LGBTI

Szenen des Erwachsenwerdens

Ich komme von der 10. Münchner Trans*Inter*-Tagung und ich bin müde, leicht desillusioniert und gelangweilt.
Das ist deshalb einen Artikel wert, weil Transtagungen immer auch so etwas wie eine innere Messlatte meines Transitions- und Reife-Prozesses darstellen. Über die Gründe für diese Gefühle der Müdigkeit, Langeweile und verlorenen Illusionen nachzudenken hat außerdem einen Teil seiner Ursachen in einer im Wandel und Wachstum befindlichen Szene.

Ich war gelangweilt von der Veranstaltung, weil ich zunehmend gleichförmige Erfahrungen mache.
Anders als zu meiner ersten Tagung, zu der sowieso alles neu, nie erlebt und spannend und bunt daherkommt, kenne ich nun nicht nur das wiederkehrende Workshop-Angebot und viele der Akteur*innen. Dass die Rahmenbedingungen nicht lange aufregend bleiben und ich entsprechend nicht immer ganze Kohorten neuer Bekanntschaften schließe, ist logisch und erwartbar.
Ich hatte unterschätzt, wie sehr mein eigenes Auftreten und Gelesenwerden nicht nur neue Bekanntschaften, sondern selbst einzelne Gespräche strukturiert und ermöglicht oder verunmöglicht.
Je weiter ich in meiner eigenen Transition fortschreite, desto sichtbarer und (teils real, teils nur scheinbar) verortbar werde ich.
„Anfänger*innen“ halten respektvoll Abstand von mir, weil mein Bart ihnen zeigt, dass ich keiner von ihnen bin. Stealth lebende Frauen und Männer und ich als teilweise out lebender Mensch erkennen die Gegensätzlichkeit unserer Lebenswelten, und wir erwägen sorgsam, ob wir die Energie für einen von Unverständlichkeiten durchsetzten Austausch aufbringen wollen und können. Den Transitionierenden der Peripherie sind meine Großstadt-Erfahrungen fremd. Nonbinäre halten mich durch meinen maskulinen Habitus für binär.
Transmänner erkennen mich als ihresgleichen und das ist schön. Zugleich gerate ich damit in Versuchung, in die ewiggleiche, freundlich-redundante Umlaufbahn ähnlicher Erfahrungen, Identitäten, Weltsichten einzutreten.
Bei dem gegenüber den Vorjahren etwa gleichem Bemühen führe ich viel weniger Gespräche und meine Gesprächspartner*innen werden mir immer ähnlicher. Obgleich ich mit genau derselben, ja, vielleicht noch größerer und vor allem: differnzierterer Neugierde unterwegs bin, wird diese viel weniger befriedigt als auf meinen ersten Tagungen.

Dass ich diese Erfahrung zunehmend gleichförmigeren Austausches habe, hat nicht nur mit meiner individuellen Entwicklung zu tun, sondern auch mit strukturellen Gründen.
Ich war überrascht, wie weit die Professionalität der Subkultur inzwischen fortgeschritten zu sein scheint. Vorsichtig geschätzt, hat inzwischen mindestens die Hälfte der Anwesenden in irgendeiner Weise beruflich mit Trans* zu tun, in Beratung, Kunst, Wissenschaft, NGOs oder Vereinen.
In diesen Tagen erlebt die Trans-Szene so etwas wie das „Grünen-Syndrom“: eine soziale Bewegung etabliert, institutionalisiert und professionalisiert sich. Macht und Einfluss, Geld und Posten sind erstmals in relevantem Maße verfügbar, und ihre Verteilung wird nun für die kommenden Jahre verhandelt und festgeschrieben. Das wird nicht nur deutlich auf der Tagung direkt, sondern auch die Gründung des „Bundesverbandes Trans*“ im vergangen Jahr, richtungweisende Papiere wie die „Waldschlösschen-Erklärung“ sind weitere Indizien dafür.
Natürlich war diese Entwicklung einigermaßen voraussehbar und bringt viel Wünschenswertes mit sich, allen voran die Möglichkeit, auf das politische Geschehen realen Einfluss zu nehmen.
Die Trans-Bewegung und ich sind zwar nicht gleich alt, werden aber gewissermaßen parallel erwachsen. Für mich ist es das erste Mal, die am Anfang jeder sozialen Bewegung stehenden Hoffnungen, alle seien gleich und alle verschiedenen Ziele gleichwertig, live scheitern zu sehen. Deswegen hinterließ die Tagung bei mir einen desillusionierenden Nachgeschmack.
Ich kann nicht ausschließen, ob dieser Eindruck nicht auch teilweise den Eigenheiten der Münchner Tagungen insgesamt oder dieser im speziellen oder meiner zunehmend geschulten Wahrnehmung für strukturelle Zusammenhänge geschuldet ist. Zugleich sind meine Überlegungen nur exemplarisch an der Münchner Tagung ausgeführt und stehen für eine Entwicklung, die ich für den ganzen deutschsprachigen Raum als einschlägig vermute.
Die sozialen, ökonomischen und symbolischen Unterschiede durchwirken die Szene immer deutlicher. Die Schere zwischen an Geld und/oder Qualifikation und Kompetenz „armen“ und „reichen“ Transmenschen klafft zunehmend auseinander und die Hoffnung schwindet, dass sich diese Kluft verringern oder gar schließen wird.
Wer kann sieben Euro für ein zwar veganes, aber leider nicht sättigendes Abendessen ausgeben und wer nicht? Wer ist Betreuer*in und wer wird betreut? Wer kann nicht trotz, sondern weil er*sie trans* ist, davon leben?

Die zunehmende Zahl derer, die durch Trans* ihren Lebensunterhalt bestreiten wollen und können, bedeutet eine zunehmende Homogenisierung des Tagungspublikums, und zwar u.a. hinsichtlich des Alters, des Berufs und der Qualifikation.
Diese These belegt ein Blick in Tagungsprogramm. Die Inhalte und Schwerpunkte des Veranstaltungsplanes sprechen vor allem genau zwei Zielgruppen an: Personen, die gerade ihre Transition beginnen oder an markanten Punkten ihrer Transition Austausch suchen, und Personen, die sich in der Beschäftigung mit Transition professionalisiert haben oder professionalisieren wollen.
Die meisten Workshops sind traditionell „Anfänger*innen-Themen“ vorbehalten (Beispiel: „Hormone. Grundlagen, Möglichkeiten, Erfahrungsautausch“, Veranstaltungen über OPs, Passing, Coming-Out, Hilfsmittel, Partnerschaft, Einführung in die Geschlechtertheorie, sowie Infos zu Begutachtung, Gesundheitssystem, Recht), darauf folgen in der Anzahl etwas weniger Workshops, die das Resultat schon erfolgter Professionalisierungen präsentieren, und zwar außerhalb der Community an sich („Arbeiten mit genderdysphorisch empfindenden Kindern und Umfeldern“) oder zunehmend aus ihr heraus („Vorstellung der Fachtagung. Auf dem Weg zu einer intersektionellen Beratungsarbeit: Ergebnis-Präsentation und Diskussion“) oder Mischformen dessen („TSG-Reform. Entwurf eines Geschlechtsidentitätsgesetzes“).
Die spärlichen Workshops, die proto-professionell organisiert waren (d.h. von Person(en) geleitet, die nicht beruflich mit Trans* zu tun oder aber den Workshop nicht in dieser Funktion geleitet haben), zielten bezeichnenderweise nicht binäre Transmenschen, sondern nonbinäre und inter*-Personen an („Polit-Werkstatt: Für einen genderqueeren Forderungskatalog!“).
Nur einige vereinzelte Workshops waren für „Fortgeschrittene“, jedoch nicht in ihrer professionellen Funktion auftretenden Transpersonen konzipiert. Von diesen Veranstaltungen wiederum die meisten entweder mit reinem Informationscharakter („Trans*aktivismus in Honduras“) oder keinem direkten Bezug zu Trans* („Tanzend in Begegung kommen. Contact Improvisation“). Betrachten wir die verbleibenden Workshops („Online-Dating. Planet Romeo“), offenbart sich die Problematik, dass die Zielgruppe (hier: schwule Transmänner, hetero-/bi-/pansexuelle Transfrauen mit Erfahrung und Interesse an Online-Dating), hinsichtlich der Gesamt-Tagungsteilnehmenden wiederum zu klein ist, um eine nennenswert spannende und heterogene Gruppendiskussion zu ermöglichen. Andererseits ist es bei diesem geringen Angebot als fortgeschrittener, nicht-professioneller Tagungsgast mit je spezifischer Sexualität, Lebensraum, Biographie, … unwahrscheinlich, zufällig einen relevanten Workshop zu finden.
Die „Transitions-Mitte“ wird als Zielgruppe nicht genug berücksichtigt. Noch vor der endgültigen Professionalisierung stehend, zähle ich mich zumindest teilweise zu dieser Gruppierung. Darum war ich von dieser Tagung gelangweilt.

