Kesser Vater

Back into the 80s: Von Problem-Butches und Grenzverläufen in „FrauenLesbenräumen“

Vorweg: So ärgerlich ich den Beitrag von Andrea Roedig finde, so positiv überrascht war ich von den vielen und guten Diskussionen, und dass „Butch“ plötzlich Thema wurde. Danke an die Autor_innen der anregenden und sehr differenzierten Blogbeiträge, in „Teile des Ganzen“ (siehe auch weiter unten im ButchBlog) oder in „Hirngefickt“, aber auch an die Diskussionsbeteiligten – wie evanjulian – und Beiträge auf facebook, die viel Argumentationsarbeit geleistet haben. Arbeitsteilig habe ich mich bei meiner Replik – Vorsicht! Bissig! – auf Aspekte historischer Willkommens- und Ausladungskultur in „FrauenLesbenräumen“ qua Identitätspolitiken und auf „Butch/Femme“ und einiges mehr konzentrieren können.

„Frauen mit weiblichem Pronomen“ only?

„Neulich erhielt ich die Einladung zu einer Frauenparty, die sich ausschließlich an „lesbische und bisexuelle Frauen (einschließlich Transfrauen)“ richtete; an Menschen also – so lautete der Zusatz –, „die sich grundsätzlich mit dem Pronomen ’sie‘ richtig beschrieben fühlen“. Das war, auch wenn es erst einmal harmlos klingt, ein kleines Politikum. Denn die sozialen und biologischen Geschlechtszuweisungen sind unübersichtlich geworden, die Zeichen der Zeit stehen auf diversity und Inklusion. „Wenn du … dich als ‚genderfluid‘ siehst, ist diese Party nicht für dich. Sie ist ebenfalls nicht für Transmänner, Transvestiten, Crossdresser und Männer“, hieß es weiter im Einladungstext. Das klingt nicht gerade nach gender bender. Die Veranstalterinnen wollten offenbar ein etwas aus der Mode gekommenes Modell exklusiver „Frauenräume“ wiederbeleben.“

Ja, ich stimme Andrea Roedig in ihrem ZEIT-Beitrag „Der Trend zu Trans“ zu, diese Formulierung der Einladungspolitik ist ein kleines Politikum – und Roedigs Beitrag und dessen Tenor ebenfalls. Zu letzterem komme ich später.

Ich wundere mich verstärkt, dass diese neue Ein- oder besser Ausladungspolitik auf „Frauenparties“, „Playparties“, kinky „FrauenLesben-„Stammtischen, dem „Lesbenfrühlingstreffen“ einen völlig unscharfen „Frau“-Begriff ins Feld führt, gleichzeitig aber mit Schärfe meint, „Genderfluides“, Trans*Maskulinitäten und „Männer“ klar umreißen zu können.

Mit bestechender Schlichtheit und zugleich sehr tricky im Definitions- und Identifikations-Wirrwarr: „Frauen“ sind also diejenigen, die sich mit einem weiblichen Pronomen „richtig“ beschrieben fühlen. Was aber genau wird hier mit „Frau“ angesprochen bzw. angerufen, so dass das Gefühl, das innere Konzept sagt: „Ja, richtig!“? „Frau“ als soziale, politische oder körperliche oder emotionale Erfahrung? Wie essentialistisch darf ich oder muss ich dieses angerufene Konzept „Frau mit weiblichem Pronomen“ verstehen?

Mein Coming-Out hatte ich 1989, wohlgemerkt als radikalfeministische Lesbe. Vielleicht ist es kein Wunder, dass bei mir sowohl bei den Einladungspolitiken, die auch mir in letzter Zeit gehäuft begegnet sind, als auch bei Roedings Artikel der Alarm „Differenzfeminismus!“ aufblinkt. Ich kenne den „Laden“ sozusagen von innen. Ist das jetzt ein „Back into the 80s!“, frage ich mich. Zeigt sich so eine Reaktion des gewachsenen Unbehagens auf zu viel queere Vielfalt, zu viel Gender-Differenz, vor allem auf zu viel trans*maskuline Differenz? Folgt ein neuer – ja, was denn nun? – weiblicher oder femininer Differenzfeminismus? Und dürfen cisgeschlechtliche Heteras überhaupt mitreden – oder sind die auch ausgeladen?

