MTF

Szenen des Erwachsenwerdens

Ich komme von der 10. Münchner Trans*Inter*-Tagung und ich bin müde, leicht desillusioniert und gelangweilt.
Das ist deshalb einen Artikel wert, weil Transtagungen immer auch so etwas wie eine innere Messlatte meines Transitions- und Reife-Prozesses darstellen. Über die Gründe für diese Gefühle der Müdigkeit, Langeweile und verlorenen Illusionen nachzudenken hat außerdem einen Teil seiner Ursachen in einer im Wandel und Wachstum befindlichen Szene.

Ich war gelangweilt von der Veranstaltung, weil ich zunehmend gleichförmige Erfahrungen mache.
Anders als zu meiner ersten Tagung, zu der sowieso alles neu, nie erlebt und spannend und bunt daherkommt, kenne ich nun nicht nur das wiederkehrende Workshop-Angebot und viele der Akteur*innen. Dass die Rahmenbedingungen nicht lange aufregend bleiben und ich entsprechend nicht immer ganze Kohorten neuer Bekanntschaften schließe, ist logisch und erwartbar.
Ich hatte unterschätzt, wie sehr mein eigenes Auftreten und Gelesenwerden nicht nur neue Bekanntschaften, sondern selbst einzelne Gespräche strukturiert und ermöglicht oder verunmöglicht.
Je weiter ich in meiner eigenen Transition fortschreite, desto sichtbarer und (teils real, teils nur scheinbar) verortbar werde ich.
„Anfänger*innen“ halten respektvoll Abstand von mir, weil mein Bart ihnen zeigt, dass ich keiner von ihnen bin. Stealth lebende Frauen und Männer und ich als teilweise out lebender Mensch erkennen die Gegensätzlichkeit unserer Lebenswelten, und wir erwägen sorgsam, ob wir die Energie für einen von Unverständlichkeiten durchsetzten Austausch aufbringen wollen und können. Den Transitionierenden der Peripherie sind meine Großstadt-Erfahrungen fremd. Nonbinäre halten mich durch meinen maskulinen Habitus für binär.
Transmänner erkennen mich als ihresgleichen und das ist schön. Zugleich gerate ich damit in Versuchung, in die ewiggleiche, freundlich-redundante Umlaufbahn ähnlicher Erfahrungen, Identitäten, Weltsichten einzutreten.
Bei dem gegenüber den Vorjahren etwa gleichem Bemühen führe ich viel weniger Gespräche und meine Gesprächspartner*innen werden mir immer ähnlicher. Obgleich ich mit genau derselben, ja, vielleicht noch größerer und vor allem: differnzierterer Neugierde unterwegs bin, wird diese viel weniger befriedigt als auf meinen ersten Tagungen.

Dass ich diese Erfahrung zunehmend gleichförmigeren Austausches habe, hat nicht nur mit meiner individuellen Entwicklung zu tun, sondern auch mit strukturellen Gründen.
Ich war überrascht, wie weit die Professionalität der Subkultur inzwischen fortgeschritten zu sein scheint. Vorsichtig geschätzt, hat inzwischen mindestens die Hälfte der Anwesenden in irgendeiner Weise beruflich mit Trans* zu tun, in Beratung, Kunst, Wissenschaft, NGOs oder Vereinen.
In diesen Tagen erlebt die Trans-Szene so etwas wie das „Grünen-Syndrom“: eine soziale Bewegung etabliert, institutionalisiert und professionalisiert sich. Macht und Einfluss, Geld und Posten sind erstmals in relevantem Maße verfügbar, und ihre Verteilung wird nun für die kommenden Jahre verhandelt und festgeschrieben. Das wird nicht nur deutlich auf der Tagung direkt, sondern auch die Gründung des „Bundesverbandes Trans*“ im vergangen Jahr, richtungweisende Papiere wie die „Waldschlösschen-Erklärung“ sind weitere Indizien dafür.
Natürlich war diese Entwicklung einigermaßen voraussehbar und bringt viel Wünschenswertes mit sich, allen voran die Möglichkeit, auf das politische Geschehen realen Einfluss zu nehmen.
Die Trans-Bewegung und ich sind zwar nicht gleich alt, werden aber gewissermaßen parallel erwachsen. Für mich ist es das erste Mal, die am Anfang jeder sozialen Bewegung stehenden Hoffnungen, alle seien gleich und alle verschiedenen Ziele gleichwertig, live scheitern zu sehen. Deswegen hinterließ die Tagung bei mir einen desillusionierenden Nachgeschmack.
Ich kann nicht ausschließen, ob dieser Eindruck nicht auch teilweise den Eigenheiten der Münchner Tagungen insgesamt oder dieser im speziellen oder meiner zunehmend geschulten Wahrnehmung für strukturelle Zusammenhänge geschuldet ist. Zugleich sind meine Überlegungen nur exemplarisch an der Münchner Tagung ausgeführt und stehen für eine Entwicklung, die ich für den ganzen deutschsprachigen Raum als einschlägig vermute.
Die sozialen, ökonomischen und symbolischen Unterschiede durchwirken die Szene immer deutlicher. Die Schere zwischen an Geld und/oder Qualifikation und Kompetenz „armen“ und „reichen“ Transmenschen klafft zunehmend auseinander und die Hoffnung schwindet, dass sich diese Kluft verringern oder gar schließen wird.
Wer kann sieben Euro für ein zwar veganes, aber leider nicht sättigendes Abendessen ausgeben und wer nicht? Wer ist Betreuer*in und wer wird betreut? Wer kann nicht trotz, sondern weil er*sie trans* ist, davon leben?

