Autor: Keleb

FtmM-(Female-to-moreMale)-*Butch, *1971, ein doing-gender-Selbstversuch, aber nicht 24/7. Es muss auch Ruhepausen geben.

„Stone Butch Blues“ – eine unromantische Geschichte in 10 Bildern

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Träume in den erwachenden Morgen – unser Zuhause

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Katzenfrühstück

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Mein Arbeitsplatz

05_Wer hier eintritt, auf den regnen keine Goldtaler

Wer hier eintritt, auf den regnen keine Goldtaler

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StoneButch Dreams

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glamouröse Barkultur

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Fliegender Teppich in eine andere, virtuelle Welt

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unser Butch/Femme-Stammtisch

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Dein Arbeitsplatz

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Endstation Sehnsucht

Eine lakonische Fotoreihe aus Bremerhaven in Hafennähe von heute (Danke an Labyrinthus fürs Begleiten). Das Quartier hatte in den 1950er und 1960er Jahren seine große Zeit – mit einer riesigen Dichte an Kneipen, Bars, Jazzclubs, und dem Aladin-Kino mit seinem besonders geschwungenen Eingang. Einige Bars, die hier vor allem von schwulen* Männern betrieben wurden, sahen weit weniger heruntergekommen aus als heute. Lesben* waren bzw. sind durchaus Teil der Gäste, zum Beispiel heute im „Dreams“. Dennoch war das alles nicht schön oder glamourös – wie gegenwärtige nostalgische 50’s-Cupcake-oder Rockabilly-Fantasien nahelegen. Es war eher wie St. Pauli bis Ende der 1960er Jahre oder die Barszene in „Stone Butch Blues“. Die „homosexuelle Barkultur“ bis Ende der 1980er Jahre hatte verschlossene Türen, kleine Sichtfenstern, Türkontrollen, Jukeboxes, mal mehr, mal weniger roten Plüsch und war im „Rotlichtmilieu“ angesiedelt. Wer in die Bar wollte, musste klingeln, der_die Inhaber_in öffnete ein kleines Fenster und schaute, wer draußen war, um dann persönlich die Tür zu öffenen. Alle wurden per Handschlag begrüßt. Das waren Sicherheitsmaßnahmen aufgrund der langen Kriminalisierungsgeschichte von queeren* Menschen. Als ich in dieser Zeit im Rickmersstraßenrevier immer wieder mal unterwegs war, erfuhr ich von Freund_innen zum Beispiel, dass ein Schwuler* aus Homophobie in einer Seitenstraße erschlagen wurde, und von Lesben*, die als Zuhälter_innen arbeiteten. Auch gab um 1990 Morde an Sexarbeiter_innen. Sie wurden hier hinter einem Supermarkt getötet in den Container geworfen. Neben dem „Babylon“, das früher „Why not“ hieß,  gab es eine Bar, die hieß „La Femme“ und von Lesben* betrieben wurde. Ein paar Monate später übernahmen Zuhälter sie „feindlich“, so dass in den Hinterzimmern Sexarbeit stattfand.

Vor diesem Hintergrund konnte und kann ich die Romantisierung von „Stone Butch Blues“ nicht verstehen, der ich immer wieder begegne. Als ich das Buch las – mehr als dreimal habe ich es bislang nicht geschafft – , konnte ich vor allem die alltägliche (sexualisierte) Gewalt, das Überleben und Ausgeliefertsein in ein paar Quadratkilometern Straßenrevier, die Wut über die Perspektivlosigkeit und die Angst, die im Nacken sitzt, und die Trostlosigkeit des „Leben am Randes“ schmecken. Fühlen konnte ich die überlebensnotwendige Bedeutung eines Mikrokosmos von Freund_inschaften, Liebesbeziehungen, die zarten Augenblicke, das Innehalten, die kleinen liebevollen und gleichzeitig unterstützenden Gesten, die sinnlichen und auch verstehenden Blicke – Momente, wie das zeitentrückte Innenleben in einem Kokon. Auch ich habe mal für jemanden, die vergewaltigt wurde, Kakao gekocht und das Badewasser eingelassen – ich empfinde und sehe diese Erinnerung nur als „zarter Schaum“, „warmes Wasser“, „dunkel, heiß, süß“ und „schweigen“. Dafür und für den „StoneButch/Femme-Blues“ gibt es nur Bilder, keine Worte.