Lesben sind keine Frauen – oder doch?!

Manche feministischen *Mädchenprojekte gehen jedenfalls mit schöneren und klügeren Einladungspolitiken voran, z.B. „Für *Mädchen, die *Mädchen sein wollen und sollen“ . Dagegen mutet das Reclaiming von „Frauenraum inkl. weiblichem Pronomen“ – oder doch eher „Lesbenraum“? – in dieser holprigen Weise so seltsam altbacken an. Kommt bald der Ruf nach einer „Lesbian Nation“? Angesichts grassierender Nostalgie und Angst vor Diversität vielleicht nicht so weit entfernt. Bereits in den 1970er Jahren war Jill Johnstons Lesbian-Nation-Programmatik und die des lesbischen, territorienabsteckenden Separatismus  sehr umstritten, auch Diskurse um Frau als Identitätskategorie und vor allem als homogene Gruppe. Monique Wittig beispielsweise stellte bereits in den 1970er Jahren fest, dass „Lesbe“ nicht „Frau“ ist. Sie, die „Lesbe“ läge zu quer zur Butler’schen heteronoramtiven Matrix. Hoppla! Monique Wittig ist folglich nicht auf der „Frauen mit weiblichem Pronomen“-Party willkommen. Naja, und Judith Butler sowie so nicht. Hat maßgeblich zum gegenwärtigen Schlamassel, dem Genderdiversitäts- und Trans*gender-„Trend“ beigetragen, und sich gegen „Identitätspolitiken“ von „Frauen“, „Lesben“, „Schwulen“ gewandt. Wider dem weiblichen, lesbischen Kollektivsubjekt! Das heißt: Wieder zwei Gästinnen weniger, obwohl die in den 1970er, 1980er Jahren feministisch aktiv waren. Und wenn wir einen Sprung in der virtuellen Gästinnenliste in die 2000er Jahre machen: Auch einige Femmes werden sich nicht unbedingt als „Frau“ angesprochen und willkommen geheißen fühlen auf der „Frau mit weiblichem Pronomen“-Party. Bei Roedig aber fallen Femmes ohnehin unter den Party-Tisch.

Butches und das „Frauenraum“-Revival

Nun zu meinem Unbehagen mit Andrea Roedigs hochspektulativen Argumenten: Roedig erklärt den Leser_innen aus ihrer Sicht, aus welchen Gründen es das Frauenraum-Revival gibt: Eine Trauer- oder Kränkungsreaktion auf das Aussterben von „Butches“, die aufgrund von Transitionsprozessen der Lesbenszene verlustig gegangen sein sollen. Sie spricht hier überraschend despektierlich von Butches als „sich männlich gebärdende lesbische Frauen“. Zum Mitschreiben: Also, die Strategie ist nicht, verstärkte Bemühungen, jüngere Generationen oder begehrte Restexemplare von Butches willkommen zu heißen, also eine positive Butch-Maskulinitäts-Willkommenskultur an den Tag zu legen, sondern sich in den Schmollwinkel der „Frauenräume“ zu verziehen. Faszinierend, würde jetzt mein_e innere_r Vulkanier_in sagen.

Roedigs Party-Szenario bleibt tatsächlich faszinierend, weil so unklar: Wer verzieht sich? Aus welchem Grund? Lesbische Frauen, weil … potenzielle Partner_innen, „Schwestern“ verlustig gehen? Bisexuelle Frauen, weil … potenzielle Partner_innen, „Schwestern“ verlustig gehen? Sind Trans*Frauen/Femmes wirklich willkommen, oder nur ein Feigenblatt, bis dieses herab blättert und der Ruf nach OP-Zwang folgt? Wo sind in dem Party-Szenario diejenigen, die Trans*maskulinitäten explizit begehren und vor allem wo sind die butch-liebenden Femmes? Deren Klagen, deren erotische Trauer, das Gefühl von Verrat liegen historisch, erotisch und emotional nahe, da Butch/Femme als traditionell ein in lesbischen Nischen beheimateter Begehrenstypus war und ist. Butch/Femme versprach und bedeutete zugleich auch Bündnisse im verque(e)erenden Spannungsfeld von Gleichheit und Unterschiedlichkeit zwischen „Lesben“. Aber seltsam ist, in Roedigs Party-Szenario, noch im gesamten Beitrag fällt weder der Begriff „Femme“ oder „Butch/Femme“. Auch legt ihre obige Definition nicht nahe, Butch als Identifikation differenziert beschreiben zu können. Bereits ein Blick, alleine zu Recherchezwecken, in das deutschsprachige B/F-Forum seit 2002 hätte da weitergeholfen. Also, ich meine, Roedig selbst müsste sich nicht in den Schmollwinkel verziehen, da sie offensichtlich nicht allzu butch-affin ist.

