Femmes

„Stone Butch Blues“ – eine unromantische Geschichte in 10 Bildern

20140906_130846_Richtone(HDR)

Träume in den erwachenden Morgen – unser Zuhause

07_Highfemme-Frühstück

Katzenfrühstück

12_mein Arbeitsplatz

Mein Arbeitsplatz

05_Wer hier eintritt, auf den regnen keine Goldtaler

Wer hier eintritt, auf den regnen keine Goldtaler

11_StoneButchDreams

StoneButch Dreams

03_Barkultur_a

glamouröse Barkultur

06_fliegender Teppich in eine andere Welt

Fliegender Teppich in eine andere, virtuelle Welt

02_Stammtischkultur_heute

unser Butch/Femme-Stammtisch

17_Endstation Sehnsucht

Dein Arbeitsplatz

20140831_190414

Endstation Sehnsucht

Eine lakonische Fotoreihe aus Bremerhaven in Hafennähe von heute (Danke an Labyrinthus fürs Begleiten). Das Quartier hatte in den 1950er und 1960er Jahren seine große Zeit – mit einer riesigen Dichte an Kneipen, Bars, Jazzclubs, und dem Aladin-Kino mit seinem besonders geschwungenen Eingang. Einige Bars, die hier vor allem von schwulen* Männern betrieben wurden, sahen weit weniger heruntergekommen aus als heute. Lesben* waren bzw. sind durchaus Teil der Gäste, zum Beispiel heute im „Dreams“. Dennoch war das alles nicht schön oder glamourös – wie gegenwärtige nostalgische 50’s-Cupcake-oder Rockabilly-Fantasien nahelegen. Es war eher wie St. Pauli bis Ende der 1960er Jahre oder die Barszene in „Stone Butch Blues“. Die „homosexuelle Barkultur“ bis Ende der 1980er Jahre hatte verschlossene Türen, kleine Sichtfenstern, Türkontrollen, Jukeboxes, mal mehr, mal weniger roten Plüsch und war im „Rotlichtmilieu“ angesiedelt. Wer in die Bar wollte, musste klingeln, der_die Inhaber_in öffnete ein kleines Fenster und schaute, wer draußen war, um dann persönlich die Tür zu öffenen. Alle wurden per Handschlag begrüßt. Das waren Sicherheitsmaßnahmen aufgrund der langen Kriminalisierungsgeschichte von queeren* Menschen. Als ich in dieser Zeit im Rickmersstraßenrevier immer wieder mal unterwegs war, erfuhr ich von Freund_innen zum Beispiel, dass ein Schwuler* aus Homophobie in einer Seitenstraße erschlagen wurde, und von Lesben*, die als Zuhälter_innen arbeiteten. Auch gab um 1990 Morde an Sexarbeiter_innen. Sie wurden hier hinter einem Supermarkt getötet in den Container geworfen. Neben dem „Babylon“, das früher „Why not“ hieß,  gab es eine Bar, die hieß „La Femme“ und von Lesben* betrieben wurde. Ein paar Monate später übernahmen Zuhälter sie „feindlich“, so dass in den Hinterzimmern Sexarbeit stattfand.

Vor diesem Hintergrund konnte und kann ich die Romantisierung von „Stone Butch Blues“ nicht verstehen, der ich immer wieder begegne. Als ich das Buch las – mehr als dreimal habe ich es bislang nicht geschafft – , konnte ich vor allem die alltägliche (sexualisierte) Gewalt, das Überleben und Ausgeliefertsein in ein paar Quadratkilometern Straßenrevier, die Wut über die Perspektivlosigkeit und die Angst, die im Nacken sitzt, und die Trostlosigkeit des „Leben am Randes“ schmecken. Fühlen konnte ich die überlebensnotwendige Bedeutung eines Mikrokosmos von Freund_inschaften, Liebesbeziehungen, die zarten Augenblicke, das Innehalten, die kleinen liebevollen und gleichzeitig unterstützenden Gesten, die sinnlichen und auch verstehenden Blicke – Momente, wie das zeitentrückte Innenleben in einem Kokon. Auch ich habe mal für jemanden, die vergewaltigt wurde, Kakao gekocht und das Badewasser eingelassen – ich empfinde und sehe diese Erinnerung nur als „zarter Schaum“, „warmes Wasser“, „dunkel, heiß, süß“ und „schweigen“. Dafür und für den „StoneButch/Femme-Blues“ gibt es nur Bilder, keine Worte.