 

 

 

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Back into the 80s: Von Problem-Butches und Grenzverläufen in „FrauenLesbenräumen“

Vorweg: So ärgerlich ich den Beitrag von Andrea Roedig finde, so positiv überrascht war ich von den vielen und guten Diskussionen, und dass „Butch“ plötzlich Thema wurde. Danke an die Autor_innen der anregenden und sehr differenzierten Blogbeiträge, in „Teile des Ganzen“ (siehe auch weiter unten im ButchBlog) oder in „Hirngefickt“, aber auch an die Diskussionsbeteiligten – wie evanjulian – und Beiträge auf facebook, die viel Argumentationsarbeit geleistet haben. Arbeitsteilig habe ich mich bei meiner Replik – Vorsicht! Bissig! – auf Aspekte historischer Willkommens- und Ausladungskultur in „FrauenLesbenräumen“ qua Identitätspolitiken und auf „Butch/Femme“ und einiges mehr konzentrieren können.

„Frauen mit weiblichem Pronomen“ only?

„Neulich erhielt ich die Einladung zu einer Frauenparty, die sich ausschließlich an „lesbische und bisexuelle Frauen (einschließlich Transfrauen)“ richtete; an Menschen also – so lautete der Zusatz –, „die sich grundsätzlich mit dem Pronomen ’sie‘ richtig beschrieben fühlen“. Das war, auch wenn es erst einmal harmlos klingt, ein kleines Politikum. Denn die sozialen und biologischen Geschlechtszuweisungen sind unübersichtlich geworden, die Zeichen der Zeit stehen auf diversity und Inklusion. „Wenn du … dich als ‚genderfluid‘ siehst, ist diese Party nicht für dich. Sie ist ebenfalls nicht für Transmänner, Transvestiten, Crossdresser und Männer“, hieß es weiter im Einladungstext. Das klingt nicht gerade nach gender bender. Die Veranstalterinnen wollten offenbar ein etwas aus der Mode gekommenes Modell exklusiver „Frauenräume“ wiederbeleben.“

Ja, ich stimme Andrea Roedig in ihrem ZEIT-Beitrag „Der Trend zu Trans“ zu, diese Formulierung der Einladungspolitik ist ein kleines Politikum – und Roedigs Beitrag und dessen Tenor ebenfalls. Zu letzterem komme ich später.

Ich wundere mich verstärkt, dass diese neue Ein- oder besser Ausladungspolitik auf „Frauenparties“, „Playparties“, kinky „FrauenLesben-„Stammtischen, dem „Lesbenfrühlingstreffen“ einen völlig unscharfen „Frau“-Begriff ins Feld führt, gleichzeitig aber mit Schärfe meint, „Genderfluides“, Trans*Maskulinitäten und „Männer“ klar umreißen zu können.

Mit bestechender Schlichtheit und zugleich sehr tricky im Definitions- und Identifikations-Wirrwarr: „Frauen“ sind also diejenigen, die sich mit einem weiblichen Pronomen „richtig“ beschrieben fühlen. Was aber genau wird hier mit „Frau“ angesprochen bzw. angerufen, so dass das Gefühl, das innere Konzept sagt: „Ja, richtig!“? „Frau“ als soziale, politische oder körperliche oder emotionale Erfahrung? Wie essentialistisch darf ich oder muss ich dieses angerufene Konzept „Frau mit weiblichem Pronomen“ verstehen?

