Wie ich einmal angekommen war

Schade, dass mein Muskeltonus zu verschiedenen Transitionsphasen nicht gemessen wurde. Dieses Diagramm wäre vielleicht aufschlussreicher als jeder Video-Vergleich.
Ich bin ruhig, als der Türsteher in der Schwulenbar meinen Ausweis sehen will und sich vertraulich zu mir neigt:
– Are you a girl?
– No, it’s just the name.
Er nickt, ich nicke und mein Herz hat nicht einen Schlag ausgesetzt.

Bevor ich mich auf den Weg gemacht habe, zu transitionieren, war ich mehr als skeptisch gegenüber jenem vielzitierten, seltsam nebulösen „Angekommensein“.
Was soll das bitte bedeuten, wie sich anfühlen? Wo ich doch schon der allzu griffig-allgegenwärtigen Formel des „Weges“ misstraue? Und ist für jemanden wie mich, der queer bleibt, in Unfrieden und Widerwillen gegen die heteronormative Zweigeschlechterordnung, ein „Ankommen“ in dieser Welt überhaupt denkbar?
Dass kein Datum einer Spritze, eines Krankenhaustermins, eines Behördenstempels dafür bürgen könnte, war naheliegend. Auch, dass eine Transition und ihr Endzustand sich nicht anfühlt wie auf Speed, Achterbahn und Kindergeburtstag alle Tage.
„Angekommensein“: Ein bestenfalls situativer Zustand, der über eine Tasse Tee nie hinausreichen wird? Physisch oder metaphysisch? Ein amorphes Gebilde, dessen Position und Gestalt sich umso mehr verändert, je weiter ich mich darauf hin bewege?

Ich glaube dennoch, ich bin angekommen.
Ich tue mich schwer, dieses Lebensgefühl zu beschreiben, weil es unaufgeregt ist, voll Alltäglichkeiten und Dingen, die für fast alle Menschen selbstverständlich sind und für mich erst langsam selbstverständlich werden.
Ich lebe nicht mehr in der Katastrophe und ich glaube nicht mehr an Wunder.
Transition bedeutet für mich nicht mehr und nicht weniger als die radikale Entscheidung, mich auf meinen Körper und meine Identität einzulassen. Angekommensein heißt, mit welchen Mitteln auch immer, frei genug geworden zu sein, deren Bedürfnisse zu erfahren und gerecht werden zu können.
Das ist alles.

Dem jungen Mann geht es gut.
Herrentoiletten, Herrenhaarschnitte, eine lange Reihe performativer Selbstverständlichkeiten.
Schon wieder in der Pronomenrunde eingenickt.

Es passieren immer noch schlimme Dinge dann und wann.
Individuell für mich, wenn die zwei kleinen Jungs am Pissoir neben mir sich so ungezwungen unterhalten, dass ich noch minutenlang die Fäuste in der Hosentasche balle. Wenn in der Facebook-Gruppe das alljährliche Klassentreffen-Doodle geteilt wird, ich ganz gefasst eine Pro-Kontra-Liste schreibe und nachts trotzdem schweißgebadet erwache, weil mir im Traum ein Bekannter erklärt hat, er werde niemals den neuen Namen benutzen, denn letztlich sei das mit dem Namen nunmal im Unterbewusstsein verankert, und das Unterbewusstsein lasse sich nicht betrügen.