 

 

 

Queer kinky & sexy Leben mit chronischen Erkrankungen

Im Zentrum von BDSM stehen körperliche, mentale und sexuelle, emotionale Grenzgänge. Das Eingebunden sein in Szenen bedeutet darüber hinaus, mit bestimmten Erwartungen und Wünschen konfrontiert zu sein, wie wir als bottom, switch, als Top agieren, uns präsentieren, in Kontakt gehen, uns innerhalb der Szene engagieren, uns vernetzen, und ob wir auf Playparties oder anderen Events präsent sind.

Die heißen Fantasien über Tops und Dom(me)s sind: Ungebrochen stark, dominant, sexuell fordernd, lustvoll Grenzen setzend, streng fürsorglich, körperlich und mental präsent und Verursacher_innen von genussvollem Schmerz. Die kinky Fantasien über bottoms und submissives kreisen um den Genuss von Schmerzen, das Eintauchen in Schmerz und „Schwäche“, die Lust an Restriktionen, am „Pleasen“, am Zur-Verfügung-stehen/knien.

Was aber, wenn Tops selbst Schmerzen empfinden, oft und unfreiwillig; körperlich, mental oder emotional nicht „immer stark“ sind; in bestimmten Phasen der vermehrten Fürsorge und Unterstützung bedürfen; sich nicht sexy fühlen und keine Lust auf Dominanz und Sex haben? Playevents und/oder Organisationsarbeit massiv anstrengend finden? Die Energiezeitfenster begrenzt sind? Sich für „Schwäche“ schämen?

Was aber, wenn bottoms selbst Schmerzen empfinden, oft und unfreiwillig; körperlich, mental oder emotional nicht immer in der Lage sind, „sich hinzugeben“; in bestimmten Phasen der vermehrten Fürsorge und Unterstützung bedürfen; Playevents und/oder Organisationsarbeit massiv anstrengend finden? Die Energiezeitfenster begrenzt sind? Sich nicht sexy fühlen; keine Lust auf dominiert werden und Sex haben? Und die Restriktionen des eigenen Körpers usw. einfach nur satt haben?

  • Erleben: Hat sich in Eurem Erleben als bottom/submissive oder als Top/Dom(me) etwas durch Erkrankung verändert? Gibt es hier Unterschiede, ob Ihr eher SM oder eher D/s lebt?
  • Selbstverständnis: Was bedeutet es für Dich als Top/Dom(me), für Dich als bottom/submissive erkrankt, beeinträchtigt zu sein?
  • Verhandlung: Wie verhandelt Ihr Eure Beeinträchtigung? Was bedeutet für Euch im Hinblick auf Erkrankung „ssc“?
  • Umgang: Wie geht Ihr z.B. mit Schmerzen um? Z.B. mit Erkrankungsphasen oder Anfallserkrankungen? Wie vereinbart Ihr das mit Euch und Eurem Gegenüber in Plays, in Spielbeziehungen, Poly- oder Nicht-Polybeziehungen?
  • Szene: Wie empfindest Du den Umgang innerhalb der queeren, lesbischen BDSM-Szene mit Erkankung/Beeinträchtigung? Was fehlt Dir? Was hast Du als hilfreich erlebt?
  • Unterschiede: Wie und mit wem Du lebst, mit oder ohne Erwerbsarbeit, ob mit Trans*erfahrung oder ohne, ob als *Femme oder *Butch, mit oder ohne Migrationserfahrung, jünger oder älter, mit oder ohne Kinder usw. – all dies hat unterschiedlichen Einfluss auf ein Leben mit chronischer Erkrankungen.
  • Empowerment durch BDSM: Was stärkt Dich an BDSM, an Deinem kinky Leben & Sexualität?

All diejenigen sind willkommen, die sich angesprochen fühlen, hier ins Gespräch zu kommen. Wem das zu wenig geschützt ist, kann mir gerne eine PM senden.

Zu mir: Keleb, mittelalter T*Butch, Daddy-Dom, mit Autoimmunerkrankungen inkl. chronischer Schmerzen. Butch/Femme-D/s-Erotik und Sex ist das, was für mich Genuss bedeutet und mich erinnert, dass ich viel mehr bin als die Summe meiner zum Teil angeschlagenen Einzelteile – neben Soul der 1960er und 1970er Jahre, gutem Essen und etwas Zen.