Wer also nach mehr als den üblichen zwei Jahren weiterhin auf Tagungen kommt, tut dies in der Regel nicht des Programmes wegen, sondern weil er*sie (haupt-)beruflich mit Trans* zu tun hat, aktiv in die Tagungsgestaltung involviert ist als Workshopleiter*in/Tagungshelfer*in/Organisator*in oder aber der sozialen Kontakte wegen.
Je mehr Stammtische und Zusammenkünfte es regional und virtuell gibt, umso weniger Bedarf besteht an der sozialen Funktion der Tagung als Ort der Vernetzung und des Austausches. Für die meisten ist eine Tagung vor dem Krankenhaus (glücklicherweise) schon lange nicht mehr die erste Gelegenheit, andere Transpersonen real kennenzulernen. Wer im Alltag Austausch mit und über Trans* sucht, wird diesen zunehmend lokal suchen und finden.
Diejenigen mit Transitionserfahrung bleiben weg, und zwar insbesondere diejenigen mit nicht-durchschnittlichen Erfahrungen, z.B. besonders jung oder besonders alt transitioniert zu haben. Zwar gab es jeweils eine Veranstaltung für Transpersonen über 50 und unter 27, aber schon jetzt bewegte sich die deutlich überwiegende Mehrheit der Teilnehmenden im Altersspektrum 25-50.
Übrig bleiben immer neue „Anfänger*innen“, die wie in einem Durchlauferhitzer innerhalb von ein bis zwei Jahren mit allen relevanten Infos und Gebräuchen versorgt werden, bis sie wieder verschwinden, und diejenigen, die ihre Transition zum (Teil-)Beruf gemacht haben.
Aus mehreren Gründen finde ich diese Entwicklung nicht nur begrüßenswert, sondern viele Nebenfolgen sehr bedauerlich.
Der Pool und die Vielfalt unter den Referierenden wird kleiner, und je professioneller der Workshop, umso gesicherter, differenzierter und ausführlicher die Qualität der Informationen und die Qualifikation des Referierenden, aber auch umso weniger Freiraum in der Gestaltung, Zielgruppe und Durchführung. Umso weniger kann man sich ein „scheitern“ des Workshops leisten. Der Transfer von trans-bezogenem Wissen und Fähigkeiten findet nicht mehr peer-to-peer statt, sondern via zertifizierter Kompetenzvermittler. Spätestens an dieser Stelle setzt auch eine Kanonisierung der Community-Geschichte ein.

Für die kommende Entwicklung sind mehrere Szenarien möglich.
Denkbar wäre, dass künftig gezielt Workshops für die „Mitte“ in das Tagungsprogramm intergriert werden, und zwar einerseits Themen, die alle früher oder später gleichermaßen interessiert, („Trans im Altersheim“) aber auch Workshops, die gezielt auch für sehr kleine Zielgruppen ausgelegt sind („Auswirkungen ost- und westdeutscher Sozialisation auf Transition und Geschlecht“). Vielleicht ließe sich so etwas von der Heterogenität zu Beginn der Szene-Differenzierung noch eine Weile Hinüberretten.
Wünschenswert bliebe natürlich, wenn nonbinäre Inhalte gleichberechtigt mit den binären, schwule wie lesbische, transweibliche wie transmännliche nebeneinander stünden. Wie jedoch der sozioökonomische Einfluss nicht Halt macht vor der Trans-Szene, werden sich auch weiterhin gesellschaftlich wohltradierte Privilegien durchsetzen, so dass zunächst die binäre, die transmännliche und vielleicht die schwule Teilcommunity dominieren wird.
Andernfalls ist zu vermuten, dass sich die Community, ähnlich wie bereits in den USA und Kanada geschehen, zu mehreren Tagungen mit spezifischerem Themenspektrum ausdifferenziert (z.B. eine eigenständige „Trans Health Conference“) und die Segregation nach Identitäten und politischen Zielen (binär, nonbinär, trans und schwul, …) weiter fortschreitet.

Die Trans-Szene befindet sich derzeit in einer spannenden Phase des richtungsweisen Umbruchs. Welche Struktur und Ausrichtung Trans-Veranstaltungen und -Institutionen haben werden, wird innerhalb der nächsten fünf Jahre wesentlich entschieden sein. Ich bin gespannt zu sehen, wie die Subkultur erwachsen wird.

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Einen ganzen Winter lang nichts anderes

Samstagabend, Dachgeschoss, ein Tisch voll Pizza-Schnittchen, Gemüse-Sticks und selbstgebackenen Muffins im Flur. Es schneit stundenlang und die Frauen trinken Mischbier und Bowle an jenem Abend. Auf dem Tisch stehen mehrere Plastikbecher mit selbstgebrautem, dunkelbraunen Tomaten-Chili-Alkoholgemisch, das hier „Schleusenwasser“ heißt und für das wohl jede Dorfgeneration ihren eigenen Namen und eigenes Rezept hat.
Das sind die Männer und Frauen aus meiner Heimatstadt, meistenteils heterosexuell, studierend, etwa 25 Jahre alt.
Sie sind kaum 25 und sehen aus wie ihre Eltern. (Die Männer trinken Bier und Hart-Alkohol.) Sie reden über Karriere und Körpergewicht derer, die gerade gegangen sind. (Die Frauen studieren Lehramt oder irgendwas Soziales.) Sie diskutieren über Aufstiegsmöglichkeiten im öffentlichen Dienst. (Die Männer studieren Ingenieuerwissenschaften oder Mathe-Physik-Lehramt.)
Hin und wieder denke ich von mir, dass ich nichts lieber will als genauso zu leben.

Ich bin das erste Mal in so großer Runde mit neuem Pronomen und Dreitagebart, den ich drei Wochen lang gezüchtet habe.
Ich hatte damit gerechnet, mit Anrede, Erinnerungen, alten Dynamiken auf die Vergangenheit verwiesen zu werden, vielleicht subtiler, vielleicht gewalttätiger. Ich war vorbereitet, mich dagegen zu verwehren.
Nichts davon ist passiert.
Alle Gäste vermeiden einen ganzen Abend, eine ganze Nacht lang jeden Namen und jedes Pronomen für mich.

Dieser Abend treibt mich um, denn untergründig habe ich irgendwie doch gehofft, mit mehr Wahrhaftigkeit und Bei-mir-sein mit den Leuten aus meiner Heimatstadt anders sprechen zu können, dass wir uns auch retrospektiv gegenseitig etwas verständlicher finden. („Ich versteh das nicht, es gibt Frauen, die sind Anfang 20 und wissen schon ganz genau, dass sie keine Kinder wollen … wie geht sowas?!“, sagt J., die in ihrem Praktikum Kinder mit physischen Einschränkungen unterrichtet, morgens am Küchentisch.) Mich treibt um, dass sie so eng leben und zugleich so sicher (Jobs, die angetreten werden, weil die Mutter einer Klassenkameradin aus dem Französischkurs 6. Klasse ist Schulleiterin in Groß-W.), und dann höre ich auf zu lachen und gehe ins Bad und nehme mir vor, eure Fingernagelfeilen zu verstecken, jeden Morgen wieder, einen ganzen Winter lang.
Denn ich trauere heftig, dass mein Leben ihnen unverständlich bleiben wird und dass mir ganz und gar die Mittel fehlen, ihnen zu erklären, dass Geschlecht echt die kleinste meiner Entwicklungen gewesen ist. Dass die Zweigeschlechterordnung viel grausamer ist, als ihr je wissen werdet und dass wir deswegen für eine sehr lange Zeit nicht mehr miteinander sprechen werden.
Ihre nächsten zwei Jahrzehnte, die auch die meinen zwei Jahrzehnte gewesen wären, hätte ich nicht angefangen, queer zu leben, wird alles klar, voraussagbar, wohlgeordnet und wohltemperiert sein. Sie werden mit ihrer Langzeitbeziehung in eine Stadtwohnung ziehen, irgendwann um ihren 27. Geburtstag herum, ein Auto anschaffen, Kinder alsbald (vielleicht zuerst die Kinder, dann das Auto), und wenn nichts Gravierendes dazwischenkommt, wird ihr Alkohol teurer werden und der Gin, Bombay Sapphire wenn sie dreißig sind, Old Raj, wenn es auf die fünfzig zugeht, immer regelmäßiger ausgeschenkt.
Ich weiß, dass ich nichts tun kann, um zu verhindern, dass wir mit Anfang, Mitte 40 spätestens auf dem Balkon stehen, ein bisschen erschöpft, ein bisschen resigniert, du am Ende deiner heterosexuellen Langzeitbeziehung die erste Zigarette seit deiner letzten Schwangerschaft vor zehn Jahren rauchend, unaufhaltsam unsere Plattitüden aufsagend („Was hat das Leben nur aus uns gemacht?“) und Lebensverhältnisse gegeneinander aufrechnend („Du hast zwei wundervolle Kinder“ – „Du hast deinen Eltern wenigstens einmal gesagt, dass du sie nicht liebst“)
Ich halte ein schales Bier der örtlichen Brauerei in der Hand und schweige viel. Ich sitze wie in einem Wackelbild, in dem ich unter den nach dem dritten Umzug unerbittlich zerfleddernden Plakaten von Wacken 2006 abwechselnd die angehenden Väter, die nicht weinen und nicht zuhören, aber Elternzeit nehmen werden, für unwirklich halte, und zugleich alle paar Minuten zweifle, ob ich wirklich echt, wirklich da bin.