Transition bleibt lange Frühling und, wenn es gut geht, länger noch Sommer.
Für die meisten sind es, ich wiederhole mich, ziemlich genau zwei Jahre, in denen sie Videos machen, auf Facebook schreiben, Stammtische und Tagungen besuchen, aktiv, selbstbewusst und politisch werden.
Ich bin überrascht, dass dieses Fenster von zwei dutzend Monaten für einige Menschen viel verändert, aber für die meisten alles in allem ziemlich wenig.
Eine hormonell-biologisch legitimierte Pubertät im Zeitraffer, ein bisschen rumprobiert, ein bisschen eskaliert, und danach rasten die meisten, klick-klack, ziemlich nahtlos wieder in ihre alten Wertesysteme ein, als wäre nie etwas geschehen.
Wer durch eine Transition nicht freigesetzt wird, wird niemals frei sein.
Diese allzu wahrscheinliche Tatsache finde ich höchst bedauerlich. Auch deshalb, weil es nur anfangs so schien, als seien meine Mit-Transitionierenden im selben Maße wie ich suchend gewesen, suchend und aufgewühlt, kochenden Blutes über die Ungerechtigkeiten der Welt, strampelnd und spuckend angesichts aufflutender Dysphorie, mit den Fingernägeln an den Knochen des heteronormativen Systems rüttelnd und kratzend, und darüber unabhängig, nachdenklich und ein bisschen fassungslos geworden.
Ich selbst vermisse manchmal das Gefühl dieser Ganz Großen Freiheit, in der alles fragwürdig schien, monatelang. Ich hatte das Privileg, meinen eigenen Kompass wählen zu dürfen. Meine Freiheit des Angekommenseins besteht darin, ihn zu kalibrieren, dessen Koordinaten zu folgen, nachzujustieren und darum zu wissen, dass nicht nur der Kompass sondern das Moos und die Sterne meine Wegzeichen sein können.
Ich habe Transitionierende, seien es Frauen und Männer auf dem Weg zu sich selbst, seien es Butches, aus denen Männer, Frauen, die zu Femmes wurden, genderqueere, die ihr binäres Coming-Out hatten und andersrum, in einer zutiefst offenen, verletzlichen, fragilen, prägenden Zeit ihres Lebens erblühen sehen dürfen.
Die beengende Last meiner eigenen Angst, Sinnsuche, den manchmal überwältigenden Ungewissheiten wurde mehr als aufgewogen durch die wilde Schönheit von Transitionsgesprächen: so viele Menschen, die das erste Mal Sex hatten; die eines Tages einen Namen trugen, der sie stark machen wird; die sich aufgemacht haben, endlich Pyrotechniker*in, Tättowierer*in und Pornostar zu werden.
Diese hoffnungsintensive Zeit ist für meinen Transitions-Jahrgang vorüber.
Wer jetzt keine Eltern hat, findet keine mehr. Wer immer noch nicht schlafen kann, wird lange schlaflos bleiben.

PS: Dieser Text erzählt nur vom gegenwärtigen Gefühl des Angekommenseins, für mich und im Verhältnis zu denen, die in einem ähnlichen Rahmen wie ich transitionier(t)en. Welche Faktoren dazu geführt haben und welche Auseinandersetzungen mit Körper und Identität dem vorausgingen, ist ein anderes Thema für einen anderen Beitrag. Und wie bereits der Titel spoilert: Dass es bei diesem ersten Angekommensein bleibt, habe ich auch nur einen kurzen Moment geglaubt.

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Über Butches, Transmänner und (nicht nur) lesbische Verlustgefühle

Ausführliche Replik einer queeren, butchbeghernden Femme auf diesen Beitrag in ZEIT online: http://www.zeit.de/kultur/2015-12/transsexualitaet-homosexualitaet-diversity-geschlecht-butches-10nach8

