lesbisch-schwule Geschichte

Farewell, Leslie Feinberg

Ich lag auf dem Bett in einer spartanisch eingerichteten Kammer des Tübinger Stifts, genau dort, wo vielleicht auch Hölderlin einst in einer ebenso kärglichen Kammer gelebt hatte, als ich Stone Butch Blues in einer Winternacht durchlas. Zuvor hatte ich mit heftig klopfendem Herzen das erste Mal in meinem Leben einen Frauen-Buchladen betreten. Seltsam genug, dass der Ausgangspunkt meiner kultivierten Maskulinität ausgerechnet ein solcher Ort sein musste.

Stone Butch Blues war weder die erste noch die letzte persönliche Lebensgeschichte eines Gender-Outlaws, die ich las.
Ich hatte Nadia Brönimanns „Die weiße Feder“ und John Colapintos „Der Junge, der als Mädchen aufwuchs“ und die Berichte eines psychiatrisierten Tomboys in den USA der 50er gelesen, noch bevor ich die Pubertät erreichte, und seither folgten von Halberstam und Butler, Califia und Nestle, bis zu Schwarzenbach und Kuhnen viele andere mehr.
Stone Butch Blues wurde eine wichtige und prägende Erzählung, weil sie mich überraschte. Feinberg überraschte mich auch jetzt ein letztes Mal, weil ihre letzten Worte nicht auf ihr queeres Engagement verwiesen, sondern auf dieses im größeren politischen Zusammenhang.

Feinberg war die erste Person, die mir zeigte, dass ich noch etwas anderes sein könnte als ein Mann.
Ich lebte bis dahin mit dem Gedanken, ich könnte entweder eine so genannte Frau bleiben oder meine Männlichkeit chirurgisch angleichen lassen, und das einzige Argument, was mich von Letzterem abhielt, waren die meiner Meinung nach die dem Original zu entfernten, also unzufriedenstellenden Ergebnisse.
Ich litt unter der Vorstellung, dass das Beste, was für meine Zukunft zu hoffen blieb, war, ein Leben als unzureichender Mann zu führen.
Dass noch andere Identitäten und Wege lebbar sein könnten, dass darunter Butch (die ich für schlecht gelaunte, unkultivierte Lesben hielt) nicht nur eine mögliche, sondern vielleicht sogar eine würdevolle Identität wäre, erschloss sich mir zum ersten Mal. Und die vage Hoffnung, es könnte Menschen geben, die mich jetzt und hier begehren würden, nicht nur trotz meiner vermeintlich unzureichenden Anatomie, meiner physischen und verbalen Grenzen, meiner so schwer vermittelbaren Erfahrungen, sondern gerade wegen all dem.

Stone Butch Blues vermittelte mir den Gedanken, dass das Beste an Geschlecht vielleicht nicht die Körper sind, sondern die Performance.
Ich dachte, man nähme Testosteron, wenn man sich aufgrund eines endgültig konstatierten, unlösbaren körperlichen Widerspruchs entscheiden würde, als Mann zu leben. Feinberg war der Erste, von dem ich hörte, dass er Hormone nicht aus ästhetischen oder emotionalen Gründen nahm, sondern aus Gründen des Überlebens, und der diese Entscheidung nicht in binärer Klarheit traf, sondern in einem vielschichtigen und unerlösten Ringen am Rande der Geschlechter.
Ich hörte auf, zu glauben, es gäbe Männer und Frauen und ein Penoidaufbau würde mich glücklich machen. Man kann sagen, dass ich mit diesem Moment den ersten Schritt eines geschlechtlichen Erwachsenwerdens nahm.

Ich wusste auch in jenen letzten Tagen meiner ersten Pubertät, dass das Buch an manchen Stellen von Pathos und Kitsch unerträglich trieft. Die Wirkung des Buches traf mich nicht unmittelbar, weil ich ihm misstraute. Auch heute möchte ich davor warnen, Stone Butch Blues als Idealbild der goldenen Epoche einer widerständigen, gefährdeten Femme-Butch-Kultur zur glorifizieren. Ich will diese Zeiten nicht zurück, und ich bin dankbar, nicht in den USA der McCarthy-Ära leben zu müssen.
Ich gehöre einer Generation an, die geschlechtlichen Normierungsdruck vor allem als informellen Zwang zur permanenten Selbstoptimierung erfährt. Feinbergs Geschichte war mir ein eindrückliches Beispiel, wie Normen mit polizeilicher Gewalt durchgesetzt wurden und womöglich eines Tages wieder werden.

