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Trans* und Queer in Psychotherapie. Ein How-To.

– In Ihrem Alter, sagt Frau R. In Ihrem Alter muss man vorsichtig sein mit Diagnosen.
Der Raum ist hell, ein weitläufiges Grün, Sonne vor dem Fenster, die Wände voll abstrakter Kunst in warmen Tönen, ein Glas perlenden Wassers auf dem Glastisch.
Frau R. hat schon viele Transpersonen therapeutisch begleitet. Sie erklärt mir, wie sie vorgeht: nach dem Kennenlernen bekommt jede*r Patient*in einen ausführlichen lebensgeschichtlichen Fragebogen, ca. 25 Seiten lang, der als Gesprächsgrundlage dient.
Frau R. sagt, Transparenz sei ihr sehr wichtig. Deswegen dürfe jeder Patient bei ihr die Akte lesen. Und das müsse genau überlegt sein mit den Diagnosen, denn in meinem Alter, wie gesagt, da stünde noch was auf dem Spiel.
– Ich erstelle dann anhand dieses Fragebogens die Diagnosen und wir besprechen das zusammen.
Ich nicke.
– Sie müssen aber schon auch damit rechnen, dass ich Ihre Transsexualität infrage stelle, sagt Frau R.

Ich war lange auf der Suche nach einer guten Therapie. Das hat mit chronisch knappen Therapie-Plätzen zu tun, mit dem noch prekärereren Mangel an Therapeut*innen, die trans*- und queer-bejahend sind und vor allem mit Erlebnissen wie jenes mit Frau R.
Wie man einen Therapie-Platz sucht und finden kann, habe ich also in mehreren Monaten Versuch und Irrtum gelernt. Ich habe einige Erfahrungen zusammen gefasst, die sich für mich als hilfreich erwiesen haben, um eine den eigenen Wünschen und Zielen möglichst entsprechende Therapie zu beginnen.

Im Voraus

– Zeit nehmen (in allen Stadien der Suche). Vorgespräche bei mehreren Therapeut*innen vereinbaren. Du hast das Recht auf fünf probatorische Sitzungen bei jeder Therapeut*in, und es ist auch dein Recht, alle fünf Sitzungen zu nehmen (auch wenn dich viele Therapeut*innen ggf. unter Druck setzen werden, dich schneller zu entscheiden).
– Ziel und Zweck der Therapie bestimmen. Machst du Therapie, weil du musst oder weil du willst? Wenn du selbst möchtest, was genau erhoffst du dir? Wie stellst du dir deinen optimalen Therapie-Verlauf vor: Möchtest du einfach 5-20 Minuten einmal im Monat kurz von deinem aktuellen Alltag und Transitionsstand berichten und dann wieder gehen? Möchtest du mit deiner Therapeut*in über Trans* in Geschichte und Gegenwart philosophieren? Möchtest du zwar die Bescheinigung über die 18 Monate Therapie aufgrund von „Transsexualismus“, aber eigentlich eine andere Thematik (berufliche Orientierung, Familie, Sucht, …) bearbeiten?
– Setze Prioritäten. Wenn du primär z.B. eine Sucht-Thematik angehen möchtest, ist es möglicherweise sinnvoll, eine Therapeut*in mit diesem Schwerpunkt zu wählen, und ihr besprecht in den ersten Sitzungen, was du in Bezug auf deine Transition von ihr*ihm brauchst.
– Person des Therapeut*in. Ist es dir wichtig, dass die Person schon Erfahrung mit Trans* hat? Willst du ein*e Therapeut*in eines bestimmten Geschlechts, mit oder ohne eigene Transitionserfahrung? Sind dir Altersabstand zwischen dir und dem Therapeut*in oder bestimmte berufliche Qualifikationen wichtig (z.B. ein bestimmtes Studium, Zusatzausbildungen in EMDR, …)?
– Über den Rahmen und die Methode informieren. Es gibt aktuell drei Therapie-Formen, die von deutschen Krankenkassen übernommen werden: Psychoanalyse, Verhaltenstherapie und tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie. Kommt nur eine oder mehrere Formen für dich infrage? Welche? Möchtest du in der Therapie eher mittel- und langfristige Themen bearbeiten, oder hast du z.B. aufgrund von Trauma akuten Bedarf?
– Bedenke mögliche Interessenkonflikte. Ist für dich ein vertrauensvolles therapeutisches Verhältnis möglich, wenn der Therapierende zugleich ein Gutachten für eine Vornamens- und Personenstandsänderung schreibt?

Während und nach den ersten Sitzungen

– Befrage deine*n Therapeut*in. Stelle eine Liste an Fragen zusammen, die dir wichtig sind. Sieht der Therapeut*in trans* als Krankheit oder lebenswerte Normvariante? Stimmt er*sie der Aussage zu, dass es mehr Geschlechter gibt als nur s.g. „Männer“ und „Frauen“? … Brauchst du ein*e Therapeut*in mit einer bestimmten Transitions-Kompetenz (z.B. um dich bei der Beantragung einer Mastektomie ohne Testo zu unterstützen)?
– Vertraue deinem Gefühl. Wer in den ersten Sitzungen einen dubiosen Eindruck macht oder von dem du einfach das unbestimmbare Gefühl hast, ihr*ihm nicht vertrauen zu können, dann ist die Person nicht die richtige für eine gemeinsame Therapie.
– Achte auf Professionalität des Therapeut*in.
Einige Zeichen für mangelnde Professionalität sind: nervöses, unruhiges Verhalten während der Sitzung (z.B. Nägel pulen, ständig Sitzposition wechseln, mit Fingern rumspielen, …), essen, ständiges Auf-die-Uhr-schauen. Unstrukturierte Sitzungen (z.B. Therapeut*in liest deine Krankenkassenkarte mitten in der laufenden Sitzung ein). Unterbricht dich in deinen Erzählungen. Wertende Bemerkungen und Zuschreibungen (z.B. „Die Hormone wirken aber gut bei Ihnen!“). Vergisst häufig, was in den vergangen Sitzungen besprochen worden ist. Respektiert deine Entscheidungen nicht (versucht z.B., dich zu Operationen zu überreden). Pausenloses notieren (in den ersten Sitzungen ist es normal, dass Therapeut*innen viel mitschreiben, um die Grundlagen zu protokollieren, das sollte jedoch nicht der Regelfall in den Sitzungen sein). Therapeut*in erzählt von sich und/oder lästert über Kolleg*innen. Just for the record: Auch Haustiere und Alkoholika haben in der Praxis nichts zu suchen.
Einige Zeichen für Professionalität sind: Unbewegte Mimik und ruhige Gestik. Strukturierte Sitzungen mit klar definiertem Anfang und Ende. Kein Überziehen des zeitlichen Rahmens. Nimmt Bezug auf deine vorherigen Berichte, auch wenn diese schon mehrere Sitzungen zurück liegen. Lässt dich immer ausreden. Dein Therapeut*in gibt dir eine Liste mit Adressen, an die du dich wenden kannst, wenn du den Eindruck hast, dass in der Therapie deine Grenzen überschritten werden oder du anderweitigen Klärungsbedarf im Therapeut*innen-Patient*innen-Verhältnis hast.
– Achte auf respektvolle Rahmenbedingungen. Der Therapeut*in spricht dich mit gewähltem Namen, Anrede und Pronomen an und stellt auch Bescheinigungen auf den neuen Namen aus.
– Erfrage relevante Details. Viele Therapeut*innen führen eine transspezifische Therapie gleich mit zusätzlichen Diagnosen zu F64.0 (Transsexualismus) durch oder übernehmen alte Diagnosen unhinterfragt. Überlege, ob und mit welchen Diagnosen du leben kannst. Für spätere Kranken-, Berufsunfähigkeits- und Lebensversicherungen sind bestimmte Diagnosen ein Ausschlusskriterium, selbst wenn sie lange zurückliegen.

Anders als zu vielen anderen Transitions-Themen (Operationen, Identitätsfindung, Ressourcen) empfand ich es bei der Therapie-Suche als wenig hilfreich, mich mit anderen auszutauschen.
Die meisten Trans*-Personen nehmen die erstbeste Therapeut*in, die einen Platz frei hat, um durch Wartezeiten ihre Transition nicht noch weiter zu verzögern. Wenn Therapeut*innen grenzüberschreitend, respektlos, wertend oder unprofessionell sind, wählen fast alle eher die innere Emigration als die Beschwerde oder (einen theoretisch jederzeit möglichen) Therapeut*innenwechsel.
Das hängt natürlich vor allem mit der enormen Abhängigkeit zusammen, denn für viele wichtige Transisionsschritte (Hormone, Vornamensänderung, Kostenübernahme für Operationen) ist derzeit die Zusammenarbeit mit Therapeut*innen unerlässlich. So lange die 18-monatige Psychotherapie als Richtlinie für Krankenkassen und MDK besteht, bleiben Transpersonen abhängig und erpressbar durch genau jene, deren Beruf es eigentlich ist, Menschen unabhängig und selbstbestärkend zu beraten und zu begleiten.
Darüber hinaus spielt für diesen unkritischen Umgang mit Psychotherapie auch eine Rolle, dass unter den transerfahrenen Therapeut*innen viele schlicht inkompetent sind. Um genau zu sein, so viele, dass in der Community mehr oder minder inkompetente Therapeut*innen die unhinterfragte Norm sind, so dass es schwierig ist, diesen Aspekt überhaupt erst zu realisieren, geschweige denn, sich dagegen zu verwehren.
Wer überdies nicht das Glück hat, in Berlin oder Nordrhein-Westfalen zu wohnen, hat angesichts der gravierenden Mangels an transspezifischen Therapieplätzen gar keine (oder nur unter Inkaufnahme von langen und teuren Fahrtwegen) Möglichkeit, eine Therapie nach den eigenen Wünschen und Bedürfnissen zu gestalten.
Daneben sind wie stets auch Sozialisation und internalisierte Transphobie eine Ursache für die schwierige Diskussionslage („Wenn mein Therapeut mich respektlos behandelt, bin ich selbst Schuld“), fehlende Informationen, insbesondere in deutscher Sprache („Irgendwie fühle ich mich unwohl in der Therapie, aber ich weiß auch nicht, wie es anders laufen könnte“), community-interne Vorurteile („Wenn deine Therapeutin dich missachtet, dann nur, weil du nicht richtig trans* bist!“) und das allgemein gesellschaftliche Stigma gegenüber Therapie („Wer eine Therapie macht, ist irgendwo auch bekloppt und hat gar keinen respektvollen Umgang verdient!“).