Mein Coming-Out hatte ich 1989, wohlgemerkt als radikalfeministische Lesbe. Vielleicht ist es kein Wunder, dass bei mir sowohl bei den Einladungspolitiken, die auch mir in letzter Zeit gehäuft begegnet sind, als auch bei Roedings Artikel der Alarm „Differenzfeminismus!“ aufblinkt. Ich kenne den „Laden“ sozusagen von innen. Ist das jetzt ein „Back into the 80s!“, frage ich mich. Zeigt sich so eine Reaktion des gewachsenen Unbehagens auf zu viel queere Vielfalt, zu viel Gender-Differenz, vor allem auf zu viel trans*maskuline Differenz? Folgt ein neuer – ja, was denn nun? – weiblicher oder femininer Differenzfeminismus? Und dürfen cisgeschlechtliche Heteras überhaupt mitreden – oder sind die auch ausgeladen?

Lesben sind keine Frauen – oder doch?!

Manche feministischen *Mädchenprojekte gehen jedenfalls mit schöneren und klügeren Einladungspolitiken voran, z.B. „Für *Mädchen, die *Mädchen sein wollen und sollen“ . Dagegen mutet das Reclaiming von „Frauenraum inkl. weiblichem Pronomen“ – oder doch eher „Lesbenraum“? – in dieser holprigen Weise so seltsam altbacken an. Kommt bald der Ruf nach einer „Lesbian Nation“? Angesichts grassierender Nostalgie und Angst vor Diversität vielleicht nicht so weit entfernt. Bereits in den 1970er Jahren war Jill Johnstons Lesbian-Nation-Programmatik und die des lesbischen, territorienabsteckenden Separatismus  sehr umstritten, auch Diskurse um Frau als Identitätskategorie und vor allem als homogene Gruppe. Monique Wittig beispielsweise stellte bereits in den 1970er Jahren fest, dass „Lesbe“ nicht „Frau“ ist. Sie, die „Lesbe“ läge zu quer zur Butler’schen heteronoramtiven Matrix. Hoppla! Monique Wittig ist folglich nicht auf der „Frauen mit weiblichem Pronomen“-Party willkommen. Naja, und Judith Butler sowie so nicht. Hat maßgeblich zum gegenwärtigen Schlamassel, dem Genderdiversitäts- und Trans*gender-„Trend“ beigetragen, und sich gegen „Identitätspolitiken“ von „Frauen“, „Lesben“, „Schwulen“ gewandt. Wider dem weiblichen, lesbischen Kollektivsubjekt! Das heißt: Wieder zwei Gästinnen weniger, obwohl die in den 1970er, 1980er Jahren feministisch aktiv waren. Und wenn wir einen Sprung in der virtuellen Gästinnenliste in die 2000er Jahre machen: Auch einige Femmes werden sich nicht unbedingt als „Frau“ angesprochen und willkommen geheißen fühlen auf der „Frau mit weiblichem Pronomen“-Party. Bei Roedig aber fallen Femmes ohnehin unter den Party-Tisch.

Butches und das „Frauenraum“-Revival

Nun zu meinem Unbehagen mit Andrea Roedigs hochspektulativen Argumenten: Roedig erklärt den Leser_innen aus ihrer Sicht, aus welchen Gründen es das Frauenraum-Revival gibt: Eine Trauer- oder Kränkungsreaktion auf das Aussterben von „Butches“, die aufgrund von Transitionsprozessen der Lesbenszene verlustig gegangen sein sollen. Sie spricht hier überraschend despektierlich von Butches als „sich männlich gebärdende lesbische Frauen“. Zum Mitschreiben: Also, die Strategie ist nicht, verstärkte Bemühungen, jüngere Generationen oder begehrte Restexemplare von Butches willkommen zu heißen, also eine positive Butch-Maskulinitäts-Willkommenskultur an den Tag zu legen, sondern sich in den Schmollwinkel der „Frauenräume“ zu verziehen. Faszinierend, würde jetzt mein_e innere_r Vulkanier_in sagen.

