Geschlecht

Wie ich einmal angekommen war

Schade, dass mein Muskeltonus zu verschiedenen Transitionsphasen nicht gemessen wurde. Dieses Diagramm wäre vielleicht aufschlussreicher als jeder Video-Vergleich.
Ich bin ruhig, als der Türsteher in der Schwulenbar meinen Ausweis sehen will und sich vertraulich zu mir neigt:
– Are you a girl?
– No, it’s just the name.
Er nickt, ich nicke und mein Herz hat nicht einen Schlag ausgesetzt.

Bevor ich mich auf den Weg gemacht habe, zu transitionieren, war ich mehr als skeptisch gegenüber jenem vielzitierten, seltsam nebulösen „Angekommensein“.
Was soll das bitte bedeuten, wie sich anfühlen? Wo ich doch schon der allzu griffig-allgegenwärtigen Formel des „Weges“ misstraue? Und ist für jemanden wie mich, der queer bleibt, in Unfrieden und Widerwillen gegen die heteronormative Zweigeschlechterordnung, ein „Ankommen“ in dieser Welt überhaupt denkbar?
Dass kein Datum einer Spritze, eines Krankenhaustermins, eines Behördenstempels dafür bürgen könnte, war naheliegend. Auch, dass eine Transition und ihr Endzustand sich nicht anfühlt wie auf Speed, Achterbahn und Kindergeburtstag alle Tage.
„Angekommensein“: Ein bestenfalls situativer Zustand, der über eine Tasse Tee nie hinausreichen wird? Physisch oder metaphysisch? Ein amorphes Gebilde, dessen Position und Gestalt sich umso mehr verändert, je weiter ich mich darauf hin bewege?

Ich glaube dennoch, ich bin angekommen.
Ich tue mich schwer, dieses Lebensgefühl zu beschreiben, weil es unaufgeregt ist, voll Alltäglichkeiten und Dingen, die für fast alle Menschen selbstverständlich sind und für mich erst langsam selbstverständlich werden.
Ich lebe nicht mehr in der Katastrophe und ich glaube nicht mehr an Wunder.
Transition bedeutet für mich nicht mehr und nicht weniger als die radikale Entscheidung, mich auf meinen Körper und meine Identität einzulassen. Angekommensein heißt, mit welchen Mitteln auch immer, frei genug geworden zu sein, deren Bedürfnisse zu erfahren und gerecht werden zu können.
Das ist alles.

Dem jungen Mann geht es gut.
Herrentoiletten, Herrenhaarschnitte, eine lange Reihe performativer Selbstverständlichkeiten.
Schon wieder in der Pronomenrunde eingenickt.

Es passieren immer noch schlimme Dinge dann und wann.
Individuell für mich, wenn die zwei kleinen Jungs am Pissoir neben mir sich so ungezwungen unterhalten, dass ich noch minutenlang die Fäuste in der Hosentasche balle. Wenn in der Facebook-Gruppe das alljährliche Klassentreffen-Doodle geteilt wird, ich ganz gefasst eine Pro-Kontra-Liste schreibe und nachts trotzdem schweißgebadet erwache, weil mir im Traum ein Bekannter erklärt hat, er werde niemals den neuen Namen benutzen, denn letztlich sei das mit dem Namen nunmal im Unterbewusstsein verankert, und das Unterbewusstsein lasse sich nicht betrügen.

Transition bleibt lange Frühling und, wenn es gut geht, länger noch Sommer.
Für die meisten sind es, ich wiederhole mich, ziemlich genau zwei Jahre, in denen sie Videos machen, auf Facebook schreiben, Stammtische und Tagungen besuchen, aktiv, selbstbewusst und politisch werden.
Ich bin überrascht, dass dieses Fenster von zwei dutzend Monaten für einige Menschen viel verändert, aber für die meisten alles in allem ziemlich wenig.
Eine hormonell-biologisch legitimierte Pubertät im Zeitraffer, ein bisschen rumprobiert, ein bisschen eskaliert, und danach rasten die meisten, klick-klack, ziemlich nahtlos wieder in ihre alten Wertesysteme ein, als wäre nie etwas geschehen.
Wer durch eine Transition nicht freigesetzt wird, wird niemals frei sein.
Diese allzu wahrscheinliche Tatsache finde ich höchst bedauerlich. Auch deshalb, weil es nur anfangs so schien, als seien meine Mit-Transitionierenden im selben Maße wie ich suchend gewesen, suchend und aufgewühlt, kochenden Blutes über die Ungerechtigkeiten der Welt, strampelnd und spuckend angesichts aufflutender Dysphorie, mit den Fingernägeln an den Knochen des heteronormativen Systems rüttelnd und kratzend, und darüber unabhängig, nachdenklich und ein bisschen fassungslos geworden.
Ich selbst vermisse manchmal das Gefühl dieser Ganz Großen Freiheit, in der alles fragwürdig schien, monatelang. Ich hatte das Privileg, meinen eigenen Kompass wählen zu dürfen. Meine Freiheit des Angekommenseins besteht darin, ihn zu kalibrieren, dessen Koordinaten zu folgen, nachzujustieren und darum zu wissen, dass nicht nur der Kompass sondern das Moos und die Sterne meine Wegzeichen sein können.
Ich habe Transitionierende, seien es Frauen und Männer auf dem Weg zu sich selbst, seien es Butches, aus denen Männer, Frauen, die zu Femmes wurden, genderqueere, die ihr binäres Coming-Out hatten und andersrum, in einer zutiefst offenen, verletzlichen, fragilen, prägenden Zeit ihres Lebens erblühen sehen dürfen.
Die beengende Last meiner eigenen Angst, Sinnsuche, den manchmal überwältigenden Ungewissheiten wurde mehr als aufgewogen durch die wilde Schönheit von Transitionsgesprächen: so viele Menschen, die das erste Mal Sex hatten; die eines Tages einen Namen trugen, der sie stark machen wird; die sich aufgemacht haben, endlich Pyrotechniker*in, Tättowierer*in und Pornostar zu werden.
Diese hoffnungsintensive Zeit ist für meinen Transitions-Jahrgang vorüber.
Wer jetzt keine Eltern hat, findet keine mehr. Wer immer noch nicht schlafen kann, wird lange schlaflos bleiben.

PS: Dieser Text erzählt nur vom gegenwärtigen Gefühl des Angekommenseins, für mich und im Verhältnis zu denen, die in einem ähnlichen Rahmen wie ich transitionier(t)en. Welche Faktoren dazu geführt haben und welche Auseinandersetzungen mit Körper und Identität dem vorausgingen, ist ein anderes Thema für einen anderen Beitrag. Und wie bereits der Titel spoilert: Dass es bei diesem ersten Angekommensein bleibt, habe ich auch nur einen kurzen Moment geglaubt.

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Warum ich queer bin

Meinen ersten bewussten und ausführlichen Kontakt mit Trans-Menschen hatte ich auf einer Jugendfreizeitfahrt. Ich entschied mich zögerlich und weit nach dem regulären Anmeldeschluss, mitzufahren. Und ich fuhr überhaupt nur mit, weil die Zielgruppe als „Lesben und Trans*“ ausgeschrieben war.
Sollte ich feststellen, nicht trans genug zu sein, könnte ich immer noch mit den Lesben rumhängen, dachte ich mir.
In der Realität funktionierte das natürlich nicht. Transjungs, -mädels und die Lesben saßen an jeweils verschiedenen Tischen. Zwischendurch durchaus Trinkspiele und Gespräche, doch die Lesben schienen mir in ihrer Geschlechtlichkeit so selbstverständlich verankert zu sein, dass meine Suche, mein Zweifeln und Fragen kaum auf Resonanz stieß.
Doch bevor ich das problematisch finden konnte, hatte ich bereits verstanden, dass ich in jedem Falle trans genug war.

Vielleicht wäre dieser Austausch produktiver verlaufen, hätte ich damals schon gewusst, was queer als Basis ermöglichen könnte.
Ein leiser Verdacht, vorsichtiges Zweifeln, ein ganz vorläufiges, intuitives, kaum konkretisiertes Infragestellen. Der eigene Körper vielleicht, Sexualität, die gesellschaftliche Geschlechterordnung, nur ein winziges Bisschen weniger selbstverständlich genommen. Noch gar nicht geklärt, geschweige denn entschieden, wo das alles hinführen soll.
Ich muss gar nicht genau sagen können, wer ich bin, welche Bezeichnungen zu meinem Körper passen, mit wem ich wie Sex haben will, ob Kinder, ein, zwei oder viele Partner*innen zugleich im Leben, romantisch oder aromantisch, da kann ich längst queer sein.
Ich erwarte von einer Identität, dass ich dadurch mehr Möglichkeiten habe als ohne. Ich erwarte u.a., im Windschatten einer Selbstbezeichnung sowohl geschützter als auch freier zu sein. Die Freiheit, auszuprobieren, zu fühlen, nicht zu wissen, nicht weiterzuwissen, und die Sicherheit, dass diese Freiheit erwünscht und bejaht wird.

Queer befreit mich davon, Erklärungen zu geben. Die Bezeichnung nimmt vorweg, dass mein Körper und Lebensentwurf, meine Ziele und Bedürfnisse nicht unhinterfragt den Normen entsprechen. Von einem queerem Menschen erwartet niemand, dass sich seine Zukunft zwischen 1,4 Kindern, Reihenmittelhaus und Gartenzwergen abspielt.
Zugleich unternimmt diese Bezeichnung zumindest den Versuch, sichtbar zu machen, wie viel harte Arbeit hinter meiner sexuellen und geschlechtlichen Identität steckt. Denn nein, meine Identität ist nicht vom Himmel gefallen und nicht aus dem Boden gewachsen, sondern das Ergebnis langjähriger Erfahrungen, Gefühlen, kritischer Auseinandersetzung und Reflektion.
Queer drückt für mich auch eine politische Identität aus. Das ist einer der Gründe, warum ich dieses Label, überhaupt ein Label wichtig finde: Es ist eine Möglichkeit, die teils gemeinsamen, teils auch sehr verschiedenen Ziele von LSB und T und I eben nicht einzeln, sondern immer wieder auch zusammen anzugehen.
Die Vorgeschichte und die Diskurse rund um „queer“, im deutschsprachigen Raum jedenfalls, sind andere als die um klassische Homo- und Transidentitäten. Während die Selbstbezeichnung als „schwul“, „bi“, „lesbisch“ und „trans“ sowohl von der Community als auch von der Außenwelt fast immer mit der Erwartung an ein Outing verbunden ist, sind an eine Queer-Identität (noch?) keine solche Anforderungen geknüpft.

Queer ist der Begriff, der mir am wenigstens Mühe bereitet hat. Viel weniger Arbeit und Bedenken, als Lesbe, Butch, Transmaskulinität und Transmann mich nacheinander gekostet haben.
Diese Identität scheint mir zugleich viel weniger anfällig als andere. Bin ich noch schwul, wenn ich einmal mit einer Frau schlafe? Bin ich noch lesbisch, wenn ich mit einem Transmann zusammen bin? Und als was identifiziere ich mich, wenn ich trans und asexuell bin?
Queer erspart diese müßigen Auseinandersetzungen. Bietet genug Raum für Entwicklungen und neue Wege, innerhalb eines nicht allzu beengten Regenbogenspektrums, eine zeitlang jedenfalls. (Macht dabei vielleicht notwendige und produktive Abgrenzungsversuche zu leicht? Reicht auf Dauer womöglich nicht weit genug?)
Ich habe mich oft gefragt, ob ich maskulin, trans oder homosexuell genug bin. Ich hatte hingegen weit weniger Zweifel, ob queer als Selbstbezeichnung mir passt.
Nicht trans genug, und, häufiger noch, nicht Butch genug zu sein, ist mir regelmäßig unterstellt worden. Dagegen wurde viel seltener behauptet, ich wäre nicht queer genug.
Das ist vermutlich ein Zeit-Phänomen, und ich nehme stark an, dass jede Generation vor und nach mir größere Schwierigkeiten darin sieht, sich diesen Begriff anzueignen.

Zwischenzeitlich habe ich die theoretischen Hintergründe von Queer kennen und schätzen gelernt. Judith Butler gelesen, ganze Sammelbände über Diskurs, Macht, Feminismus verschlungen und viele Semesterwochenstunden mit Queer Theorie verbracht.
Diese Selbstbezeichnung stellt ganz en passant eine Verbindung her zwischen diesem theoretischen Fundament, meinem politischem Engegament und meiner persönlichen geschlechtlichen Identität.
Ich will meine Identität fühlen, aber ich will sie auch denken können.

Aus diesen Gründen war und ist das Adjektiv queer seit langem der Minimalkonsens meiner Geschlechtlichkeit wie auch meines politischen Engagements. Während die Substantive meiner Identität sich immer wieder verändert, ergänzt oder neue Bedeutungen angenommen haben, war queer mindestens eine konstante Aussage, die ich bislang immer über mich treffen konnte.
Dabei war und bin ich nicht mit allen politischen Anliegen, die unter dieser Bezeichnung angestrebt wurden und werden, einverstanden. Gewiss ist queer, ebenso wenig wie jedes andere Label, davor gefeit, ideologisiert und anderweitig missbraucht zu werden.
Ich schließe nicht aus, dass dieser Fall eintritt. Ich sehe auch die Möglichkeit, dass ich selbst eines fernen Tages aus diesem Begriff herausgewachsen bin. Für den Augenblick jedoch ist es ein schönes, starkes und vor allem: ein befreiendes Konzept.

Für mich liegt in Queerness eine utopische, transzendente Komponente. Die Hoffnung auf eine bessere, gerechtere Welt, die Hoffnung auch, dass Körper, Identität und Sex mehr sein kann als das, was jetzt schon denkbar und möglich ist.
Ich mag den Gedanken, dass Worte nicht nur Schubladen, Etikette und Grenzen bedeuten können, sondern die Macht haben, ein bisschen mehr Freiheit zu ermöglichen.
Und manchmal fühle ich mich dabei wieder an den Zauber des Anfangs erinnert, wie ich zwischen Bücherregalen bis zur Altbaudecke in der staubigen Ein-Zimmer-Bibliothek für Frauen- und Geschlechterstudien meine allerersten Erkundigungen über Dragkings und Zwischengeschlechter, Feminismus und Queer unternahm, hastig blätternd, noch im Stehen auf der Leiter.