Die zunehmende Zahl derer, die durch Trans* ihren Lebensunterhalt bestreiten wollen und können, bedeutet eine zunehmende Homogenisierung des Tagungspublikums, und zwar u.a. hinsichtlich des Alters, des Berufs und der Qualifikation.
Diese These belegt ein Blick in Tagungsprogramm. Die Inhalte und Schwerpunkte des Veranstaltungsplanes sprechen vor allem genau zwei Zielgruppen an: Personen, die gerade ihre Transition beginnen oder an markanten Punkten ihrer Transition Austausch suchen, und Personen, die sich in der Beschäftigung mit Transition professionalisiert haben oder professionalisieren wollen.
Die meisten Workshops sind traditionell „Anfänger*innen-Themen“ vorbehalten (Beispiel: „Hormone. Grundlagen, Möglichkeiten, Erfahrungsautausch“, Veranstaltungen über OPs, Passing, Coming-Out, Hilfsmittel, Partnerschaft, Einführung in die Geschlechtertheorie, sowie Infos zu Begutachtung, Gesundheitssystem, Recht), darauf folgen in der Anzahl etwas weniger Workshops, die das Resultat schon erfolgter Professionalisierungen präsentieren, und zwar außerhalb der Community an sich („Arbeiten mit genderdysphorisch empfindenden Kindern und Umfeldern“) oder zunehmend aus ihr heraus („Vorstellung der Fachtagung. Auf dem Weg zu einer intersektionellen Beratungsarbeit: Ergebnis-Präsentation und Diskussion“) oder Mischformen dessen („TSG-Reform. Entwurf eines Geschlechtsidentitätsgesetzes“).
Die spärlichen Workshops, die proto-professionell organisiert waren (d.h. von Person(en) geleitet, die nicht beruflich mit Trans* zu tun oder aber den Workshop nicht in dieser Funktion geleitet haben), zielten bezeichnenderweise nicht binäre Transmenschen, sondern nonbinäre und inter*-Personen an („Polit-Werkstatt: Für einen genderqueeren Forderungskatalog!“).
Nur einige vereinzelte Workshops waren für „Fortgeschrittene“, jedoch nicht in ihrer professionellen Funktion auftretenden Transpersonen konzipiert. Von diesen Veranstaltungen wiederum die meisten entweder mit reinem Informationscharakter („Trans*aktivismus in Honduras“) oder keinem direkten Bezug zu Trans* („Tanzend in Begegung kommen. Contact Improvisation“). Betrachten wir die verbleibenden Workshops („Online-Dating. Planet Romeo“), offenbart sich die Problematik, dass die Zielgruppe (hier: schwule Transmänner, hetero-/bi-/pansexuelle Transfrauen mit Erfahrung und Interesse an Online-Dating), hinsichtlich der Gesamt-Tagungsteilnehmenden wiederum zu klein ist, um eine nennenswert spannende und heterogene Gruppendiskussion zu ermöglichen. Andererseits ist es bei diesem geringen Angebot als fortgeschrittener, nicht-professioneller Tagungsgast mit je spezifischer Sexualität, Lebensraum, Biographie, … unwahrscheinlich, zufällig einen relevanten Workshop zu finden.
Die „Transitions-Mitte“ wird als Zielgruppe nicht genug berücksichtigt. Noch vor der endgültigen Professionalisierung stehend, zähle ich mich zumindest teilweise zu dieser Gruppierung. Darum war ich von dieser Tagung gelangweilt.