Roedigs Party-Szenario bleibt tatsächlich faszinierend, weil so unklar: Wer verzieht sich? Aus welchem Grund? Lesbische Frauen, weil … potenzielle Partner_innen, „Schwestern“ verlustig gehen? Bisexuelle Frauen, weil … potenzielle Partner_innen, „Schwestern“ verlustig gehen? Sind Trans*Frauen/Femmes wirklich willkommen, oder nur ein Feigenblatt, bis dieses herab blättert und der Ruf nach OP-Zwang folgt? Wo sind in dem Party-Szenario diejenigen, die Trans*maskulinitäten explizit begehren und vor allem wo sind die butch-liebenden Femmes? Deren Klagen, deren erotische Trauer, das Gefühl von Verrat liegen historisch, erotisch und emotional nahe, da Butch/Femme als traditionell ein in lesbischen Nischen beheimateter Begehrenstypus war und ist. Butch/Femme versprach und bedeutete zugleich auch Bündnisse im verque(e)erenden Spannungsfeld von Gleichheit und Unterschiedlichkeit zwischen „Lesben“. Aber seltsam ist, in Roedigs Party-Szenario, noch im gesamten Beitrag fällt weder der Begriff „Femme“ oder „Butch/Femme“. Auch legt ihre obige Definition nicht nahe, Butch als Identifikation differenziert beschreiben zu können. Bereits ein Blick, alleine zu Recherchezwecken, in das deutschsprachige B/F-Forum seit 2002 hätte da weitergeholfen. Also, ich meine, Roedig selbst müsste sich nicht in den Schmollwinkel verziehen, da sie offensichtlich nicht allzu butch-affin ist.

Back into the 80s – Grenzverläufe in „FrauenLesbenräumen“

Um mal wieder einen entzaubernden Blick auf die „FrauenLesbenräume“ der 1980er und auch noch 1990er Jahre zu werfen, der jede nostalgische Weichzeichnung grell werden lässt: Lesbische, insbesondere lesbisch-feministische „Frauenräume“ waren traditionell nicht butch- und auch nicht femme-affin. Das ist kein Geheimnis. Auch Trans*frauen/Femmes blieb in den 1980er und 1990er Jahren der symbolische und reale Zutritt zu feministischen Gegenräumen massiv verwehrt. An diese Ausschlusskultur bis Ende der 1990er Jahre von einem „Zuviel“ an kultivierter Femininität und Maskulinität, das z.B. Butch/Femme verkörperte, dürfte sich Roedig und alle lebhaft erinnern, die „Frauenräume“ noch als politische und sexuelle „Leitkultur“erleben durften. Ich jedenfalls erinnere mich gut. Es war nicht nur schlimm oder schrecklich, wirklich nicht. Ich habe mich die ersten Jahre sehr wohlgefühlt in meiner radikalfeministischen Lesbenidentität und den „Frauenräumen“. Sie hatten für mich tatsächlich etwas Utopisches, etwas das Möglichkeiten im Denken und im Solidarischen eröffnet. Wohler, freier und zukunftsoffener habe ich mich gefühlt als in gegenwärtigen queer-feministischen Kontexten, die ich zum Teil als dystopisch oder überraschend retro erlebe. Aber es blieben – zumindest bei mir – neben der Feststellung, dass diese feministischen Räume dennoch keine gewaltfreien „safe spaces“ waren (zu Gewalt unter Lesben bereits 1994, Constance Ohms) auch unausgesprochene Sehnsüchte nach „Mehr“, nach „Anders“, nach „Expliziter“. Diese szeneinternen Gleichheitsnormen taten sich mit Heterogenität, ob beim Begehren, im „Schönheitshandeln“ oder allgemein in Lebensentwürfen äußerst schwer.