Je nachdem, wie man zählt, bin ich zur Zeit circa in der dritten Pubertät. Nach Aufbruch, Ausbruch, langen Nächten ohne Schlaf und in Kneipen und auf Tagungen ist das die Phase, in der ich neuerlich frage und abwäge und zweifle, über Lebens- und Geschlechterentwürfe, die diesmal mehr als nur ein paar Monate halten müssen.
Ich stelle mir vor, wie ich 35 Jahre alt bin und im malvenfarbenen Hemd mit meinem Kind darüber streite, ob es ein pinkes Überraschungsei haben darf.
Ich bin noch nicht 25, aber ich weiß genug, um zu verstehen, dass Abende wie diese nicht nur eine harmlose Komödie über Geschlechterklischees sind, sondern dass Geschlecht der Spiegel und das Brennglas ist, durch das soziale und emotionale Gemeinsamkeiten und Unterschiede unübersehbar werden.
Ich will nie wieder fünfzehn sein. Sie hören die gleiche Musik wie vor zehn Jahren, als sie so jung gewesen sind und so betrunken.
Mir war lange nicht deutlich, dass Transition nicht die Ursache ist und noch nichtmal der Anlass für mein wehmütiges bis markerschütterndes Befremden.
Meine Transition hat mir ermöglicht, dass ich genauso leben könnte wie sie, nichts mehr und nichts weniger als das. Ich wollte das und weiß nicht mehr, ob ich das immer noch will. Ich weiß nicht, ob ich eine Alternative finde, die nachhaltig lebenswert bleibt.

Meine Klassenkamerad*innen und Bekanntschaften meiner Kindheit und Jugend sind ruhig, bürgerlich und vollkommen unbewegt von den Verhältnissen der Welt. Sie sind, generationell völlig durchschnittlich, meistens im Ausland gewesen, sprechen mindestens eine Fremdsprache fließend, haben beinahe mehr Freund*innen international als national.
– Die EU-Außengrenzen müssen auf jeden Fall dicht!, sagt L., die gerade von einem Praktikum aus England kommt, noch vor dem ersten Kaffee am nächsten Morgen.
Die Dachfenster sind verdunkelt von einer durchschneiten Nacht und wir streiten vergeblich bis zum Mittagessen.
Mich treibt um, dass Bildung, wie es scheint, trotzdem schlussendlich und alles in allem nichts, aber auch gar nichts ausrichten kann (nichts für ein gutes Leben, nichts für Menschlichkeit und Zivilcourage, nichts gegen Abende mit angehenden Ingenieuren und angehenden Lehrerinnen) und wenn Bildung nichts nützt, bin ich geneigt zu sagen, dass ich nicht weiter weiß.
– Du nimmst die politischen Verhältnisse zu persönlich, sagen meine Eltern unisono am Telefon.

Mich treibt um, dass ich in diesem Umfeld nie und nimmer hätte leben wollen, dass ich vielleicht nicht auf dem Land leben kann, selbst wenn ich es denn wollte (und ich möchte ja alle halbe Jahre nach Tübingen oder Langeoog ziehen).
Ich, der ich mich gerne kokett als Skeptiker gefangen im Körper eines Humanisten bezeichne, bin zutiefst erschrocken, dass meine Existenz-Möglichkeiten zu keinem Zeitpunkt jemals so weitläufig waren, wie sie einem weißen, scheinbar heterosexuellen Mittelschichts-Kind in Mitteleuropa gerne versprochen werden, und ich fürchte, dass ich all dem nicht entkommen bin, dass mehrere Jahre und hunderte Kilometer zwischen mir und dem Dorf nichts, nichts ausrichten werden gegen Weihnachten, Klassentreffen und Abende wie diese.
Ich kann nicht leben im Dorf, aber das Dorf könnte sehr gut leben mit mir, denn für das Dorf bleibe ich eine von ihnen. Etwas anderes war nie vorgesehen. Das Dorf wird mir jedes Mal wieder mein Tagebuch in die Waagschale legen.
– Manche Dinge weiß man im Nachhinein wirklich besser zu schätzen, sage ich, als wir am nächsten Tag spazieren gehen, alle etwas verkatert. Die Landschaft, die Atmosphäre, das vermisse ich schon manchmal.
– Ja, sagt L., die in einer deutschen Großstadt studiert. Die Luft ist super. Und was wirklich toll ist, dass es hier noch nicht diese ganzen Türken-Viertel gibt!
Am Hafen schlittern ein Nissan und ein Smart mit angezogener Handbremse über den gefrorenen Neuschnee. Das Wetter ist sehr schön. Ich hoffe, dass mein Bus nicht ausfällt.

„Stone Butch Blues“ – eine unromantische Geschichte in 10 Bildern

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Träume in den erwachenden Morgen – unser Zuhause

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Katzenfrühstück

12_mein Arbeitsplatz

Mein Arbeitsplatz

05_Wer hier eintritt, auf den regnen keine Goldtaler

Wer hier eintritt, auf den regnen keine Goldtaler

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StoneButch Dreams

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glamouröse Barkultur

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Fliegender Teppich in eine andere, virtuelle Welt

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unser Butch/Femme-Stammtisch

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Dein Arbeitsplatz

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Endstation Sehnsucht

Eine lakonische Fotoreihe aus Bremerhaven in Hafennähe von heute (Danke an Labyrinthus fürs Begleiten). Das Quartier hatte in den 1950er und 1960er Jahren seine große Zeit – mit einer riesigen Dichte an Kneipen, Bars, Jazzclubs, und dem Aladin-Kino mit seinem besonders geschwungenen Eingang. Einige Bars, die hier vor allem von schwulen* Männern betrieben wurden, sahen weit weniger heruntergekommen aus als heute. Lesben* waren bzw. sind durchaus Teil der Gäste, zum Beispiel heute im „Dreams“. Dennoch war das alles nicht schön oder glamourös – wie gegenwärtige nostalgische 50’s-Cupcake-oder Rockabilly-Fantasien nahelegen. Es war eher wie St. Pauli bis Ende der 1960er Jahre oder die Barszene in „Stone Butch Blues“. Die „homosexuelle Barkultur“ bis Ende der 1980er Jahre hatte verschlossene Türen, kleine Sichtfenstern, Türkontrollen, Jukeboxes, mal mehr, mal weniger roten Plüsch und war im „Rotlichtmilieu“ angesiedelt. Wer in die Bar wollte, musste klingeln, der_die Inhaber_in öffnete ein kleines Fenster und schaute, wer draußen war, um dann persönlich die Tür zu öffenen. Alle wurden per Handschlag begrüßt. Das waren Sicherheitsmaßnahmen aufgrund der langen Kriminalisierungsgeschichte von queeren* Menschen. Als ich in dieser Zeit im Rickmersstraßenrevier immer wieder mal unterwegs war, erfuhr ich von Freund_innen zum Beispiel, dass ein Schwuler* aus Homophobie in einer Seitenstraße erschlagen wurde, und von Lesben*, die als Zuhälter_innen arbeiteten. Auch gab um 1990 Morde an Sexarbeiter_innen. Sie wurden hier hinter einem Supermarkt getötet in den Container geworfen. Neben dem „Babylon“, das früher „Why not“ hieß,  gab es eine Bar, die hieß „La Femme“ und von Lesben* betrieben wurde. Ein paar Monate später übernahmen Zuhälter sie „feindlich“, so dass in den Hinterzimmern Sexarbeit stattfand.

Vor diesem Hintergrund konnte und kann ich die Romantisierung von „Stone Butch Blues“ nicht verstehen, der ich immer wieder begegne. Als ich das Buch las – mehr als dreimal habe ich es bislang nicht geschafft – , konnte ich vor allem die alltägliche (sexualisierte) Gewalt, das Überleben und Ausgeliefertsein in ein paar Quadratkilometern Straßenrevier, die Wut über die Perspektivlosigkeit und die Angst, die im Nacken sitzt, und die Trostlosigkeit des „Leben am Randes“ schmecken. Fühlen konnte ich die überlebensnotwendige Bedeutung eines Mikrokosmos von Freund_inschaften, Liebesbeziehungen, die zarten Augenblicke, das Innehalten, die kleinen liebevollen und gleichzeitig unterstützenden Gesten, die sinnlichen und auch verstehenden Blicke – Momente, wie das zeitentrückte Innenleben in einem Kokon. Auch ich habe mal für jemanden, die vergewaltigt wurde, Kakao gekocht und das Badewasser eingelassen – ich empfinde und sehe diese Erinnerung nur als „zarter Schaum“, „warmes Wasser“, „dunkel, heiß, süß“ und „schweigen“. Dafür und für den „StoneButch/Femme-Blues“ gibt es nur Bilder, keine Worte.