Back into the 80s – Grenzverläufe in „FrauenLesbenräumen“

Um mal wieder einen entzaubernden Blick auf die „FrauenLesbenräume“ der 1980er und auch noch 1990er Jahre zu werfen, der jede nostalgische Weichzeichnung grell werden lässt: Lesbische, insbesondere lesbisch-feministische „Frauenräume“ waren traditionell nicht butch- und auch nicht femme-affin. Das ist kein Geheimnis. Auch Trans*frauen/Femmes blieb in den 1980er und 1990er Jahren der symbolische und reale Zutritt zu feministischen Gegenräumen massiv verwehrt. An diese Ausschlusskultur bis Ende der 1990er Jahre von einem „Zuviel“ an kultivierter Femininität und Maskulinität, das z.B. Butch/Femme verkörperte, dürfte sich Roedig und alle lebhaft erinnern, die „Frauenräume“ noch als politische und sexuelle „Leitkultur“erleben durften. Ich jedenfalls erinnere mich gut. Es war nicht nur schlimm oder schrecklich, wirklich nicht. Ich habe mich die ersten Jahre sehr wohlgefühlt in meiner radikalfeministischen Lesbenidentität und den „Frauenräumen“. Sie hatten für mich tatsächlich etwas Utopisches, etwas das Möglichkeiten im Denken und im Solidarischen eröffnet. Wohler, freier und zukunftsoffener habe ich mich gefühlt als in gegenwärtigen queer-feministischen Kontexten, die ich zum Teil als dystopisch oder überraschend retro erlebe. Aber es blieben – zumindest bei mir – neben der Feststellung, dass diese feministischen Räume dennoch keine gewaltfreien „safe spaces“ waren (zu Gewalt unter Lesben bereits 1994, Constance Ohms) auch unausgesprochene Sehnsüchte nach „Mehr“, nach „Anders“, nach „Expliziter“. Diese szeneinternen Gleichheitsnormen taten sich mit Heterogenität, ob beim Begehren, im „Schönheitshandeln“ oder allgemein in Lebensentwürfen äußerst schwer.

Es gab seit Beginn der Zweiten bzw. Neuen Frauenbewegungen ab den 1970er Jahren Distinktions-, also Grenzverläufe zwischen „politischen“ und „unpolitischen“ lesbischen Lebensentwürfen. Eine Distinktion bezog sich beispielsweise auf Butch/Femme-Konstellationen, die als „unpolitisch“ markiert wurden (– bereits im Klassiker von Ilse Kokula zur „lesbischen Subkultur“ von 1981 nachgewiesen), da sie die erotischen Gleichheits-, körperlichen Androgynitätspostulate und Schönheitsnormen der lesbisch-feministischen Szenen durchbrachen, eine deutliche Differenz durch Femininitäts- und Maskulinitätsinszenierungen herstellten. Sie griffen damit auf ein Repertoire an ästhetischen Codes zurück, das als heteropatriarchal markiert war – „in Rock und Stöckelschuhen und diese ganzen Geschichten“ – und an vermeintlich heterosexuelle Praxen erinnerte:

„Es hat sich natürlich an diesen langen Haaren jetzt auch grad‘ so in der Lesbenszene natürlich festgemacht. Ich sag mal die Sub-Lesben, die unpolitischen Lesben, die – dann eher so … naja, der männliche Part mit kurzen Haaren, der weibliche Part mit langen Haaren – fanden wir natürlich alles zum Kotzen, ganz fürchterlich, so. Und wir als radikale Lesben dann alle mit kurzen Haaren und wir machen das nicht mit.“ (Interviewpartnerin, 1963 geboren, Aussage von 2008)

Gerade vor diesem Hintergrund empfinde ich es als Form der Instrumentalisierung, die Roedig in ihrem Beitrag mit „Butches“ und deren inneren und äußeren Kämpfen betreibt. Oder anders formuliert, es ist interessant, dass auf einmal von einer Seite – der lesbisch-feministischen – das „Aussterben von Butches“ beklagt wird, die in den 1980er und 1990er Jahren ein „Zuviel“ an Butch-Maskulinität und ein „Zuviel“ an Femme-Femininität als heteropatriarchal abgewertet hat – und es noch heute tut. Das ist scheinheilig.