Ich hoffe, dass diese Liste dabei hilft, über Therapie-Erfahrungen ins Gespräch zu kommen. Kommentiert gerne, wenn ihr Ergänzungen habt oder von euren Erfahrungen mit transspezifischer Therapie berichten wollt.

Scham, Schuld und Transition

Ins Kleidchen gezwungen zur Einschulung. All die Dinge, die man dir nachgerufen hat auf dem Schulhof (anders, nicht normal, komisch, krank, hässlich, geh weg, sei tot). All die Dinge, die du zum Geburtstag niemals haben durftest und die Klamotten, von denen du dir selbst verbieten musstest, sie haben zu wollen.
Viele, vielleicht sogar: fast alle frühen Erinnerungen, denen im Nachhinein eine Schlüsselrolle für die Selbstidentifikation als trans zugeschrieben wird (und zwar sowohl von Transpersonen selbst wie auch von vielen Psycholog*innen), haben mit Scham zu tun.
Scham, so meine These, gehört von Kindheit an so untrennbar zu Transitionserfahrung, dass es nahezu unmöglich ist, zu transitionieren, sich zu outen oder ein geschlechtervariantes Leben zu führen, ohne wiederkehrend, dauerhaft und vielgestaltig beschämt zu werden. Deswegen ist es so schwer, sich dagegen zur Wehr zu setzen.
Beschämung wirkt von außen durch gesellschaftliche Normen auf das Individuum, aber auch innerhalb der Community findet die Beschämung häufig eine Fortsetzung. Beschämung ist sogar derartig allgegenwärtig, dass sie für eine transitionierende Person selbst häufig nicht mal mehr als solche zu erkennen ist.

Ein mögliches, recht allgemein verständliches Verständnis erklärt Scham als ein Gefühl der Peinlichkeit, Verlegenheit oder Bloßstellung. Scham tritt entweder als Reaktion auf die Verletzung der Intimsphäre auf oder als Reaktion auf das Bewusstsein, sich selbst oder jemand anderen an sozialen Normen oder Erwartungen scheitern zu sehen.
Theoretiker*innen im Anschluss an Eve K. Sedgwick vertreten die These, dass noch vor Identität, Sexualität oder Diskriminierung der kleinste gemeinsame Erfahrungsbestand von LGBTI* darin besteht, prägende Erfahrungen mit Scham gemacht zu haben und/oder zu machen. Scham bleibt deswegen, im Guten wie im Schlechten, lebenslang ein strukturierendes Element der eigenen sexuellen Identität und Geschlechtlichkeit.
Laut Sedgwick prägt Scham alle nicht-mainstream Identitäten und Sexualitäten bereits früh. Denn schon bevor ich mich bewusst schämen oder schuldig fühlen kann, weil ich noch gar nicht weiß, wer ich bin und „was mit mir los ist“, schäme ich mich wortlos und diffus dafür, „irgendwie anders“ oder „komisch“ zu sein. Indem ich nun feststelle, dass ich mich als „anders“ und „nicht selbstverständlich“ gegenüber Gleichaltrigen empfinde, und deswegen den Standard, die Norm „irgendwie nicht erfülle“, bin ich in diesem Moment schon etwas.
Wenn Scham, gemäß dieser Definition, nur für etwas empfunden wird, das ich bin, und umgekehrt kann ich aus dem Vorhandensein  von Gefühlen, die im weitesten Sinne mit Scham zu tun haben, darauf schließen, dass ich etwas bin, sein muss.
Selbst wenn die zugehörigen Gefühle, wenn überhaupt, meist nur retrospektiv als Scham identifiziert und benannt werden können, formt sich das eigene geschlechtliche und sexuelle Selbstbild als eigenständiges aus dieser Empfindung von Scham.
Im weiteren Verlauf treten zur Beschämung noch Schuldgefühle hinzu.
Eine umgangssprachlich gängige Unterscheidung besteht hierbei darin, dass jemand Scham dafür empfindet, etwas zu sein, während Schuldgefühle dafür empfunden werden, etwas getan zu haben.
Scham beispielsweise dafür, generell trans* zu sein (an kulturellen und gesellschaftlichen Normen zu versagen) und einen bestimmten (normwidrigen) Körper zu haben, denn jeder Mann, der nicht „schon immer einer war“ versagt grundsätzlich an der sozialen, und jeder Mann, der keinen normgemäßen Penis hat, versagt an der biologischen Norm für Männlichkeit.
Schuldgefühle dafür, sich geoutet zu haben, für einen neuen Namen oder eine Hormontherapie entschieden zu haben, jemandem von seiner Vergangenheit zu erzählen, eine Operation durchführen zu wollen.

Transpersonen werden systematisch durch allgemeine Vorurteile, aber auch gesellschaftliche Geschlechternormen beschämt.
Trans* wird in der Öffentlichkeit auf Körper und Sexualität und damit auf Bereiche jeneseits der allgemeinen Schamgrenzen reduziert. Die selbst innerhalb der Community immer noch gebräuchliche Bezeichnung „Transsexualität“ ist begriffsgemäß wenig dazu angetan, einen Gegenentwurf zu liefern.
So lange jedes Outing von jedem beliebigen Gegenüber automatisch als Freifahrtsschein verstanden (und gesellschaftlich nicht dafür sanktioniert) wird, Nachfragen jenseits der allgemein akzeptierten Schamgrenzen zu stellen („Bist du schon operiert?“, „Wie ist denn dein ‚richtiger‘ Name?“, „Wie geht das dann eigentlich mit dem Sex?“) bedeutet ein Outing stets auch eine Beschämungssituation für die Trans*person – und wird folglich von Cis-Personen als Schamlosigkeit verstanden.