Zum Weiterlesen: XanWest, chronisch erkrankter Top

Ein langer, aber sehr spannender Beitrag von Johanna Hedva: „Sick Women Theory“, wobei sie „Women“ nicht essentiell als „weiblich“ versteht … wie gesagt, sehr interessant, zu lesen.

 

Über Butches, Transmänner und (nicht nur) lesbische Verlustgefühle

Ausführliche Replik einer queeren, butchbeghernden Femme auf diesen Beitrag in ZEIT online: http://www.zeit.de/kultur/2015-12/transsexualitaet-homosexualitaet-diversity-geschlecht-butches-10nach8

Teile des Ganzen

Also, ich habe ja die gleiche Partyeinladung bekommen wie Andrea Roedig. Ich bin sogar zu dieser Party hingegangen. In allererster Linie aus Neugier. Und weil ich finde, dass es – neben z.B. Partys für FrauenLesbenInterTrans (FLIT) und Partys für LesbenSchwuleBisexuelleTransleuteQueers (LGBTQ) und Partys für „alle“ – durchaus auch Partys nur für Frauen (inkl. Transfrauen) geben kann und sollte. Und ich hatte vor dem Besuch der Party tatsächlich ein wenig halbernste Sorge, ob dort wohl auch für mich attraktive Menschen (sprich: Butches) sein würden. Oder vielleicht sollte ich eher sagen, ich habe mich gefragt, welcher Teil der Butches sich wohl von dieser Einladung angesprochen fühlt. Ich bin es nämlich nicht mehr gewohnt, die Butches (und anderen nicht-cismännlichen FLITs) in meinem weiteren sozialen Umfeld nach „Frauen“ und „Nicht-Frauen“ sortieren zu müssen, weil üblicherweise eh alle auf der gleichen Party sind (die natürlich keine „Frauenparty“ ist, jedenfalls keine ohne erweiternde Fußnoten) und es…

Ursprünglichen Post anzeigen 5.573 weitere Wörter

Butches und alltägliche Sexismus-Erfahrungen?!

Habe gerade eine interessante  Info zu einer Ausstellungseröffnung gegen sexistisches Street-Harassment  – „My name is not Baby!“ bekommen, fand die Ankündigungen sehr spannend, ebenso die Projekte („My Name is Not ‚Baby‘!“ /“Stop Telling Women to Smile“). Was mir aber sehr oft bei aktuellen und auch wirklich guten feministischen Anti-Sexismus-Aktionen auffällt, female masculinities sind visuell nicht repräsentiert … als ob diese NICHT von Sexismus betroffen seien. Ja, möglicherweise zielt „Street-Harassment“ von female masculinities auch noch auf eine andere Ebene (Homophobie z.B.), aber Sexismus und Misogynie ist sehr vielfältig und Homophobie trifft auch queere Femininitäten.

Liegt es am Trans*diskurs, der sexstische Erfahrungen ausschließlich als „transphob“ rahmt und jedes Zurückgeworfensein auf „Weiblichkeit“ damit vermeidet, verhindert, von sich weist, und sich von der Erfahrung fundamental distanziert? Und zugleich damit als „fremde“ Erfahrung der „Anderen“ markiert?
Ich erinnerte in dem Zusammenhang, dass eine junge Femme einmal annahm, dass ich ihre sexistischen Erfahrungen nicht verstehen, nachvollziehen könnte oder SELBST erlebt haben könnte, weil sie annahm, ich würde nicht als „Frau“/“Lesbe“ passen… ein zweischneidiges Kompliment für mich … Passing, wieder dieses komplexe Thema der Wahrnehmung/Beurteilung, was wieder im Blickregime der_des Betrachter_in liegt.

Tatsächlich habe ich mich jahrelang gewundert – und es war mir auch etwas peinlich, weil irgendwie wundersam „privilegiert“ – dass ich kein Street-Harassment in Form von Anmachsprüchen abbekommen habe. Und nein, das hängt nicht unbedingt nur mit „Maskulinität“ zusammen. Von einer anderen Person erfahre ich, dass sie oft als Maskulinität passt, dennoch sexistisch angemacht wird. Sie vermutet, weil es an ihrer kleinen Körpergröße und damit am „Jung-aussehen“ liegt …
Aber Misogynie/Sexismus erlebe ich auch, und ich kenne sehr gut die Aufforderung von Cis-Männern, doch mal bitte zu lächeln! Oder nicht ernstgenommen zu werden, als irrational oder anmaßend/aggressiv gelte (sei doch bitte netter, gefälliger usw.) sowohl von Cis-Männern, als auch Frauen (soviel zum verinnerlichten Sexismus).