Die Nachricht, dass Leslie Feinberg vor einigen Tagen nach langer, schwerer Krankheit verstorben ist, nahm mich mehr mit, als ich erwartet hätte.
Einmal natürlich, weil jedes verstorbene Community-Mitglied eines zu viel ist, und auch der Verlust eines entfernten, eher symbolischen Wegbereiters und -begleiters ein Verlust bleibt. Ich empfinde daneben einen Verlust von Geschichte, weil die Zeitzeug*innen gelebter LGBTIdentität des 20. Jahrhunderts nach und nach aussterben: Die, an denen ich ablese, wie ich zu anderen Zeiten gelebt hätte; die, die mir einen Eindruck geben, wie ich leben könnte, wenn ich 60 werde; die mich daran erinnern, welche Verbesserungen trotz allem seit Stonewall erkämpft worden sind.
Irrationalerweise betrauere ich, Feinberg nicht persönlich gekannt zu haben. Ich fürchte mich, aufgrund der zunehmenden sozialen Ungerechtigkeiten des Gesundheitssystems mit 65 sterben zu müssen. Ich bemerke, dass der Tod einer Ikone, wie Feinberg sie in gewissem Sinne gewesen ist, meine Motivation zu geschlechterkritischem Engagement nicht beflügelt, sondern meiner Müdigkeit nur ein Kopfkissen hinzufügt.

In diesem Sommer holte ich Stone Butch Blues nach langer Zeit wieder aus alten Umzugskartons hervor. Schon im querlesen erschien es mir nahezu ungenießbar, ein einziges weißes Hemd voll Blut und Wunden. Kopfschüttelnd ließ ich es auf dem alten Schreibtisch im Haus meiner Eltern liegen.
Meine Schwester sagt, es sei ein interessantes Buch, leider etwas atemlos geschrieben.

Rest in Power and Peace, Leslie Feinberg.
Ich wünsche ihrer*seiner Lebenspartnerin und ihrer*seiner Wahlverwandtschaft alles Gute. Für uns andere hoffe ich, dass viele Erzähler*innen jeder Generation folgen mögen, die ihre queeren Erfahrungen mitteilen, und – um das trotz des Pathos mal zu sagen – die Kraft finden, gerade dann laut zu sein, wenn Ausgrenzung und Unterdrückung uns die Stimme zu nehmen drohen.

PS: Ein Nachruf der Ehefrau, Minnie Bruce Pratt, ist im Advocate erschienen.

Caty Simon schreibt über die wichtige Rolle der Sexarbeiterinnen in Stone Butch Blues.

Sunny Drake nahm Feinbergs Tod zum Anlass, darüber nachzudenken, warum und wie wir die Älteren besser in die Community integrieren könnten und sollten.

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Plaudereien aus dem Werkzeugkästchen: Liebes Butchtagebuch …

Donnerstag, 10.07.

Stehe so an der Bushaltestelle und zähle mal die zwölf, wartenden Leute nach „langen“ und „kurzen“ Haaren“ durch inkl. ihrer Genderpräsentationen.  Acht mit langen Haaren und vier mit kurzen Haaren. Die stereotype Gender-Gleichung: „Frauen“ = Längere/lange Haare; „Männer“ = kurze Haare geht hier fast zu 100% auf – wenn nicht ich Butch da wäre, mit kurzen Haaren.

Montag, 14.07.

Ganz im Ernst, wenn ich noch mal lesen muss, dass Butch/Femme eine „feste Rollenverteilung in lesbischen Paarbeziehungen“ sei, fange ich an zu kotzen. Mann, der Rollenbegriff ist URALT und hat schon Moos angesetzt! Und „lesbische „Paarbeziehungen“ sind auch schon ver-queert … naja, zum Teil. Frühe 1970er Jahre, als der Singular noch kein Problem war und es die „Frauenfrage“ oder „Das Jahr der Frau“ gab (DIE Frau, dieses seltsame und irgendwie bedrohte Wesen). Ja, da gab es auch DIE  Geschlechterrolle oder DIE Rollenverteilung zwischen DEM Mann und DER Frau. Mittleres 20. Jahrundert, als gesellschaftliche und Geschlechter-Rollen noch für funktionales, „regelmäßiges und vorhersehbares Verhalten“ standen – brav an Normen orientiert. Aus-der-Rolle-tanzen/fallen war da nicht mitgedacht (zumindest in der Theorie bei P.) und wenn doch: Strafe und zurück in die Spur!