„Scham ist das Scharnier zwischen Diskriminierung und Selbsthass“, schreibt der Zaunfink in seiner sehr lesenswerten und detaillierten Analyse zu „Schwuler Scham“. Beschämung findet nicht nur durch teils explizite, teils subtile Diskriminierung von außen statt, sondern wirkt durch internalisierte Transphobie osmotisch auch innerhalb der lesbischen und schwulen und eben auch der Trans*- und Queer-Community.
Es gibt mehrere Indizien, die Aufschluss versprechen, wann und wie Beschämung dort stattfindet.
Zum ersten ist es hilfreich, zu beobachten, was Transpersonen selbst in sozialen Medien als „peinlich“ bezeichnen.
Immer wieder gibt es Beiträge in Trans*-Facebook-Gruppen wie den eines Transmannes, der schrieb, dass er sich freue, hier und endlich auf dem Weg zu sein, obwohl es ihm etwas peinlich sei, dass er „so ein Spätzünder“ wäre. Aus den Kommentaren ging hervor, dass der Verfasser 16 Jahre alt ist. Sam hat sich mit 17 geoutet und darüber gebloggt unter dem Titel „Mein Inneres Coming Out – und warum ich fast 17 Jahre dafür gebraucht habe“. [Link entfernt, da der zugehörige Blog offenbar nicht mehr erreichbar ist]
Dass schon 16-jährige absurderweise glauben, sich dafür rechtfertigen zu müssen, „so spät“ ihre Transition begonnen zu haben, ist zunächst nicht mehr als eine vereinzelte Beobachtung, die aber als solche viel darüber verrät, wie tief und vielgestaltig Scham und Schuldgefühle in einer Transition wirksam sind.
Betrachtet man die Beiträge, in denen andere ihre „Fremdscham“ artikulieren, Auftreten, Verhaltensweisen, Nachfragen oder die Identität von sich selbst oder anderen als „peinlich“ bezeichnen, oder angeben, sich für eine Frage, einen Beitrag oder ein Bild „zu schämen“, fällt auf, dass jede Abweichung von den bekannten Transitions-Normen (möglichst früh, bruchlos, vollständig transitioniert und diese Transition sprachlich in den bekannten Metaphern und Erzählungen realisiert) mit Scham und Fremdschämen sanktioniert wird.
Fremdgeschämt wird sich innerhalb der eher binären, eher transmännlich dominierten Transgruppen immer wieder für nonbinäres Auftreten, für „schlechtes Passing“ und nicht-normgerechte, z.B. fette Körper, transphobe Berichterstattung in den Medien, körperliche Fragen, besonders Menstruation und prä-operative Genitalien betreffend und Bilder von sich prä-Hormontherpie und/oder prä-operativ.
Auf diese Beobachtungen komme ich später zurück. In der Community jedenfalls herrschen zwar andere und teils eher informell formulierte, in sich jedoch genauso strikte soziale Normen. Die Durchsetzung jeder sozialen Norm beruht zumindest teilweise auf Selbst- und Fremdregulierung durch Scham, das Phänomen als solches ist also weder neu noch außergewöhnlich.
Weil jedoch Trans-Sein als solches schon ein gesellschaftlich stigmatisiertes und tabuisiertes Thema ist, wirkt auf Abweichende ein doppelter Normierungsdruck und bei Versagen daran eine zwiefache Beschämung.
Diesen Normen ist es wesentlich zu verdanken, dass Fremdoutings so effektiv sozial geächtet werden, dass diese nahezu nie vorkommen. Diese Normen führen aber auch dazu, dass z.B. Abweichungen von der üblichen „Transitions-Timeline“ durch Missachtung und Abwertung gestraft werden. Wer ein Jahr braucht, sich bei seinen Eltern zu outen, ist im guten Durchschnitt und hat sich den Applaus beim Stammtisch redlich verdient; wer es nach dreien nicht geschafft hat, ist ganz einfach feige und bemitleidenswert.
Weniger eingängig, aber nicht minder folgenreich ist die Beobachtung, dass alle grundlegenden Metaphern und gängigen Erzählungen darüber, wie eine Transition, eine geschlechtliche Identität aussieht, sich anfühlt, sich verändert, implizit oder explizit Normvorstellungen transportiert, die so rigoros und an Cis-Normen orientiert sind, dass sie nahezu alle Transmenschen beschämen. Abweichungen von diesen Narrativen werden zusätzlich durch Scham sanktioniert.
„Schon immer“ ein Junge bzw. ein Mädchen gewesen zu sein, beschämt jeden mit einem späten Coming-Out und sowieso jede queere Identität, die in einer binärgeschlechtlich strukturierten Kindheit per se nicht gelebt werden kann. Wer außerdem nicht zusätzlich „schon immer gewusst“ hat, was mit ihm „los“ ist, wird zusätzlich als „dumm“ diffamiert.
Die gängige Einteilung einer Trans-Biographie in eine Zeit des „davor“ und „danach“, das Leben in ein „richtiges“ und ein „falsches“, ist nicht nur eine harmlose, allzu grobe Vereinfachung. Wer jahrelang im „falschen Körper“ und „falschen Geschlecht“ gelebt hat, kann nicht anders, als sich indirekt eines „falschen Lebens“, eines Lebens in Versteck und Verleugnung, des Versagens an der eigenen Wirklichkeit zu bezichtigen, und in einem Outing nichts weniger als den Ausgang aus der selbverschuldeten Schamhaftigkeit zu sehen. Das verstellt und beschönigt den Blick auf die auch post-Outing keineswegs harmlosen Beschämungs-Situationen. Chase Joynt beschreibt bei Original Plumbing, wie dieses Narrativ dazu beiträgt, Schuldgefühle und Scham zwar immerhin als Teil von Transition, aber nicht als Bestandteil von Post-Transition zu sehen.

Vor diesem Hintergrund wird nachvollziehbar, dass ausgerechnet da, wo ein Austausch über Beschämung am nötigsten, auch am heilsamsten wäre, dieser so ausnehmend schwer fällt und manchmal unmöglich ist.
Zum ersten fehlt es schon an den grundlegendsten Ausdrucksmitteln.
Verblüffenderweise gibt es selbst im (trans-)aktivistischen Kontext zwar Begriffe wie „Transphobie“ und „Feminitätsfeindlichkeit“, jedoch keine Bezeichnung dafür, aufgrund von Trans-Sein oder damit zusammenhängender Erfahrungen beschämt zu werden. In der queer(-feministischen) Community wurden empowernden Ausdrücke wie beispielsweise „fat-shaming“ (beschämt werden aufgrund der Körperform) oder „slut-shaming“ (beschämt werden für Tätigkeiten im Bereich Sexarbeit) aus dem angelsächsischen Raum importiert, ähnliche Ausdrücke für queere und/oder transitionierte Identitäten und Körper fehlen hingegen auch hier.
Zum zweiten hat die Trans-Community immer noch derart um Akzeptanz zu kämpfen, dass ein großer Druck zur Homogenisierung innerhalb dieser Minderheit herrscht.
Dass Detransition derart vehement beschwiegen und tabuisiert wird, dass nicht nur online ausdauernd und unversöhnlich darüber gestritten wird, wer „echt transsexuell“, ob für Non-binäre, Genderqueere und Crossdresser Geschlecht „nur ein Spiel“ ist, sind keine individuellen Phänomene. Nur die Möglichkeit, jemanden als „halt einfach nicht richtig trans“ ein und für alle mal aus dem Diskurs auszuschließen, ermöglicht es, die strikten Narrative aufrecht zu erhalten.
Wenn vor jeder Diskussion über die belastenden, wenig erfolgreichen Erfahrungen im Rahmen einer Transition zuerst unter Beweis gestellt werden muss, trotz dieser Gefühle und Erlebnisse „trans genug“ zu sein, dass diese Empfindungen einen validen Teil einer validen Identität darstellen, ist das eine denkbar schlechte Ausgangslage für eine ergebnisoffene Diskussion.
Damit in Zusammenang steht auch die verbreitete und durchaus gut begründete Ansicht, dass man sich eine solche Diskussion überhaupt sozial und emotional „leisten können“ muss.
Angesichts des gesellschaftlichen, teils real ökonomischen Preises für eine Transition muss das Unterfangen wenigstens „erfolgreich“ und „glücklich“ verlaufen, um als legitim betrachtet zu werden.
Es ist gerade so noch akzeptabel, über Schamgefühle während der Transition zu sprechen (Scham, sich mit einem nicht-normgerechten Männerkörper in der Männerumkleide umziehen zu müssen, Scham „noch nicht so weit zu sein“, Scham, nicht zu wissen, welchen Normen ein Mann im Alltag genügen muss).
Wer darüber hinaus seine ehemaligen oder aktuellen Schamgefühle thematisiert, gerät notorisch in den Verdacht, mit seiner Transition, deren Verlauf oder seinem Leben überhaupt unzufrieden zu sein oder gar „die falsche Entscheidung“ getroffen zu haben. Das gilt selbst dann, wenn es um vermeintlich entlegene Erfahrungen geht, wie die Scham, kein „kleiner unbeschwerter Junge“ gewesen zu sein.
Zum dritten verkomplizieren intersektionale Verknüpfungen die Auseinandersetzung erheblich.
Ein Beispiel dafür ist die toxische Verbindung von internalisierter Transphobie und internalisierter Misogynie. Über Scham sprechen insbesondere Transmänner und -Männlichkeiten nachvollziehbarerweise deshalb nicht, weil Scham ein so inhärent weiblich zugeschriebenes Gefühl ist und weibliche Sozialisation immer noch wesentlich über Scham und Beschämung funktioniert.
Wer nicht nur trans ist, sondern außerdem homosexuell oder queer lebt, ist zusätzlich mit allen zugehörigen Beschämungen, Abwertungen und Zuschreibungen konfrontiert.
Zum vierten sind Transpersonen von Kindheit an und wo immer sie danach als trans* sichtbar werden, so häufig Beschämungen ausgesetzt, dass sie selbst sie meistens (zunächst) gar nicht mehr als solche erkennen können oder wollen.
Um Beschämungssituationen in dieser Vielzahl und Vielfältigkeit zu erkennen und zu benennen, die für uns so normal sind, weil wir von Anfang an in und mit ihnen leben, ist der erste Schritt, zu erkennen, dass niemand diese Beschämung verdient hat (nein, auch die vielzitierten „Trümmertransen“ nicht). Wenn ich nun aber realisiere, dass dem so ist, bleibt die schwierige Erkenntnis, dass diese Scham eben nicht per se aus mir und meinem „perversen Sein“ im luftleeren Raum entstand, und nicht nur die Gesellschaft in ihrer cissexistischen, homo- und transphoben Verfasstheit als solche geschuldet ist, sondern ganz konkret meine vielleicht wohlmeinendsten Sorgeberechtigten, Lehrer*innen, Erzieher*innen, Pfarrer*innen, Ärzt*innen, … mich beschämt haben.
Fünftens hindert uns die Gesellschaft daran, Beschämungen als solche zu identifizieren und zu artikulieren, weil sie uns keinen Raum lässt, adäquat darauf zu reagieren.
Nehme ich die mir widerfahrene Beschämung in ihrer ganzen Tragweite ernst, sind verständlicherweise Wut, Trauer, vielleicht Hassgefühle die Folge. In der aktuellen gesellschaftlichen Situation, in der man aber „schon so viel Verständnis“ für deinen neuen Namen und dein neues Pronomen hat, und du dieses wahnsinnige Entgegenkommen deiner Cis-Umgebung bloß nicht noch weiter strapazieren solltest durch anstrengende und unproduktive Gefühle – welche Chance haben wir also, heilsam und gesellschaftlich adäquat auf die erlittene Beschämung zu reagieren?
Deswegen ist die Reproduktion von Scham und Schuldgefühlen in der Community noch immer eine so gängige Reaktion auf die erlittene äußere Diskriminierung.
Um sie nicht zu reproduzieren, müssen wir der eigenen Scham auch dann auf die Schliche kommen, wenn sie sich als Schutz vor Beschämung maskiert.
Ich denke beispielsweise an die Situation, in der mich ein Bekannter als einzigen des gesamten Transmänner-Stammtisches nicht zu seiner Geburtstagsparty einlud, weil ich der einzige war, der keine Hormone nahm. Indem er uns beiden Scham ersparen wollte (mir die Beschämung durch Misgendern, sich selbst die Beschämung potenziell übergriffiger Nachfragen, uns beiden die Beschämung eines Zwangs-Outings), beschämte er mich.
Sechstens erschweren und verhindern Double-Bind-Situationen eine Verständigung und Solidarisierung miteinander.
Ich betrachte beispielsweise meine Transition nicht als alternativlose Notwendigkeit, sondern sehe es als eine Entscheidung für mehr Vielfalt, Bereicherung und Upgrade für ein Leben, das schon „zuvor“ alles andere als nicht lebenswert war. Für mich ist das eine positive, bestärkende und würdevolle Sichtweise auf meine Transition.
Doch trotz aller Disclaimer, dass das meine Sicht auf meine eigene Transition ist, die für andere selbstverständlich anders aussehen kann und anders aussehen muss, nehme ich damit dennoch jedem ein Stück Glaubwürdigkeit, der von sich sagt, dass seine Transition alternativlos, unabdingbar, zwingend gewesen sei.
Unsere jeweilige Sicht auf Transition, die sich in Wirklichkeit nicht ausschließen und nie gegensätzlich gemeint waren, werden gegeneinander ausgespielt. Um mich selbst nicht zu beschämen, bleibt mir paradoxerweise nichts anderes übrig, als indirekt jemand anders zu beschämen.