Wer also nach mehr als den üblichen zwei Jahren weiterhin auf Tagungen kommt, tut dies in der Regel nicht des Programmes wegen, sondern weil er*sie (haupt-)beruflich mit Trans* zu tun hat, aktiv in die Tagungsgestaltung involviert ist als Workshopleiter*in/Tagungshelfer*in/Organisator*in oder aber der sozialen Kontakte wegen.
Je mehr Stammtische und Zusammenkünfte es regional und virtuell gibt, umso weniger Bedarf besteht an der sozialen Funktion der Tagung als Ort der Vernetzung und des Austausches. Für die meisten ist eine Tagung vor dem Krankenhaus (glücklicherweise) schon lange nicht mehr die erste Gelegenheit, andere Transpersonen real kennenzulernen. Wer im Alltag Austausch mit und über Trans* sucht, wird diesen zunehmend lokal suchen und finden.
Diejenigen mit Transitionserfahrung bleiben weg, und zwar insbesondere diejenigen mit nicht-durchschnittlichen Erfahrungen, z.B. besonders jung oder besonders alt transitioniert zu haben. Zwar gab es jeweils eine Veranstaltung für Transpersonen über 50 und unter 27, aber schon jetzt bewegte sich die deutlich überwiegende Mehrheit der Teilnehmenden im Altersspektrum 25-50.
Übrig bleiben immer neue „Anfänger*innen“, die wie in einem Durchlauferhitzer innerhalb von ein bis zwei Jahren mit allen relevanten Infos und Gebräuchen versorgt werden, bis sie wieder verschwinden, und diejenigen, die ihre Transition zum (Teil-)Beruf gemacht haben.
Aus mehreren Gründen finde ich diese Entwicklung nicht nur begrüßenswert, sondern viele Nebenfolgen sehr bedauerlich.
Der Pool und die Vielfalt unter den Referierenden wird kleiner, und je professioneller der Workshop, umso gesicherter, differenzierter und ausführlicher die Qualität der Informationen und die Qualifikation des Referierenden, aber auch umso weniger Freiraum in der Gestaltung, Zielgruppe und Durchführung. Umso weniger kann man sich ein „scheitern“ des Workshops leisten. Der Transfer von trans-bezogenem Wissen und Fähigkeiten findet nicht mehr peer-to-peer statt, sondern via zertifizierter Kompetenzvermittler. Spätestens an dieser Stelle setzt auch eine Kanonisierung der Community-Geschichte ein.

Für die kommende Entwicklung sind mehrere Szenarien möglich.
Denkbar wäre, dass künftig gezielt Workshops für die „Mitte“ in das Tagungsprogramm intergriert werden, und zwar einerseits Themen, die alle früher oder später gleichermaßen interessiert, („Trans im Altersheim“) aber auch Workshops, die gezielt auch für sehr kleine Zielgruppen ausgelegt sind („Auswirkungen ost- und westdeutscher Sozialisation auf Transition und Geschlecht“). Vielleicht ließe sich so etwas von der Heterogenität zu Beginn der Szene-Differenzierung noch eine Weile Hinüberretten.
Wünschenswert bliebe natürlich, wenn nonbinäre Inhalte gleichberechtigt mit den binären, schwule wie lesbische, transweibliche wie transmännliche nebeneinander stünden. Wie jedoch der sozioökonomische Einfluss nicht Halt macht vor der Trans-Szene, werden sich auch weiterhin gesellschaftlich wohltradierte Privilegien durchsetzen, so dass zunächst die binäre, die transmännliche und vielleicht die schwule Teilcommunity dominieren wird.
Andernfalls ist zu vermuten, dass sich die Community, ähnlich wie bereits in den USA und Kanada geschehen, zu mehreren Tagungen mit spezifischerem Themenspektrum ausdifferenziert (z.B. eine eigenständige „Trans Health Conference“) und die Segregation nach Identitäten und politischen Zielen (binär, nonbinär, trans und schwul, …) weiter fortschreitet.

Die Trans-Szene befindet sich derzeit in einer spannenden Phase des richtungsweisen Umbruchs. Welche Struktur und Ausrichtung Trans-Veranstaltungen und -Institutionen haben werden, wird innerhalb der nächsten fünf Jahre wesentlich entschieden sein. Ich bin gespannt zu sehen, wie die Subkultur erwachsen wird.