Teile des Ganzen

Also, ich habe ja die gleiche Partyeinladung bekommen wie Andrea Roedig. Ich bin sogar zu dieser Party hingegangen. In allererster Linie aus Neugier. Und weil ich finde, dass es – neben z.B. Partys für FrauenLesbenInterTrans (FLIT) und Partys für LesbenSchwuleBisexuelleTransleuteQueers (LGBTQ) und Partys für „alle“ – durchaus auch Partys nur für Frauen (inkl. Transfrauen) geben kann und sollte. Und ich hatte vor dem Besuch der Party tatsächlich ein wenig halbernste Sorge, ob dort wohl auch für mich attraktive Menschen (sprich: Butches) sein würden. Oder vielleicht sollte ich eher sagen, ich habe mich gefragt, welcher Teil der Butches sich wohl von dieser Einladung angesprochen fühlt. Ich bin es nämlich nicht mehr gewohnt, die Butches (und anderen nicht-cismännlichen FLITs) in meinem weiteren sozialen Umfeld nach „Frauen“ und „Nicht-Frauen“ sortieren zu müssen, weil üblicherweise eh alle auf der gleichen Party sind (die natürlich keine „Frauenparty“ ist, jedenfalls keine ohne erweiternde Fußnoten) und es…

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Warum ich queer bin

Meinen ersten bewussten und ausführlichen Kontakt mit Trans-Menschen hatte ich auf einer Jugendfreizeitfahrt. Ich entschied mich zögerlich und weit nach dem regulären Anmeldeschluss, mitzufahren. Und ich fuhr überhaupt nur mit, weil die Zielgruppe als „Lesben und Trans*“ ausgeschrieben war.
Sollte ich feststellen, nicht trans genug zu sein, könnte ich immer noch mit den Lesben rumhängen, dachte ich mir.
In der Realität funktionierte das natürlich nicht. Transjungs, -mädels und die Lesben saßen an jeweils verschiedenen Tischen. Zwischendurch durchaus Trinkspiele und Gespräche, doch die Lesben schienen mir in ihrer Geschlechtlichkeit so selbstverständlich verankert zu sein, dass meine Suche, mein Zweifeln und Fragen kaum auf Resonanz stieß.
Doch bevor ich das problematisch finden konnte, hatte ich bereits verstanden, dass ich in jedem Falle trans genug war.

Vielleicht wäre dieser Austausch produktiver verlaufen, hätte ich damals schon gewusst, was queer als Basis ermöglichen könnte.
Ein leiser Verdacht, vorsichtiges Zweifeln, ein ganz vorläufiges, intuitives, kaum konkretisiertes Infragestellen. Der eigene Körper vielleicht, Sexualität, die gesellschaftliche Geschlechterordnung, nur ein winziges Bisschen weniger selbstverständlich genommen. Noch gar nicht geklärt, geschweige denn entschieden, wo das alles hinführen soll.
Ich muss gar nicht genau sagen können, wer ich bin, welche Bezeichnungen zu meinem Körper passen, mit wem ich wie Sex haben will, ob Kinder, ein, zwei oder viele Partner*innen zugleich im Leben, romantisch oder aromantisch, da kann ich längst queer sein.
Ich erwarte von einer Identität, dass ich dadurch mehr Möglichkeiten habe als ohne. Ich erwarte u.a., im Windschatten einer Selbstbezeichnung sowohl geschützter als auch freier zu sein. Die Freiheit, auszuprobieren, zu fühlen, nicht zu wissen, nicht weiterzuwissen, und die Sicherheit, dass diese Freiheit erwünscht und bejaht wird.

Queer befreit mich davon, Erklärungen zu geben. Die Bezeichnung nimmt vorweg, dass mein Körper und Lebensentwurf, meine Ziele und Bedürfnisse nicht unhinterfragt den Normen entsprechen. Von einem queerem Menschen erwartet niemand, dass sich seine Zukunft zwischen 1,4 Kindern, Reihenmittelhaus und Gartenzwergen abspielt.
Zugleich unternimmt diese Bezeichnung zumindest den Versuch, sichtbar zu machen, wie viel harte Arbeit hinter meiner sexuellen und geschlechtlichen Identität steckt. Denn nein, meine Identität ist nicht vom Himmel gefallen und nicht aus dem Boden gewachsen, sondern das Ergebnis langjähriger Erfahrungen, Gefühlen, kritischer Auseinandersetzung und Reflektion.
Queer drückt für mich auch eine politische Identität aus. Das ist einer der Gründe, warum ich dieses Label, überhaupt ein Label wichtig finde: Es ist eine Möglichkeit, die teils gemeinsamen, teils auch sehr verschiedenen Ziele von LSB und T und I eben nicht einzeln, sondern immer wieder auch zusammen anzugehen.
Die Vorgeschichte und die Diskurse rund um „queer“, im deutschsprachigen Raum jedenfalls, sind andere als die um klassische Homo- und Transidentitäten. Während die Selbstbezeichnung als „schwul“, „bi“, „lesbisch“ und „trans“ sowohl von der Community als auch von der Außenwelt fast immer mit der Erwartung an ein Outing verbunden ist, sind an eine Queer-Identität (noch?) keine solche Anforderungen geknüpft.