Lässt sich da nicht folgende These aufstellen? Das was der NS an „homosexueller Subkultur“, in der Femmes und Kesse Väter selbstverständlich waren, noch nicht ganz zerstört hatte (zur Bedeutung des schwarzen und rosa Winkel, siehe Claudia Schoppmann), das hat der bundesdeutsche lesbische Radikalfeminismus in den 1970er und 1980er Jahren nicht willkommen geheißen, sondern als unpolitisch marginalisiert.

„Der“ trans*Problem-Butch muss leider draußen bleiben

Noch einmal zurück in die Jetztzeit und zu Roedigs Szenario: Unklar bleibt, wer eingeladen- oder ausgeladen ist. Wenn nun „Frauenräume“ eine Reaktion auf das „Butchsterben“ sind, diese – ob Nachwuchs oder Restexemplare – aber nicht in verstärktem Maße willkommen geheißen werden, sollen sie nun auch draußen bleiben? Das ist unklar, denn bei genauerer Kenntnis der bedrohten „Butch-Art“ würde sich zeigen, dass es Exemplare gibt, die weibliche und welche, die männliche Pronomen bevorzugen. Es gibt „die“ Butch und „der“ Butch. Muss nun „der“ Butch draußen bleiben? Gesichert ist, sobald sie_er Testo nimmt und damit zwangsläufig zum „Transmann“ wird, muß sie_er draußen bleiben.

Denn wie der Roedig’sche Volksmund schon weiß, „Transmänner“ haben dann automatisch „behaarte Brust, Bierbauch und rüde Manieren“. Im Umkehrschluss: Von zu viel Körperbehaarung und ihrer Pflege, Körperfülle und schlechtem, gar sexistischen oder gewaltvollem Benehmen sind dagegen lesbisch-feministische, bisexuelle und Trans*Frauen bekanntlich weit entfernt und damit auch die angenehmeren und attraktiveren Partygäste. (Sind Trans*Frauen/Femmes wirklich mitgemeint?)

Mal abgesehen von der ärgerlich stereotypen Darstellung von Trans*Maskulinität/Männlichkeit und ihrem vermeintlich gleichartigen Habitus, ist alleine Roedigs homogenisierende Annahme, „Transmänner“ hätten ihre Heimat ursprünglich in Lesbenszenen, als falsch zurückzuweisen. Nein, nicht „alle Transmänner sind verlorene (lesbische) Butches“. Das ist eine schlichte Eingemeindung. Nein, Lesbenszenen müssen sich nicht narzisstisch gekränkt fühlen, dass ihnen die erotischen Möglichkeiten abhanden kommen, zumal Butches wie oben ausführlich dargelegt, nicht gerade wohlgelitten waren und noch immer nicht sind. Ein Blick in verschiedene aktuelle Lesbenforen zeigt die interne Ablehung von als „nicht lesbisch (genug)“ definierter Femininität und von „female masculinity“ (nach Judith Jack Halberstam). Das alles findet nicht nur „da draußen“ in der bösen Heterowelt statt. Da hilft bei den einen nicht, die Haare abzuschneiden oder bei den anderen sie sich länger wachsen zu lassen. Und dann treffen sich alle bei maximal kinnlang – und einem weiblichen Pronomen? „Mannweib“ kann Butch auf Lesarion oder in anderen fb-Gruppen zu lesen bekommen, oder dass Butch/Femme-Identifikationen „Schubladendenken“ seien und Femmes für „lesbischeres“ Aussehen gelobt wurden. Ganz real geschehen auf einem der „Frauen mit weiblichem Pronomen“-Stammtische.

