non-binary

Scham, Schuld und Transition

Ins Kleidchen gezwungen zur Einschulung. All die Dinge, die man dir nachgerufen hat auf dem Schulhof (anders, nicht normal, komisch, krank, hässlich, geh weg, sei tot). All die Dinge, die du zum Geburtstag niemals haben durftest und die Klamotten, von denen du dir selbst verbieten musstest, sie haben zu wollen.
Viele, vielleicht sogar: fast alle frühen Erinnerungen, denen im Nachhinein eine Schlüsselrolle für die Selbstidentifikation als trans zugeschrieben wird (und zwar sowohl von Transpersonen selbst wie auch von vielen Psycholog*innen), haben mit Scham zu tun.
Scham, so meine These, gehört von Kindheit an so untrennbar zu Transitionserfahrung, dass es nahezu unmöglich ist, zu transitionieren, sich zu outen oder ein geschlechtervariantes Leben zu führen, ohne wiederkehrend, dauerhaft und vielgestaltig beschämt zu werden. Deswegen ist es so schwer, sich dagegen zur Wehr zu setzen.
Beschämung wirkt von außen durch gesellschaftliche Normen auf das Individuum, aber auch innerhalb der Community findet die Beschämung häufig eine Fortsetzung. Beschämung ist sogar derartig allgegenwärtig, dass sie für eine transitionierende Person selbst häufig nicht mal mehr als solche zu erkennen ist.

Ein mögliches, recht allgemein verständliches Verständnis erklärt Scham als ein Gefühl der Peinlichkeit, Verlegenheit oder Bloßstellung. Scham tritt entweder als Reaktion auf die Verletzung der Intimsphäre auf oder als Reaktion auf das Bewusstsein, sich selbst oder jemand anderen an sozialen Normen oder Erwartungen scheitern zu sehen.
Theoretiker*innen im Anschluss an Eve K. Sedgwick vertreten die These, dass noch vor Identität, Sexualität oder Diskriminierung der kleinste gemeinsame Erfahrungsbestand von LGBTI* darin besteht, prägende Erfahrungen mit Scham gemacht zu haben und/oder zu machen. Scham bleibt deswegen, im Guten wie im Schlechten, lebenslang ein strukturierendes Element der eigenen sexuellen Identität und Geschlechtlichkeit.
Laut Sedgwick prägt Scham alle nicht-mainstream Identitäten und Sexualitäten bereits früh. Denn schon bevor ich mich bewusst schämen oder schuldig fühlen kann, weil ich noch gar nicht weiß, wer ich bin und „was mit mir los ist“, schäme ich mich wortlos und diffus dafür, „irgendwie anders“ oder „komisch“ zu sein. Indem ich nun feststelle, dass ich mich als „anders“ und „nicht selbstverständlich“ gegenüber Gleichaltrigen empfinde, und deswegen den Standard, die Norm „irgendwie nicht erfülle“, bin ich in diesem Moment schon etwas.
Wenn Scham, gemäß dieser Definition, nur für etwas empfunden wird, das ich bin, und umgekehrt kann ich aus dem Vorhandensein  von Gefühlen, die im weitesten Sinne mit Scham zu tun haben, darauf schließen, dass ich etwas bin, sein muss.
Selbst wenn die zugehörigen Gefühle, wenn überhaupt, meist nur retrospektiv als Scham identifiziert und benannt werden können, formt sich das eigene geschlechtliche und sexuelle Selbstbild als eigenständiges aus dieser Empfindung von Scham.
Im weiteren Verlauf treten zur Beschämung noch Schuldgefühle hinzu.
Eine umgangssprachlich gängige Unterscheidung besteht hierbei darin, dass jemand Scham dafür empfindet, etwas zu sein, während Schuldgefühle dafür empfunden werden, etwas getan zu haben.
Scham beispielsweise dafür, generell trans* zu sein (an kulturellen und gesellschaftlichen Normen zu versagen) und einen bestimmten (normwidrigen) Körper zu haben, denn jeder Mann, der nicht „schon immer einer war“ versagt grundsätzlich an der sozialen, und jeder Mann, der keinen normgemäßen Penis hat, versagt an der biologischen Norm für Männlichkeit.
Schuldgefühle dafür, sich geoutet zu haben, für einen neuen Namen oder eine Hormontherapie entschieden zu haben, jemandem von seiner Vergangenheit zu erzählen, eine Operation durchführen zu wollen.

Transpersonen werden systematisch durch allgemeine Vorurteile, aber auch gesellschaftliche Geschlechternormen beschämt.
Trans* wird in der Öffentlichkeit auf Körper und Sexualität und damit auf Bereiche jeneseits der allgemeinen Schamgrenzen reduziert. Die selbst innerhalb der Community immer noch gebräuchliche Bezeichnung „Transsexualität“ ist begriffsgemäß wenig dazu angetan, einen Gegenentwurf zu liefern.
So lange jedes Outing von jedem beliebigen Gegenüber automatisch als Freifahrtsschein verstanden (und gesellschaftlich nicht dafür sanktioniert) wird, Nachfragen jenseits der allgemein akzeptierten Schamgrenzen zu stellen („Bist du schon operiert?“, „Wie ist denn dein ‚richtiger‘ Name?“, „Wie geht das dann eigentlich mit dem Sex?“) bedeutet ein Outing stets auch eine Beschämungssituation für die Trans*person – und wird folglich von Cis-Personen als Schamlosigkeit verstanden.