 

 

 

Back into the 80s: Von Problem-Butches und Grenzverläufen in „FrauenLesbenräumen“

Vorweg: So ärgerlich ich den Beitrag von Andrea Roedig finde, so positiv überrascht war ich von den vielen und guten Diskussionen, und dass „Butch“ plötzlich Thema wurde. Danke an die Autor_innen der anregenden und sehr differenzierten Blogbeiträge, in „Teile des Ganzen“ (siehe auch weiter unten im ButchBlog) oder in „Hirngefickt“, aber auch an die Diskussionsbeteiligten – wie evanjulian – und Beiträge auf facebook, die viel Argumentationsarbeit geleistet haben. Arbeitsteilig habe ich mich bei meiner Replik – Vorsicht! Bissig! – auf Aspekte historischer Willkommens- und Ausladungskultur in „FrauenLesbenräumen“ qua Identitätspolitiken und auf „Butch/Femme“ und einiges mehr konzentrieren können.

„Frauen mit weiblichem Pronomen“ only?

„Neulich erhielt ich die Einladung zu einer Frauenparty, die sich ausschließlich an „lesbische und bisexuelle Frauen (einschließlich Transfrauen)“ richtete; an Menschen also – so lautete der Zusatz –, „die sich grundsätzlich mit dem Pronomen ’sie‘ richtig beschrieben fühlen“. Das war, auch wenn es erst einmal harmlos klingt, ein kleines Politikum. Denn die sozialen und biologischen Geschlechtszuweisungen sind unübersichtlich geworden, die Zeichen der Zeit stehen auf diversity und Inklusion. „Wenn du … dich als ‚genderfluid‘ siehst, ist diese Party nicht für dich. Sie ist ebenfalls nicht für Transmänner, Transvestiten, Crossdresser und Männer“, hieß es weiter im Einladungstext. Das klingt nicht gerade nach gender bender. Die Veranstalterinnen wollten offenbar ein etwas aus der Mode gekommenes Modell exklusiver „Frauenräume“ wiederbeleben.“

Ja, ich stimme Andrea Roedig in ihrem ZEIT-Beitrag „Der Trend zu Trans“ zu, diese Formulierung der Einladungspolitik ist ein kleines Politikum – und Roedigs Beitrag und dessen Tenor ebenfalls. Zu letzterem komme ich später.

Ich wundere mich verstärkt, dass diese neue Ein- oder besser Ausladungspolitik auf „Frauenparties“, „Playparties“, kinky „FrauenLesben-„Stammtischen, dem „Lesbenfrühlingstreffen“ einen völlig unscharfen „Frau“-Begriff ins Feld führt, gleichzeitig aber mit Schärfe meint, „Genderfluides“, Trans*Maskulinitäten und „Männer“ klar umreißen zu können.

Mit bestechender Schlichtheit und zugleich sehr tricky im Definitions- und Identifikations-Wirrwarr: „Frauen“ sind also diejenigen, die sich mit einem weiblichen Pronomen „richtig“ beschrieben fühlen. Was aber genau wird hier mit „Frau“ angesprochen bzw. angerufen, so dass das Gefühl, das innere Konzept sagt: „Ja, richtig!“? „Frau“ als soziale, politische oder körperliche oder emotionale Erfahrung? Wie essentialistisch darf ich oder muss ich dieses angerufene Konzept „Frau mit weiblichem Pronomen“ verstehen?

Mein Coming-Out hatte ich 1989, wohlgemerkt als radikalfeministische Lesbe. Vielleicht ist es kein Wunder, dass bei mir sowohl bei den Einladungspolitiken, die auch mir in letzter Zeit gehäuft begegnet sind, als auch bei Roedings Artikel der Alarm „Differenzfeminismus!“ aufblinkt. Ich kenne den „Laden“ sozusagen von innen. Ist das jetzt ein „Back into the 80s!“, frage ich mich. Zeigt sich so eine Reaktion des gewachsenen Unbehagens auf zu viel queere Vielfalt, zu viel Gender-Differenz, vor allem auf zu viel trans*maskuline Differenz? Folgt ein neuer – ja, was denn nun? – weiblicher oder femininer Differenzfeminismus? Und dürfen cisgeschlechtliche Heteras überhaupt mitreden – oder sind die auch ausgeladen?

Lesben sind keine Frauen – oder doch?!

Manche feministischen *Mädchenprojekte gehen jedenfalls mit schöneren und klügeren Einladungspolitiken voran, z.B. „Für *Mädchen, die *Mädchen sein wollen und sollen“ . Dagegen mutet das Reclaiming von „Frauenraum inkl. weiblichem Pronomen“ – oder doch eher „Lesbenraum“? – in dieser holprigen Weise so seltsam altbacken an. Kommt bald der Ruf nach einer „Lesbian Nation“? Angesichts grassierender Nostalgie und Angst vor Diversität vielleicht nicht so weit entfernt. Bereits in den 1970er Jahren war Jill Johnstons Lesbian-Nation-Programmatik und die des lesbischen, territorienabsteckenden Separatismus  sehr umstritten, auch Diskurse um Frau als Identitätskategorie und vor allem als homogene Gruppe. Monique Wittig beispielsweise stellte bereits in den 1970er Jahren fest, dass „Lesbe“ nicht „Frau“ ist. Sie, die „Lesbe“ läge zu quer zur Butler’schen heteronoramtiven Matrix. Hoppla! Monique Wittig ist folglich nicht auf der „Frauen mit weiblichem Pronomen“-Party willkommen. Naja, und Judith Butler sowie so nicht. Hat maßgeblich zum gegenwärtigen Schlamassel, dem Genderdiversitäts- und Trans*gender-„Trend“ beigetragen, und sich gegen „Identitätspolitiken“ von „Frauen“, „Lesben“, „Schwulen“ gewandt. Wider dem weiblichen, lesbischen Kollektivsubjekt! Das heißt: Wieder zwei Gästinnen weniger, obwohl die in den 1970er, 1980er Jahren feministisch aktiv waren. Und wenn wir einen Sprung in der virtuellen Gästinnenliste in die 2000er Jahre machen: Auch einige Femmes werden sich nicht unbedingt als „Frau“ angesprochen und willkommen geheißen fühlen auf der „Frau mit weiblichem Pronomen“-Party. Bei Roedig aber fallen Femmes ohnehin unter den Party-Tisch.

Butches und das „Frauenraum“-Revival

Nun zu meinem Unbehagen mit Andrea Roedigs hochspektulativen Argumenten: Roedig erklärt den Leser_innen aus ihrer Sicht, aus welchen Gründen es das Frauenraum-Revival gibt: Eine Trauer- oder Kränkungsreaktion auf das Aussterben von „Butches“, die aufgrund von Transitionsprozessen der Lesbenszene verlustig gegangen sein sollen. Sie spricht hier überraschend despektierlich von Butches als „sich männlich gebärdende lesbische Frauen“. Zum Mitschreiben: Also, die Strategie ist nicht, verstärkte Bemühungen, jüngere Generationen oder begehrte Restexemplare von Butches willkommen zu heißen, also eine positive Butch-Maskulinitäts-Willkommenskultur an den Tag zu legen, sondern sich in den Schmollwinkel der „Frauenräume“ zu verziehen. Faszinierend, würde jetzt mein_e innere_r Vulkanier_in sagen.

Roedigs Party-Szenario bleibt tatsächlich faszinierend, weil so unklar: Wer verzieht sich? Aus welchem Grund? Lesbische Frauen, weil … potenzielle Partner_innen, „Schwestern“ verlustig gehen? Bisexuelle Frauen, weil … potenzielle Partner_innen, „Schwestern“ verlustig gehen? Sind Trans*Frauen/Femmes wirklich willkommen, oder nur ein Feigenblatt, bis dieses herab blättert und der Ruf nach OP-Zwang folgt? Wo sind in dem Party-Szenario diejenigen, die Trans*maskulinitäten explizit begehren und vor allem wo sind die butch-liebenden Femmes? Deren Klagen, deren erotische Trauer, das Gefühl von Verrat liegen historisch, erotisch und emotional nahe, da Butch/Femme als traditionell ein in lesbischen Nischen beheimateter Begehrenstypus war und ist. Butch/Femme versprach und bedeutete zugleich auch Bündnisse im verque(e)erenden Spannungsfeld von Gleichheit und Unterschiedlichkeit zwischen „Lesben“. Aber seltsam ist, in Roedigs Party-Szenario, noch im gesamten Beitrag fällt weder der Begriff „Femme“ oder „Butch/Femme“. Auch legt ihre obige Definition nicht nahe, Butch als Identifikation differenziert beschreiben zu können. Bereits ein Blick, alleine zu Recherchezwecken, in das deutschsprachige B/F-Forum seit 2002 hätte da weitergeholfen. Also, ich meine, Roedig selbst müsste sich nicht in den Schmollwinkel verziehen, da sie offensichtlich nicht allzu butch-affin ist.