Wie? Und das wird noch heute, 2014, von Femme/Butch angenommen?! Da sage ich auch: Strafe! 100x an die Tafel geschrieben: Femme/Butch ist DYNAMIK =  queere, erotische Kraft/Bewegung/Zusammenspiel/Macht!

Samstag, 19.07.

„Müßiggang ist aller Laster Anfang!“ – Finde den Sinnspruch großartig: Erst eine Weile rumhängen und nachher eine große Portion „Laster“ für alle Beteiligten!

Ein paar Gedanken zu Stoneness … von einem StoneButch

Stoneness, StoneButch, StoneFemme … fast schon mythologische Begriffe …
Stone-Sexualität wird – wenn nicht als vergleichbar stereotyp wie z.B. Femme/Butch  – als etwas sich Widersprechendes wahrgenommen und fehlgedeutet. Das liegt sicherlich auch an der Metapher „Stein“. Während Sex innere Bilder von Nähe, Grenzauflösung, heiß usw. hervorruft, klingt „Stone“ nach hart, begrenzt, kalt, im Zweifelsfall schmerzhaft, wenn mensch von einem solchen getroffen wird. Und überhaupt, wer müssen erst diese Butches und Femmes sein, die diese seltsame Leidenschaft miteinander teilen? Ganz sicher klingt das alles erst einmal nicht sehr sexy und schon gar nicht nach sehr, sehr heiß und kreativ.
XanWest listet ein paar (Miß-)Verständnisse auf (Link siehe unten), die kursieren:

Stoneness würde bedeuteten,

  1. einen emotionalen Panzer, eine Rüstung zu tragen;
  2. in Bezug auf körperliche Berührungen Grenzen zu haben;
  3. Erfahrungen mit gewaltvollen körperlichen Berührungen zu haben;
  4. Aus deutschprachigen Femme/Butch-Diskussionen um StoneButch möchte ich die vage Formulierung „Nicht als ‚Frau‘ berührt werden zu wollen“ ergänzen;
  5. als Butch sich am Ende eines Maskulinitätsspektrums zu bewegen bezogen auf das was Maskulinität in westlichen Kulturen bedeutet;
  6. als Butch sexuell zu toppen;
  7. eine sexuelle Vorliebe, bei der der Genuss in der anderen Person angesiedelt ist und über diese und ihr sexuelles Erleben vermittelt erlebt wird.

Und hier gebe ich mal meinen old-school-Senf dazu:
Vorausgeschickt meine ich, in den (Miss-)Verständnissen liegen auch einige Körnchen  „Wahrheiten“, ob aus der Sicht der eigenen Butch- oder Femme-Biographie, der Entwicklung eigener Selbstverständnisse, aber auch historisch, also das was Femmes und Butches zu verschiedenen Zeiten an guten und sehr unguten Erfahrungen mit ihrem So-Sein gemacht haben.  Aber Diskussionen – wie die von XanWest angestoßen – zeigen, dass es Sinn macht, Stoneness/StoneButch/StoneFemme zu entstauben und in neuem, sexy Glanz zu sehen.