„Scham ist das Scharnier zwischen Diskriminierung und Selbsthass“, schreibt der Zaunfink in seiner sehr lesenswerten und detaillierten Analyse zu „Schwuler Scham“. Beschämung findet nicht nur durch teils explizite, teils subtile Diskriminierung von außen statt, sondern wirkt durch internalisierte Transphobie osmotisch auch innerhalb der lesbischen und schwulen und eben auch der Trans*- und Queer-Community.
Es gibt mehrere Indizien, die Aufschluss versprechen, wann und wie Beschämung dort stattfindet.
Zum ersten ist es hilfreich, zu beobachten, was Transpersonen selbst in sozialen Medien als „peinlich“ bezeichnen.
Immer wieder gibt es Beiträge in Trans*-Facebook-Gruppen wie den eines Transmannes, der schrieb, dass er sich freue, hier und endlich auf dem Weg zu sein, obwohl es ihm etwas peinlich sei, dass er „so ein Spätzünder“ wäre. Aus den Kommentaren ging hervor, dass der Verfasser 16 Jahre alt ist. Sam hat sich mit 17 geoutet und darüber gebloggt unter dem Titel „Mein Inneres Coming Out – und warum ich fast 17 Jahre dafür gebraucht habe“. [Link entfernt, da der zugehörige Blog offenbar nicht mehr erreichbar ist]
Dass schon 16-jährige absurderweise glauben, sich dafür rechtfertigen zu müssen, „so spät“ ihre Transition begonnen zu haben, ist zunächst nicht mehr als eine vereinzelte Beobachtung, die aber als solche viel darüber verrät, wie tief und vielgestaltig Scham und Schuldgefühle in einer Transition wirksam sind.
Betrachtet man die Beiträge, in denen andere ihre „Fremdscham“ artikulieren, Auftreten, Verhaltensweisen, Nachfragen oder die Identität von sich selbst oder anderen als „peinlich“ bezeichnen, oder angeben, sich für eine Frage, einen Beitrag oder ein Bild „zu schämen“, fällt auf, dass jede Abweichung von den bekannten Transitions-Normen (möglichst früh, bruchlos, vollständig transitioniert und diese Transition sprachlich in den bekannten Metaphern und Erzählungen realisiert) mit Scham und Fremdschämen sanktioniert wird.
Fremdgeschämt wird sich innerhalb der eher binären, eher transmännlich dominierten Transgruppen immer wieder für nonbinäres Auftreten, für „schlechtes Passing“ und nicht-normgerechte, z.B. fette Körper, transphobe Berichterstattung in den Medien, körperliche Fragen, besonders Menstruation und prä-operative Genitalien betreffend und Bilder von sich prä-Hormontherpie und/oder prä-operativ.
Auf diese Beobachtungen komme ich später zurück. In der Community jedenfalls herrschen zwar andere und teils eher informell formulierte, in sich jedoch genauso strikte soziale Normen. Die Durchsetzung jeder sozialen Norm beruht zumindest teilweise auf Selbst- und Fremdregulierung durch Scham, das Phänomen als solches ist also weder neu noch außergewöhnlich.
Weil jedoch Trans-Sein als solches schon ein gesellschaftlich stigmatisiertes und tabuisiertes Thema ist, wirkt auf Abweichende ein doppelter Normierungsdruck und bei Versagen daran eine zwiefache Beschämung.
Diesen Normen ist es wesentlich zu verdanken, dass Fremdoutings so effektiv sozial geächtet werden, dass diese nahezu nie vorkommen. Diese Normen führen aber auch dazu, dass z.B. Abweichungen von der üblichen „Transitions-Timeline“ durch Missachtung und Abwertung gestraft werden. Wer ein Jahr braucht, sich bei seinen Eltern zu outen, ist im guten Durchschnitt und hat sich den Applaus beim Stammtisch redlich verdient; wer es nach dreien nicht geschafft hat, ist ganz einfach feige und bemitleidenswert.
Weniger eingängig, aber nicht minder folgenreich ist die Beobachtung, dass alle grundlegenden Metaphern und gängigen Erzählungen darüber, wie eine Transition, eine geschlechtliche Identität aussieht, sich anfühlt, sich verändert, implizit oder explizit Normvorstellungen transportiert, die so rigoros und an Cis-Normen orientiert sind, dass sie nahezu alle Transmenschen beschämen. Abweichungen von diesen Narrativen werden zusätzlich durch Scham sanktioniert.
„Schon immer“ ein Junge bzw. ein Mädchen gewesen zu sein, beschämt jeden mit einem späten Coming-Out und sowieso jede queere Identität, die in einer binärgeschlechtlich strukturierten Kindheit per se nicht gelebt werden kann. Wer außerdem nicht zusätzlich „schon immer gewusst“ hat, was mit ihm „los“ ist, wird zusätzlich als „dumm“ diffamiert.
Die gängige Einteilung einer Trans-Biographie in eine Zeit des „davor“ und „danach“, das Leben in ein „richtiges“ und ein „falsches“, ist nicht nur eine harmlose, allzu grobe Vereinfachung. Wer jahrelang im „falschen Körper“ und „falschen Geschlecht“ gelebt hat, kann nicht anders, als sich indirekt eines „falschen Lebens“, eines Lebens in Versteck und Verleugnung, des Versagens an der eigenen Wirklichkeit zu bezichtigen, und in einem Outing nichts weniger als den Ausgang aus der selbverschuldeten Schamhaftigkeit zu sehen. Das verstellt und beschönigt den Blick auf die auch post-Outing keineswegs harmlosen Beschämungs-Situationen. Chase Joynt beschreibt bei Original Plumbing, wie dieses Narrativ dazu beiträgt, Schuldgefühle und Scham zwar immerhin als Teil von Transition, aber nicht als Bestandteil von Post-Transition zu sehen.