Back into the 80s – Grenzverläufe in „FrauenLesbenräumen“

Um mal wieder einen entzaubernden Blick auf die „FrauenLesbenräume“ der 1980er und auch noch 1990er Jahre zu werfen, der jede nostalgische Weichzeichnung grell werden lässt: Lesbische, insbesondere lesbisch-feministische „Frauenräume“ waren traditionell nicht butch- und auch nicht femme-affin. Das ist kein Geheimnis. Auch Trans*frauen/Femmes blieb in den 1980er und 1990er Jahren der symbolische und reale Zutritt zu feministischen Gegenräumen massiv verwehrt. An diese Ausschlusskultur bis Ende der 1990er Jahre von einem „Zuviel“ an kultivierter Femininität und Maskulinität, das z.B. Butch/Femme verkörperte, dürfte sich Roedig und alle lebhaft erinnern, die „Frauenräume“ noch als politische und sexuelle „Leitkultur“erleben durften. Ich jedenfalls erinnere mich gut. Es war nicht nur schlimm oder schrecklich, wirklich nicht. Ich habe mich die ersten Jahre sehr wohlgefühlt in meiner radikalfeministischen Lesbenidentität und den „Frauenräumen“. Sie hatten für mich tatsächlich etwas Utopisches, etwas das Möglichkeiten im Denken und im Solidarischen eröffnet. Wohler, freier und zukunftsoffener habe ich mich gefühlt als in gegenwärtigen queer-feministischen Kontexten, die ich zum Teil als dystopisch oder überraschend retro erlebe. Aber es blieben – zumindest bei mir – neben der Feststellung, dass diese feministischen Räume dennoch keine gewaltfreien „safe spaces“ waren (zu Gewalt unter Lesben bereits 1994, Constance Ohms) auch unausgesprochene Sehnsüchte nach „Mehr“, nach „Anders“, nach „Expliziter“. Diese szeneinternen Gleichheitsnormen taten sich mit Heterogenität, ob beim Begehren, im „Schönheitshandeln“ oder allgemein in Lebensentwürfen äußerst schwer.

Es gab seit Beginn der Zweiten bzw. Neuen Frauenbewegungen ab den 1970er Jahren Distinktions-, also Grenzverläufe zwischen „politischen“ und „unpolitischen“ lesbischen Lebensentwürfen. Eine Distinktion bezog sich beispielsweise auf Butch/Femme-Konstellationen, die als „unpolitisch“ markiert wurden (– bereits im Klassiker von Ilse Kokula zur „lesbischen Subkultur“ von 1981 nachgewiesen), da sie die erotischen Gleichheits-, körperlichen Androgynitätspostulate und Schönheitsnormen der lesbisch-feministischen Szenen durchbrachen, eine deutliche Differenz durch Femininitäts- und Maskulinitätsinszenierungen herstellten. Sie griffen damit auf ein Repertoire an ästhetischen Codes zurück, das als heteropatriarchal markiert war – „in Rock und Stöckelschuhen und diese ganzen Geschichten“ – und an vermeintlich heterosexuelle Praxen erinnerte:

„Es hat sich natürlich an diesen langen Haaren jetzt auch grad‘ so in der Lesbenszene natürlich festgemacht. Ich sag mal die Sub-Lesben, die unpolitischen Lesben, die – dann eher so … naja, der männliche Part mit kurzen Haaren, der weibliche Part mit langen Haaren – fanden wir natürlich alles zum Kotzen, ganz fürchterlich, so. Und wir als radikale Lesben dann alle mit kurzen Haaren und wir machen das nicht mit.“ (Interviewpartnerin, 1963 geboren, Aussage von 2008)

Gerade vor diesem Hintergrund empfinde ich es als Form der Instrumentalisierung, die Roedig in ihrem Beitrag mit „Butches“ und deren inneren und äußeren Kämpfen betreibt. Oder anders formuliert, es ist interessant, dass auf einmal von einer Seite – der lesbisch-feministischen – das „Aussterben von Butches“ beklagt wird, die in den 1980er und 1990er Jahren ein „Zuviel“ an Butch-Maskulinität und ein „Zuviel“ an Femme-Femininität als heteropatriarchal abgewertet hat – und es noch heute tut. Das ist scheinheilig.

Lässt sich da nicht folgende These aufstellen? Das was der NS an „homosexueller Subkultur“, in der Femmes und Kesse Väter selbstverständlich waren, noch nicht ganz zerstört hatte (zur Bedeutung des schwarzen und rosa Winkel, siehe Claudia Schoppmann), das hat der bundesdeutsche lesbische Radikalfeminismus in den 1970er und 1980er Jahren nicht willkommen geheißen, sondern als unpolitisch marginalisiert.

„Der“ trans*Problem-Butch muss leider draußen bleiben

Noch einmal zurück in die Jetztzeit und zu Roedigs Szenario: Unklar bleibt, wer eingeladen- oder ausgeladen ist. Wenn nun „Frauenräume“ eine Reaktion auf das „Butchsterben“ sind, diese – ob Nachwuchs oder Restexemplare – aber nicht in verstärktem Maße willkommen geheißen werden, sollen sie nun auch draußen bleiben? Das ist unklar, denn bei genauerer Kenntnis der bedrohten „Butch-Art“ würde sich zeigen, dass es Exemplare gibt, die weibliche und welche, die männliche Pronomen bevorzugen. Es gibt „die“ Butch und „der“ Butch. Muss nun „der“ Butch draußen bleiben? Gesichert ist, sobald sie_er Testo nimmt und damit zwangsläufig zum „Transmann“ wird, muß sie_er draußen bleiben.

Denn wie der Roedig’sche Volksmund schon weiß, „Transmänner“ haben dann automatisch „behaarte Brust, Bierbauch und rüde Manieren“. Im Umkehrschluss: Von zu viel Körperbehaarung und ihrer Pflege, Körperfülle und schlechtem, gar sexistischen oder gewaltvollem Benehmen sind dagegen lesbisch-feministische, bisexuelle und Trans*Frauen bekanntlich weit entfernt und damit auch die angenehmeren und attraktiveren Partygäste. (Sind Trans*Frauen/Femmes wirklich mitgemeint?)

Mal abgesehen von der ärgerlich stereotypen Darstellung von Trans*Maskulinität/Männlichkeit und ihrem vermeintlich gleichartigen Habitus, ist alleine Roedigs homogenisierende Annahme, „Transmänner“ hätten ihre Heimat ursprünglich in Lesbenszenen, als falsch zurückzuweisen. Nein, nicht „alle Transmänner sind verlorene (lesbische) Butches“. Das ist eine schlichte Eingemeindung. Nein, Lesbenszenen müssen sich nicht narzisstisch gekränkt fühlen, dass ihnen die erotischen Möglichkeiten abhanden kommen, zumal Butches wie oben ausführlich dargelegt, nicht gerade wohlgelitten waren und noch immer nicht sind. Ein Blick in verschiedene aktuelle Lesbenforen zeigt die interne Ablehung von als „nicht lesbisch (genug)“ definierter Femininität und von „female masculinity“ (nach Judith Jack Halberstam). Das alles findet nicht nur „da draußen“ in der bösen Heterowelt statt. Da hilft bei den einen nicht, die Haare abzuschneiden oder bei den anderen sie sich länger wachsen zu lassen. Und dann treffen sich alle bei maximal kinnlang – und einem weiblichen Pronomen? „Mannweib“ kann Butch auf Lesarion oder in anderen fb-Gruppen zu lesen bekommen, oder dass Butch/Femme-Identifikationen „Schubladendenken“ seien und Femmes für „lesbischeres“ Aussehen gelobt wurden. Ganz real geschehen auf einem der „Frauen mit weiblichem Pronomen“-Stammtische.

Fehlschluss: Die gemeine Spezies „Transmann“

Unbestritten ist, dass traditionelle Trans*Narrationen, u.a. geprägt durch die Pathologisierung von Trans*menschen und durch die medizisch-rechtlichen Diskurse, denen sie als „Patient_innen“ unterworfen sind, immer wieder hinterfragt werden müssen, zum Beispiel wie die Märchenstunden „im falschen Körper geboren“ oder „schon immer Frau/Mann“ gewesen zu sein, ebenso Partner_innen und Freund_innen zu „Angehörigen“ zu degradieren – darunter auch queere_lesbische Femmes und Lesben – oder Mythen über sogenannte Geschlechtshormone zu reproduzieren (vgl. Smilla Ebeling „Wenn ich meine Hormone nehme, werde ich zum Tier“). Letzteres ist eine allgemeine und weitverbreitete Bildungslücke – und nicht transspezifisch.