Warum ich queer bin

Meinen ersten bewussten und ausführlichen Kontakt mit Trans-Menschen hatte ich auf einer Jugendfreizeitfahrt. Ich entschied mich zögerlich und weit nach dem regulären Anmeldeschluss, mitzufahren. Und ich fuhr überhaupt nur mit, weil die Zielgruppe als „Lesben und Trans*“ ausgeschrieben war.
Sollte ich feststellen, nicht trans genug zu sein, könnte ich immer noch mit den Lesben rumhängen, dachte ich mir.
In der Realität funktionierte das natürlich nicht. Transjungs, -mädels und die Lesben saßen an jeweils verschiedenen Tischen. Zwischendurch durchaus Trinkspiele und Gespräche, doch die Lesben schienen mir in ihrer Geschlechtlichkeit so selbstverständlich verankert zu sein, dass meine Suche, mein Zweifeln und Fragen kaum auf Resonanz stieß.
Doch bevor ich das problematisch finden konnte, hatte ich bereits verstanden, dass ich in jedem Falle trans genug war.

Vielleicht wäre dieser Austausch produktiver verlaufen, hätte ich damals schon gewusst, was queer als Basis ermöglichen könnte.
Ein leiser Verdacht, vorsichtiges Zweifeln, ein ganz vorläufiges, intuitives, kaum konkretisiertes Infragestellen. Der eigene Körper vielleicht, Sexualität, die gesellschaftliche Geschlechterordnung, nur ein winziges Bisschen weniger selbstverständlich genommen. Noch gar nicht geklärt, geschweige denn entschieden, wo das alles hinführen soll.
Ich muss gar nicht genau sagen können, wer ich bin, welche Bezeichnungen zu meinem Körper passen, mit wem ich wie Sex haben will, ob Kinder, ein, zwei oder viele Partner*innen zugleich im Leben, romantisch oder aromantisch, da kann ich längst queer sein.
Ich erwarte von einer Identität, dass ich dadurch mehr Möglichkeiten habe als ohne. Ich erwarte u.a., im Windschatten einer Selbstbezeichnung sowohl geschützter als auch freier zu sein. Die Freiheit, auszuprobieren, zu fühlen, nicht zu wissen, nicht weiterzuwissen, und die Sicherheit, dass diese Freiheit erwünscht und bejaht wird.

Queer befreit mich davon, Erklärungen zu geben. Die Bezeichnung nimmt vorweg, dass mein Körper und Lebensentwurf, meine Ziele und Bedürfnisse nicht unhinterfragt den Normen entsprechen. Von einem queerem Menschen erwartet niemand, dass sich seine Zukunft zwischen 1,4 Kindern, Reihenmittelhaus und Gartenzwergen abspielt.
Zugleich unternimmt diese Bezeichnung zumindest den Versuch, sichtbar zu machen, wie viel harte Arbeit hinter meiner sexuellen und geschlechtlichen Identität steckt. Denn nein, meine Identität ist nicht vom Himmel gefallen und nicht aus dem Boden gewachsen, sondern das Ergebnis langjähriger Erfahrungen, Gefühlen, kritischer Auseinandersetzung und Reflektion.
Queer drückt für mich auch eine politische Identität aus. Das ist einer der Gründe, warum ich dieses Label, überhaupt ein Label wichtig finde: Es ist eine Möglichkeit, die teils gemeinsamen, teils auch sehr verschiedenen Ziele von LSB und T und I eben nicht einzeln, sondern immer wieder auch zusammen anzugehen.
Die Vorgeschichte und die Diskurse rund um „queer“, im deutschsprachigen Raum jedenfalls, sind andere als die um klassische Homo- und Transidentitäten. Während die Selbstbezeichnung als „schwul“, „bi“, „lesbisch“ und „trans“ sowohl von der Community als auch von der Außenwelt fast immer mit der Erwartung an ein Outing verbunden ist, sind an eine Queer-Identität (noch?) keine solche Anforderungen geknüpft.

Queer ist der Begriff, der mir am wenigstens Mühe bereitet hat. Viel weniger Arbeit und Bedenken, als Lesbe, Butch, Transmaskulinität und Transmann mich nacheinander gekostet haben.
Diese Identität scheint mir zugleich viel weniger anfällig als andere. Bin ich noch schwul, wenn ich einmal mit einer Frau schlafe? Bin ich noch lesbisch, wenn ich mit einem Transmann zusammen bin? Und als was identifiziere ich mich, wenn ich trans und asexuell bin?
Queer erspart diese müßigen Auseinandersetzungen. Bietet genug Raum für Entwicklungen und neue Wege, innerhalb eines nicht allzu beengten Regenbogenspektrums, eine zeitlang jedenfalls. (Macht dabei vielleicht notwendige und produktive Abgrenzungsversuche zu leicht? Reicht auf Dauer womöglich nicht weit genug?)
Ich habe mich oft gefragt, ob ich maskulin, trans oder homosexuell genug bin. Ich hatte hingegen weit weniger Zweifel, ob queer als Selbstbezeichnung mir passt.
Nicht trans genug, und, häufiger noch, nicht Butch genug zu sein, ist mir regelmäßig unterstellt worden. Dagegen wurde viel seltener behauptet, ich wäre nicht queer genug.
Das ist vermutlich ein Zeit-Phänomen, und ich nehme stark an, dass jede Generation vor und nach mir größere Schwierigkeiten darin sieht, sich diesen Begriff anzueignen.