Vor diesem Hintergrund wird nachvollziehbar, dass ausgerechnet da, wo ein Austausch über Beschämung am nötigsten, auch am heilsamsten wäre, dieser so ausnehmend schwer fällt und manchmal unmöglich ist.
Zum ersten fehlt es schon an den grundlegendsten Ausdrucksmitteln.
Verblüffenderweise gibt es selbst im (trans-)aktivistischen Kontext zwar Begriffe wie „Transphobie“ und „Feminitätsfeindlichkeit“, jedoch keine Bezeichnung dafür, aufgrund von Trans-Sein oder damit zusammenhängender Erfahrungen beschämt zu werden. In der queer(-feministischen) Community wurden empowernden Ausdrücke wie beispielsweise „fat-shaming“ (beschämt werden aufgrund der Körperform) oder „slut-shaming“ (beschämt werden für Tätigkeiten im Bereich Sexarbeit) aus dem angelsächsischen Raum importiert, ähnliche Ausdrücke für queere und/oder transitionierte Identitäten und Körper fehlen hingegen auch hier.
Zum zweiten hat die Trans-Community immer noch derart um Akzeptanz zu kämpfen, dass ein großer Druck zur Homogenisierung innerhalb dieser Minderheit herrscht.
Dass Detransition derart vehement beschwiegen und tabuisiert wird, dass nicht nur online ausdauernd und unversöhnlich darüber gestritten wird, wer „echt transsexuell“, ob für Non-binäre, Genderqueere und Crossdresser Geschlecht „nur ein Spiel“ ist, sind keine individuellen Phänomene. Nur die Möglichkeit, jemanden als „halt einfach nicht richtig trans“ ein und für alle mal aus dem Diskurs auszuschließen, ermöglicht es, die strikten Narrative aufrecht zu erhalten.
Wenn vor jeder Diskussion über die belastenden, wenig erfolgreichen Erfahrungen im Rahmen einer Transition zuerst unter Beweis gestellt werden muss, trotz dieser Gefühle und Erlebnisse „trans genug“ zu sein, dass diese Empfindungen einen validen Teil einer validen Identität darstellen, ist das eine denkbar schlechte Ausgangslage für eine ergebnisoffene Diskussion.
Damit in Zusammenang steht auch die verbreitete und durchaus gut begründete Ansicht, dass man sich eine solche Diskussion überhaupt sozial und emotional „leisten können“ muss.
Angesichts des gesellschaftlichen, teils real ökonomischen Preises für eine Transition muss das Unterfangen wenigstens „erfolgreich“ und „glücklich“ verlaufen, um als legitim betrachtet zu werden.
Es ist gerade so noch akzeptabel, über Schamgefühle während der Transition zu sprechen (Scham, sich mit einem nicht-normgerechten Männerkörper in der Männerumkleide umziehen zu müssen, Scham „noch nicht so weit zu sein“, Scham, nicht zu wissen, welchen Normen ein Mann im Alltag genügen muss).
Wer darüber hinaus seine ehemaligen oder aktuellen Schamgefühle thematisiert, gerät notorisch in den Verdacht, mit seiner Transition, deren Verlauf oder seinem Leben überhaupt unzufrieden zu sein oder gar „die falsche Entscheidung“ getroffen zu haben. Das gilt selbst dann, wenn es um vermeintlich entlegene Erfahrungen geht, wie die Scham, kein „kleiner unbeschwerter Junge“ gewesen zu sein.
Zum dritten verkomplizieren intersektionale Verknüpfungen die Auseinandersetzung erheblich.
Ein Beispiel dafür ist die toxische Verbindung von internalisierter Transphobie und internalisierter Misogynie. Über Scham sprechen insbesondere Transmänner und -Männlichkeiten nachvollziehbarerweise deshalb nicht, weil Scham ein so inhärent weiblich zugeschriebenes Gefühl ist und weibliche Sozialisation immer noch wesentlich über Scham und Beschämung funktioniert.
Wer nicht nur trans ist, sondern außerdem homosexuell oder queer lebt, ist zusätzlich mit allen zugehörigen Beschämungen, Abwertungen und Zuschreibungen konfrontiert.
Zum vierten sind Transpersonen von Kindheit an und wo immer sie danach als trans* sichtbar werden, so häufig Beschämungen ausgesetzt, dass sie selbst sie meistens (zunächst) gar nicht mehr als solche erkennen können oder wollen.
Um Beschämungssituationen in dieser Vielzahl und Vielfältigkeit zu erkennen und zu benennen, die für uns so normal sind, weil wir von Anfang an in und mit ihnen leben, ist der erste Schritt, zu erkennen, dass niemand diese Beschämung verdient hat (nein, auch die vielzitierten „Trümmertransen“ nicht). Wenn ich nun aber realisiere, dass dem so ist, bleibt die schwierige Erkenntnis, dass diese Scham eben nicht per se aus mir und meinem „perversen Sein“ im luftleeren Raum entstand, und nicht nur die Gesellschaft in ihrer cissexistischen, homo- und transphoben Verfasstheit als solche geschuldet ist, sondern ganz konkret meine vielleicht wohlmeinendsten Sorgeberechtigten, Lehrer*innen, Erzieher*innen, Pfarrer*innen, Ärzt*innen, … mich beschämt haben.
Fünftens hindert uns die Gesellschaft daran, Beschämungen als solche zu identifizieren und zu artikulieren, weil sie uns keinen Raum lässt, adäquat darauf zu reagieren.
Nehme ich die mir widerfahrene Beschämung in ihrer ganzen Tragweite ernst, sind verständlicherweise Wut, Trauer, vielleicht Hassgefühle die Folge. In der aktuellen gesellschaftlichen Situation, in der man aber „schon so viel Verständnis“ für deinen neuen Namen und dein neues Pronomen hat, und du dieses wahnsinnige Entgegenkommen deiner Cis-Umgebung bloß nicht noch weiter strapazieren solltest durch anstrengende und unproduktive Gefühle – welche Chance haben wir also, heilsam und gesellschaftlich adäquat auf die erlittene Beschämung zu reagieren?
Deswegen ist die Reproduktion von Scham und Schuldgefühlen in der Community noch immer eine so gängige Reaktion auf die erlittene äußere Diskriminierung.
Um sie nicht zu reproduzieren, müssen wir der eigenen Scham auch dann auf die Schliche kommen, wenn sie sich als Schutz vor Beschämung maskiert.
Ich denke beispielsweise an die Situation, in der mich ein Bekannter als einzigen des gesamten Transmänner-Stammtisches nicht zu seiner Geburtstagsparty einlud, weil ich der einzige war, der keine Hormone nahm. Indem er uns beiden Scham ersparen wollte (mir die Beschämung durch Misgendern, sich selbst die Beschämung potenziell übergriffiger Nachfragen, uns beiden die Beschämung eines Zwangs-Outings), beschämte er mich.
Sechstens erschweren und verhindern Double-Bind-Situationen eine Verständigung und Solidarisierung miteinander.
Ich betrachte beispielsweise meine Transition nicht als alternativlose Notwendigkeit, sondern sehe es als eine Entscheidung für mehr Vielfalt, Bereicherung und Upgrade für ein Leben, das schon „zuvor“ alles andere als nicht lebenswert war. Für mich ist das eine positive, bestärkende und würdevolle Sichtweise auf meine Transition.
Doch trotz aller Disclaimer, dass das meine Sicht auf meine eigene Transition ist, die für andere selbstverständlich anders aussehen kann und anders aussehen muss, nehme ich damit dennoch jedem ein Stück Glaubwürdigkeit, der von sich sagt, dass seine Transition alternativlos, unabdingbar, zwingend gewesen sei.
Unsere jeweilige Sicht auf Transition, die sich in Wirklichkeit nicht ausschließen und nie gegensätzlich gemeint waren, werden gegeneinander ausgespielt. Um mich selbst nicht zu beschämen, bleibt mir paradoxerweise nichts anderes übrig, als indirekt jemand anders zu beschämen.