Fehlschluss: Die gemeine Spezies „Transmann“

Unbestritten ist, dass traditionelle Trans*Narrationen, u.a. geprägt durch die Pathologisierung von Trans*menschen und durch die medizisch-rechtlichen Diskurse, denen sie als „Patient_innen“ unterworfen sind, immer wieder hinterfragt werden müssen, zum Beispiel wie die Märchenstunden „im falschen Körper geboren“ oder „schon immer Frau/Mann“ gewesen zu sein, ebenso Partner_innen und Freund_innen zu „Angehörigen“ zu degradieren – darunter auch queere_lesbische Femmes und Lesben – oder Mythen über sogenannte Geschlechtshormone zu reproduzieren (vgl. Smilla Ebeling „Wenn ich meine Hormone nehme, werde ich zum Tier“). Letzteres ist eine allgemeine und weitverbreitete Bildungslücke – und nicht transspezifisch.

Dabei sollte nicht vergessen werden: Die soziokulturellen Herkünfte von Trans*Männern/Butches, ebenso von Trans*Frauen/Femmes, ihre maskulinen oder femininen Habitus, ihre politischen Positionen – ja, feministische Haltungen müssen nicht mit einer Transition verlustig gehen -, ihre sexuellen Interessen, ihre Selbstbezeichnungen und ihre Motive für eine Transition sind ausgesprochen divers und mittlerweile auch generationell bedingt unterschiedlich. Tatsächlich haben rechtliche Rahmungen, dass heißt das TSG („Transsexuellengesetz“) bis 2010, Transitionswege und Entscheidungen in Deutschland restriktiv beeinflusst, insbesondere den Zwang zu operativen Eingriffen. Dass dies auf individueller Ebene mit vielen Abwägungen, Sorgen, Befürchtungen, Unsicherheiten, Risiken verbunden war und ist, mit Arbeitslosigkeit, sozialer Ausgrenzung – nicht nur „da draußen“, auch in Szenen und Gruppen – , und einem 16-fach erhöhten Selbstmordrisiko, davon ist bei Roedig nichts zu lesen. Trans* ist bei ihr ein queerer Modetrend, eine Form der Selbstoptimierung: Rein in die Klamotten, ein paar Hormone eingeworfen und >schwupps< zum Trend-Tier werden. Unters Messer legen sich ja heute auch viele, um der Attraktivität nachzuhelfen. Endlich zu legitimen und wertvollem Humankapital werden. Heute noch Hip(ster), morgen schon ist der Bart ab. Und „lesbische, bisexuelle, und Transfrauen“ (wirklich mitgemeint?), ebenso wie Roedig – die virtuellen Partygäste – sind dem kapitalistischen Diskurs nicht unterworfen, tun das alles bekanntlich nicht und müssen erst einmal im „Frauenraum“ … – ja, was denn eigentlich? Geschlechtliche, sexuelle und gesellschaftliche Komplexität des 21. Jahrhunderts reduzieren.

Abschließend ein paar letzte Gedanken zu Diversität und Inklusion, die Roedig eingangs als Modetrend erwähnt: In einigen sozialen Nischenbereichen des globalen Nordens stehen die Zeichen auf Genderpluralität, sexueller Diversity, Inklusion und Entpathologisierung von nicht-heterosexuellen und gar transgeschlechtlichen Menschen. Das historisch äußerst kurze Frühlingserwachen in einigen Gesellschaften dieser Welt sollte nicht vergessen machen, dass dieses zeitgleich massiv bedroht ist und allgemeine soziokulturelle Diversität noch längst nicht zum Beispiel im deutschen Mainstream angekommen ist. Wir brauchen keine traditionellen (Sub-)Kulturverständnisse geprägt von Homogenitätserwartungen nach innen und Ausgrenzeung nach Aussen. Dass dieses Modell inklusive seines Reinheitsgebotes in Deutschland und Europa aktuell fröhlich Urständ feiert, ist eine Sache, aber wir sollten aufmerksam sein, dass sich nicht ähnliche Reinheitsgebote, Projektionen des Fremden oder von „Dolchstoß-Legenden“ in neuen, alten „FrauenLeben“-Zusammenhängen als reaktionäre Reaktion auf ihre Diversifizierung zu „FLIT“ und „LGBTQI“ auftun. Queer Politics bedeuteten nicht ein Mehr an Partikularismus und „moral majorities“, sondern „unsittliche“ Bündnisse über Unterschiede hinweg zu stiften. – Mehr denn je notwendig in rechtslastigen Zeiten von Pegida und „Besorgten Bürgern“.