Also, warum sind female masculinities nicht visuell in Anti-Sexismus-Kampagnen angesprochen/integriert und damit unsichtbar??

Westdeutsche Sittlichkeit: Sexualitäten und andere ‚Perversionen‘ in den 60er und 70er Jahren

„Im Zuge des Reformvorhabens „Mehr Demokratie wagen“ der sozial-liberalen Koalition fanden umfassende Rechtsreformen zwischen Ende der 1960er bis Mitte der 1970er Jahres statt, wie die des Sexualstrafrechts, das heißt „Straftaten gegen die Sittenordnung“. Konservative bürgerliche Rechtsnormen, die Geschlechterverhältnisse und Sexualitäten bereits im deutschen Kaiserreich regulierten, blieben in der Adenauer-Zeit noch durch Modernisierungsoffensiven unangetastet, sollten zum Teil gar ausgebaut werden. Ein Regierungsentwurf des StGB von 1962, welcher allerdings nie gesetzlich implementiert werden konnte, spiegelte den restriktiven Zeitgeist.

„[Er] sah vor, sämtliche Straftatbestände mit Bezug zu Religion, Ehe oder `Sittlichkeit` unter die neue Überschrift `Straftaten gegen die Sittenordnung` zu fassen und durch Aufspaltung einzelner Tatbestände aus den bislang 28 nicht weniger als 47 Paragraphen zu machen. Angefangen mit Gotteslästerung reichte der Abschnitt über Ehebruch, das `Zugänglichmachen` von Verhütungsmitteln und 17 verschiedene Straftatbestände mit dem Wort `Unzucht` in der Überschrift […] bis hin zu allein fünf Kuppel-Paragraphen und einem zu Tierquälerei.“ (Steinke 2005: 63)

Erinnert sei hier zudem an strafrechtliche Restriktionen männlicher Homosexualität: Bis 1969, trotz an das Bundesverfassungsgericht formulierte Beschwerden, galt eine Fassung des § 175 StGB aus dem Jahre 1935, die männliche – jedoch nicht weibliche – „widernatürliche Unzucht“ mit Gefängnis bestrafte, oder in milderen Formen „sittlich labilen Menschen“ beispielsweise einen PKW-Führerschein verweigerte (vgl. Steinke 2005: 61), um ihren Mobilitätsradius und damit potenzielle Straftaten zu reduzieren. Rosa von Praunheims1 Filmtitel „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation in der er sich befindet“ fasst pointiert die homophobe gesellschaftliche Atmosphäre zusammen, und sollte zum politisierenden Weckruf für bundesdeutsche Schwule gelten. Einen solchen Politisierungsprozess zeigte der Film: Aus der Provinz kommend, bewegt sich der junge Protagonist in der homosexuellen Subkultur Westberlins zwischen Bars und ‚Klappen’. Das Zusammentreffen mit einem „emanzipierten Schwulen“ und dessen Wohngemeinschaft schwuler Männer eröffnen ihm politisierte Lebens- und Handlungsmöglichkeiten in einer homophoben Gesellschaft. Zugleich spiegelt der Film von 1970 den politischen Aufbruch homosexueller und transgender Personen wider, wie in den Stonewall Riots 1969 in New York geschehen, der sich ebenso wie die Anti-Vietnam-Proteste internationalisierte.

Das mediale Echo, das die TV-Ausstrahlung 1972 in der BRD auslöste, wurde von einem Aussendeskandal begleitet. Der Auftraggeber WDR sendete als einziger Sender den Film, während die ARD kurzfristig absagte und die Aufführung um ein Jahr verschob. Während der Ausstrahlung schaltete sich 1973 der Bayrische Rundfunk aus Protest aus (vgl. Sigusch 2010: 5).