Queer ist der Begriff, der mir am wenigstens Mühe bereitet hat. Viel weniger Arbeit und Bedenken, als Lesbe, Butch, Transmaskulinität und Transmann mich nacheinander gekostet haben.
Diese Identität scheint mir zugleich viel weniger anfällig als andere. Bin ich noch schwul, wenn ich einmal mit einer Frau schlafe? Bin ich noch lesbisch, wenn ich mit einem Transmann zusammen bin? Und als was identifiziere ich mich, wenn ich trans und asexuell bin?
Queer erspart diese müßigen Auseinandersetzungen. Bietet genug Raum für Entwicklungen und neue Wege, innerhalb eines nicht allzu beengten Regenbogenspektrums, eine zeitlang jedenfalls. (Macht dabei vielleicht notwendige und produktive Abgrenzungsversuche zu leicht? Reicht auf Dauer womöglich nicht weit genug?)
Ich habe mich oft gefragt, ob ich maskulin, trans oder homosexuell genug bin. Ich hatte hingegen weit weniger Zweifel, ob queer als Selbstbezeichnung mir passt.
Nicht trans genug, und, häufiger noch, nicht Butch genug zu sein, ist mir regelmäßig unterstellt worden. Dagegen wurde viel seltener behauptet, ich wäre nicht queer genug.
Das ist vermutlich ein Zeit-Phänomen, und ich nehme stark an, dass jede Generation vor und nach mir größere Schwierigkeiten darin sieht, sich diesen Begriff anzueignen.

Zwischenzeitlich habe ich die theoretischen Hintergründe von Queer kennen und schätzen gelernt. Judith Butler gelesen, ganze Sammelbände über Diskurs, Macht, Feminismus verschlungen und viele Semesterwochenstunden mit Queer Theorie verbracht.
Diese Selbstbezeichnung stellt ganz en passant eine Verbindung her zwischen diesem theoretischen Fundament, meinem politischem Engegament und meiner persönlichen geschlechtlichen Identität.
Ich will meine Identität fühlen, aber ich will sie auch denken können.

Aus diesen Gründen war und ist das Adjektiv queer seit langem der Minimalkonsens meiner Geschlechtlichkeit wie auch meines politischen Engagements. Während die Substantive meiner Identität sich immer wieder verändert, ergänzt oder neue Bedeutungen angenommen haben, war queer mindestens eine konstante Aussage, die ich bislang immer über mich treffen konnte.
Dabei war und bin ich nicht mit allen politischen Anliegen, die unter dieser Bezeichnung angestrebt wurden und werden, einverstanden. Gewiss ist queer, ebenso wenig wie jedes andere Label, davor gefeit, ideologisiert und anderweitig missbraucht zu werden.
Ich schließe nicht aus, dass dieser Fall eintritt. Ich sehe auch die Möglichkeit, dass ich selbst eines fernen Tages aus diesem Begriff herausgewachsen bin. Für den Augenblick jedoch ist es ein schönes, starkes und vor allem: ein befreiendes Konzept.