Transitionsverläufe sind auch jenseits der Kindheit und Jugend durch anhaltende Beschämung geformt. Es ist sogar ausnehmend schwer, sich proaktiv zu seinem eigenen Trans-Sein zu verhalten, ohne die nicht je schon vorausgesetzte, drohende, vergangene Scham seinerseits mitzufürchten, mitzuahnen, mitzufühlen.
Das hat weitreichende Konsequenzen, für den Alltag wie auch für wichtige Fragen der Lebensgestaltung, von denen ich einige hier betrachte.
So anspruchslos, defensiv wie möglich aufzutreten im Kleinen („Ich muss um jede richtige Anrede froh sein“), im Großen so still, unauffällig, bruchlos und angepasst wie möglich zu transitionieren und zu leben, um die Grenzen des „sozial Zumutbaren“ nicht noch weiter zu strapazieren („Wenn ich schon ein kleiner Transmann bin, muss ich wenigstens muskulös sein“), sind gängige Strategien im Umgang mit Beschämung.
Vorauseilende Rechtfertigungen für Homo- und Transphobie zu leisten („Es ist für Eltern aber auch einfach schwer, nach 20 Jahren einen anderen Vornamen für das Kind zu benutzen, auch wenn das Outing zwei Jahre her ist“) ist nur ein Beispiel für alltägliche Relativierungen, die in Wirklichkeit nur eine fortdauernde Beschämung maskieren.
Eine gemeinhin als „erfolgreich“ betrachtete Transition erweckt den Eindruck, als hätte sie nie stattgefunden. Der Zaunfink zitiert den Psychoanalytiker Erik H. Erikson: „Der Schamerfüllte muss seine eigene Unsichtbarkeit wünschen.“
Die immer noch weitestgehend unversöhnlich geführte Diskussion ob „überall out“ oder „stealth“ den besseren Umgang mit einer Trans*-Biographie darstellt, wird nur deswegen so erbittert geführt, weil es überhaupt nicht um individuell stimmige Lebensentscheidungen geht, sondern verdeckt nichts geringeres verhandelt wird als der beste Umgang mit Beschämung.
Lebe ich in allen Lebensbereichen out, erwartet mich die Scham, wieder und wieder auf die eigene Transition reduziert zu werden, übergriffigen, die Schamgrenzen verletzenden Nachfragen, manchmal Beleidigungen und Gefährdungen ausgesetzt zu sein, nie wieder „man selbst“ als Privatperson sein zu können, sein zu dürfen, sondern immer stellvertretend für alle Transpersonen gesehen zu werden.
Lebe ich dagegen unerkannt als trans, erwartet mich die Scham des Geheimhaltenmüssens, des Aufderhutbleibens, des (vielleicht) nicht vollständig in allen denkbaren Facetten gelebten und entfalteten Seins und die Scham, eines Tages potenziell bei einer sozialen oder biographischen Unstimmigkeit „ertappt“ zu werden. Ich gehe mit Scham um, indem ich schambehaftete Situationen und Erinnerungen bestmöglich meide, und wenn sie doch aufkommen, ignoriere, verdränge oder durchlebe.
Vorauseilend allen von der eigenen Identität und geschlechtlichen Biographie zu erzählen, wie auch vorauseilend genau dies zu verbergen, sind zwei legitime Strategien, Deutungsmacht über den eigenen Körper und die eigene Geschichte auszuüben. Stealth zu leben erspart die Scham der alltäglichen Grenzüberschreitung, out zu sein, erspart die Scham des chronischen Geheimnisses.
Heutzutage besteht die realistische Möglichkeit, beide Strategien in ihren extremen Formen wie auch in unterschiedlichen Mischformen umzusetzen. Das bedeutet natürlich einerseits mehr Freiheit und damit Würde für die individuelle Lebensgestaltung. Andererseits erfordert diese Situation perfiderweise, sich eben auch für eine, die individuell erträglichere Form der Beschämung „zu entscheiden“. Also eben immer auch: Sich für eine Form der Beschämung zu entscheiden.
Es ist ganz einfach. So lange eine Transition erfordert, sich auch noch aus vermeintlich freier Wahl beschämen zu lassen und über diese Beschämung bloß nicht zu reden, um die Transition nicht zu gefährden, sind wir noch nicht mal am Anfang vom Ende der Scham.

Weiterlesen: Jamie Ray hat auf seinem Blog, den ich nur wiederholt empfehlen kann, unter dem Titel „Owning My Shame“ einen Beitrag über Trans* und Scham veröffentlicht, mit Schwerpunkt auf Scham als Kollateralschaden weiblicher Sozialisation.

Sam D. Finch erzählt von seinen Erfahrungen, warum ein Outing als Trans (oft) nicht sofort glücklich macht, wie Scham als Teil eines Trauerprozesses verstanden werden kann und anderes What They Don’t Tell You About Being Trans.

Einer der ersten und für die akademische Untersuchung von queerer Scham immer noch einschlägigen Artikel ist „Shame, Theatricality, and Queer Performativity: Henry James’s The Art of the Novel“ (1993) von Eve K. Sedgwick.

Wichtige Impulse für diesen Text verdanke ich Ben und seinem Kluck-ooä. Daneben danke ich Jonas, Keleb, Michelle und Sam für Gespräche und Spaziergänge, hilfreiche Anmerkungen und Diskussion.

Szenen des Erwachsenwerdens

Ich komme von der 10. Münchner Trans*Inter*-Tagung und ich bin müde, leicht desillusioniert und gelangweilt.
Das ist deshalb einen Artikel wert, weil Transtagungen immer auch so etwas wie eine innere Messlatte meines Transitions- und Reife-Prozesses darstellen. Über die Gründe für diese Gefühle der Müdigkeit, Langeweile und verlorenen Illusionen nachzudenken hat außerdem einen Teil seiner Ursachen in einer im Wandel und Wachstum befindlichen Szene.

Ich war gelangweilt von der Veranstaltung, weil ich zunehmend gleichförmige Erfahrungen mache.
Anders als zu meiner ersten Tagung, zu der sowieso alles neu, nie erlebt und spannend und bunt daherkommt, kenne ich nun nicht nur das wiederkehrende Workshop-Angebot und viele der Akteur*innen. Dass die Rahmenbedingungen nicht lange aufregend bleiben und ich entsprechend nicht immer ganze Kohorten neuer Bekanntschaften schließe, ist logisch und erwartbar.
Ich hatte unterschätzt, wie sehr mein eigenes Auftreten und Gelesenwerden nicht nur neue Bekanntschaften, sondern selbst einzelne Gespräche strukturiert und ermöglicht oder verunmöglicht.
Je weiter ich in meiner eigenen Transition fortschreite, desto sichtbarer und (teils real, teils nur scheinbar) verortbar werde ich.
„Anfänger*innen“ halten respektvoll Abstand von mir, weil mein Bart ihnen zeigt, dass ich keiner von ihnen bin. Stealth lebende Frauen und Männer und ich als teilweise out lebender Mensch erkennen die Gegensätzlichkeit unserer Lebenswelten, und wir erwägen sorgsam, ob wir die Energie für einen von Unverständlichkeiten durchsetzten Austausch aufbringen wollen und können. Den Transitionierenden der Peripherie sind meine Großstadt-Erfahrungen fremd. Nonbinäre halten mich durch meinen maskulinen Habitus für binär.
Transmänner erkennen mich als ihresgleichen und das ist schön. Zugleich gerate ich damit in Versuchung, in die ewiggleiche, freundlich-redundante Umlaufbahn ähnlicher Erfahrungen, Identitäten, Weltsichten einzutreten.
Bei dem gegenüber den Vorjahren etwa gleichem Bemühen führe ich viel weniger Gespräche und meine Gesprächspartner*innen werden mir immer ähnlicher. Obgleich ich mit genau derselben, ja, vielleicht noch größerer und vor allem: differnzierterer Neugierde unterwegs bin, wird diese viel weniger befriedigt als auf meinen ersten Tagungen.