Dabei sollte nicht vergessen werden: Die soziokulturellen Herkünfte von Trans*Männern/Butches, ebenso von Trans*Frauen/Femmes, ihre maskulinen oder femininen Habitus, ihre politischen Positionen – ja, feministische Haltungen müssen nicht mit einer Transition verlustig gehen -, ihre sexuellen Interessen, ihre Selbstbezeichnungen und ihre Motive für eine Transition sind ausgesprochen divers und mittlerweile auch generationell bedingt unterschiedlich. Tatsächlich haben rechtliche Rahmungen, dass heißt das TSG („Transsexuellengesetz“) bis 2010, Transitionswege und Entscheidungen in Deutschland restriktiv beeinflusst, insbesondere den Zwang zu operativen Eingriffen. Dass dies auf individueller Ebene mit vielen Abwägungen, Sorgen, Befürchtungen, Unsicherheiten, Risiken verbunden war und ist, mit Arbeitslosigkeit, sozialer Ausgrenzung – nicht nur „da draußen“, auch in Szenen und Gruppen – , und einem 16-fach erhöhten Selbstmordrisiko, davon ist bei Roedig nichts zu lesen. Trans* ist bei ihr ein queerer Modetrend, eine Form der Selbstoptimierung: Rein in die Klamotten, ein paar Hormone eingeworfen und >schwupps< zum Trend-Tier werden. Unters Messer legen sich ja heute auch viele, um der Attraktivität nachzuhelfen. Endlich zu legitimen und wertvollem Humankapital werden. Heute noch Hip(ster), morgen schon ist der Bart ab. Und „lesbische, bisexuelle, und Transfrauen“ (wirklich mitgemeint?), ebenso wie Roedig – die virtuellen Partygäste – sind dem kapitalistischen Diskurs nicht unterworfen, tun das alles bekanntlich nicht und müssen erst einmal im „Frauenraum“ … – ja, was denn eigentlich? Geschlechtliche, sexuelle und gesellschaftliche Komplexität des 21. Jahrhunderts reduzieren.

Abschließend ein paar letzte Gedanken zu Diversität und Inklusion, die Roedig eingangs als Modetrend erwähnt: In einigen sozialen Nischenbereichen des globalen Nordens stehen die Zeichen auf Genderpluralität, sexueller Diversity, Inklusion und Entpathologisierung von nicht-heterosexuellen und gar transgeschlechtlichen Menschen. Das historisch äußerst kurze Frühlingserwachen in einigen Gesellschaften dieser Welt sollte nicht vergessen machen, dass dieses zeitgleich massiv bedroht ist und allgemeine soziokulturelle Diversität noch längst nicht zum Beispiel im deutschen Mainstream angekommen ist. Wir brauchen keine traditionellen (Sub-)Kulturverständnisse geprägt von Homogenitätserwartungen nach innen und Ausgrenzeung nach Aussen. Dass dieses Modell inklusive seines Reinheitsgebotes in Deutschland und Europa aktuell fröhlich Urständ feiert, ist eine Sache, aber wir sollten aufmerksam sein, dass sich nicht ähnliche Reinheitsgebote, Projektionen des Fremden oder von „Dolchstoß-Legenden“ in neuen, alten „FrauenLeben“-Zusammenhängen als reaktionäre Reaktion auf ihre Diversifizierung zu „FLIT“ und „LGBTQI“ auftun. Queer Politics bedeuteten nicht ein Mehr an Partikularismus und „moral majorities“, sondern „unsittliche“ Bündnisse über Unterschiede hinweg zu stiften. – Mehr denn je notwendig in rechtslastigen Zeiten von Pegida und „Besorgten Bürgern“.

Farewell, Leslie Feinberg

Ich lag auf dem Bett in einer spartanisch eingerichteten Kammer des Tübinger Stifts, genau dort, wo vielleicht auch Hölderlin einst in einer ebenso kärglichen Kammer gelebt hatte, als ich Stone Butch Blues in einer Winternacht durchlas. Zuvor hatte ich mit heftig klopfendem Herzen das erste Mal in meinem Leben einen Frauen-Buchladen betreten. Seltsam genug, dass der Ausgangspunkt meiner kultivierten Maskulinität ausgerechnet ein solcher Ort sein musste.

Stone Butch Blues war weder die erste noch die letzte persönliche Lebensgeschichte eines Gender-Outlaws, die ich las.
Ich hatte Nadia Brönimanns „Die weiße Feder“ und John Colapintos „Der Junge, der als Mädchen aufwuchs“ und die Berichte eines psychiatrisierten Tomboys in den USA der 50er gelesen, noch bevor ich die Pubertät erreichte, und seither folgten von Halberstam und Butler, Califia und Nestle, bis zu Schwarzenbach und Kuhnen viele andere mehr.
Stone Butch Blues wurde eine wichtige und prägende Erzählung, weil sie mich überraschte. Feinberg überraschte mich auch jetzt ein letztes Mal, weil ihre letzten Worte nicht auf ihr queeres Engagement verwiesen, sondern auf dieses im größeren politischen Zusammenhang.

Feinberg war die erste Person, die mir zeigte, dass ich noch etwas anderes sein könnte als ein Mann.
Ich lebte bis dahin mit dem Gedanken, ich könnte entweder eine so genannte Frau bleiben oder meine Männlichkeit chirurgisch angleichen lassen, und das einzige Argument, was mich von Letzterem abhielt, waren die meiner Meinung nach die dem Original zu entfernten, also unzufriedenstellenden Ergebnisse.
Ich litt unter der Vorstellung, dass das Beste, was für meine Zukunft zu hoffen blieb, war, ein Leben als unzureichender Mann zu führen.
Dass noch andere Identitäten und Wege lebbar sein könnten, dass darunter Butch (die ich für schlecht gelaunte, unkultivierte Lesben hielt) nicht nur eine mögliche, sondern vielleicht sogar eine würdevolle Identität wäre, erschloss sich mir zum ersten Mal. Und die vage Hoffnung, es könnte Menschen geben, die mich jetzt und hier begehren würden, nicht nur trotz meiner vermeintlich unzureichenden Anatomie, meiner physischen und verbalen Grenzen, meiner so schwer vermittelbaren Erfahrungen, sondern gerade wegen all dem.

Stone Butch Blues vermittelte mir den Gedanken, dass das Beste an Geschlecht vielleicht nicht die Körper sind, sondern die Performance.
Ich dachte, man nähme Testosteron, wenn man sich aufgrund eines endgültig konstatierten, unlösbaren körperlichen Widerspruchs entscheiden würde, als Mann zu leben. Feinberg war der Erste, von dem ich hörte, dass er Hormone nicht aus ästhetischen oder emotionalen Gründen nahm, sondern aus Gründen des Überlebens, und der diese Entscheidung nicht in binärer Klarheit traf, sondern in einem vielschichtigen und unerlösten Ringen am Rande der Geschlechter.
Ich hörte auf, zu glauben, es gäbe Männer und Frauen und ein Penoidaufbau würde mich glücklich machen. Man kann sagen, dass ich mit diesem Moment den ersten Schritt eines geschlechtlichen Erwachsenwerdens nahm.

Ich wusste auch in jenen letzten Tagen meiner ersten Pubertät, dass das Buch an manchen Stellen von Pathos und Kitsch unerträglich trieft. Die Wirkung des Buches traf mich nicht unmittelbar, weil ich ihm misstraute. Auch heute möchte ich davor warnen, Stone Butch Blues als Idealbild der goldenen Epoche einer widerständigen, gefährdeten Femme-Butch-Kultur zur glorifizieren. Ich will diese Zeiten nicht zurück, und ich bin dankbar, nicht in den USA der McCarthy-Ära leben zu müssen.
Ich gehöre einer Generation an, die geschlechtlichen Normierungsdruck vor allem als informellen Zwang zur permanenten Selbstoptimierung erfährt. Feinbergs Geschichte war mir ein eindrückliches Beispiel, wie Normen mit polizeilicher Gewalt durchgesetzt wurden und womöglich eines Tages wieder werden.

Die Nachricht, dass Leslie Feinberg vor einigen Tagen nach langer, schwerer Krankheit verstorben ist, nahm mich mehr mit, als ich erwartet hätte.
Einmal natürlich, weil jedes verstorbene Community-Mitglied eines zu viel ist, und auch der Verlust eines entfernten, eher symbolischen Wegbereiters und -begleiters ein Verlust bleibt. Ich empfinde daneben einen Verlust von Geschichte, weil die Zeitzeug*innen gelebter LGBTIdentität des 20. Jahrhunderts nach und nach aussterben: Die, an denen ich ablese, wie ich zu anderen Zeiten gelebt hätte; die, die mir einen Eindruck geben, wie ich leben könnte, wenn ich 60 werde; die mich daran erinnern, welche Verbesserungen trotz allem seit Stonewall erkämpft worden sind.
Irrationalerweise betrauere ich, Feinberg nicht persönlich gekannt zu haben. Ich fürchte mich, aufgrund der zunehmenden sozialen Ungerechtigkeiten des Gesundheitssystems mit 65 sterben zu müssen. Ich bemerke, dass der Tod einer Ikone, wie Feinberg sie in gewissem Sinne gewesen ist, meine Motivation zu geschlechterkritischem Engagement nicht beflügelt, sondern meiner Müdigkeit nur ein Kopfkissen hinzufügt.

In diesem Sommer holte ich Stone Butch Blues nach langer Zeit wieder aus alten Umzugskartons hervor. Schon im querlesen erschien es mir nahezu ungenießbar, ein einziges weißes Hemd voll Blut und Wunden. Kopfschüttelnd ließ ich es auf dem alten Schreibtisch im Haus meiner Eltern liegen.
Meine Schwester sagt, es sei ein interessantes Buch, leider etwas atemlos geschrieben.