Für mich liegt in Queerness eine utopische, transzendente Komponente. Die Hoffnung auf eine bessere, gerechtere Welt, die Hoffnung auch, dass Körper, Identität und Sex mehr sein kann als das, was jetzt schon denkbar und möglich ist.
Ich mag den Gedanken, dass Worte nicht nur Schubladen, Etikette und Grenzen bedeuten können, sondern die Macht haben, ein bisschen mehr Freiheit zu ermöglichen.
Und manchmal fühle ich mich dabei wieder an den Zauber des Anfangs erinnert, wie ich zwischen Bücherregalen bis zur Altbaudecke in der staubigen Ein-Zimmer-Bibliothek für Frauen- und Geschlechterstudien meine allerersten Erkundigungen über Dragkings und Zwischengeschlechter, Feminismus und Queer unternahm, hastig blätternd, noch im Stehen auf der Leiter.

Von einer tiefen Müdigkeit

Letztens sprach mich jemand auf einer Party an und fragte, welche Wohlfühl-Pronomen ich für non-binäre Identitäten kenne. Und wie man überhaupt jemals mit all dem Schmerz und Nichtweiterwissen zwischen Sprache und Körper klarkommen kann.

Oh, wie gut kenne ich diese Fragen, den vorgebeugten Oberkörper, den hungernden Unterton. Wie oft habe ich selbst mir halbe Abende einen Anlass ausgedacht, mit den richtigen Leuten ins Gespräch zu kommen, habe ich mit ihnen in Ecken gesessen und in der Kälte gestanden, bis weit in den Morgen hinein, und über Transitionsgeschichten, Pronomendiskussion, Queererfahrungen mehr als einmal meine Station verpasst.
Ach, das kommt schon alles in Ordnung, meinte ich nur, kam mir altväterlich vor und wusste genau, dass meine Antwort weder hilfreich noch tröstlich war.

Bei vielen Transitionen – und damit meine ich sowohl binäre als auch non-binäre, medizinisch-juristische und nicht medizinisch-juristische – kann man die Uhr präzise stellen: Nach ziemlich genau zwei Jahren der intensiven Auseinandersetzung tritt eine Ruhephase ein, die für viele in einer Abkehr von Community überhaupt mündet.
Meine zwei Jahre sind seit einigen Monaten abgelaufen.
Das spüre ich deutlich, auch wenn ich nach außen nicht so wirke, weil meine in spannenderen Zeiten gesammelten Gedanken und Anregungen darüber hinweg täuschen.
Ich ertappe mich bei Plattitüden wie Im-Grunde-sind-wir-doch-alle-nur-Menschen. Ich habe meinen Browserverlauf schon lange nicht mehr gelöscht. Ich zünde keine Häuser mehr an, wenn mich jemand misgendert.
Mir fehlt die Kraft zur fundamentalen Empörung und die Geduld zu ermunterndem Mentoring. Ich bin so müde, dass ich das noch nichtmal bedaure. Ich möchte Gender-Winterschlaf, lange und tief.
Ich bin müde, und ich bin zugleich distanziert und gelassen. Die Frustration über allgemeine Cis-, Binär- und Heteronormativität, holzschnitthafte Transitions-Erzählungen, selbstzerstörerisches Szene-Gebaren, so deprimierend, nervenaufreibend, empörend ich das alles oft empfand, nehme ich hin, wach und milde.

Man hört wenig von dieser Müdigkeit.
Einerseits ist das banal: Transition ist für viele, mich eingeschlossen, eine unvergleichlich aufregende Lebensphase, die irgendwann in ihre unvermeidlichen Alltäglichkeiten übergeht. Ich kann ich nicht mein ganzes Leben lang jeden Tag etwas Neues, Verheißungsvolles im Spiegel entdecken.
Andererseits haben die, die sich über die üblichen zwei Jahre hinaus mit Trans- und Queer-Themen beschäftigen, zusehends weniger Gesprächspartner*innen auf Augenhöhe.
Habe ich einfach schlecht mit meinen Kräften gehaushaltet? Oder ist das Ende der Transition wirklich erst der Anfang des Weges?
Erfahrungswerte, ob eine Pause oder doch Gender-Ruhestand die richtige Antwort auf diese Müdigkeit sind, existieren kaum.