Gerade die ersten vier (Miß-) Verständnisse fand ich für mein Selbstverständnis schwierig anzunehmen, obwohl es da einige dicke Körner Wahrheit in meinem Leben gibt, über die ich sicherlich nicht glücklich bin. Nur finde ich die nicht förderlich dafür, sexuellen Genuss zu erweitern. Vor allem stört es mich, dass es bedeutet, dass ich mich und meine Sexualität, meine Nähefähigkeit negativ über Defizite und Limitierung definieren soll.
Ja, klar – Erfahrungen von sexualisierter Gewalt wirken sich auf die Fähigkeit zu körperlicher Nähe, Sexualität oder auch emotionaler Nähe aus – ob als Geben oder Nehmen verstanden, als Fähigkeit, sich einlassen zu können. Damit findet sich in diesem (Miß-)Verständnis von Stoneness ein Platz und ein Ausdruck für diese beschissenen Gewaltfolgen. Positiv kann ich daran auch finden, dass meinem Eindruck nach in Butch-Diskussionen sexualisierte Gewalt sonst keinen Raum hat, oder sogar tabuisiert wird. Vermutlich weil a) sie „femininisiert“, b) Schwäche impliziert und das kollidiert mit Maskulinität. Das wären vergleichbare Verdrängungsmotive wie bei „Männern“. Auch macht dieses Verständnis von Stoneness als nähebegrenzt noch einmal darauf aufmerksam, dass schlicht und noch immer mehr Menschen, die als weiblich kategorisiert werden, von sexualisierter Gewalt betroffen sind. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, wenn zwei weiblich kategorisierte Menschen aufeinander treffen, Nähe und Sex mit einander teilen, dass mindestens eine, wenn nicht beide entsprechende Erfahrungen und einen entsprechenden Umgang zum Beispiel mit sogenannten „automatischen Abwehrreaktionen“  hineinbringen – ob das sich um Femme oder Butch handelt.

Stichwort „emotionaler Panzer“: Warum ich aber Schwierigkeiten mit einer solchen Stoneness-Identität habe, weil damit meine Butch-Identität und Sexualität zu einer des „Überlebens“ stilisiert wird. Das will ich nicht, mich über „Überleben“ definieren“. Hei, wo ist das gute&geile Leben? Klar, kann ich dieses fette, häßliche und schmerzhafte Korn Wahrheit nicht leugnen. Das gute&geile& auch mal leichtere (Er-)Leben und Femmes so zu begegnen ist für mich immer wieder harte Arbeit. Auch meine ich nicht, dass Stoneness wegtherapiert, weggeheilt werden muss (- die Frage auch: WOHIN wegheilt? Dass ich dann keine Lust mehr auf Strap-ons habe oder Femme nicht mehr, wenn sie „geheilt“ ist?). Hinweise auf „Heilung“ werden bei XanWest zum Beispiel vehement abgelehnt. Ich meine, so vehement muss ich „Heilung“ nicht ablehnen. Warum kann ein anderes Verständnis von Stoneness nicht bedeuten, GLEICHZEITIG Grenzen (also „Panzer“ vielleicht aufgrund von „Narben“ und „Wunden“) und dennoch einen entspannteren Umgang mit dem eigenen Körper, den Emotionen und denen anderer zu haben oder entwicklen zu wollen? Dann kann die Limitierung von körperlicher/sexueller Berührung als eine Form lustvoller und „selbstgewählter“ restraints wahrgenommen werden. Besser Grenzen haben zu wollen und setzen zu können, als sie des Überlebens und der Kontrolle und Sicherstellung dessen haben zu müssen.

Das Argument „nicht auf weibliche Art und Weise berührt werden wollen“ wird bei XanWest nicht genannt, aber ich will es noch mal aufnehmen und dagegen halten:

Nicht als „Frau“ berührt werden zu wollen wird mit Penetration gleichgesetzt. Penetration als sexuelle Praxis. Darunter wird in der Regel vaginale Penetration verstanden.  Anale Penetration oder andere „Penetrationspraxen“ von Mund, Haut werden damit nicht mitgedacht. „Penetration“ wird statt dessen weiblich gegendert. Das heißt, mit diesem Argument findet genau das statt, wogegen sich sonst abgegrenzt wird: Es ist ein doing-gender-Argument. Und zugleich bringt es Gender („Weibliches“) erst mit Sexualität (bzw. eine bestimmte sexuellen Handlung) zusammen, in dem  unterstellt wird, es gäbe eine „weibliche“ oder „männliche“ Sexualität. Ja klar, es gibt kulturelle, gegenderte sexy Inszenierungen von sexuellen Praxen/Handlungen, also sexuelle Handlungen gegendert zu „feiern“. Aber reicht es nicht für StoneButch aus – so ganz schlicht ohne gender-schnick-schnack -, festzustellen und zu sagen: Danke nein, ich stehe nicht auf vaginale Penetration ( – und meine Brust kann so oder nicht so berührt werden). Aber ich liebe es sehr und macht mich an, wenn mein Femme-Gegenüber drauf steht!“ Müssen ja nicht alle die selbe Eissorte wollen und mögen, oder?!

Weiterer StoneButch-Senf zu den anderen spannenden Punkten folgt…

(Einige meiner Überlegungen sind durch XanWests StoneBlog inspiriert und einem Text von Robin Maltz zu „Real Butch…“ (1998) – und wie immer durch gute Gespräche! Danke für passionierte Herzen und Hirne!
XanWest bietet Workshops zum Thema Stone-Sexualität an und im ersten Teil seiner BlogSerie geht er auf das allgemeine Verständnis oder auch Unverständnis in queeren und lesbischen Communities ein, was das Oxymoron Stoneness hervorruft.)

Westdeutsche Sittlichkeit: Sexualitäten und andere ‚Perversionen‘ in den 60er und 70er Jahren

„Im Zuge des Reformvorhabens „Mehr Demokratie wagen“ der sozial-liberalen Koalition fanden umfassende Rechtsreformen zwischen Ende der 1960er bis Mitte der 1970er Jahres statt, wie die des Sexualstrafrechts, das heißt „Straftaten gegen die Sittenordnung“. Konservative bürgerliche Rechtsnormen, die Geschlechterverhältnisse und Sexualitäten bereits im deutschen Kaiserreich regulierten, blieben in der Adenauer-Zeit noch durch Modernisierungsoffensiven unangetastet, sollten zum Teil gar ausgebaut werden. Ein Regierungsentwurf des StGB von 1962, welcher allerdings nie gesetzlich implementiert werden konnte, spiegelte den restriktiven Zeitgeist.

„[Er] sah vor, sämtliche Straftatbestände mit Bezug zu Religion, Ehe oder `Sittlichkeit` unter die neue Überschrift `Straftaten gegen die Sittenordnung` zu fassen und durch Aufspaltung einzelner Tatbestände aus den bislang 28 nicht weniger als 47 Paragraphen zu machen. Angefangen mit Gotteslästerung reichte der Abschnitt über Ehebruch, das `Zugänglichmachen` von Verhütungsmitteln und 17 verschiedene Straftatbestände mit dem Wort `Unzucht` in der Überschrift […] bis hin zu allein fünf Kuppel-Paragraphen und einem zu Tierquälerei.“ (Steinke 2005: 63)

Erinnert sei hier zudem an strafrechtliche Restriktionen männlicher Homosexualität: Bis 1969, trotz an das Bundesverfassungsgericht formulierte Beschwerden, galt eine Fassung des § 175 StGB aus dem Jahre 1935, die männliche – jedoch nicht weibliche – „widernatürliche Unzucht“ mit Gefängnis bestrafte, oder in milderen Formen „sittlich labilen Menschen“ beispielsweise einen PKW-Führerschein verweigerte (vgl. Steinke 2005: 61), um ihren Mobilitätsradius und damit potenzielle Straftaten zu reduzieren. Rosa von Praunheims1 Filmtitel „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation in der er sich befindet“ fasst pointiert die homophobe gesellschaftliche Atmosphäre zusammen, und sollte zum politisierenden Weckruf für bundesdeutsche Schwule gelten. Einen solchen Politisierungsprozess zeigte der Film: Aus der Provinz kommend, bewegt sich der junge Protagonist in der homosexuellen Subkultur Westberlins zwischen Bars und ‚Klappen’. Das Zusammentreffen mit einem „emanzipierten Schwulen“ und dessen Wohngemeinschaft schwuler Männer eröffnen ihm politisierte Lebens- und Handlungsmöglichkeiten in einer homophoben Gesellschaft. Zugleich spiegelt der Film von 1970 den politischen Aufbruch homosexueller und transgender Personen wider, wie in den Stonewall Riots 1969 in New York geschehen, der sich ebenso wie die Anti-Vietnam-Proteste internationalisierte.

Das mediale Echo, das die TV-Ausstrahlung 1972 in der BRD auslöste, wurde von einem Aussendeskandal begleitet. Der Auftraggeber WDR sendete als einziger Sender den Film, während die ARD kurzfristig absagte und die Aufführung um ein Jahr verschob. Während der Ausstrahlung schaltete sich 1973 der Bayrische Rundfunk aus Protest aus (vgl. Sigusch 2010: 5).