Trotz einer vermehrten politischen Skandalisierung von homophoben Diskriminierungsstrukturen und zugleich einer breiteren Öffentlichkeit für nicht-heterosexuelle Lebensentwürfe und Identitäten sollte der § 175 StGB erst 1994 ersatzlos gestrichen werden, der in der DDR bereits 1957 gestrichen wurde (vgl. Gammerl 2010: 9). Insbesondere in Männlichkeitsbastionen, wie der Bundeswehr – oder aktuell die Fussballbundesliga – genügte der Verdacht des Schwulseins, um öffentliches Aufsehen zu erregen. Noch 1983/84 brachten entsprechende Gerüchte den damaligen stellvertretenden NATO-Oberbefehlshaber und Bundeswehrgeneral Günter Kießling zu Fall bzw. weiteten sich zu einer medialen und Verteidigungspolitischen „Affäre Kießling“ aus. Schwul-lebische Aktionsgruppen nahmen diesen Skandal auf und skandalisierten den selbigen, ebenso wie den § 175 StGB.

Obwohl der §175 StGB Lesben im Nachkriegswestdeutschland strafrechtlich nicht sanktionierte, so lässt sich beispielsweise am Mediendiskurs um und die Justizpraxis im Strafprozess Ihns/Andersen von 1974 in der Schleswig-Holsteinischen Provinzstadt Itzehoe ablesen, in welcher Weise nicht-heterosexuell lebende ‚Frauen‘ sozialer Stigmatisierung ausgesetzt waren. Er zeigt auch wie Homosexualität und Devianz diskursiv miteinander legiert waren und Heterosexualität als natürliche und somit legitime Sexualität sittlich unhinterfragt blieb (vgl. Gammerl 2010: 7, 11). Zugleich brachte der Prozess exemplarisch alltägliche Gewaltverhältnisse innerhalb einer Ehe zu Vorschein. Diese wirkten sich jedoch nicht strafmildernd aus, da sie offenbar als einen – wenn auch dysfunktionalen und ins Private verwiesenen – Aspekt einer natürlichen Geschlechterordnung billigend in Kauf genommen wurden. Stattdessen sollte die sexuelle ‚Widernatürlichkeit’ als eigentlicher Motor der Tat im Vordergrund des Itzehoe-Prozesses stehen. Der SPIEGEL (Art. „Halbwüchsige haben hier nichts zu suchen“ 41/1974) konstatierte ironisch das richterliche Plädoyer:

„Daß die Angeklagten auch als Mörder verurteilt wurden, weil sie‚ zur Befriedigung des Geschlechtstriebs’ töten ließen, wagte er [der Vorsitzende Richter] nicht auszusprechen: das umschrieb er nur. Es ging eben auch um Homosexualität unter Frauen, und der stehen wir ja ganz unbefangen gegenüber.“

 Die BILD nahm den Skandal-Prozess zum Anlass, der als „Hexenprozess von Itzehoe“ zur Initialzündung der Lesbenbewegung in der Bundesrepublik werden sollte, eine über mehrere Ausgaben verteilte Serie „Die Verbrechen der lesbischen Frauen“ zu publizieren. Vorangegangen war ein Jahr zuvor die sensationslüsterne Reihe „Die homosexuellen Lustmörder“:

„Bild weiß: ‚Die Leidenschaft der lesbischen Frau kann zu den grausamsten Konflikten führen: zu verlassenen Kindern, zerrissenen Ehen, zu aller Art von Unglück, Tötung, Selbstmord, Mord … Der Männerekel steigt in vielen Stufen an. Von stiller, scheuer Abkehr steigert er sich zur Feindschaft gegen alles Männliche.‘ (H.v. Hentig, Die Kriminalität der lesbischen Frau, zitiert in Bild vom 29.8.74). Lesbierinnen offen wegen ihrer sexuellen Beziehungen zu bestrafen ist nicht jedermanns Sache, aber wenn homosexuell=kriminell, dann wird es sogar für den aufgeklärten Bürger eindeutig: das muß verurteilt werden, am besten lebenslänglich! […] Wehren wir uns gegen die sexuelle Unterdrückung der Frau! Schluß mit dem Zwang zur Heterosexualität! Freispruch für die weibliche Heterosexualität!“ (Flugblatt Frauenzentrum Frankfurt 1974, in Lenz 2010: 249)

Trotz homophober, diskriminierender Diskurse führte der Prozess zu einer deutlichen öffentlichen Sichtbarwerdung und Politisierung lesbischer Frauen, nicht alleine durch deren Proteste und Demonstrationen ab 1974 (Lenz 2010: 231, 243f.). Für eine aufklärerische mediale Öffentlichkeit sorgte wie auch im Falle des Praunheim-Films der Westdeutsche Rundfunk. Die 45-minütige Dokumentation von 1974 „…Und wir nehmen uns unser Recht ! Lesbierinnen in Deutschland“ von Claus Ferdinand Siegfried muss vor dem Hintergrund des Itzehoe-Prozesses gelesen werden. Er porträtierte Aktivistinnen der HAW (Homosexuelle Aktion Westberlin). Diese Dokumentation hatte einen politisierenden Effekt wie auch Praunheims Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers“ drei Jahre zuvor. Zugleich ermöglichte er in der prä-online-Ära der frühen 1970er Jahre bundesweite Information über lesbisches, emanzipatorisches Engagement, so dass er isoliert lebenden Lesben erreichte, die sich wiederum mit der HAW in Verbindung setzten (vgl. Kokula 1983: 72). Ein Jahr zuvor wurde im ZDF die TV-Dokumentation „Zärtlichkeit und Rebellion – Zur Situation der homosexuellen Frau“ von Eva Münthel gezeigt, in der die interviewten Frauen über ihren Lebens- und Familienalltag sprachen, aber auch über ihre politischen, feministischen Perspektiven. Vielen lesbischen Aktivist_innen galt die Dokumentation, obwohl sie das erste mediale Ereignis in der Bundesrepublik war, das lesbisches Leben thematisierte, als zu wenig kritisch (vgl. Gammerl 2010: 12).

Welche wichtige soziale Bedeutung eine sich als autonom verstehende frauenbewegte Infrastruktur, wie Frauencafés, Frauenzentren oder Frauenbuchläden, ab Mitte der 1970er Jahre für insbesondere lesbische Aktivist_innen vor diesem Hintergrund haben sollte, darauf weist der Band „100 Jahre Lesbengeschichte“ von Dennert/Leidinger/Rauchut (2007) hin. Allerdings fand in dieser Phase der 1970er Jahre ein Verdrängungsprozess der traditionellen homosexuellen Barkultur und der „Clique als konstituierendes Element der lesbischen Gemeinschaft“ durch „Emanzipationsgruppen“ statt. Beides porträtierte Ilse Kokula in ihrer klassischen Studie von 1983.

Zugleich waren die Lesben- und Schwulenbewegungen der 1970er und 1980er Jahre in der BRD wichtig, dass sich Lesben und Schwule als politische Identitäten und neue, emanzipatorische Gender verstanden – etwas das aktuell in Vergessenheit gerät.

1 Rosa von Praunheim, unter bürgerlichem Namen 1942 als Holger Mischwitzky geboren, ist schwuler Aktivist und Filmregisseur.“

Wer meinen Text zitieren will, Anfragen an Keleb.

Literatur:

Dennert, Gabriele/Leidinger, Christiane/Rauchut, Franziska (2007): In Bewegung bleiben. 100 Jahre Politik, Kultur und Geschichte von Lesben. Berlin: Querverlag.
Gammerl, Benno (2010): Eine Regenbogengeschichte. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. H. 15/16 (2010): 7–13.
Heinrich-Böll-Stiftung/Feministisches Institut (Hrsg.) (1999): Wie weit flog die Tomate? Eine 68erinnen-Gala der Reflexion. Berlin: Heinrich-Böll-Stiftung.
Kokula, Ilse (1983): Formen lesbischer Subkultur. Vergesellschaftung und soziale Bewegung. Berlin: Rosa Winkel.
Kokula, Ilse (1990): „Wir leiden nicht mehr, sondern sind gelitten“. Lesbisch leben in Deutschland. München: Knaur.
Lenz, Ilse (2010): Die neue Frauenbewegung in Deutschland. Abschied vom kleinen Unterschied, eine Quellensammlung. Wiesbaden: VS.
Steinke, Ron: „Ein Mann, der mit einem anderen Mann …“. Eine kurze Geschichte des § 175 in der BRD. In: Forum Recht. H. 2 (2005). 60–63.
Woltersdorff, Volker alias Lore Logorrhöe (2003): Queer Theory and Queer Politics. Geschlechterpolitiken. In: UTOPIE kreativ: Rosa-Luxemburg-Stiftung (Hrsg.).156: 914–923.