Genau genommen setzt sich die geschilderte Erschöpfung aus drei verschiedenen Müdigkeiten zusammen: Die Transitions-Müdigkeit, die Aktivismus-Müdigkeit und die Identitäts-Müdigkeit.
Mich interessiert schon lange nicht mehr, ob trans* oder nicht, ob Coming Out oder nicht, welche Identität, welche sexuelle Orientierung, gefangen im falschen Körper, in der falschen Gesellschaft oder im falschen Leben. Ob die Identität politisch subversiv genug, die Entscheidung für Hormone, Operation, Krawatte die richtige, der Umgang mit Unsichtbarkeit, Dazwischensein, Maskulinität wohl erwogen.
Ich hätte es nie für möglich gehalten, eines Tages so fundamental gelangweilt sein zu können von diesen Themen.

Überlegungen wie der Einfluss von Alter, Bildung, Wohnort auf geschlechtliche Lebensläufe, Unsichtbarkeit und Schmerzlichkeiten einer Nicht-Mainstream-Identität beschäftigen mich nach wie vor.
Ich komme in meiner Auseinandersetzung nur langsam und oft gar nicht voran. Vieles, das mich derzeit interessiert, ist so diffus, dass ich darüber nur mühsam sprechen, geschweige denn schreiben kann.

Meine Antworten werden dürftiger. Manchmal denke ich, überhaupt nichts mehr sagen zu können.

Vielleicht bin ich so müde, weil mein politisches Bewusstsein so präsent ist. Ich finde es notwendiger denn je, die Kräfte auf die verschiedenen Erfahrungen und das gemeinsame Anliegen zwischen Lesben, Schwulen, Trans-, Queer-, Inter- und Hetero-Menschen zu konzentrieren.

Der Weg ist so lang. Ich liege abends nicht mehr wach.

Das Gender-Spiel

Ich stelle mir manchmal vor, Geschlecht wäre ein Gesellschaftsspiel.
Vielleicht eine lange Schachpartie: Transmänner könnten die Türme sein, Transfrauen quer dazu die Läufer, Genderqueer-Personen reiten die verwinkelten Züge der Pferde. Die Mehrheit der Cis-Heteros als Bauern. Wenn die Bauern das ganze Spielfeld überqueren, können sie Läufer, Damen, Türme, Pferde oder Damen werden. Femmes wären dann die majestätischen, vielseitigen Damen und Butches die langgedienten Könige auf dem Genderschachbrett.
Das Zeitalter des Königtums ist lange vorbei und Figuren wie ich regieren schon lange nicht mehr. Ich stehe dauernd im Schach. Ich brauche eine ganze Armee aus allen Geschlechtern zum Schutz. Ich gehe einen Schritt, wo andere ein ganzes Spielfeld durchmessen.
In dieser Schlacht geht es um nichts weniger als die Fragen, die das Brett der Welt bedeuten:

Welche Figur darf welches Geschlecht repräsentieren? Funktioniert das Spiel noch, wenn Türme manchmal schräg gehen könnten und die Bauern kein ganzes Feld laufen müssten, um endlich Damen zu werden?

Wir befinden uns von Anfang an im Krieg. Wir würden manchmal gerne aussteigen. Man wirft uns vor, wir würden das Spiel nur darum abbrechen, weil wir am Verlieren sind. Wir zweifeln nur leise, ob unsere Figuren jenseits des Spiels überhaupt Sinn ergeben.