Trotz einer vermehrten politischen Skandalisierung von homophoben Diskriminierungsstrukturen und zugleich einer breiteren Öffentlichkeit für nicht-heterosexuelle Lebensentwürfe und Identitäten sollte der § 175 StGB erst 1994 ersatzlos gestrichen werden, der in der DDR bereits 1957 gestrichen wurde (vgl. Gammerl 2010: 9). Insbesondere in Männlichkeitsbastionen, wie der Bundeswehr – oder aktuell die Fussballbundesliga – genügte der Verdacht des Schwulseins, um öffentliches Aufsehen zu erregen. Noch 1983/84 brachten entsprechende Gerüchte den damaligen stellvertretenden NATO-Oberbefehlshaber und Bundeswehrgeneral Günter Kießling zu Fall bzw. weiteten sich zu einer medialen und Verteidigungspolitischen „Affäre Kießling“ aus. Schwul-lebische Aktionsgruppen nahmen diesen Skandal auf und skandalisierten den selbigen, ebenso wie den § 175 StGB.

Obwohl der §175 StGB Lesben im Nachkriegswestdeutschland strafrechtlich nicht sanktionierte, so lässt sich beispielsweise am Mediendiskurs um und die Justizpraxis im Strafprozess Ihns/Andersen von 1974 in der Schleswig-Holsteinischen Provinzstadt Itzehoe ablesen, in welcher Weise nicht-heterosexuell lebende ‚Frauen‘ sozialer Stigmatisierung ausgesetzt waren. Er zeigt auch wie Homosexualität und Devianz diskursiv miteinander legiert waren und Heterosexualität als natürliche und somit legitime Sexualität sittlich unhinterfragt blieb (vgl. Gammerl 2010: 7, 11). Zugleich brachte der Prozess exemplarisch alltägliche Gewaltverhältnisse innerhalb einer Ehe zu Vorschein. Diese wirkten sich jedoch nicht strafmildernd aus, da sie offenbar als einen – wenn auch dysfunktionalen und ins Private verwiesenen – Aspekt einer natürlichen Geschlechterordnung billigend in Kauf genommen wurden. Stattdessen sollte die sexuelle ‚Widernatürlichkeit’ als eigentlicher Motor der Tat im Vordergrund des Itzehoe-Prozesses stehen. Der SPIEGEL (Art. „Halbwüchsige haben hier nichts zu suchen“ 41/1974) konstatierte ironisch das richterliche Plädoyer:

„Daß die Angeklagten auch als Mörder verurteilt wurden, weil sie‚ zur Befriedigung des Geschlechtstriebs’ töten ließen, wagte er [der Vorsitzende Richter] nicht auszusprechen: das umschrieb er nur. Es ging eben auch um Homosexualität unter Frauen, und der stehen wir ja ganz unbefangen gegenüber.“

 Die BILD nahm den Skandal-Prozess zum Anlass, der als „Hexenprozess von Itzehoe“ zur Initialzündung der Lesbenbewegung in der Bundesrepublik werden sollte, eine über mehrere Ausgaben verteilte Serie „Die Verbrechen der lesbischen Frauen“ zu publizieren. Vorangegangen war ein Jahr zuvor die sensationslüsterne Reihe „Die homosexuellen Lustmörder“:

„Bild weiß: ‚Die Leidenschaft der lesbischen Frau kann zu den grausamsten Konflikten führen: zu verlassenen Kindern, zerrissenen Ehen, zu aller Art von Unglück, Tötung, Selbstmord, Mord … Der Männerekel steigt in vielen Stufen an. Von stiller, scheuer Abkehr steigert er sich zur Feindschaft gegen alles Männliche.‘ (H.v. Hentig, Die Kriminalität der lesbischen Frau, zitiert in Bild vom 29.8.74). Lesbierinnen offen wegen ihrer sexuellen Beziehungen zu bestrafen ist nicht jedermanns Sache, aber wenn homosexuell=kriminell, dann wird es sogar für den aufgeklärten Bürger eindeutig: das muß verurteilt werden, am besten lebenslänglich! […] Wehren wir uns gegen die sexuelle Unterdrückung der Frau! Schluß mit dem Zwang zur Heterosexualität! Freispruch für die weibliche Heterosexualität!“ (Flugblatt Frauenzentrum Frankfurt 1974, in Lenz 2010: 249)