Dass ich diese Erfahrung zunehmend gleichförmigeren Austausches habe, hat nicht nur mit meiner individuellen Entwicklung zu tun, sondern auch mit strukturellen Gründen.
Ich war überrascht, wie weit die Professionalität der Subkultur inzwischen fortgeschritten zu sein scheint. Vorsichtig geschätzt, hat inzwischen mindestens die Hälfte der Anwesenden in irgendeiner Weise beruflich mit Trans* zu tun, in Beratung, Kunst, Wissenschaft, NGOs oder Vereinen.
In diesen Tagen erlebt die Trans-Szene so etwas wie das „Grünen-Syndrom“: eine soziale Bewegung etabliert, institutionalisiert und professionalisiert sich. Macht und Einfluss, Geld und Posten sind erstmals in relevantem Maße verfügbar, und ihre Verteilung wird nun für die kommenden Jahre verhandelt und festgeschrieben. Das wird nicht nur deutlich auf der Tagung direkt, sondern auch die Gründung des „Bundesverbandes Trans*“ im vergangen Jahr, richtungweisende Papiere wie die „Waldschlösschen-Erklärung“ sind weitere Indizien dafür.
Natürlich war diese Entwicklung einigermaßen voraussehbar und bringt viel Wünschenswertes mit sich, allen voran die Möglichkeit, auf das politische Geschehen realen Einfluss zu nehmen.
Die Trans-Bewegung und ich sind zwar nicht gleich alt, werden aber gewissermaßen parallel erwachsen. Für mich ist es das erste Mal, die am Anfang jeder sozialen Bewegung stehenden Hoffnungen, alle seien gleich und alle verschiedenen Ziele gleichwertig, live scheitern zu sehen. Deswegen hinterließ die Tagung bei mir einen desillusionierenden Nachgeschmack.
Ich kann nicht ausschließen, ob dieser Eindruck nicht auch teilweise den Eigenheiten der Münchner Tagungen insgesamt oder dieser im speziellen oder meiner zunehmend geschulten Wahrnehmung für strukturelle Zusammenhänge geschuldet ist. Zugleich sind meine Überlegungen nur exemplarisch an der Münchner Tagung ausgeführt und stehen für eine Entwicklung, die ich für den ganzen deutschsprachigen Raum als einschlägig vermute.
Die sozialen, ökonomischen und symbolischen Unterschiede durchwirken die Szene immer deutlicher. Die Schere zwischen an Geld und/oder Qualifikation und Kompetenz „armen“ und „reichen“ Transmenschen klafft zunehmend auseinander und die Hoffnung schwindet, dass sich diese Kluft verringern oder gar schließen wird.
Wer kann sieben Euro für ein zwar veganes, aber leider nicht sättigendes Abendessen ausgeben und wer nicht? Wer ist Betreuer*in und wer wird betreut? Wer kann nicht trotz, sondern weil er*sie trans* ist, davon leben?

Die zunehmende Zahl derer, die durch Trans* ihren Lebensunterhalt bestreiten wollen und können, bedeutet eine zunehmende Homogenisierung des Tagungspublikums, und zwar u.a. hinsichtlich des Alters, des Berufs und der Qualifikation.
Diese These belegt ein Blick in Tagungsprogramm. Die Inhalte und Schwerpunkte des Veranstaltungsplanes sprechen vor allem genau zwei Zielgruppen an: Personen, die gerade ihre Transition beginnen oder an markanten Punkten ihrer Transition Austausch suchen, und Personen, die sich in der Beschäftigung mit Transition professionalisiert haben oder professionalisieren wollen.
Die meisten Workshops sind traditionell „Anfänger*innen-Themen“ vorbehalten (Beispiel: „Hormone. Grundlagen, Möglichkeiten, Erfahrungsautausch“, Veranstaltungen über OPs, Passing, Coming-Out, Hilfsmittel, Partnerschaft, Einführung in die Geschlechtertheorie, sowie Infos zu Begutachtung, Gesundheitssystem, Recht), darauf folgen in der Anzahl etwas weniger Workshops, die das Resultat schon erfolgter Professionalisierungen präsentieren, und zwar außerhalb der Community an sich („Arbeiten mit genderdysphorisch empfindenden Kindern und Umfeldern“) oder zunehmend aus ihr heraus („Vorstellung der Fachtagung. Auf dem Weg zu einer intersektionellen Beratungsarbeit: Ergebnis-Präsentation und Diskussion“) oder Mischformen dessen („TSG-Reform. Entwurf eines Geschlechtsidentitätsgesetzes“).
Die spärlichen Workshops, die proto-professionell organisiert waren (d.h. von Person(en) geleitet, die nicht beruflich mit Trans* zu tun oder aber den Workshop nicht in dieser Funktion geleitet haben), zielten bezeichnenderweise nicht binäre Transmenschen, sondern nonbinäre und inter*-Personen an („Polit-Werkstatt: Für einen genderqueeren Forderungskatalog!“).
Nur einige vereinzelte Workshops waren für „Fortgeschrittene“, jedoch nicht in ihrer professionellen Funktion auftretenden Transpersonen konzipiert. Von diesen Veranstaltungen wiederum die meisten entweder mit reinem Informationscharakter („Trans*aktivismus in Honduras“) oder keinem direkten Bezug zu Trans* („Tanzend in Begegung kommen. Contact Improvisation“). Betrachten wir die verbleibenden Workshops („Online-Dating. Planet Romeo“), offenbart sich die Problematik, dass die Zielgruppe (hier: schwule Transmänner, hetero-/bi-/pansexuelle Transfrauen mit Erfahrung und Interesse an Online-Dating), hinsichtlich der Gesamt-Tagungsteilnehmenden wiederum zu klein ist, um eine nennenswert spannende und heterogene Gruppendiskussion zu ermöglichen. Andererseits ist es bei diesem geringen Angebot als fortgeschrittener, nicht-professioneller Tagungsgast mit je spezifischer Sexualität, Lebensraum, Biographie, … unwahrscheinlich, zufällig einen relevanten Workshop zu finden.
Die „Transitions-Mitte“ wird als Zielgruppe nicht genug berücksichtigt. Noch vor der endgültigen Professionalisierung stehend, zähle ich mich zumindest teilweise zu dieser Gruppierung. Darum war ich von dieser Tagung gelangweilt.

Wer also nach mehr als den üblichen zwei Jahren weiterhin auf Tagungen kommt, tut dies in der Regel nicht des Programmes wegen, sondern weil er*sie (haupt-)beruflich mit Trans* zu tun hat, aktiv in die Tagungsgestaltung involviert ist als Workshopleiter*in/Tagungshelfer*in/Organisator*in oder aber der sozialen Kontakte wegen.
Je mehr Stammtische und Zusammenkünfte es regional und virtuell gibt, umso weniger Bedarf besteht an der sozialen Funktion der Tagung als Ort der Vernetzung und des Austausches. Für die meisten ist eine Tagung vor dem Krankenhaus (glücklicherweise) schon lange nicht mehr die erste Gelegenheit, andere Transpersonen real kennenzulernen. Wer im Alltag Austausch mit und über Trans* sucht, wird diesen zunehmend lokal suchen und finden.
Diejenigen mit Transitionserfahrung bleiben weg, und zwar insbesondere diejenigen mit nicht-durchschnittlichen Erfahrungen, z.B. besonders jung oder besonders alt transitioniert zu haben. Zwar gab es jeweils eine Veranstaltung für Transpersonen über 50 und unter 27, aber schon jetzt bewegte sich die deutlich überwiegende Mehrheit der Teilnehmenden im Altersspektrum 25-50.
Übrig bleiben immer neue „Anfänger*innen“, die wie in einem Durchlauferhitzer innerhalb von ein bis zwei Jahren mit allen relevanten Infos und Gebräuchen versorgt werden, bis sie wieder verschwinden, und diejenigen, die ihre Transition zum (Teil-)Beruf gemacht haben.
Aus mehreren Gründen finde ich diese Entwicklung nicht nur begrüßenswert, sondern viele Nebenfolgen sehr bedauerlich.
Der Pool und die Vielfalt unter den Referierenden wird kleiner, und je professioneller der Workshop, umso gesicherter, differenzierter und ausführlicher die Qualität der Informationen und die Qualifikation des Referierenden, aber auch umso weniger Freiraum in der Gestaltung, Zielgruppe und Durchführung. Umso weniger kann man sich ein „scheitern“ des Workshops leisten. Der Transfer von trans-bezogenem Wissen und Fähigkeiten findet nicht mehr peer-to-peer statt, sondern via zertifizierter Kompetenzvermittler. Spätestens an dieser Stelle setzt auch eine Kanonisierung der Community-Geschichte ein.