Wie ich Butch wurde

Trotzdem dies ein ButchBlog ist, habe ich nie darüber geschrieben, warum ich mich eigentlich so identifiziere. Warum ich unter allen queeren Maskulinitäten ausgerechnet diese wählte, welche Erwartungen, Gewinne, Auszeichnungen ich in diesem Geschlecht sehe, welche Wünsche und Visionen ich zu erfüllen hoffte.

Heute sind es knapp zwei Jahre, dass ich die ersten Femmes und Butches im realen Leben traf, und knapp drei, seit ich Stone Butch Blues las.
Vordergründig kam ich zu diesem Identitätsangebot auf der Flucht vor jenen weit verbreiteten Unzulänglichkeiten des Trans-Diskurses, die ich bis heute kritisiere: Die Misogynie, die Abwertung feministischer Perspektiven, oberflächliche OP-Fixiertheit, keine fürsorgliche Sichtweise auf den eigenen Körper und die eigene Vergangenheit, Wettbewerbscharakter der Transitionen, fehlende Solidarität mit Frauen und anderen Geschlechtern.

Ich wollte über meine Geschichte sprechen, ohne die Differenz zwischen Geburts- und Wahlgeschlecht als Mangel, großen Fehler, schlimmen Verlust betrachten zu müssen.
In Butch suchte ich neben meinem individuellen ein kollektives Bewusstsein für die Geschichte queerer Bewegungen, in dem jeder gegenwärtige, normvariante Geschlechtsausdruck wurzelt. Es kam mir unmöglich vor, herauszufinden, wo ich hinwollte, wenn ich noch nichtmal wusste, wo ich herkam.
In einer Dekade, in der zumindest innerhalb der queeren Welt alle paar Monate ein neues Geschlecht Hochkonjunktur hat, sah ich in Butch einen geeigneten Gegenentwurf. Anstelle postmoderner Haltlosigkeit die Stabilität eines Genders, das immerhin mehr als ein Jahrhundert Antworten auf die Herausforderungen der Zeit zu geben wusste.

Ich wollte nie außerhalb von Geschlechtlichkeit leben. Ich finde Geschlecht emotional und theoretisch spannend, herausfordernd, ästhetisch, anspruchsvoll, und die darin liegenden Unterdrückungsverhältnisse wollte und werde ich nicht aus einem Exil angehen. Darum kam für mich trotz all meiner Erfahrung des Dazwischenseins nie eine klassische Genderqueer-Identität in Frage.
Butch schien mir eine Möglichkeit, diesen queeren Erfahrungsbestand sinnvoll in eine geschlechtlich eindeutig verortete Identitätskonzeption zu integrieren.

Ich verstehe Identität und Geschlechtlichkeit noch immer als eine schöne und bereichernde, intellektuelle ebenso wie künstlerische Herausforderung, Anlass für Diskussion und Geschichten, für Herz, Hirn und Hand gleichermaßen.
Butch/Femme mit einem Fundus an Legenden und Klassikern, die mehr als nur medizinisch-juristische Wandlungen und Herausforderungen thematisiert, ja, selbst die zugehörige Pathos-Patina waren mir eine anregungsreiche Grundlage. Immerhin wurden hier Gefühle und Erkundungen der eigenen Identität, anders als damals in Trans-Kreisen, überhaupt zum Thema. Ich wollte nicht nur meinen Körper entwickeln, sondern auch meine Persönlichkeit.
Butch öffnete meinen Horizont, indem Identität und Begehren gemeinsam zur Debatte standen, Vergangenheit und Zukunft, reflektierte Maskulinität und queerer Feminismus zusammen verhandelt, Versehrungen und Chancen von Sozialisation und Kraftsport gleichermaßen bedacht wurden. Ein mir damals neuer und heute immer noch hilfreicher Denkrahmen.
Nicht zuletzt war das Butch-Femme-Forum zu seinen Spitzenzeiten bis 2010, und selbst noch in seinen letzten Höhepunkten 2012 eines der faszinierendsten Foren, die mir je begegnet sind, mit zugleich theoretisch und emotional hoch engagierten, differenzierten und visionären Beiträgen. Ich zehre bis heute von diesen Anregungen.