Rest in Power and Peace, Leslie Feinberg.
Ich wünsche ihrer*seiner Lebenspartnerin und ihrer*seiner Wahlverwandtschaft alles Gute. Für uns andere hoffe ich, dass viele Erzähler*innen jeder Generation folgen mögen, die ihre queeren Erfahrungen mitteilen, und – um das trotz des Pathos mal zu sagen – die Kraft finden, gerade dann laut zu sein, wenn Ausgrenzung und Unterdrückung uns die Stimme zu nehmen drohen.

PS: Ein Nachruf der Ehefrau, Minnie Bruce Pratt, ist im Advocate erschienen.

Caty Simon schreibt über die wichtige Rolle der Sexarbeiterinnen in Stone Butch Blues.

Sunny Drake nahm Feinbergs Tod zum Anlass, darüber nachzudenken, warum und wie wir die Älteren besser in die Community integrieren könnten und sollten.

Heimweh nach dem Land der Frauen

Ich trauere um die Teilhabe an der Kultur jener, die sich selbst als weiblich verstehen oder zumindest zeitweilig so zugewiesen worden sind.
Es ist ein bisschen so, als wäre ich adoptiert worden oder im Auslandsjahr gewesen im Land der Frauen und Weiblichkeiten.
Sie haben gespürt, dass ich keiner von ihnen bin. Manchmal deutlicher, als für beide Seiten erträglich war. Und trotz all meiner Fremdheit haben sie mich in ihre Häuser eingeladen, als sei ich einer der Ihren, sind freundlich und offen zu mir gewesen, haben mich getröstet, für mich gesorgt und zu mir gestanden, ihre Cupcakes und ihre Geheimnisse mit mir geteilt.
Nun bin ich zurückgekehrt in meine Heimat, das Land der Butches, Maskulinitäten und Transmännlichkeiten. Meine Herkunft, meine Sprache, meine Kultur. Hier bin ich Zuhause, ganz ohne Zweifel. Das ist ein wunderbares Gefühl, das ich lange genug vermisst, ja, auf das ich zeitweise kaum Hoffnung mehr hatte. Keep rockin’, Bros!
Ich bin auf eine Weise dankbar und glücklich, dass es mir schlicht an Worten dafür mangelt.

Und dennoch bedeutet diese Zugehörigkeit und Vertrautheit unter queeren Maskulinitäten eine unvermeidliche, dauerhafte und schmerzliche Entfernung und Entfremdung zur Kultur der Frauen, Femmes und anderen Weiblichkeiten.
Das ist notwendig, weil beide Kulturen untereinander ihr ganz spezifisches und unnachahmliches Miteinander eigenen Rechts haben. Von dieser Polarität und Differenz lebt die Dynamik, die ich erst schätze, seit ich ihre Dimension so ganz erfasse.
Ich weiß auch, dass nur eine Maskulinitäts- und Butch-Identität, in der ich mir selbst gerecht werde, mir die Stärke, Würde und Selbstbewusstheit verleiht, Femmes und Frauen das würdige Gegenüber zu sein, das sie verdienen.

Natürlich kann und soll mich diese Differenz nicht davon entbinden, mich für Weiblichkeiten und Femininitäten einzusetzen, gegen Misogynie und Sexismus einzutreten, Unterschiedlichkeit in der geschlechtlichen Inszenierung zu respektieren und anzuerkennen. Selbstverständlich sind die verschiedenen Kulturen nicht natürlich bedingt. Zwei vollständig voneinander separierte Kulturen gibt es sowieso nicht.
Und dennoch: Manchmal habe ich Heimweh nach dem Land, das nicht meine Heimat ist. Ich war zeitweise, auf einer verquere Art, so was Ähnliches wie ein Teil von Euch, Ihr die Ihr in der Kultur der Frauen lebt, und habe Euch kennen und schätzen gelernt. Ich weiß, was ich verliere mit dem Transformationsprozess, der mich erst Butch werden lässt. Ihr, meine einst so fürsorglichen Gastgeberinnen, werdet nie wieder Eure Geheimnisse mit mir teilen.
Ihr fehlt mir manchmal unsäglich.

Das war nicht immer so.
In meiner Fremdheit und meiner Wut über diese Fremdheit war ich alles andere als freundlich dieser Kultur gegenüber, in die ich mich verdammt sah. Diese fragile Gemeinschaft und Gastfreundschaft reichte keineswegs immer bis zu Euren Toiletten. Es wäre ungerechtfertigt, diese Zeit im Nachhinein zu glorifizieren: Ich war nicht sehr fair und habe es in meinem langen Auslandsjahr weder mir noch den Bewohnerinnen dieses Landes sonderlich leicht gemacht.
Heute bin ich dankbar für die Zeit, die ich bei Euch verbringen durfte. Dass Ihr diese Geduld aufgebracht, mein Anderssein und meinen Zorn ausgehalten habt. Heute kann ich sehen, welch wunderbares und besonderes Geschenk Ihr mir gemacht habt, indem Ihr mich so offen und nahe Anteil nehmen lassen habt an Euren Gedanken, Sehnsüchten und Perspektiven. Das ist ein seltenes Privileg, das niemand besitzt, der sein ganzes Leben nur im Land der Männlichkeiten und Maskulinitäten zugebracht hat: Danke dafür!
Erst wo ich ganz in meinem Land wohne, kann ich ermessen, was ich verloren habe. Dass ich überhaupt etwas verloren habe. Und kann bedauern, dass es diese Entfernung gibt, dieses Fremdsein, diese Verschiedenheit und dass ich unwiederbringlich verändert bin.
Zwischen mir und jenen Menschen, die in der Kultur der Femmes, Frauen und anderen Weiblichkeiten leben, klafft eine unaufhebbare Differenz. Sie ist nicht zu überwinden. Das ist manchmal einfach nur todtraurig.

Ich bin willkommen, auf Besuch zurückzukommen. Mir erzählen lassen von Erfahrungen und Perspektiven, die ich, der geschlechtliche Migrant, nur noch halb verstehen kann. Wie gut, dass es auch hier diese billigen Touristik-Souvenir-Shops gibt: In sentimentalen Stunden hänge ich meine Lichterkette an die Wand.

Westdeutsche Sittlichkeit: Sexualitäten und andere ‚Perversionen‘ in den 60er und 70er Jahren

„Im Zuge des Reformvorhabens „Mehr Demokratie wagen“ der sozial-liberalen Koalition fanden umfassende Rechtsreformen zwischen Ende der 1960er bis Mitte der 1970er Jahres statt, wie die des Sexualstrafrechts, das heißt „Straftaten gegen die Sittenordnung“. Konservative bürgerliche Rechtsnormen, die Geschlechterverhältnisse und Sexualitäten bereits im deutschen Kaiserreich regulierten, blieben in der Adenauer-Zeit noch durch Modernisierungsoffensiven unangetastet, sollten zum Teil gar ausgebaut werden. Ein Regierungsentwurf des StGB von 1962, welcher allerdings nie gesetzlich implementiert werden konnte, spiegelte den restriktiven Zeitgeist.

„[Er] sah vor, sämtliche Straftatbestände mit Bezug zu Religion, Ehe oder `Sittlichkeit` unter die neue Überschrift `Straftaten gegen die Sittenordnung` zu fassen und durch Aufspaltung einzelner Tatbestände aus den bislang 28 nicht weniger als 47 Paragraphen zu machen. Angefangen mit Gotteslästerung reichte der Abschnitt über Ehebruch, das `Zugänglichmachen` von Verhütungsmitteln und 17 verschiedene Straftatbestände mit dem Wort `Unzucht` in der Überschrift […] bis hin zu allein fünf Kuppel-Paragraphen und einem zu Tierquälerei.“ (Steinke 2005: 63)

Erinnert sei hier zudem an strafrechtliche Restriktionen männlicher Homosexualität: Bis 1969, trotz an das Bundesverfassungsgericht formulierte Beschwerden, galt eine Fassung des § 175 StGB aus dem Jahre 1935, die männliche – jedoch nicht weibliche – „widernatürliche Unzucht“ mit Gefängnis bestrafte, oder in milderen Formen „sittlich labilen Menschen“ beispielsweise einen PKW-Führerschein verweigerte (vgl. Steinke 2005: 61), um ihren Mobilitätsradius und damit potenzielle Straftaten zu reduzieren. Rosa von Praunheims1 Filmtitel „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation in der er sich befindet“ fasst pointiert die homophobe gesellschaftliche Atmosphäre zusammen, und sollte zum politisierenden Weckruf für bundesdeutsche Schwule gelten. Einen solchen Politisierungsprozess zeigte der Film: Aus der Provinz kommend, bewegt sich der junge Protagonist in der homosexuellen Subkultur Westberlins zwischen Bars und ‚Klappen’. Das Zusammentreffen mit einem „emanzipierten Schwulen“ und dessen Wohngemeinschaft schwuler Männer eröffnen ihm politisierte Lebens- und Handlungsmöglichkeiten in einer homophoben Gesellschaft. Zugleich spiegelt der Film von 1970 den politischen Aufbruch homosexueller und transgender Personen wider, wie in den Stonewall Riots 1969 in New York geschehen, der sich ebenso wie die Anti-Vietnam-Proteste internationalisierte.

Das mediale Echo, das die TV-Ausstrahlung 1972 in der BRD auslöste, wurde von einem Aussendeskandal begleitet. Der Auftraggeber WDR sendete als einziger Sender den Film, während die ARD kurzfristig absagte und die Aufführung um ein Jahr verschob. Während der Ausstrahlung schaltete sich 1973 der Bayrische Rundfunk aus Protest aus (vgl. Sigusch 2010: 5).

Trotz einer vermehrten politischen Skandalisierung von homophoben Diskriminierungsstrukturen und zugleich einer breiteren Öffentlichkeit für nicht-heterosexuelle Lebensentwürfe und Identitäten sollte der § 175 StGB erst 1994 ersatzlos gestrichen werden, der in der DDR bereits 1957 gestrichen wurde (vgl. Gammerl 2010: 9). Insbesondere in Männlichkeitsbastionen, wie der Bundeswehr – oder aktuell die Fussballbundesliga – genügte der Verdacht des Schwulseins, um öffentliches Aufsehen zu erregen. Noch 1983/84 brachten entsprechende Gerüchte den damaligen stellvertretenden NATO-Oberbefehlshaber und Bundeswehrgeneral Günter Kießling zu Fall bzw. weiteten sich zu einer medialen und Verteidigungspolitischen „Affäre Kießling“ aus. Schwul-lebische Aktionsgruppen nahmen diesen Skandal auf und skandalisierten den selbigen, ebenso wie den § 175 StGB.

Obwohl der §175 StGB Lesben im Nachkriegswestdeutschland strafrechtlich nicht sanktionierte, so lässt sich beispielsweise am Mediendiskurs um und die Justizpraxis im Strafprozess Ihns/Andersen von 1974 in der Schleswig-Holsteinischen Provinzstadt Itzehoe ablesen, in welcher Weise nicht-heterosexuell lebende ‚Frauen‘ sozialer Stigmatisierung ausgesetzt waren. Er zeigt auch wie Homosexualität und Devianz diskursiv miteinander legiert waren und Heterosexualität als natürliche und somit legitime Sexualität sittlich unhinterfragt blieb (vgl. Gammerl 2010: 7, 11). Zugleich brachte der Prozess exemplarisch alltägliche Gewaltverhältnisse innerhalb einer Ehe zu Vorschein. Diese wirkten sich jedoch nicht strafmildernd aus, da sie offenbar als einen – wenn auch dysfunktionalen und ins Private verwiesenen – Aspekt einer natürlichen Geschlechterordnung billigend in Kauf genommen wurden. Stattdessen sollte die sexuelle ‚Widernatürlichkeit’ als eigentlicher Motor der Tat im Vordergrund des Itzehoe-Prozesses stehen. Der SPIEGEL (Art. „Halbwüchsige haben hier nichts zu suchen“ 41/1974) konstatierte ironisch das richterliche Plädoyer:

„Daß die Angeklagten auch als Mörder verurteilt wurden, weil sie‚ zur Befriedigung des Geschlechtstriebs’ töten ließen, wagte er [der Vorsitzende Richter] nicht auszusprechen: das umschrieb er nur. Es ging eben auch um Homosexualität unter Frauen, und der stehen wir ja ganz unbefangen gegenüber.“

 Die BILD nahm den Skandal-Prozess zum Anlass, der als „Hexenprozess von Itzehoe“ zur Initialzündung der Lesbenbewegung in der Bundesrepublik werden sollte, eine über mehrere Ausgaben verteilte Serie „Die Verbrechen der lesbischen Frauen“ zu publizieren. Vorangegangen war ein Jahr zuvor die sensationslüsterne Reihe „Die homosexuellen Lustmörder“:

„Bild weiß: ‚Die Leidenschaft der lesbischen Frau kann zu den grausamsten Konflikten führen: zu verlassenen Kindern, zerrissenen Ehen, zu aller Art von Unglück, Tötung, Selbstmord, Mord … Der Männerekel steigt in vielen Stufen an. Von stiller, scheuer Abkehr steigert er sich zur Feindschaft gegen alles Männliche.‘ (H.v. Hentig, Die Kriminalität der lesbischen Frau, zitiert in Bild vom 29.8.74). Lesbierinnen offen wegen ihrer sexuellen Beziehungen zu bestrafen ist nicht jedermanns Sache, aber wenn homosexuell=kriminell, dann wird es sogar für den aufgeklärten Bürger eindeutig: das muß verurteilt werden, am besten lebenslänglich! […] Wehren wir uns gegen die sexuelle Unterdrückung der Frau! Schluß mit dem Zwang zur Heterosexualität! Freispruch für die weibliche Heterosexualität!“ (Flugblatt Frauenzentrum Frankfurt 1974, in Lenz 2010: 249)

Trotz homophober, diskriminierender Diskurse führte der Prozess zu einer deutlichen öffentlichen Sichtbarwerdung und Politisierung lesbischer Frauen, nicht alleine durch deren Proteste und Demonstrationen ab 1974 (Lenz 2010: 231, 243f.). Für eine aufklärerische mediale Öffentlichkeit sorgte wie auch im Falle des Praunheim-Films der Westdeutsche Rundfunk. Die 45-minütige Dokumentation von 1974 „…Und wir nehmen uns unser Recht ! Lesbierinnen in Deutschland“ von Claus Ferdinand Siegfried muss vor dem Hintergrund des Itzehoe-Prozesses gelesen werden. Er porträtierte Aktivistinnen der HAW (Homosexuelle Aktion Westberlin). Diese Dokumentation hatte einen politisierenden Effekt wie auch Praunheims Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers“ drei Jahre zuvor. Zugleich ermöglichte er in der prä-online-Ära der frühen 1970er Jahre bundesweite Information über lesbisches, emanzipatorisches Engagement, so dass er isoliert lebenden Lesben erreichte, die sich wiederum mit der HAW in Verbindung setzten (vgl. Kokula 1983: 72). Ein Jahr zuvor wurde im ZDF die TV-Dokumentation „Zärtlichkeit und Rebellion – Zur Situation der homosexuellen Frau“ von Eva Münthel gezeigt, in der die interviewten Frauen über ihren Lebens- und Familienalltag sprachen, aber auch über ihre politischen, feministischen Perspektiven. Vielen lesbischen Aktivist_innen galt die Dokumentation, obwohl sie das erste mediale Ereignis in der Bundesrepublik war, das lesbisches Leben thematisierte, als zu wenig kritisch (vgl. Gammerl 2010: 12).

Welche wichtige soziale Bedeutung eine sich als autonom verstehende frauenbewegte Infrastruktur, wie Frauencafés, Frauenzentren oder Frauenbuchläden, ab Mitte der 1970er Jahre für insbesondere lesbische Aktivist_innen vor diesem Hintergrund haben sollte, darauf weist der Band „100 Jahre Lesbengeschichte“ von Dennert/Leidinger/Rauchut (2007) hin. Allerdings fand in dieser Phase der 1970er Jahre ein Verdrängungsprozess der traditionellen homosexuellen Barkultur und der „Clique als konstituierendes Element der lesbischen Gemeinschaft“ durch „Emanzipationsgruppen“ statt. Beides porträtierte Ilse Kokula in ihrer klassischen Studie von 1983.

Zugleich waren die Lesben- und Schwulenbewegungen der 1970er und 1980er Jahre in der BRD wichtig, dass sich Lesben und Schwule als politische Identitäten und neue, emanzipatorische Gender verstanden – etwas das aktuell in Vergessenheit gerät.

1 Rosa von Praunheim, unter bürgerlichem Namen 1942 als Holger Mischwitzky geboren, ist schwuler Aktivist und Filmregisseur.“

Wer meinen Text zitieren will, Anfragen an Keleb.

Literatur:

Dennert, Gabriele/Leidinger, Christiane/Rauchut, Franziska (2007): In Bewegung bleiben. 100 Jahre Politik, Kultur und Geschichte von Lesben. Berlin: Querverlag.
Gammerl, Benno (2010): Eine Regenbogengeschichte. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. H. 15/16 (2010): 7–13.
Heinrich-Böll-Stiftung/Feministisches Institut (Hrsg.) (1999): Wie weit flog die Tomate? Eine 68erinnen-Gala der Reflexion. Berlin: Heinrich-Böll-Stiftung.
Kokula, Ilse (1983): Formen lesbischer Subkultur. Vergesellschaftung und soziale Bewegung. Berlin: Rosa Winkel.
Kokula, Ilse (1990): „Wir leiden nicht mehr, sondern sind gelitten“. Lesbisch leben in Deutschland. München: Knaur.
Lenz, Ilse (2010): Die neue Frauenbewegung in Deutschland. Abschied vom kleinen Unterschied, eine Quellensammlung. Wiesbaden: VS.
Steinke, Ron: „Ein Mann, der mit einem anderen Mann …“. Eine kurze Geschichte des § 175 in der BRD. In: Forum Recht. H. 2 (2005). 60–63.
Woltersdorff, Volker alias Lore Logorrhöe (2003): Queer Theory and Queer Politics. Geschlechterpolitiken. In: UTOPIE kreativ: Rosa-Luxemburg-Stiftung (Hrsg.).156: 914–923.