Es gab seit Beginn der Zweiten bzw. Neuen Frauenbewegungen ab den 1970er Jahren Distinktions-, also Grenzverläufe zwischen „politischen“ und „unpolitischen“ lesbischen Lebensentwürfen. Eine Distinktion bezog sich beispielsweise auf Butch/Femme-Konstellationen, die als „unpolitisch“ markiert wurden (– bereits im Klassiker von Ilse Kokula zur „lesbischen Subkultur“ von 1981 nachgewiesen), da sie die erotischen Gleichheits-, körperlichen Androgynitätspostulate und Schönheitsnormen der lesbisch-feministischen Szenen durchbrachen, eine deutliche Differenz durch Femininitäts- und Maskulinitätsinszenierungen herstellten. Sie griffen damit auf ein Repertoire an ästhetischen Codes zurück, das als heteropatriarchal markiert war – „in Rock und Stöckelschuhen und diese ganzen Geschichten“ – und an vermeintlich heterosexuelle Praxen erinnerte:

„Es hat sich natürlich an diesen langen Haaren jetzt auch grad‘ so in der Lesbenszene natürlich festgemacht. Ich sag mal die Sub-Lesben, die unpolitischen Lesben, die – dann eher so … naja, der männliche Part mit kurzen Haaren, der weibliche Part mit langen Haaren – fanden wir natürlich alles zum Kotzen, ganz fürchterlich, so. Und wir als radikale Lesben dann alle mit kurzen Haaren und wir machen das nicht mit.“ (Interviewpartnerin, 1963 geboren, Aussage von 2008)

Gerade vor diesem Hintergrund empfinde ich es als Form der Instrumentalisierung, die Roedig in ihrem Beitrag mit „Butches“ und deren inneren und äußeren Kämpfen betreibt. Oder anders formuliert, es ist interessant, dass auf einmal von einer Seite – der lesbisch-feministischen – das „Aussterben von Butches“ beklagt wird, die in den 1980er und 1990er Jahren ein „Zuviel“ an Butch-Maskulinität und ein „Zuviel“ an Femme-Femininität als heteropatriarchal abgewertet hat – und es noch heute tut. Das ist scheinheilig.

Lässt sich da nicht folgende These aufstellen? Das was der NS an „homosexueller Subkultur“, in der Femmes und Kesse Väter selbstverständlich waren, noch nicht ganz zerstört hatte (zur Bedeutung des schwarzen und rosa Winkel, siehe Claudia Schoppmann), das hat der bundesdeutsche lesbische Radikalfeminismus in den 1970er und 1980er Jahren nicht willkommen geheißen, sondern als unpolitisch marginalisiert.

„Der“ trans*Problem-Butch muss leider draußen bleiben

Noch einmal zurück in die Jetztzeit und zu Roedigs Szenario: Unklar bleibt, wer eingeladen- oder ausgeladen ist. Wenn nun „Frauenräume“ eine Reaktion auf das „Butchsterben“ sind, diese – ob Nachwuchs oder Restexemplare – aber nicht in verstärktem Maße willkommen geheißen werden, sollen sie nun auch draußen bleiben? Das ist unklar, denn bei genauerer Kenntnis der bedrohten „Butch-Art“ würde sich zeigen, dass es Exemplare gibt, die weibliche und welche, die männliche Pronomen bevorzugen. Es gibt „die“ Butch und „der“ Butch. Muss nun „der“ Butch draußen bleiben? Gesichert ist, sobald sie_er Testo nimmt und damit zwangsläufig zum „Transmann“ wird, muß sie_er draußen bleiben.

Denn wie der Roedig’sche Volksmund schon weiß, „Transmänner“ haben dann automatisch „behaarte Brust, Bierbauch und rüde Manieren“. Im Umkehrschluss: Von zu viel Körperbehaarung und ihrer Pflege, Körperfülle und schlechtem, gar sexistischen oder gewaltvollem Benehmen sind dagegen lesbisch-feministische, bisexuelle und Trans*Frauen bekanntlich weit entfernt und damit auch die angenehmeren und attraktiveren Partygäste. (Sind Trans*Frauen/Femmes wirklich mitgemeint?)