Für die kommende Entwicklung sind mehrere Szenarien möglich.
Denkbar wäre, dass künftig gezielt Workshops für die „Mitte“ in das Tagungsprogramm intergriert werden, und zwar einerseits Themen, die alle früher oder später gleichermaßen interessiert, („Trans im Altersheim“) aber auch Workshops, die gezielt auch für sehr kleine Zielgruppen ausgelegt sind („Auswirkungen ost- und westdeutscher Sozialisation auf Transition und Geschlecht“). Vielleicht ließe sich so etwas von der Heterogenität zu Beginn der Szene-Differenzierung noch eine Weile Hinüberretten.
Wünschenswert bliebe natürlich, wenn nonbinäre Inhalte gleichberechtigt mit den binären, schwule wie lesbische, transweibliche wie transmännliche nebeneinander stünden. Wie jedoch der sozioökonomische Einfluss nicht Halt macht vor der Trans-Szene, werden sich auch weiterhin gesellschaftlich wohltradierte Privilegien durchsetzen, so dass zunächst die binäre, die transmännliche und vielleicht die schwule Teilcommunity dominieren wird.
Andernfalls ist zu vermuten, dass sich die Community, ähnlich wie bereits in den USA und Kanada geschehen, zu mehreren Tagungen mit spezifischerem Themenspektrum ausdifferenziert (z.B. eine eigenständige „Trans Health Conference“) und die Segregation nach Identitäten und politischen Zielen (binär, nonbinär, trans und schwul, …) weiter fortschreitet.

Die Trans-Szene befindet sich derzeit in einer spannenden Phase des richtungsweisen Umbruchs. Welche Struktur und Ausrichtung Trans-Veranstaltungen und -Institutionen haben werden, wird innerhalb der nächsten fünf Jahre wesentlich entschieden sein. Ich bin gespannt zu sehen, wie die Subkultur erwachsen wird.

Einen ganzen Winter lang nichts anderes

Samstagabend, Dachgeschoss, ein Tisch voll Pizza-Schnittchen, Gemüse-Sticks und selbstgebackenen Muffins im Flur. Es schneit stundenlang und die Frauen trinken Mischbier und Bowle an jenem Abend. Auf dem Tisch stehen mehrere Plastikbecher mit selbstgebrautem, dunkelbraunen Tomaten-Chili-Alkoholgemisch, das hier „Schleusenwasser“ heißt und für das wohl jede Dorfgeneration ihren eigenen Namen und eigenes Rezept hat.
Das sind die Männer und Frauen aus meiner Heimatstadt, meistenteils heterosexuell, studierend, etwa 25 Jahre alt.
Sie sind kaum 25 und sehen aus wie ihre Eltern. (Die Männer trinken Bier und Hart-Alkohol.) Sie reden über Karriere und Körpergewicht derer, die gerade gegangen sind. (Die Frauen studieren Lehramt oder irgendwas Soziales.) Sie diskutieren über Aufstiegsmöglichkeiten im öffentlichen Dienst. (Die Männer studieren Ingenieuerwissenschaften oder Mathe-Physik-Lehramt.)
Hin und wieder denke ich von mir, dass ich nichts lieber will als genauso zu leben.

Ich bin das erste Mal in so großer Runde mit neuem Pronomen und Dreitagebart, den ich drei Wochen lang gezüchtet habe.
Ich hatte damit gerechnet, mit Anrede, Erinnerungen, alten Dynamiken auf die Vergangenheit verwiesen zu werden, vielleicht subtiler, vielleicht gewalttätiger. Ich war vorbereitet, mich dagegen zu verwehren.
Nichts davon ist passiert.
Alle Gäste vermeiden einen ganzen Abend, eine ganze Nacht lang jeden Namen und jedes Pronomen für mich.

Dieser Abend treibt mich um, denn untergründig habe ich irgendwie doch gehofft, mit mehr Wahrhaftigkeit und Bei-mir-sein mit den Leuten aus meiner Heimatstadt anders sprechen zu können, dass wir uns auch retrospektiv gegenseitig etwas verständlicher finden. („Ich versteh das nicht, es gibt Frauen, die sind Anfang 20 und wissen schon ganz genau, dass sie keine Kinder wollen … wie geht sowas?!“, sagt J., die in ihrem Praktikum Kinder mit physischen Einschränkungen unterrichtet, morgens am Küchentisch.) Mich treibt um, dass sie so eng leben und zugleich so sicher (Jobs, die angetreten werden, weil die Mutter einer Klassenkameradin aus dem Französischkurs 6. Klasse ist Schulleiterin in Groß-W.), und dann höre ich auf zu lachen und gehe ins Bad und nehme mir vor, eure Fingernagelfeilen zu verstecken, jeden Morgen wieder, einen ganzen Winter lang.
Denn ich trauere heftig, dass mein Leben ihnen unverständlich bleiben wird und dass mir ganz und gar die Mittel fehlen, ihnen zu erklären, dass Geschlecht echt die kleinste meiner Entwicklungen gewesen ist. Dass die Zweigeschlechterordnung viel grausamer ist, als ihr je wissen werdet und dass wir deswegen für eine sehr lange Zeit nicht mehr miteinander sprechen werden.
Ihre nächsten zwei Jahrzehnte, die auch die meinen zwei Jahrzehnte gewesen wären, hätte ich nicht angefangen, queer zu leben, wird alles klar, voraussagbar, wohlgeordnet und wohltemperiert sein. Sie werden mit ihrer Langzeitbeziehung in eine Stadtwohnung ziehen, irgendwann um ihren 27. Geburtstag herum, ein Auto anschaffen, Kinder alsbald (vielleicht zuerst die Kinder, dann das Auto), und wenn nichts Gravierendes dazwischenkommt, wird ihr Alkohol teurer werden und der Gin, Bombay Sapphire wenn sie dreißig sind, Old Raj, wenn es auf die fünfzig zugeht, immer regelmäßiger ausgeschenkt.
Ich weiß, dass ich nichts tun kann, um zu verhindern, dass wir mit Anfang, Mitte 40 spätestens auf dem Balkon stehen, ein bisschen erschöpft, ein bisschen resigniert, du am Ende deiner heterosexuellen Langzeitbeziehung die erste Zigarette seit deiner letzten Schwangerschaft vor zehn Jahren rauchend, unaufhaltsam unsere Plattitüden aufsagend („Was hat das Leben nur aus uns gemacht?“) und Lebensverhältnisse gegeneinander aufrechnend („Du hast zwei wundervolle Kinder“ – „Du hast deinen Eltern wenigstens einmal gesagt, dass du sie nicht liebst“)
Ich halte ein schales Bier der örtlichen Brauerei in der Hand und schweige viel. Ich sitze wie in einem Wackelbild, in dem ich unter den nach dem dritten Umzug unerbittlich zerfleddernden Plakaten von Wacken 2006 abwechselnd die angehenden Väter, die nicht weinen und nicht zuhören, aber Elternzeit nehmen werden, für unwirklich halte, und zugleich alle paar Minuten zweifle, ob ich wirklich echt, wirklich da bin.

Je nachdem, wie man zählt, bin ich zur Zeit circa in der dritten Pubertät. Nach Aufbruch, Ausbruch, langen Nächten ohne Schlaf und in Kneipen und auf Tagungen ist das die Phase, in der ich neuerlich frage und abwäge und zweifle, über Lebens- und Geschlechterentwürfe, die diesmal mehr als nur ein paar Monate halten müssen.
Ich stelle mir vor, wie ich 35 Jahre alt bin und im malvenfarbenen Hemd mit meinem Kind darüber streite, ob es ein pinkes Überraschungsei haben darf.
Ich bin noch nicht 25, aber ich weiß genug, um zu verstehen, dass Abende wie diese nicht nur eine harmlose Komödie über Geschlechterklischees sind, sondern dass Geschlecht der Spiegel und das Brennglas ist, durch das soziale und emotionale Gemeinsamkeiten und Unterschiede unübersehbar werden.
Ich will nie wieder fünfzehn sein. Sie hören die gleiche Musik wie vor zehn Jahren, als sie so jung gewesen sind und so betrunken.
Mir war lange nicht deutlich, dass Transition nicht die Ursache ist und noch nichtmal der Anlass für mein wehmütiges bis markerschütterndes Befremden.
Meine Transition hat mir ermöglicht, dass ich genauso leben könnte wie sie, nichts mehr und nichts weniger als das. Ich wollte das und weiß nicht mehr, ob ich das immer noch will. Ich weiß nicht, ob ich eine Alternative finde, die nachhaltig lebenswert bleibt.