Westdeutsche Sittlichkeit: Sexualitäten und andere ‚Perversionen‘ in den 60er und 70er Jahren

„Im Zuge des Reformvorhabens „Mehr Demokratie wagen“ der sozial-liberalen Koalition fanden umfassende Rechtsreformen zwischen Ende der 1960er bis Mitte der 1970er Jahres statt, wie die des Sexualstrafrechts, das heißt „Straftaten gegen die Sittenordnung“. Konservative bürgerliche Rechtsnormen, die Geschlechterverhältnisse und Sexualitäten bereits im deutschen Kaiserreich regulierten, blieben in der Adenauer-Zeit noch durch Modernisierungsoffensiven unangetastet, sollten zum Teil gar ausgebaut werden. Ein Regierungsentwurf des StGB von 1962, welcher allerdings nie gesetzlich implementiert werden konnte, spiegelte den restriktiven Zeitgeist.

„[Er] sah vor, sämtliche Straftatbestände mit Bezug zu Religion, Ehe oder `Sittlichkeit` unter die neue Überschrift `Straftaten gegen die Sittenordnung` zu fassen und durch Aufspaltung einzelner Tatbestände aus den bislang 28 nicht weniger als 47 Paragraphen zu machen. Angefangen mit Gotteslästerung reichte der Abschnitt über Ehebruch, das `Zugänglichmachen` von Verhütungsmitteln und 17 verschiedene Straftatbestände mit dem Wort `Unzucht` in der Überschrift […] bis hin zu allein fünf Kuppel-Paragraphen und einem zu Tierquälerei.“ (Steinke 2005: 63)

Erinnert sei hier zudem an strafrechtliche Restriktionen männlicher Homosexualität: Bis 1969, trotz an das Bundesverfassungsgericht formulierte Beschwerden, galt eine Fassung des § 175 StGB aus dem Jahre 1935, die männliche – jedoch nicht weibliche – „widernatürliche Unzucht“ mit Gefängnis bestrafte, oder in milderen Formen „sittlich labilen Menschen“ beispielsweise einen PKW-Führerschein verweigerte (vgl. Steinke 2005: 61), um ihren Mobilitätsradius und damit potenzielle Straftaten zu reduzieren. Rosa von Praunheims1 Filmtitel „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation in der er sich befindet“ fasst pointiert die homophobe gesellschaftliche Atmosphäre zusammen, und sollte zum politisierenden Weckruf für bundesdeutsche Schwule gelten. Einen solchen Politisierungsprozess zeigte der Film: Aus der Provinz kommend, bewegt sich der junge Protagonist in der homosexuellen Subkultur Westberlins zwischen Bars und ‚Klappen’. Das Zusammentreffen mit einem „emanzipierten Schwulen“ und dessen Wohngemeinschaft schwuler Männer eröffnen ihm politisierte Lebens- und Handlungsmöglichkeiten in einer homophoben Gesellschaft. Zugleich spiegelt der Film von 1970 den politischen Aufbruch homosexueller und transgender Personen wider, wie in den Stonewall Riots 1969 in New York geschehen, der sich ebenso wie die Anti-Vietnam-Proteste internationalisierte.

Das mediale Echo, das die TV-Ausstrahlung 1972 in der BRD auslöste, wurde von einem Aussendeskandal begleitet. Der Auftraggeber WDR sendete als einziger Sender den Film, während die ARD kurzfristig absagte und die Aufführung um ein Jahr verschob. Während der Ausstrahlung schaltete sich 1973 der Bayrische Rundfunk aus Protest aus (vgl. Sigusch 2010: 5).