Zwischenzeitlich habe ich die theoretischen Hintergründe von Queer kennen und schätzen gelernt. Judith Butler gelesen, ganze Sammelbände über Diskurs, Macht, Feminismus verschlungen und viele Semesterwochenstunden mit Queer Theorie verbracht.
Diese Selbstbezeichnung stellt ganz en passant eine Verbindung her zwischen diesem theoretischen Fundament, meinem politischem Engegament und meiner persönlichen geschlechtlichen Identität.
Ich will meine Identität fühlen, aber ich will sie auch denken können.

Aus diesen Gründen war und ist das Adjektiv queer seit langem der Minimalkonsens meiner Geschlechtlichkeit wie auch meines politischen Engagements. Während die Substantive meiner Identität sich immer wieder verändert, ergänzt oder neue Bedeutungen angenommen haben, war queer mindestens eine konstante Aussage, die ich bislang immer über mich treffen konnte.
Dabei war und bin ich nicht mit allen politischen Anliegen, die unter dieser Bezeichnung angestrebt wurden und werden, einverstanden. Gewiss ist queer, ebenso wenig wie jedes andere Label, davor gefeit, ideologisiert und anderweitig missbraucht zu werden.
Ich schließe nicht aus, dass dieser Fall eintritt. Ich sehe auch die Möglichkeit, dass ich selbst eines fernen Tages aus diesem Begriff herausgewachsen bin. Für den Augenblick jedoch ist es ein schönes, starkes und vor allem: ein befreiendes Konzept.

Für mich liegt in Queerness eine utopische, transzendente Komponente. Die Hoffnung auf eine bessere, gerechtere Welt, die Hoffnung auch, dass Körper, Identität und Sex mehr sein kann als das, was jetzt schon denkbar und möglich ist.
Ich mag den Gedanken, dass Worte nicht nur Schubladen, Etikette und Grenzen bedeuten können, sondern die Macht haben, ein bisschen mehr Freiheit zu ermöglichen.
Und manchmal fühle ich mich dabei wieder an den Zauber des Anfangs erinnert, wie ich zwischen Bücherregalen bis zur Altbaudecke in der staubigen Ein-Zimmer-Bibliothek für Frauen- und Geschlechterstudien meine allerersten Erkundigungen über Dragkings und Zwischengeschlechter, Feminismus und Queer unternahm, hastig blätternd, noch im Stehen auf der Leiter.

Das Gender-Spiel

Ich stelle mir manchmal vor, Geschlecht wäre ein Gesellschaftsspiel.
Vielleicht eine lange Schachpartie: Transmänner könnten die Türme sein, Transfrauen quer dazu die Läufer, Genderqueer-Personen reiten die verwinkelten Züge der Pferde. Die Mehrheit der Cis-Heteros als Bauern. Wenn die Bauern das ganze Spielfeld überqueren, können sie Läufer, Damen, Türme, Pferde oder Damen werden. Femmes wären dann die majestätischen, vielseitigen Damen und Butches die langgedienten Könige auf dem Genderschachbrett.
Das Zeitalter des Königtums ist lange vorbei und Figuren wie ich regieren schon lange nicht mehr. Ich stehe dauernd im Schach. Ich brauche eine ganze Armee aus allen Geschlechtern zum Schutz. Ich gehe einen Schritt, wo andere ein ganzes Spielfeld durchmessen.
In dieser Schlacht geht es um nichts weniger als die Fragen, die das Brett der Welt bedeuten:

Welche Figur darf welches Geschlecht repräsentieren? Funktioniert das Spiel noch, wenn Türme manchmal schräg gehen könnten und die Bauern kein ganzes Feld laufen müssten, um endlich Damen zu werden?

Wir befinden uns von Anfang an im Krieg. Wir würden manchmal gerne aussteigen. Man wirft uns vor, wir würden das Spiel nur darum abbrechen, weil wir am Verlieren sind. Wir zweifeln nur leise, ob unsere Figuren jenseits des Spiels überhaupt Sinn ergeben.