Meine Klassenkamerad*innen und Bekanntschaften meiner Kindheit und Jugend sind ruhig, bürgerlich und vollkommen unbewegt von den Verhältnissen der Welt. Sie sind, generationell völlig durchschnittlich, meistens im Ausland gewesen, sprechen mindestens eine Fremdsprache fließend, haben beinahe mehr Freund*innen international als national.
– Die EU-Außengrenzen müssen auf jeden Fall dicht!, sagt L., die gerade von einem Praktikum aus England kommt, noch vor dem ersten Kaffee am nächsten Morgen.
Die Dachfenster sind verdunkelt von einer durchschneiten Nacht und wir streiten vergeblich bis zum Mittagessen.
Mich treibt um, dass Bildung, wie es scheint, trotzdem schlussendlich und alles in allem nichts, aber auch gar nichts ausrichten kann (nichts für ein gutes Leben, nichts für Menschlichkeit und Zivilcourage, nichts gegen Abende mit angehenden Ingenieuren und angehenden Lehrerinnen) und wenn Bildung nichts nützt, bin ich geneigt zu sagen, dass ich nicht weiter weiß.
– Du nimmst die politischen Verhältnisse zu persönlich, sagen meine Eltern unisono am Telefon.

Mich treibt um, dass ich in diesem Umfeld nie und nimmer hätte leben wollen, dass ich vielleicht nicht auf dem Land leben kann, selbst wenn ich es denn wollte (und ich möchte ja alle halbe Jahre nach Tübingen oder Langeoog ziehen).
Ich, der ich mich gerne kokett als Skeptiker gefangen im Körper eines Humanisten bezeichne, bin zutiefst erschrocken, dass meine Existenz-Möglichkeiten zu keinem Zeitpunkt jemals so weitläufig waren, wie sie einem weißen, scheinbar heterosexuellen Mittelschichts-Kind in Mitteleuropa gerne versprochen werden, und ich fürchte, dass ich all dem nicht entkommen bin, dass mehrere Jahre und hunderte Kilometer zwischen mir und dem Dorf nichts, nichts ausrichten werden gegen Weihnachten, Klassentreffen und Abende wie diese.
Ich kann nicht leben im Dorf, aber das Dorf könnte sehr gut leben mit mir, denn für das Dorf bleibe ich eine von ihnen. Etwas anderes war nie vorgesehen. Das Dorf wird mir jedes Mal wieder mein Tagebuch in die Waagschale legen.
– Manche Dinge weiß man im Nachhinein wirklich besser zu schätzen, sage ich, als wir am nächsten Tag spazieren gehen, alle etwas verkatert. Die Landschaft, die Atmosphäre, das vermisse ich schon manchmal.
– Ja, sagt L., die in einer deutschen Großstadt studiert. Die Luft ist super. Und was wirklich toll ist, dass es hier noch nicht diese ganzen Türken-Viertel gibt!
Am Hafen schlittern ein Nissan und ein Smart mit angezogener Handbremse über den gefrorenen Neuschnee. Das Wetter ist sehr schön. Ich hoffe, dass mein Bus nicht ausfällt.

Warum ich queer bin

Meinen ersten bewussten und ausführlichen Kontakt mit Trans-Menschen hatte ich auf einer Jugendfreizeitfahrt. Ich entschied mich zögerlich und weit nach dem regulären Anmeldeschluss, mitzufahren. Und ich fuhr überhaupt nur mit, weil die Zielgruppe als „Lesben und Trans*“ ausgeschrieben war.
Sollte ich feststellen, nicht trans genug zu sein, könnte ich immer noch mit den Lesben rumhängen, dachte ich mir.
In der Realität funktionierte das natürlich nicht. Transjungs, -mädels und die Lesben saßen an jeweils verschiedenen Tischen. Zwischendurch durchaus Trinkspiele und Gespräche, doch die Lesben schienen mir in ihrer Geschlechtlichkeit so selbstverständlich verankert zu sein, dass meine Suche, mein Zweifeln und Fragen kaum auf Resonanz stieß.
Doch bevor ich das problematisch finden konnte, hatte ich bereits verstanden, dass ich in jedem Falle trans genug war.

Vielleicht wäre dieser Austausch produktiver verlaufen, hätte ich damals schon gewusst, was queer als Basis ermöglichen könnte.
Ein leiser Verdacht, vorsichtiges Zweifeln, ein ganz vorläufiges, intuitives, kaum konkretisiertes Infragestellen. Der eigene Körper vielleicht, Sexualität, die gesellschaftliche Geschlechterordnung, nur ein winziges Bisschen weniger selbstverständlich genommen. Noch gar nicht geklärt, geschweige denn entschieden, wo das alles hinführen soll.
Ich muss gar nicht genau sagen können, wer ich bin, welche Bezeichnungen zu meinem Körper passen, mit wem ich wie Sex haben will, ob Kinder, ein, zwei oder viele Partner*innen zugleich im Leben, romantisch oder aromantisch, da kann ich längst queer sein.
Ich erwarte von einer Identität, dass ich dadurch mehr Möglichkeiten habe als ohne. Ich erwarte u.a., im Windschatten einer Selbstbezeichnung sowohl geschützter als auch freier zu sein. Die Freiheit, auszuprobieren, zu fühlen, nicht zu wissen, nicht weiterzuwissen, und die Sicherheit, dass diese Freiheit erwünscht und bejaht wird.

Queer befreit mich davon, Erklärungen zu geben. Die Bezeichnung nimmt vorweg, dass mein Körper und Lebensentwurf, meine Ziele und Bedürfnisse nicht unhinterfragt den Normen entsprechen. Von einem queerem Menschen erwartet niemand, dass sich seine Zukunft zwischen 1,4 Kindern, Reihenmittelhaus und Gartenzwergen abspielt.
Zugleich unternimmt diese Bezeichnung zumindest den Versuch, sichtbar zu machen, wie viel harte Arbeit hinter meiner sexuellen und geschlechtlichen Identität steckt. Denn nein, meine Identität ist nicht vom Himmel gefallen und nicht aus dem Boden gewachsen, sondern das Ergebnis langjähriger Erfahrungen, Gefühlen, kritischer Auseinandersetzung und Reflektion.
Queer drückt für mich auch eine politische Identität aus. Das ist einer der Gründe, warum ich dieses Label, überhaupt ein Label wichtig finde: Es ist eine Möglichkeit, die teils gemeinsamen, teils auch sehr verschiedenen Ziele von LSB und T und I eben nicht einzeln, sondern immer wieder auch zusammen anzugehen.
Die Vorgeschichte und die Diskurse rund um „queer“, im deutschsprachigen Raum jedenfalls, sind andere als die um klassische Homo- und Transidentitäten. Während die Selbstbezeichnung als „schwul“, „bi“, „lesbisch“ und „trans“ sowohl von der Community als auch von der Außenwelt fast immer mit der Erwartung an ein Outing verbunden ist, sind an eine Queer-Identität (noch?) keine solche Anforderungen geknüpft.

Queer ist der Begriff, der mir am wenigstens Mühe bereitet hat. Viel weniger Arbeit und Bedenken, als Lesbe, Butch, Transmaskulinität und Transmann mich nacheinander gekostet haben.
Diese Identität scheint mir zugleich viel weniger anfällig als andere. Bin ich noch schwul, wenn ich einmal mit einer Frau schlafe? Bin ich noch lesbisch, wenn ich mit einem Transmann zusammen bin? Und als was identifiziere ich mich, wenn ich trans und asexuell bin?
Queer erspart diese müßigen Auseinandersetzungen. Bietet genug Raum für Entwicklungen und neue Wege, innerhalb eines nicht allzu beengten Regenbogenspektrums, eine zeitlang jedenfalls. (Macht dabei vielleicht notwendige und produktive Abgrenzungsversuche zu leicht? Reicht auf Dauer womöglich nicht weit genug?)
Ich habe mich oft gefragt, ob ich maskulin, trans oder homosexuell genug bin. Ich hatte hingegen weit weniger Zweifel, ob queer als Selbstbezeichnung mir passt.
Nicht trans genug, und, häufiger noch, nicht Butch genug zu sein, ist mir regelmäßig unterstellt worden. Dagegen wurde viel seltener behauptet, ich wäre nicht queer genug.
Das ist vermutlich ein Zeit-Phänomen, und ich nehme stark an, dass jede Generation vor und nach mir größere Schwierigkeiten darin sieht, sich diesen Begriff anzueignen.

Zwischenzeitlich habe ich die theoretischen Hintergründe von Queer kennen und schätzen gelernt. Judith Butler gelesen, ganze Sammelbände über Diskurs, Macht, Feminismus verschlungen und viele Semesterwochenstunden mit Queer Theorie verbracht.
Diese Selbstbezeichnung stellt ganz en passant eine Verbindung her zwischen diesem theoretischen Fundament, meinem politischem Engegament und meiner persönlichen geschlechtlichen Identität.
Ich will meine Identität fühlen, aber ich will sie auch denken können.

Aus diesen Gründen war und ist das Adjektiv queer seit langem der Minimalkonsens meiner Geschlechtlichkeit wie auch meines politischen Engagements. Während die Substantive meiner Identität sich immer wieder verändert, ergänzt oder neue Bedeutungen angenommen haben, war queer mindestens eine konstante Aussage, die ich bislang immer über mich treffen konnte.
Dabei war und bin ich nicht mit allen politischen Anliegen, die unter dieser Bezeichnung angestrebt wurden und werden, einverstanden. Gewiss ist queer, ebenso wenig wie jedes andere Label, davor gefeit, ideologisiert und anderweitig missbraucht zu werden.
Ich schließe nicht aus, dass dieser Fall eintritt. Ich sehe auch die Möglichkeit, dass ich selbst eines fernen Tages aus diesem Begriff herausgewachsen bin. Für den Augenblick jedoch ist es ein schönes, starkes und vor allem: ein befreiendes Konzept.