Trotz homophober, diskriminierender Diskurse führte der Prozess zu einer deutlichen öffentlichen Sichtbarwerdung und Politisierung lesbischer Frauen, nicht alleine durch deren Proteste und Demonstrationen ab 1974 (Lenz 2010: 231, 243f.). Für eine aufklärerische mediale Öffentlichkeit sorgte wie auch im Falle des Praunheim-Films der Westdeutsche Rundfunk. Die 45-minütige Dokumentation von 1974 „…Und wir nehmen uns unser Recht ! Lesbierinnen in Deutschland“ von Claus Ferdinand Siegfried muss vor dem Hintergrund des Itzehoe-Prozesses gelesen werden. Er porträtierte Aktivistinnen der HAW (Homosexuelle Aktion Westberlin). Diese Dokumentation hatte einen politisierenden Effekt wie auch Praunheims Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers“ drei Jahre zuvor. Zugleich ermöglichte er in der prä-online-Ära der frühen 1970er Jahre bundesweite Information über lesbisches, emanzipatorisches Engagement, so dass er isoliert lebenden Lesben erreichte, die sich wiederum mit der HAW in Verbindung setzten (vgl. Kokula 1983: 72). Ein Jahr zuvor wurde im ZDF die TV-Dokumentation „Zärtlichkeit und Rebellion – Zur Situation der homosexuellen Frau“ von Eva Münthel gezeigt, in der die interviewten Frauen über ihren Lebens- und Familienalltag sprachen, aber auch über ihre politischen, feministischen Perspektiven. Vielen lesbischen Aktivist_innen galt die Dokumentation, obwohl sie das erste mediale Ereignis in der Bundesrepublik war, das lesbisches Leben thematisierte, als zu wenig kritisch (vgl. Gammerl 2010: 12).

Welche wichtige soziale Bedeutung eine sich als autonom verstehende frauenbewegte Infrastruktur, wie Frauencafés, Frauenzentren oder Frauenbuchläden, ab Mitte der 1970er Jahre für insbesondere lesbische Aktivist_innen vor diesem Hintergrund haben sollte, darauf weist der Band „100 Jahre Lesbengeschichte“ von Dennert/Leidinger/Rauchut (2007) hin. Allerdings fand in dieser Phase der 1970er Jahre ein Verdrängungsprozess der traditionellen homosexuellen Barkultur und der „Clique als konstituierendes Element der lesbischen Gemeinschaft“ durch „Emanzipationsgruppen“ statt. Beides porträtierte Ilse Kokula in ihrer klassischen Studie von 1983.

Zugleich waren die Lesben- und Schwulenbewegungen der 1970er und 1980er Jahre in der BRD wichtig, dass sich Lesben und Schwule als politische Identitäten und neue, emanzipatorische Gender verstanden – etwas das aktuell in Vergessenheit gerät.

1 Rosa von Praunheim, unter bürgerlichem Namen 1942 als Holger Mischwitzky geboren, ist schwuler Aktivist und Filmregisseur.“

Wer meinen Text zitieren will, Anfragen an Keleb.

Literatur:

Dennert, Gabriele/Leidinger, Christiane/Rauchut, Franziska (2007): In Bewegung bleiben. 100 Jahre Politik, Kultur und Geschichte von Lesben. Berlin: Querverlag.
Gammerl, Benno (2010): Eine Regenbogengeschichte. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. H. 15/16 (2010): 7–13.
Heinrich-Böll-Stiftung/Feministisches Institut (Hrsg.) (1999): Wie weit flog die Tomate? Eine 68erinnen-Gala der Reflexion. Berlin: Heinrich-Böll-Stiftung.
Kokula, Ilse (1983): Formen lesbischer Subkultur. Vergesellschaftung und soziale Bewegung. Berlin: Rosa Winkel.
Kokula, Ilse (1990): „Wir leiden nicht mehr, sondern sind gelitten“. Lesbisch leben in Deutschland. München: Knaur.
Lenz, Ilse (2010): Die neue Frauenbewegung in Deutschland. Abschied vom kleinen Unterschied, eine Quellensammlung. Wiesbaden: VS.
Steinke, Ron: „Ein Mann, der mit einem anderen Mann …“. Eine kurze Geschichte des § 175 in der BRD. In: Forum Recht. H. 2 (2005). 60–63.
Woltersdorff, Volker alias Lore Logorrhöe (2003): Queer Theory and Queer Politics. Geschlechterpolitiken. In: UTOPIE kreativ: Rosa-Luxemburg-Stiftung (Hrsg.).156: 914–923.