Transitionsverläufe sind auch jenseits der Kindheit und Jugend durch anhaltende Beschämung geformt. Es ist sogar ausnehmend schwer, sich proaktiv zu seinem eigenen Trans-Sein zu verhalten, ohne die nicht je schon vorausgesetzte, drohende, vergangene Scham seinerseits mitzufürchten, mitzuahnen, mitzufühlen.
Das hat weitreichende Konsequenzen, für den Alltag wie auch für wichtige Fragen der Lebensgestaltung, von denen ich einige hier betrachte.
So anspruchslos, defensiv wie möglich aufzutreten im Kleinen („Ich muss um jede richtige Anrede froh sein“), im Großen so still, unauffällig, bruchlos und angepasst wie möglich zu transitionieren und zu leben, um die Grenzen des „sozial Zumutbaren“ nicht noch weiter zu strapazieren („Wenn ich schon ein kleiner Transmann bin, muss ich wenigstens muskulös sein“), sind gängige Strategien im Umgang mit Beschämung.
Vorauseilende Rechtfertigungen für Homo- und Transphobie zu leisten („Es ist für Eltern aber auch einfach schwer, nach 20 Jahren einen anderen Vornamen für das Kind zu benutzen, auch wenn das Outing zwei Jahre her ist“) ist nur ein Beispiel für alltägliche Relativierungen, die in Wirklichkeit nur eine fortdauernde Beschämung maskieren.
Eine gemeinhin als „erfolgreich“ betrachtete Transition erweckt den Eindruck, als hätte sie nie stattgefunden. Der Zaunfink zitiert den Psychoanalytiker Erik H. Erikson: „Der Schamerfüllte muss seine eigene Unsichtbarkeit wünschen.“
Die immer noch weitestgehend unversöhnlich geführte Diskussion ob „überall out“ oder „stealth“ den besseren Umgang mit einer Trans*-Biographie darstellt, wird nur deswegen so erbittert geführt, weil es überhaupt nicht um individuell stimmige Lebensentscheidungen geht, sondern verdeckt nichts geringeres verhandelt wird als der beste Umgang mit Beschämung.
Lebe ich in allen Lebensbereichen out, erwartet mich die Scham, wieder und wieder auf die eigene Transition reduziert zu werden, übergriffigen, die Schamgrenzen verletzenden Nachfragen, manchmal Beleidigungen und Gefährdungen ausgesetzt zu sein, nie wieder „man selbst“ als Privatperson sein zu können, sein zu dürfen, sondern immer stellvertretend für alle Transpersonen gesehen zu werden.
Lebe ich dagegen unerkannt als trans, erwartet mich die Scham des Geheimhaltenmüssens, des Aufderhutbleibens, des (vielleicht) nicht vollständig in allen denkbaren Facetten gelebten und entfalteten Seins und die Scham, eines Tages potenziell bei einer sozialen oder biographischen Unstimmigkeit „ertappt“ zu werden. Ich gehe mit Scham um, indem ich schambehaftete Situationen und Erinnerungen bestmöglich meide, und wenn sie doch aufkommen, ignoriere, verdränge oder durchlebe.
Vorauseilend allen von der eigenen Identität und geschlechtlichen Biographie zu erzählen, wie auch vorauseilend genau dies zu verbergen, sind zwei legitime Strategien, Deutungsmacht über den eigenen Körper und die eigene Geschichte auszuüben. Stealth zu leben erspart die Scham der alltäglichen Grenzüberschreitung, out zu sein, erspart die Scham des chronischen Geheimnisses.
Heutzutage besteht die realistische Möglichkeit, beide Strategien in ihren extremen Formen wie auch in unterschiedlichen Mischformen umzusetzen. Das bedeutet natürlich einerseits mehr Freiheit und damit Würde für die individuelle Lebensgestaltung. Andererseits erfordert diese Situation perfiderweise, sich eben auch für eine, die individuell erträglichere Form der Beschämung „zu entscheiden“. Also eben immer auch: Sich für eine Form der Beschämung zu entscheiden.
Es ist ganz einfach. So lange eine Transition erfordert, sich auch noch aus vermeintlich freier Wahl beschämen zu lassen und über diese Beschämung bloß nicht zu reden, um die Transition nicht zu gefährden, sind wir noch nicht mal am Anfang vom Ende der Scham.

Weiterlesen: Jamie Ray hat auf seinem Blog, den ich nur wiederholt empfehlen kann, unter dem Titel „Owning My Shame“ einen Beitrag über Trans* und Scham veröffentlicht, mit Schwerpunkt auf Scham als Kollateralschaden weiblicher Sozialisation.

Sam D. Finch erzählt von seinen Erfahrungen, warum ein Outing als Trans (oft) nicht sofort glücklich macht, wie Scham als Teil eines Trauerprozesses verstanden werden kann und anderes What They Don’t Tell You About Being Trans.

Einer der ersten und für die akademische Untersuchung von queerer Scham immer noch einschlägigen Artikel ist „Shame, Theatricality, and Queer Performativity: Henry James’s The Art of the Novel“ (1993) von Eve K. Sedgwick.

Wichtige Impulse für diesen Text verdanke ich Ben und seinem Kluck-ooä. Daneben danke ich Jonas, Keleb, Michelle und Sam für Gespräche und Spaziergänge, hilfreiche Anmerkungen und Diskussion.

Szenen des Erwachsenwerdens

Ich komme von der 10. Münchner Trans*Inter*-Tagung und ich bin müde, leicht desillusioniert und gelangweilt.
Das ist deshalb einen Artikel wert, weil Transtagungen immer auch so etwas wie eine innere Messlatte meines Transitions- und Reife-Prozesses darstellen. Über die Gründe für diese Gefühle der Müdigkeit, Langeweile und verlorenen Illusionen nachzudenken hat außerdem einen Teil seiner Ursachen in einer im Wandel und Wachstum befindlichen Szene.

Ich war gelangweilt von der Veranstaltung, weil ich zunehmend gleichförmige Erfahrungen mache.
Anders als zu meiner ersten Tagung, zu der sowieso alles neu, nie erlebt und spannend und bunt daherkommt, kenne ich nun nicht nur das wiederkehrende Workshop-Angebot und viele der Akteur*innen. Dass die Rahmenbedingungen nicht lange aufregend bleiben und ich entsprechend nicht immer ganze Kohorten neuer Bekanntschaften schließe, ist logisch und erwartbar.
Ich hatte unterschätzt, wie sehr mein eigenes Auftreten und Gelesenwerden nicht nur neue Bekanntschaften, sondern selbst einzelne Gespräche strukturiert und ermöglicht oder verunmöglicht.
Je weiter ich in meiner eigenen Transition fortschreite, desto sichtbarer und (teils real, teils nur scheinbar) verortbar werde ich.
„Anfänger*innen“ halten respektvoll Abstand von mir, weil mein Bart ihnen zeigt, dass ich keiner von ihnen bin. Stealth lebende Frauen und Männer und ich als teilweise out lebender Mensch erkennen die Gegensätzlichkeit unserer Lebenswelten, und wir erwägen sorgsam, ob wir die Energie für einen von Unverständlichkeiten durchsetzten Austausch aufbringen wollen und können. Den Transitionierenden der Peripherie sind meine Großstadt-Erfahrungen fremd. Nonbinäre halten mich durch meinen maskulinen Habitus für binär.
Transmänner erkennen mich als ihresgleichen und das ist schön. Zugleich gerate ich damit in Versuchung, in die ewiggleiche, freundlich-redundante Umlaufbahn ähnlicher Erfahrungen, Identitäten, Weltsichten einzutreten.
Bei dem gegenüber den Vorjahren etwa gleichem Bemühen führe ich viel weniger Gespräche und meine Gesprächspartner*innen werden mir immer ähnlicher. Obgleich ich mit genau derselben, ja, vielleicht noch größerer und vor allem: differnzierterer Neugierde unterwegs bin, wird diese viel weniger befriedigt als auf meinen ersten Tagungen.

Dass ich diese Erfahrung zunehmend gleichförmigeren Austausches habe, hat nicht nur mit meiner individuellen Entwicklung zu tun, sondern auch mit strukturellen Gründen.
Ich war überrascht, wie weit die Professionalität der Subkultur inzwischen fortgeschritten zu sein scheint. Vorsichtig geschätzt, hat inzwischen mindestens die Hälfte der Anwesenden in irgendeiner Weise beruflich mit Trans* zu tun, in Beratung, Kunst, Wissenschaft, NGOs oder Vereinen.
In diesen Tagen erlebt die Trans-Szene so etwas wie das „Grünen-Syndrom“: eine soziale Bewegung etabliert, institutionalisiert und professionalisiert sich. Macht und Einfluss, Geld und Posten sind erstmals in relevantem Maße verfügbar, und ihre Verteilung wird nun für die kommenden Jahre verhandelt und festgeschrieben. Das wird nicht nur deutlich auf der Tagung direkt, sondern auch die Gründung des „Bundesverbandes Trans*“ im vergangen Jahr, richtungweisende Papiere wie die „Waldschlösschen-Erklärung“ sind weitere Indizien dafür.
Natürlich war diese Entwicklung einigermaßen voraussehbar und bringt viel Wünschenswertes mit sich, allen voran die Möglichkeit, auf das politische Geschehen realen Einfluss zu nehmen.
Die Trans-Bewegung und ich sind zwar nicht gleich alt, werden aber gewissermaßen parallel erwachsen. Für mich ist es das erste Mal, die am Anfang jeder sozialen Bewegung stehenden Hoffnungen, alle seien gleich und alle verschiedenen Ziele gleichwertig, live scheitern zu sehen. Deswegen hinterließ die Tagung bei mir einen desillusionierenden Nachgeschmack.
Ich kann nicht ausschließen, ob dieser Eindruck nicht auch teilweise den Eigenheiten der Münchner Tagungen insgesamt oder dieser im speziellen oder meiner zunehmend geschulten Wahrnehmung für strukturelle Zusammenhänge geschuldet ist. Zugleich sind meine Überlegungen nur exemplarisch an der Münchner Tagung ausgeführt und stehen für eine Entwicklung, die ich für den ganzen deutschsprachigen Raum als einschlägig vermute.
Die sozialen, ökonomischen und symbolischen Unterschiede durchwirken die Szene immer deutlicher. Die Schere zwischen an Geld und/oder Qualifikation und Kompetenz „armen“ und „reichen“ Transmenschen klafft zunehmend auseinander und die Hoffnung schwindet, dass sich diese Kluft verringern oder gar schließen wird.
Wer kann sieben Euro für ein zwar veganes, aber leider nicht sättigendes Abendessen ausgeben und wer nicht? Wer ist Betreuer*in und wer wird betreut? Wer kann nicht trotz, sondern weil er*sie trans* ist, davon leben?

Die zunehmende Zahl derer, die durch Trans* ihren Lebensunterhalt bestreiten wollen und können, bedeutet eine zunehmende Homogenisierung des Tagungspublikums, und zwar u.a. hinsichtlich des Alters, des Berufs und der Qualifikation.
Diese These belegt ein Blick in Tagungsprogramm. Die Inhalte und Schwerpunkte des Veranstaltungsplanes sprechen vor allem genau zwei Zielgruppen an: Personen, die gerade ihre Transition beginnen oder an markanten Punkten ihrer Transition Austausch suchen, und Personen, die sich in der Beschäftigung mit Transition professionalisiert haben oder professionalisieren wollen.
Die meisten Workshops sind traditionell „Anfänger*innen-Themen“ vorbehalten (Beispiel: „Hormone. Grundlagen, Möglichkeiten, Erfahrungsautausch“, Veranstaltungen über OPs, Passing, Coming-Out, Hilfsmittel, Partnerschaft, Einführung in die Geschlechtertheorie, sowie Infos zu Begutachtung, Gesundheitssystem, Recht), darauf folgen in der Anzahl etwas weniger Workshops, die das Resultat schon erfolgter Professionalisierungen präsentieren, und zwar außerhalb der Community an sich („Arbeiten mit genderdysphorisch empfindenden Kindern und Umfeldern“) oder zunehmend aus ihr heraus („Vorstellung der Fachtagung. Auf dem Weg zu einer intersektionellen Beratungsarbeit: Ergebnis-Präsentation und Diskussion“) oder Mischformen dessen („TSG-Reform. Entwurf eines Geschlechtsidentitätsgesetzes“).
Die spärlichen Workshops, die proto-professionell organisiert waren (d.h. von Person(en) geleitet, die nicht beruflich mit Trans* zu tun oder aber den Workshop nicht in dieser Funktion geleitet haben), zielten bezeichnenderweise nicht binäre Transmenschen, sondern nonbinäre und inter*-Personen an („Polit-Werkstatt: Für einen genderqueeren Forderungskatalog!“).
Nur einige vereinzelte Workshops waren für „Fortgeschrittene“, jedoch nicht in ihrer professionellen Funktion auftretenden Transpersonen konzipiert. Von diesen Veranstaltungen wiederum die meisten entweder mit reinem Informationscharakter („Trans*aktivismus in Honduras“) oder keinem direkten Bezug zu Trans* („Tanzend in Begegung kommen. Contact Improvisation“). Betrachten wir die verbleibenden Workshops („Online-Dating. Planet Romeo“), offenbart sich die Problematik, dass die Zielgruppe (hier: schwule Transmänner, hetero-/bi-/pansexuelle Transfrauen mit Erfahrung und Interesse an Online-Dating), hinsichtlich der Gesamt-Tagungsteilnehmenden wiederum zu klein ist, um eine nennenswert spannende und heterogene Gruppendiskussion zu ermöglichen. Andererseits ist es bei diesem geringen Angebot als fortgeschrittener, nicht-professioneller Tagungsgast mit je spezifischer Sexualität, Lebensraum, Biographie, … unwahrscheinlich, zufällig einen relevanten Workshop zu finden.
Die „Transitions-Mitte“ wird als Zielgruppe nicht genug berücksichtigt. Noch vor der endgültigen Professionalisierung stehend, zähle ich mich zumindest teilweise zu dieser Gruppierung. Darum war ich von dieser Tagung gelangweilt.

Wer also nach mehr als den üblichen zwei Jahren weiterhin auf Tagungen kommt, tut dies in der Regel nicht des Programmes wegen, sondern weil er*sie (haupt-)beruflich mit Trans* zu tun hat, aktiv in die Tagungsgestaltung involviert ist als Workshopleiter*in/Tagungshelfer*in/Organisator*in oder aber der sozialen Kontakte wegen.
Je mehr Stammtische und Zusammenkünfte es regional und virtuell gibt, umso weniger Bedarf besteht an der sozialen Funktion der Tagung als Ort der Vernetzung und des Austausches. Für die meisten ist eine Tagung vor dem Krankenhaus (glücklicherweise) schon lange nicht mehr die erste Gelegenheit, andere Transpersonen real kennenzulernen. Wer im Alltag Austausch mit und über Trans* sucht, wird diesen zunehmend lokal suchen und finden.
Diejenigen mit Transitionserfahrung bleiben weg, und zwar insbesondere diejenigen mit nicht-durchschnittlichen Erfahrungen, z.B. besonders jung oder besonders alt transitioniert zu haben. Zwar gab es jeweils eine Veranstaltung für Transpersonen über 50 und unter 27, aber schon jetzt bewegte sich die deutlich überwiegende Mehrheit der Teilnehmenden im Altersspektrum 25-50.
Übrig bleiben immer neue „Anfänger*innen“, die wie in einem Durchlauferhitzer innerhalb von ein bis zwei Jahren mit allen relevanten Infos und Gebräuchen versorgt werden, bis sie wieder verschwinden, und diejenigen, die ihre Transition zum (Teil-)Beruf gemacht haben.
Aus mehreren Gründen finde ich diese Entwicklung nicht nur begrüßenswert, sondern viele Nebenfolgen sehr bedauerlich.
Der Pool und die Vielfalt unter den Referierenden wird kleiner, und je professioneller der Workshop, umso gesicherter, differenzierter und ausführlicher die Qualität der Informationen und die Qualifikation des Referierenden, aber auch umso weniger Freiraum in der Gestaltung, Zielgruppe und Durchführung. Umso weniger kann man sich ein „scheitern“ des Workshops leisten. Der Transfer von trans-bezogenem Wissen und Fähigkeiten findet nicht mehr peer-to-peer statt, sondern via zertifizierter Kompetenzvermittler. Spätestens an dieser Stelle setzt auch eine Kanonisierung der Community-Geschichte ein.

Für die kommende Entwicklung sind mehrere Szenarien möglich.
Denkbar wäre, dass künftig gezielt Workshops für die „Mitte“ in das Tagungsprogramm intergriert werden, und zwar einerseits Themen, die alle früher oder später gleichermaßen interessiert, („Trans im Altersheim“) aber auch Workshops, die gezielt auch für sehr kleine Zielgruppen ausgelegt sind („Auswirkungen ost- und westdeutscher Sozialisation auf Transition und Geschlecht“). Vielleicht ließe sich so etwas von der Heterogenität zu Beginn der Szene-Differenzierung noch eine Weile Hinüberretten.
Wünschenswert bliebe natürlich, wenn nonbinäre Inhalte gleichberechtigt mit den binären, schwule wie lesbische, transweibliche wie transmännliche nebeneinander stünden. Wie jedoch der sozioökonomische Einfluss nicht Halt macht vor der Trans-Szene, werden sich auch weiterhin gesellschaftlich wohltradierte Privilegien durchsetzen, so dass zunächst die binäre, die transmännliche und vielleicht die schwule Teilcommunity dominieren wird.
Andernfalls ist zu vermuten, dass sich die Community, ähnlich wie bereits in den USA und Kanada geschehen, zu mehreren Tagungen mit spezifischerem Themenspektrum ausdifferenziert (z.B. eine eigenständige „Trans Health Conference“) und die Segregation nach Identitäten und politischen Zielen (binär, nonbinär, trans und schwul, …) weiter fortschreitet.

Die Trans-Szene befindet sich derzeit in einer spannenden Phase des richtungsweisen Umbruchs. Welche Struktur und Ausrichtung Trans-Veranstaltungen und -Institutionen haben werden, wird innerhalb der nächsten fünf Jahre wesentlich entschieden sein. Ich bin gespannt zu sehen, wie die Subkultur erwachsen wird.

Das Gender-Gleichgewicht

Ich balanciere die verschiedenen Erfordernisse meines Geschlechts: Wie ich nach außen wirke, wie ich mich selbst ausdrücke, wo ich der Gesellschaft Herausforderungen zumute und wo ich mich den Gegebenheiten füge.
Ich balanciere zwischen dem Bedürfnis nach Sichtbarkeit, als queer, als Transmaskulinität, als Butch. Unter anderem, weil ich finde, dass das zu mir passt.
Als Gegengewicht steht die Anstrengung, die Anpassung, das Bedürfnis nach unaufgeregter Normalität. Denn ich bin manchmal müde, bin immer häufiger müde, habe keine Lust und keine Kraft für Erklärungen, und ich brauche den Schutz, den Rückzugsraum, den metaphysischen Massagesalon, den unsere Gesellschaft nur jenen bereitstellt, die ein unkompliziertes, ungebrochenes Geschlecht anzubieten haben.

Damit es mir gut geht, wäge ich ab. Für Butch wie für Genderqueerness überhaupt gibt es nicht die eine Autobahn, sondern ein ganzes Geflecht von Trampelpfaden im Feld. Für jede Entscheidung, jede Abzweigung, die sich auf möglichen medizinisch-juristischen Transitionswegen stellt – dem Namen, dem Personenstand, den Hormonen, den Operationen – ein gegeneinander Wiegen der verschiedenen Optionen.

In der Grundschule haben wir Bamboleo gespielt: Eine Holzplatte liegt auf einer Kork-Kugel. Indem man Holzteile in verschiedenen Farben und Formen hinzufügt oder wegnimmt, gerät die Platte ins Gleichgewicht oder außer Balance. Wenn man zu viele Teile auflegt, stürzt die Konstruktion in sich zusammen.
Ich probiere, die Teile, die mein Geschlecht ausmachen, in ein tragendes Verhältnis zueinander zu setzen. Wenn dieses Gleichgewicht gelingt, wird es scheinen, als würde es schweben.
Ich füge den schweren Testosteron-Klotz hinzu und die Platte kippt gefährlich. Vielleicht hätte ich den nicht so eindeutig auf die eine Seite, sondern eher in die Mitte legen sollen. Oder einfach eine Nummer kleiner gewählt. Andererseits, es macht Sinn, die schwersten, unförmigen Komponenten zuerst unterzubringen.
Testosteron fügt meinem Körper mehr Queerness, mehr Uneindeutigkeit hinzu und beraubt mich zugleich meiner sozialen Lesbarkeit und Ambiguität.
Ich bringe einen kegelförmigen, weiblichen Personenstand auf die gegenüber liegende Seite und frage mich, ob das genügt für ein vorläufiges Gleichgewicht.
Ich erstrebe die richtige Balance an Sichtbarkeit, nicht nur, weil ich daran gewöhnt bin, sondern auch weil ich mein Gender als ein politisches verstehe. Politisch kann nur das werden, was im öffentlichen Raum wirksam ist, Sichtbarkeit ist ein Aspekt davon. Keine Ahnung, ob „Mann“ jemals ein politisches Geschlecht werden kann, jedenfalls sehe ich mich durchaus in einer Tradition mit jenen, die „Frau“ als ein solches etabliert haben. Mir erscheint „Transmann“ nicht politisch genug.
Ich lebe mit einem geschlechtsneutralen Namen. Ich verschiebe diesen Baustein, indem ich diesem einen eindeutig männlichen an die Seite stelle.
Ich arbeite hart an meinem Gleichgewicht. Ich probiere, was sich gut anfühlt und zugleich plane ich voraus. Ich komponiere mein Geschlecht, wie andere Leute Symphonien und Gedichte komponieren, ich entwerfe verschiedene Szenarien auf dem Spielbrett und ich kalkuliere, wie belastbar diese Konstruktionen sind.
Der Gedanke, Geschlecht könnte das Ergebnis langwieriger Gewichtsproben, eines fein justierten Zusammenspiels sein, ist noch immer provozierend. Er widerspricht dem allgegenwärtigen Authenzititätsdiktat, dem auch Transmenschen bruchlos gehorchen, indem sie als ihren tiefsten Wunsch und Transitionsbegehr anführen „endlich sie selbst sein zu dürfen“.
Ich stelle mir vor, diesen meinen gewählten Namen in meinen Ausweis zu tragen. Stelle mir vor, ihn konform als legalen Vornamen oder als Künstlernamen zu führen.
Ich ergänze auf dieser Seite, der widerständigen, noch eine Reihe kleiner Dominosteine, die meinen Bildungsauftrag repräsentieren, ganz nebenbei, indem ich meine Geschichte erzähle, indem ich anderen Vokabeln wie queer, transmaskulin, Butch zumute, indem ich junge Queers tröste, die daran verzweifeln, ob sie überhaupt jemals irgendwo hingehören.

Andere haben eine Balance für sich gefunden.
Ivan Coyote hat zeitweise Testosteron genommen und die Brust-Operation gemacht, im Gegengewicht dazu jedoch niemals seinen legalen Namen und Personenstand geändert.
Micah ist asexueller Neutrois, hat Top-OP und Vornamens- und Personenstandsänderung durchlaufen, zum Ausgleich dafür nur intervallweise niedrig dosiertes Testosteron genommen und eine Transition durchlaufen, die Binarität weder zum Weg noch zum Ziel hat.
Sunny Drake nimmt Testosteron und wird seine boy-tits operieren lassen, und er identifiziert sich als Mann auf der einen Seite und als femme auf der anderen.
Rae Spoon nahm und nimmt kein Testosteron und erwägt keine Operation, identifiziert sich demgegenüber jedoch als genderqueer und nimmt die Freiräume einer Künstler-Identität in Anspruch.
Gleichgewicht ist nicht alles. Bei manchen sehe ich vermeintlich dieselbe Klötzer-Konfiguration und sie nennen sich nicht Butch und nicht genderqueer, sondern Transmann.

Die Balance ist immer mal wieder gefährdet. Wenn ich einen der Bausteine wegnehme oder verschiebe, verändert sich das Gesamtsystem.
Es bleiben einige unförmige Klötzer, die mein ganzes Spiel zu ruinieren drohen. Kann ich die grobe Belastung der heterosexuellen Außenwahrnehmung unterbringen? Reicht es, wenn ich lange Haare, oder zumindest Iro, Dreads und andere geschlechtsunabhängige Frisuren als Gegengewicht aufbringe?
Manchmal wünschte ich, ich wäre eher Femme statt Butch. Das wäre eine mächtige, tief subversive Ergänzung jeder Transitionsbemühung. Weil meine Persönlichkeit bleibt, wie sie ist, wird es immer Komponenten geben, die in meinem Baukasten möglicher Geschlechtsausdrücke einfach niemals vorkommen werden.
Ich werde maximal zum Karneval Glitzerstulpen tragen, und sollte mein maskuliner Habitus eines Tages ungebrochen männlich wahrgenommen werden, bleibt es mir verwehrt, dem mit einer Feminisierung meiner Attitude und Kleidung zu begegnen.
Fallen mir andere Strategien ein, mir selbst gerecht zu bleiben? Bemerke ich vielleicht über die Jahre, dass mir die aktuell unvermeidlich scheinende Queerness verzichtbar wird und ich schließlich meinen Binärfrieden gemacht habe? Oder werde ich einer jener peinlichen Transmänner mit Vollbart, die in jedem Gespräch jedem Gegenüber in den ersten drei Minuten aufdrängen, dass sie ja übrigens auch Butch waren oder sind?

Heimweh nach dem Land der Frauen

Ich trauere um die Teilhabe an der Kultur jener, die sich selbst als weiblich verstehen oder zumindest zeitweilig so zugewiesen worden sind.
Es ist ein bisschen so, als wäre ich adoptiert worden oder im Auslandsjahr gewesen im Land der Frauen und Weiblichkeiten.
Sie haben gespürt, dass ich keiner von ihnen bin. Manchmal deutlicher, als für beide Seiten erträglich war. Und trotz all meiner Fremdheit haben sie mich in ihre Häuser eingeladen, als sei ich einer der Ihren, sind freundlich und offen zu mir gewesen, haben mich getröstet, für mich gesorgt und zu mir gestanden, ihre Cupcakes und ihre Geheimnisse mit mir geteilt.
Nun bin ich zurückgekehrt in meine Heimat, das Land der Butches, Maskulinitäten und Transmännlichkeiten. Meine Herkunft, meine Sprache, meine Kultur. Hier bin ich Zuhause, ganz ohne Zweifel. Das ist ein wunderbares Gefühl, das ich lange genug vermisst, ja, auf das ich zeitweise kaum Hoffnung mehr hatte. Keep rockin’, Bros!
Ich bin auf eine Weise dankbar und glücklich, dass es mir schlicht an Worten dafür mangelt.

Und dennoch bedeutet diese Zugehörigkeit und Vertrautheit unter queeren Maskulinitäten eine unvermeidliche, dauerhafte und schmerzliche Entfernung und Entfremdung zur Kultur der Frauen, Femmes und anderen Weiblichkeiten.
Das ist notwendig, weil beide Kulturen untereinander ihr ganz spezifisches und unnachahmliches Miteinander eigenen Rechts haben. Von dieser Polarität und Differenz lebt die Dynamik, die ich erst schätze, seit ich ihre Dimension so ganz erfasse.
Ich weiß auch, dass nur eine Maskulinitäts- und Butch-Identität, in der ich mir selbst gerecht werde, mir die Stärke, Würde und Selbstbewusstheit verleiht, Femmes und Frauen das würdige Gegenüber zu sein, das sie verdienen.

Natürlich kann und soll mich diese Differenz nicht davon entbinden, mich für Weiblichkeiten und Femininitäten einzusetzen, gegen Misogynie und Sexismus einzutreten, Unterschiedlichkeit in der geschlechtlichen Inszenierung zu respektieren und anzuerkennen. Selbstverständlich sind die verschiedenen Kulturen nicht natürlich bedingt. Zwei vollständig voneinander separierte Kulturen gibt es sowieso nicht.
Und dennoch: Manchmal habe ich Heimweh nach dem Land, das nicht meine Heimat ist. Ich war zeitweise, auf einer verquere Art, so was Ähnliches wie ein Teil von Euch, Ihr die Ihr in der Kultur der Frauen lebt, und habe Euch kennen und schätzen gelernt. Ich weiß, was ich verliere mit dem Transformationsprozess, der mich erst Butch werden lässt. Ihr, meine einst so fürsorglichen Gastgeberinnen, werdet nie wieder Eure Geheimnisse mit mir teilen.
Ihr fehlt mir manchmal unsäglich.

Das war nicht immer so.
In meiner Fremdheit und meiner Wut über diese Fremdheit war ich alles andere als freundlich dieser Kultur gegenüber, in die ich mich verdammt sah. Diese fragile Gemeinschaft und Gastfreundschaft reichte keineswegs immer bis zu Euren Toiletten. Es wäre ungerechtfertigt, diese Zeit im Nachhinein zu glorifizieren: Ich war nicht sehr fair und habe es in meinem langen Auslandsjahr weder mir noch den Bewohnerinnen dieses Landes sonderlich leicht gemacht.
Heute bin ich dankbar für die Zeit, die ich bei Euch verbringen durfte. Dass Ihr diese Geduld aufgebracht, mein Anderssein und meinen Zorn ausgehalten habt. Heute kann ich sehen, welch wunderbares und besonderes Geschenk Ihr mir gemacht habt, indem Ihr mich so offen und nahe Anteil nehmen lassen habt an Euren Gedanken, Sehnsüchten und Perspektiven. Das ist ein seltenes Privileg, das niemand besitzt, der sein ganzes Leben nur im Land der Männlichkeiten und Maskulinitäten zugebracht hat: Danke dafür!
Erst wo ich ganz in meinem Land wohne, kann ich ermessen, was ich verloren habe. Dass ich überhaupt etwas verloren habe. Und kann bedauern, dass es diese Entfernung gibt, dieses Fremdsein, diese Verschiedenheit und dass ich unwiederbringlich verändert bin.
Zwischen mir und jenen Menschen, die in der Kultur der Femmes, Frauen und anderen Weiblichkeiten leben, klafft eine unaufhebbare Differenz. Sie ist nicht zu überwinden. Das ist manchmal einfach nur todtraurig.

Ich bin willkommen, auf Besuch zurückzukommen. Mir erzählen lassen von Erfahrungen und Perspektiven, die ich, der geschlechtliche Migrant, nur noch halb verstehen kann. Wie gut, dass es auch hier diese billigen Touristik-Souvenir-Shops gibt: In sentimentalen Stunden hänge ich meine Lichterkette an die Wand.