Für mich liegt in Queerness eine utopische, transzendente Komponente. Die Hoffnung auf eine bessere, gerechtere Welt, die Hoffnung auch, dass Körper, Identität und Sex mehr sein kann als das, was jetzt schon denkbar und möglich ist.
Ich mag den Gedanken, dass Worte nicht nur Schubladen, Etikette und Grenzen bedeuten können, sondern die Macht haben, ein bisschen mehr Freiheit zu ermöglichen.
Und manchmal fühle ich mich dabei wieder an den Zauber des Anfangs erinnert, wie ich zwischen Bücherregalen bis zur Altbaudecke in der staubigen Ein-Zimmer-Bibliothek für Frauen- und Geschlechterstudien meine allerersten Erkundigungen über Dragkings und Zwischengeschlechter, Feminismus und Queer unternahm, hastig blätternd, noch im Stehen auf der Leiter.

Das Gender-Spiel

Ich stelle mir manchmal vor, Geschlecht wäre ein Gesellschaftsspiel.
Vielleicht eine lange Schachpartie: Transmänner könnten die Türme sein, Transfrauen quer dazu die Läufer, Genderqueer-Personen reiten die verwinkelten Züge der Pferde. Die Mehrheit der Cis-Heteros als Bauern. Wenn die Bauern das ganze Spielfeld überqueren, können sie Läufer, Damen, Türme, Pferde oder Damen werden. Femmes wären dann die majestätischen, vielseitigen Damen und Butches die langgedienten Könige auf dem Genderschachbrett.
Das Zeitalter des Königtums ist lange vorbei und Figuren wie ich regieren schon lange nicht mehr. Ich stehe dauernd im Schach. Ich brauche eine ganze Armee aus allen Geschlechtern zum Schutz. Ich gehe einen Schritt, wo andere ein ganzes Spielfeld durchmessen.
In dieser Schlacht geht es um nichts weniger als die Fragen, die das Brett der Welt bedeuten:

Welche Figur darf welches Geschlecht repräsentieren? Funktioniert das Spiel noch, wenn Türme manchmal schräg gehen könnten und die Bauern kein ganzes Feld laufen müssten, um endlich Damen zu werden?

Wir befinden uns von Anfang an im Krieg. Wir würden manchmal gerne aussteigen. Man wirft uns vor, wir würden das Spiel nur darum abbrechen, weil wir am Verlieren sind. Wir zweifeln nur leise, ob unsere Figuren jenseits des Spiels überhaupt Sinn ergeben.

Als ich kein kleiner Junge war

Wenn ich groß bin, wäre ich gerne ein Junge.
Natürlich weiß ich, dass die Zeit mir das ein und für alle Mal verwehrt, und dieses Bewusstsein fundiert eine Trauer, von der ich weiß, dass sie unheilbar bleiben muss.
Chronologisch steht mir „Ich bin ein Junge!“ nicht zu. Ich verweile im ewigen „Ich wäre lieber ein Junge!“, wenn überhaupt.

Kein Junge gewesen zu sein gehört zu den unterschätzten Trans-Traurigkeiten, derer man sich im Prozess der transmännlichen Identitätsgewinnung unweigerlich mit schmerzlicher Deutlichkeit bewusst wird.
Ich habe Erfahrungen, die kein Junge je gemacht hat. Ein Junge ist nicht mit einem Kleid bei der Einschulung beschämt worden, wurde nicht irgendwann zwischen der fünften und achten Klasse jäh als „die Andere“ von seinen Kameraden verraten, hat nicht ein Wort darüber verloren, warum er eigentlich Fußball spielt.
Wenn ich auf Bäume kletterte, hangelte ich mich von Das-machen-Mädchen-aber-nicht über Du-bist-ja-ganz-schön-mutig-für-ein-Mädchen und Als-ich-klein-war-wollte-ich-auch-manchmal-ein-Junge-sein hinauf zu Wir-hatten-doch-alle-mal-eine-burschikose-Phase.
Ein Junge ist niemals auf dem Herrenklo gewesen, umherschauend und abwägend, ob sich das wirklich gut anfühlt.
Ein Junge hat niemals so anrührende Mails an seine besten Freunde geschrieben wie ich, als ich meine ersten Boxershorts kaufte.

Ich bin sauer, dass mir diese Chance ungefragt und ein und für alle Mal genommen ist. Keine Hormone und keine Operation könnten dieses Versäumnis je beheben.
Ich bin wütend bis zu einem Grad hilfloser Verzweiflung, weil ich nicht nur dieses Junge-Sein niemals erleben durfte, sondern auch, weil ich die Deutungshoheit über meine Vergangenheit nie erlangen werde. Es wird immer Menschen geben, die in mir zeitlebens ein, ja, zwölfjähriges Mädchen sehen, und tragischerweise haben sie mit dieser Sichtweise nicht völlig Unrecht.
Mein Aussehen und mein Verhalten ist zu einer bestimmten Zeit als das eines Mädchens eingeordnet, gedeutet, vorausgesagt worden, und auch jeder Widerstand gegen diese Zuordnung und damit einher gehenden Erwartungen bestätigte nur stets wiederum diese Lesart.
Ich war rebellisch, in der Tat. Ein rebellisches Mädchen.
Geschlecht ist die einzige logische Form, in der Vorannahme, Beweis und Schlussfolgerung in eins fallen. Das Traurige daran ist, dass mein Selbstentwurf, damals wie heute, gegen diese Deutung nicht ankommt und niemals ankommen kann.
Ich bleibe den Rest meines Lebens nicht nur, aber immer auch und damit unentrinnbar auf mein ehemaliges Mädchensein festgelegt.

Die Außenwelt hat mich nicht als Jungen erkannt.
Bedauerliches Resultat dieser Diskrepanz ist auch, dass mir damit wesentliche Jahre für die Anerkennung meiner Person und Persönlichkeit fehlen. Mädchensein ist nicht immer, aber immer wieder Ursache und Anlass für Anerkennung gewesen.
Ein Mädchen, das sich für Physik interessiert, interessiert sich nie einfach nur für Physik.
Im Bestreben, Differenz zwischen mich und „die Mädchen“ zu bringen, diese scheinbar endgültige Zuordnung zu widerlegen, habe ich strategisch immer wieder bewusst un-mädchenhafte Interessen und Verhaltensweisen an den Tag gelegt.
Paradoxerweise hat genau das mich immer wieder besonders deutlich auf das so unentrinnbare Mädchensein rückverwiesen.

Es fehlt so elementar an transmännlicher, von Butch-Kultur kaum zu reden, dass auch in der jüngeren Vergangenheit im deutschsprachigen Raum zumindest keine kollektiven Bewältigungsmechanismen dieser Traurigkeit entwickelt wurden. Der dominante Trans-Diskurs kann dieses Problem gar nicht erst artikulieren, da alle je schon männlich und de facto ein Junge gewesen sind und das Mannsein folglich auf Basis dieses Innerer-Junge-Sein gedacht wird und nicht aus einer Reflektion auf Verletzungen, Versäumnisse, generell weiblicher Sozialisation heraus. Infolgedessen gibt es auch dort bislang weder Initiations-Riten noch überhaupt ein Bewusstsein dieses symbolischen, emotional-sozialen Vakuums.
Gute Frage, wie sich eine Identität als queere Transmännlichkeit oder auch als Mann überhaupt entwerfen lässt ohne dieses Junge-Gewesensein, im Bewusstsein aller Verheerungen weiblicher Sozialisation.
Eine reife Queer-Identität zu entwickeln, die weder infantil-hedonistisch oder leugnend-naiv, noch Verantwortung an medizinische oder juristische Instanzen delegierend daherkommt, bleibt eine Herausforderung.

Diese Tage der Kindheit, in denen Erwachsensein für manche eine Verlockung und ein offenes Land zu sein schien, waren für mich nie unbeschwert. Sie trugen bereits Züge jener Wandlung, die mich unaufhaltsam in eine Welt involvierte, in die ich immer weniger hineinpasste.
Ich trauere darum, dass diese frühzeitig verlorene Unbeschwertheit nicht zurückzuholen ist; ich trauere darum, dass niemand diesen Jungen kennenlernen durfte, der ich hätte sein sollen; ich trauere darum, dass diese Trauer ein Leben lang Teil von mir sein wird.
Nein, ich war nicht schon immer ein Mann und leider auch kein Junge. Ich bin als geschlechtsunkonformes Mädchen behandelt worden, das gerne ein Junge wäre.
Das ist ein Unterschied, den ich zu vergeben hoffe, nicht aber zu vergessen.

Es heißt, es gäbe drei Schlüssel männlicher Initiation. Du bekommst eine Erzählung, ein Geheimnis und eine Wunde. Die Wunde habe ich schonmal.

PS: A Boy and her Dog hat einen lesenswerten Artikel dazu geschrieben.
Außerdem gibt es im FTM-Issue von März 1990 einen schönen Essay zur Transition vom Jungen zum Mann.