Trotz einer vermehrten politischen Skandalisierung von homophoben Diskriminierungsstrukturen und zugleich einer breiteren Öffentlichkeit für nicht-heterosexuelle Lebensentwürfe und Identitäten sollte der § 175 StGB erst 1994 ersatzlos gestrichen werden, der in der DDR bereits 1957 gestrichen wurde (vgl. Gammerl 2010: 9). Insbesondere in Männlichkeitsbastionen, wie der Bundeswehr – oder aktuell die Fussballbundesliga – genügte der Verdacht des Schwulseins, um öffentliches Aufsehen zu erregen. Noch 1983/84 brachten entsprechende Gerüchte den damaligen stellvertretenden NATO-Oberbefehlshaber und Bundeswehrgeneral Günter Kießling zu Fall bzw. weiteten sich zu einer medialen und Verteidigungspolitischen „Affäre Kießling“ aus. Schwul-lebische Aktionsgruppen nahmen diesen Skandal auf und skandalisierten den selbigen, ebenso wie den § 175 StGB.

Obwohl der §175 StGB Lesben im Nachkriegswestdeutschland strafrechtlich nicht sanktionierte, so lässt sich beispielsweise am Mediendiskurs um und die Justizpraxis im Strafprozess Ihns/Andersen von 1974 in der Schleswig-Holsteinischen Provinzstadt Itzehoe ablesen, in welcher Weise nicht-heterosexuell lebende ‚Frauen‘ sozialer Stigmatisierung ausgesetzt waren. Er zeigt auch wie Homosexualität und Devianz diskursiv miteinander legiert waren und Heterosexualität als natürliche und somit legitime Sexualität sittlich unhinterfragt blieb (vgl. Gammerl 2010: 7, 11). Zugleich brachte der Prozess exemplarisch alltägliche Gewaltverhältnisse innerhalb einer Ehe zu Vorschein. Diese wirkten sich jedoch nicht strafmildernd aus, da sie offenbar als einen – wenn auch dysfunktionalen und ins Private verwiesenen – Aspekt einer natürlichen Geschlechterordnung billigend in Kauf genommen wurden. Stattdessen sollte die sexuelle ‚Widernatürlichkeit’ als eigentlicher Motor der Tat im Vordergrund des Itzehoe-Prozesses stehen. Der SPIEGEL (Art. „Halbwüchsige haben hier nichts zu suchen“ 41/1974) konstatierte ironisch das richterliche Plädoyer:

„Daß die Angeklagten auch als Mörder verurteilt wurden, weil sie‚ zur Befriedigung des Geschlechtstriebs’ töten ließen, wagte er [der Vorsitzende Richter] nicht auszusprechen: das umschrieb er nur. Es ging eben auch um Homosexualität unter Frauen, und der stehen wir ja ganz unbefangen gegenüber.“

 Die BILD nahm den Skandal-Prozess zum Anlass, der als „Hexenprozess von Itzehoe“ zur Initialzündung der Lesbenbewegung in der Bundesrepublik werden sollte, eine über mehrere Ausgaben verteilte Serie „Die Verbrechen der lesbischen Frauen“ zu publizieren. Vorangegangen war ein Jahr zuvor die sensationslüsterne Reihe „Die homosexuellen Lustmörder“:

„Bild weiß: ‚Die Leidenschaft der lesbischen Frau kann zu den grausamsten Konflikten führen: zu verlassenen Kindern, zerrissenen Ehen, zu aller Art von Unglück, Tötung, Selbstmord, Mord … Der Männerekel steigt in vielen Stufen an. Von stiller, scheuer Abkehr steigert er sich zur Feindschaft gegen alles Männliche.‘ (H.v. Hentig, Die Kriminalität der lesbischen Frau, zitiert in Bild vom 29.8.74). Lesbierinnen offen wegen ihrer sexuellen Beziehungen zu bestrafen ist nicht jedermanns Sache, aber wenn homosexuell=kriminell, dann wird es sogar für den aufgeklärten Bürger eindeutig: das muß verurteilt werden, am besten lebenslänglich! […] Wehren wir uns gegen die sexuelle Unterdrückung der Frau! Schluß mit dem Zwang zur Heterosexualität! Freispruch für die weibliche Heterosexualität!“ (Flugblatt Frauenzentrum Frankfurt 1974, in Lenz 2010: 249)