Einige persönliche Vorlieben taten ihr Übriges, mich für diese Identität zu gewinnen.
Ich habe eine Schwäche für diskursive Trümmerfelder. Ich mag Lebenskonzepte, in denen nicht je schon alles gesagt, gedacht und getan ist, sondern die offen, unbestimmt, noch nicht völlig ausgedeutet sind.
Einer auch unter queeren Identitäten kleinen Minderheit anzugehören, schreckte mich nicht, sondern reizte meine Lust auf Community-Arbeit, das eigene Wirken unmittelbar zu spüren, Teilhabe zu erfahren, bevor sich Normierungen und Gruppendruck ausbilden. Vorurteile über Butches kamen mir so fern vor, dass ich sie kaum mit mir in Verbindung brachte, und wenn doch, beflügelten sie eher meine Koketterie mit der Rolle des unterschätzten Underdogs.
Progressive Ansichten über Geschlecht und Gesellschaft im Gewand von Anzug und Krawatte fand ich eine spannende Mischung, und mit kaum zwanzig als „oldschool“ zu gelten, schien mir eine produktive Ironie.

Ich hoffte auf generationelle Vielfalt. Solidarität und Fürsorge unter jenen, die denselben Geschlechtsausdruck wählten wie ich, die selbst zu denkbar verschiedenen Jahrzehnten Erfahrungen und Einschränkungen darin teilten, entlang ähnlicher Verwerfungen und Hoffnungen lebten, und jenen, deren Weg und Werden ein ganz anderes ist und sein wird. Mentoring in schlechten Zeit und Abenteuer in den besseren. Und vielleicht eines fernen Tages selbst jemandem ein Zippo schenken zu dürfen.
Ich hielt mich nicht mehr für einen Mann, nachdem ich gerade die Illusion der Binarität durchschaut hatte. Angesichts der wenig reflektierten Misogynie meiner Jugend hatte ich gerade erst den Zauber, die Würde, die Wertschätzung für Femininität entdeckt und freute mich über ein Umfeld, in dem ich meine Maskulinität entwickeln konnte, ohne den geschlechtlichen Ausdruck anderer abwerten zu müssen.

Insgeheim ist mein Butch-Verständnis auch dadurch motiviert, dass ich gerne zumindest versuchen würde, geschlechtlich zu sein, ohne in die Fallen jeder Geschlechtlichkeit zu gehen. Feministisch und queer, männlich und privilegienbewusst, geschichtsreflektiert und zukunftsoffen, Baltimore und Champs-Elysees, und absurderweise manchmal sogar: der beste Kumpel der Männer und die beste Freundin der Frauen.

Alles in allem schien mir Butch eine Möglichkeit, einen würdevollen Umgang mit meinem Körper und meiner Vergangenheit zu finden.
Maskulinität erkannte ich als die Konstante im Wandel meines Geschlechtsausdrucks, entlang der ich Worte und Wege für mein Sein zu suchen begann. Aus einem Anlass zu homo- und transphober Abwertung wurde eine Gelegenheit zu Selbstbewusstsein und Selbsterkundung.
Das, was andere an mir als irritierend und manchmal auch provozierend empfanden, im Gegenteil als Geschenk, als eine der wertvollsten Gesten meines Auftretens zu kultivieren, war eine revolutionäre Idee, und ist bis heute die schönste Antwort, die ich auf derlei Erfahrungen zu geben weiß.

Femme und Butch lesen

Die Rundschau auf die interessantesten Femme- und Butchartikel in der Blogopsphäre der vergangenen Monate – nebst Lesenswertem aus der Vergangenheit – kam hier bislang zu kurz.
Kleines Blitzlicht einer (weder vollständigen noch Anspruch auf Repräsentativität erhebende) Auswahl wertvoller Texte: