argument, was mich von Letzterem abhielt, waren die meiner Meinung nach die dem Original zu entfernten, also unzufriedenstellenden Ergebnisse.
Ich litt unter der Vorstellung, dass das Beste, was für meine Zukunft zu hoffen blieb, war, ein Leben als unzureichender Mann zu führen.
Dass noch andere Identitäten und Wege lebbar sein könnten, dass darunter Butch (die ich für schlecht gelaunte, unkultivierte Lesben hielt) nicht nur eine mögliche, sondern vielleicht sogar eine würdevolle Identität wäre, erschloss sich mir zum ersten Mal. Und die vage Hoffnung, es könnte Menschen geben, die mich jetzt und hier begehren würden, nicht nur trotz meiner vermeintlich unzureichenden Anatomie, meiner physischen und verbalen Grenzen, meiner so schwer vermittelbaren Erfahrungen, sondern gerade wegen all dem.

Stone Butch Blues vermittelte mir den Gedanken, dass das Beste an Geschlecht vielleicht nicht die Körper sind, sondern die Performance.
Ich dachte, man nähme Testosteron, wenn man sich aufgrund eines endgültig konstatierten, unlösbaren körperlichen Widerspruchs entscheiden würde, als Mann zu leben. Feinberg war der Erste, von dem ich hörte, dass er Hormone nicht aus ästhetischen oder emotionalen Gründen nahm, sondern aus Gründen des Überlebens, und der diese Entscheidung nicht in binärer Klarheit traf, sondern in einem vielschichtigen und unerlösten Ringen am Rande der Geschlechter.
Ich hörte auf, zu glauben, es gäbe Männer und Frauen und ein Penoidaufbau würde mich glücklich machen. Man kann sagen, dass ich mit diesem Moment den ersten Schritt eines geschlechtlichen Erwachsenwerdens nahm.

Ich wusste auch in jenen letzten Tagen meiner ersten Pubertät, dass das Buch an manchen Stellen von Pathos und Kitsch unerträglich trieft. Die Wirkung des Buches traf mich nicht unmittelbar, weil ich ihm misstraute. Auch heute möchte ich davor warnen, Stone Butch Blues als Idealbild der goldenen Epoche einer widerständigen, gefährdeten Femme-Butch-Kultur zur glorifizieren. Ich will diese Zeiten nicht zurück, und ich bin dankbar, nicht in den USA der McCarthy-Ära leben zu müssen.
Ich gehöre einer Generation an, die geschlechtlichen Normierungsdruck vor allem als informellen Zwang zur permanenten Selbstoptimierung erfährt. Feinbergs Geschichte war mir ein eindrückliches Beispiel, wie Normen mit polizeilicher Gewalt durchgesetzt wurden und womöglich eines Tages wieder werden.

Die Nachricht, dass Leslie Feinberg vor einigen Tagen nach langer, schwerer Krankheit verstorben ist, nahm mich mehr mit, als ich erwartet hätte.
Einmal natürlich, weil jedes verstorbene Community-Mitglied eines zu viel ist, und auch der Verlust eines entfernten, eher symbolischen Wegbereiters und -begleiters ein Verlust bleibt. Ich empfinde daneben einen Verlust von Geschichte, weil die Zeitzeug*innen gelebter LGBTIdentität des 20. Jahrhunderts nach und nach aussterben: Die, an denen ich ablese, wie ich zu anderen Zeiten gelebt hätte; die, die mir einen Eindruck geben, wie ich leben könnte, wenn ich 60 werde; die mich daran erinnern, welche Verbesserungen trotz allem seit Stonewall erkämpft worden sind.
Irrationalerweise betrauere ich, Feinberg nicht persönlich gekannt zu haben. Ich fürchte mich, aufgrund der zunehmenden sozialen Ungerechtigkeiten des Gesundheitssystems mit 65 sterben zu müssen. Ich bemerke, dass der Tod einer Ikone, wie Feinberg sie in gewissem Sinne gewesen ist, meine Motivation zu geschlechterkritischem Engagement nicht beflügelt, sondern meiner Müdigkeit nur ein Kopfkissen hinzufügt.

In diesem Sommer holte ich Stone Butch Blues nach langer Zeit wieder aus alten Umzugskartons hervor. Schon im querlesen erschien es mir nahezu ungenießbar, ein einziges weißes Hemd voll Blut und Wunden. Kopfschüttelnd ließ ich es auf dem alten Schreibtisch im Haus meiner Eltern liegen.
Meine Schwester sagt, es sei ein interessantes Buch, leider etwas atemlos geschrieben.

Rest in Power and Peace, Leslie Feinberg.
Ich wünsche ihrer*seiner Lebenspartnerin und ihrer*seiner Wahlverwandtschaft alles Gute. Für uns andere hoffe ich, dass viele Erzähler*innen jeder Generation folgen mögen, die ihre queeren Erfahrungen mitteilen, und – um das trotz des Pathos mal zu sagen – die Kraft finden, gerade dann laut zu sein, wenn Ausgrenzung und Unterdrückung uns die Stimme zu nehmen drohen.

PS: Ein Nachruf der Ehefrau, Minnie Bruce Pratt, ist im Advocate erschienen.

Caty Simon schreibt über die wichtige Rolle der Sexarbeiterinnen in Stone Butch Blues.

Sunny Drake nahm Feinbergs Tod zum Anlass, darüber nachzudenken, warum und wie wir die Älteren besser in die Community integrieren könnten und sollten.