Trotz homophober, diskriminierender Diskurse führte der Prozess zu einer deutlichen öffentlichen Sichtbarwerdung und Politisierung lesbischer Frauen, nicht alleine durch deren Proteste und Demonstrationen ab 1974 (Lenz 2010: 231, 243f.). Für eine aufklärerische mediale Öffentlichkeit sorgte wie auch im Falle des Praunheim-Films der Westdeutsche Rundfunk. Die 45-minütige Dokumentation von 1974 „…Und wir nehmen uns unser Recht ! Lesbierinnen in Deutschland“ von Claus Ferdinand Siegfried muss vor dem Hintergrund des Itzehoe-Prozesses gelesen werden. Er porträtierte Aktivistinnen der HAW (Homosexuelle Aktion Westberlin). Diese Dokumentation hatte einen politisierenden Effekt wie auch Praunheims Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers“ drei Jahre zuvor. Zugleich ermöglichte er in der prä-online-Ära der frühen 1970er Jahre bundesweite Information über lesbisches, emanzipatorisches Engagement, so dass er isoliert lebenden Lesben erreichte, die sich wiederum mit der HAW in Verbindung setzten (vgl. Kokula 1983: 72). Ein Jahr zuvor wurde im ZDF die TV-Dokumentation „Zärtlichkeit und Rebellion – Zur Situation der homosexuellen Frau“ von Eva Münthel gezeigt, in der die interviewten Frauen über ihren Lebens- und Familienalltag sprachen, aber auch über ihre politischen, feministischen Perspektiven. Vielen lesbischen Aktivist_innen galt die Dokumentation, obwohl sie das erste mediale Ereignis in der Bundesrepublik war, das lesbisches Leben thematisierte, als zu wenig kritisch (vgl. Gammerl 2010: 12).

Welche wichtige soziale Bedeutung eine sich als autonom verstehende frauenbewegte Infrastruktur, wie Frauencafés, Frauenzentren oder Frauenbuchläden, ab Mitte der 1970er Jahre für insbesondere lesbische Aktivist_innen vor diesem Hintergrund haben sollte, darauf weist der Band „100 Jahre Lesbengeschichte“ von Dennert/Leidinger/Rauchut (2007) hin. Allerdings fand in dieser Phase der 1970er Jahre ein Verdrängungsprozess der traditionellen homosexuellen Barkultur und der „Clique als konstituierendes Element der lesbischen Gemeinschaft“ durch „Emanzipationsgruppen“ statt. Beides porträtierte Ilse Kokula in ihrer klassischen Studie von 1983.

Zugleich waren die Lesben- und Schwulenbewegungen der 1970er und 1980er Jahre in der BRD wichtig, dass sich Lesben und Schwule als politische Identitäten und neue, emanzipatorische Gender verstanden – etwas das aktuell in Vergessenheit gerät.

1 Rosa von Praunheim, unter bürgerlichem Namen 1942 als Holger Mischwitzky geboren, ist schwuler Aktivist und Filmregisseur.“

Wer meinen Text zitieren will, Anfragen an Keleb.

Literatur:

Dennert, Gabriele/Leidinger, Christiane/Rauchut, Franziska (2007): In Bewegung bleiben. 100 Jahre Politik, Kultur und Geschichte von Lesben. Berlin: Querverlag.
Gammerl, Benno (2010): Eine Regenbogengeschichte. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. H. 15/16 (2010): 7–13.
Heinrich-Böll-Stiftung/Feministisches Institut (Hrsg.) (1999): Wie weit flog die Tomate? Eine 68erinnen-Gala der Reflexion. Berlin: Heinrich-Böll-Stiftung.
Kokula, Ilse (1983): Formen lesbischer Subkultur. Vergesellschaftung und soziale Bewegung. Berlin: Rosa Winkel.
Kokula, Ilse (1990): „Wir leiden nicht mehr, sondern sind gelitten“. Lesbisch leben in Deutschland. München: Knaur.
Lenz, Ilse (2010): Die neue Frauenbewegung in Deutschland. Abschied vom kleinen Unterschied, eine Quellensammlung. Wiesbaden: VS.
Steinke, Ron: „Ein Mann, der mit einem anderen Mann …“. Eine kurze Geschichte des § 175 in der BRD. In: Forum Recht. H. 2 (2005). 60–63.
Woltersdorff, Volker alias Lore Logorrhöe (2003): Queer Theory and Queer Politics. Geschlechterpolitiken. In: UTOPIE kreativ: Rosa-Luxemburg-Stiftung (Hrsg.).156: 914–923.