Mal abgesehen von der ärgerlich stereotypen Darstellung von Trans*Maskulinität/Männlichkeit und ihrem vermeintlich gleichartigen Habitus, ist alleine Roedigs homogenisierende Annahme, „Transmänner“ hätten ihre Heimat ursprünglich in Lesbenszenen, als falsch zurückzuweisen. Nein, nicht „alle Transmänner sind verlorene (lesbische) Butches“. Das ist eine schlichte Eingemeindung. Nein, Lesbenszenen müssen sich nicht narzisstisch gekränkt fühlen, dass ihnen die erotischen Möglichkeiten abhanden kommen, zumal Butches wie oben ausführlich dargelegt, nicht gerade wohlgelitten waren und noch immer nicht sind. Ein Blick in verschiedene aktuelle Lesbenforen zeigt die interne Ablehung von als „nicht lesbisch (genug)“ definierter Femininität und von „female masculinity“ (nach Judith Jack Halberstam). Das alles findet nicht nur „da draußen“ in der bösen Heterowelt statt. Da hilft bei den einen nicht, die Haare abzuschneiden oder bei den anderen sie sich länger wachsen zu lassen. Und dann treffen sich alle bei maximal kinnlang – und einem weiblichen Pronomen? „Mannweib“ kann Butch auf Lesarion oder in anderen fb-Gruppen zu lesen bekommen, oder dass Butch/Femme-Identifikationen „Schubladendenken“ seien und Femmes für „lesbischeres“ Aussehen gelobt wurden. Ganz real geschehen auf einem der „Frauen mit weiblichem Pronomen“-Stammtische.

Fehlschluss: Die gemeine Spezies „Transmann“

Unbestritten ist, dass traditionelle Trans*Narrationen, u.a. geprägt durch die Pathologisierung von Trans*menschen und durch die medizisch-rechtlichen Diskurse, denen sie als „Patient_innen“ unterworfen sind, immer wieder hinterfragt werden müssen, zum Beispiel wie die Märchenstunden „im falschen Körper geboren“ oder „schon immer Frau/Mann“ gewesen zu sein, ebenso Partner_innen und Freund_innen zu „Angehörigen“ zu degradieren – darunter auch queere_lesbische Femmes und Lesben – oder Mythen über sogenannte Geschlechtshormone zu reproduzieren (vgl. Smilla Ebeling „Wenn ich meine Hormone nehme, werde ich zum Tier“). Letzteres ist eine allgemeine und weitverbreitete Bildungslücke – und nicht transspezifisch.

Dabei sollte nicht vergessen werden: Die soziokulturellen Herkünfte von Trans*Männern/Butches, ebenso von Trans*Frauen/Femmes, ihre maskulinen oder femininen Habitus, ihre politischen Positionen – ja, feministische Haltungen müssen nicht mit einer Transition verlustig gehen -, ihre sexuellen Interessen, ihre Selbstbezeichnungen und ihre Motive für eine Transition sind ausgesprochen divers und mittlerweile auch generationell bedingt unterschiedlich. Tatsächlich haben rechtliche Rahmungen, dass heißt das TSG („Transsexuellengesetz“) bis 2010, Transitionswege und Entscheidungen in Deutschland restriktiv beeinflusst, insbesondere den Zwang zu operativen Eingriffen. Dass dies auf individueller Ebene mit vielen Abwägungen, Sorgen, Befürchtungen, Unsicherheiten, Risiken verbunden war und ist, mit Arbeitslosigkeit, sozialer Ausgrenzung – nicht nur „da draußen“, auch in Szenen und Gruppen – , und einem 16-fach erhöhten Selbstmordrisiko, davon ist bei Roedig nichts zu lesen. Trans* ist bei ihr ein queerer Modetrend, eine Form der Selbstoptimierung: Rein in die Klamotten, ein paar Hormone eingeworfen und >schwupps< zum Trend-Tier werden. Unters Messer legen sich ja heute auch viele, um der Attraktivität nachzuhelfen. Endlich zu legitimen und wertvollem Humankapital werden. Heute noch Hip(ster), morgen schon ist der Bart ab. Und „lesbische, bisexuelle, und Transfrauen“ (wirklich mitgemeint?), ebenso wie Roedig – die virtuellen Partygäste – sind dem kapitalistischen Diskurs nicht unterworfen, tun das alles bekanntlich nicht und müssen erst einmal im „Frauenraum“ … – ja, was denn eigentlich? Geschlechtliche, sexuelle und gesellschaftliche Komplexität des 21. Jahrhunderts reduzieren.

Abschließend ein paar letzte Gedanken zu Diversität und Inklusion, die Roedig eingangs als Modetrend erwähnt: In einigen sozialen Nischenbereichen des globalen Nordens stehen die Zeichen auf Genderpluralität, sexueller Diversity, Inklusion und Entpathologisierung von nicht-heterosexuellen und gar transgeschlechtlichen Menschen. Das historisch äußerst kurze Frühlingserwachen in einigen Gesellschaften dieser Welt sollte nicht vergessen machen, dass dieses zeitgleich massiv bedroht ist und allgemeine soziokulturelle Diversität noch längst nicht zum Beispiel im deutschen Mainstream angekommen ist. Wir brauchen keine traditionellen (Sub-)Kulturverständnisse geprägt von Homogenitätserwartungen nach innen und Ausgrenzeung nach Aussen. Dass dieses Modell inklusive seines Reinheitsgebotes in Deutschland und Europa aktuell fröhlich Urständ feiert, ist eine Sache, aber wir sollten aufmerksam sein, dass sich nicht ähnliche Reinheitsgebote, Projektionen des Fremden oder von „Dolchstoß-Legenden“ in neuen, alten „FrauenLeben“-Zusammenhängen als reaktionäre Reaktion auf ihre Diversifizierung zu „FLIT“ und „LGBTQI“ auftun. Queer Politics bedeuteten nicht ein Mehr an Partikularismus und „moral majorities“, sondern „unsittliche“ Bündnisse über Unterschiede hinweg zu stiften. – Mehr denn je notwendig in rechtslastigen Zeiten von Pegida und „Besorgten Bürgern“.

Queer kinky & sexy Leben mit chronischen Erkrankungen

Im Zentrum von BDSM stehen körperliche, mentale und sexuelle, emotionale Grenzgänge. Das Eingebunden sein in Szenen bedeutet darüber hinaus, mit bestimmten Erwartungen und Wünschen konfrontiert zu sein, wie wir als bottom, switch, als Top agieren, uns präsentieren, in Kontakt gehen, uns innerhalb der Szene engagieren, uns vernetzen, und ob wir auf Playparties oder anderen Events präsent sind.

Die heißen Fantasien über Tops und Dom(me)s sind: Ungebrochen stark, dominant, sexuell fordernd, lustvoll Grenzen setzend, streng fürsorglich, körperlich und mental präsent und Verursacher_innen von genussvollem Schmerz. Die kinky Fantasien über bottoms und submissives kreisen um den Genuss von Schmerzen, das Eintauchen in Schmerz und „Schwäche“, die Lust an Restriktionen, am „Pleasen“, am Zur-Verfügung-stehen/knien.

Was aber, wenn Tops selbst Schmerzen empfinden, oft und unfreiwillig; körperlich, mental oder emotional nicht „immer stark“ sind; in bestimmten Phasen der vermehrten Fürsorge und Unterstützung bedürfen; sich nicht sexy fühlen und keine Lust auf Dominanz und Sex haben? Playevents und/oder Organisationsarbeit massiv anstrengend finden? Die Energiezeitfenster begrenzt sind? Sich für „Schwäche“ schämen?

Was aber, wenn bottoms selbst Schmerzen empfinden, oft und unfreiwillig; körperlich, mental oder emotional nicht immer in der Lage sind, „sich hinzugeben“; in bestimmten Phasen der vermehrten Fürsorge und Unterstützung bedürfen; Playevents und/oder Organisationsarbeit massiv anstrengend finden? Die Energiezeitfenster begrenzt sind? Sich nicht sexy fühlen; keine Lust auf dominiert werden und Sex haben? Und die Restriktionen des eigenen Körpers usw. einfach nur satt haben?

  • Erleben: Hat sich in Eurem Erleben als bottom/submissive oder als Top/Dom(me) etwas durch Erkrankung verändert? Gibt es hier Unterschiede, ob Ihr eher SM oder eher D/s lebt?
  • Selbstverständnis: Was bedeutet es für Dich als Top/Dom(me), für Dich als bottom/submissive erkrankt, beeinträchtigt zu sein?
  • Verhandlung: Wie verhandelt Ihr Eure Beeinträchtigung? Was bedeutet für Euch im Hinblick auf Erkrankung „ssc“?
  • Umgang: Wie geht Ihr z.B. mit Schmerzen um? Z.B. mit Erkrankungsphasen oder Anfallserkrankungen? Wie vereinbart Ihr das mit Euch und Eurem Gegenüber in Plays, in Spielbeziehungen, Poly- oder Nicht-Polybeziehungen?
  • Szene: Wie empfindest Du den Umgang innerhalb der queeren, lesbischen BDSM-Szene mit Erkankung/Beeinträchtigung? Was fehlt Dir? Was hast Du als hilfreich erlebt?
  • Unterschiede: Wie und mit wem Du lebst, mit oder ohne Erwerbsarbeit, ob mit Trans*erfahrung oder ohne, ob als *Femme oder *Butch, mit oder ohne Migrationserfahrung, jünger oder älter, mit oder ohne Kinder usw. – all dies hat unterschiedlichen Einfluss auf ein Leben mit chronischer Erkrankungen.
  • Empowerment durch BDSM: Was stärkt Dich an BDSM, an Deinem kinky Leben & Sexualität?

All diejenigen sind willkommen, die sich angesprochen fühlen, hier ins Gespräch zu kommen. Wem das zu wenig geschützt ist, kann mir gerne eine PM senden.

Zu mir: Keleb, mittelalter T*Butch, Daddy-Dom, mit Autoimmunerkrankungen inkl. chronischer Schmerzen. Butch/Femme-D/s-Erotik und Sex ist das, was für mich Genuss bedeutet und mich erinnert, dass ich viel mehr bin als die Summe meiner zum Teil angeschlagenen Einzelteile – neben Soul der 1960er und 1970er Jahre, gutem Essen und etwas Zen.

Zum Weiterlesen: XanWest, chronisch erkrankter Top

Ein langer, aber sehr spannender Beitrag von Johanna Hedva: „Sick Women Theory“, wobei sie „Women“ nicht essentiell als „weiblich“ versteht … wie gesagt, sehr interessant, zu lesen.

 

Über Butches, Transmänner und (nicht nur) lesbische Verlustgefühle

Ausführliche Replik einer queeren, butchbeghernden Femme auf diesen Beitrag in ZEIT online: http://www.zeit.de/kultur/2015-12/transsexualitaet-homosexualitaet-diversity-geschlecht-butches-10nach8

Teile des Ganzen

Also, ich habe ja die gleiche Partyeinladung bekommen wie Andrea Roedig. Ich bin sogar zu dieser Party hingegangen. In allererster Linie aus Neugier. Und weil ich finde, dass es – neben z.B. Partys für FrauenLesbenInterTrans (FLIT) und Partys für LesbenSchwuleBisexuelleTransleuteQueers (LGBTQ) und Partys für „alle“ – durchaus auch Partys nur für Frauen (inkl. Transfrauen) geben kann und sollte. Und ich hatte vor dem Besuch der Party tatsächlich ein wenig halbernste Sorge, ob dort wohl auch für mich attraktive Menschen (sprich: Butches) sein würden. Oder vielleicht sollte ich eher sagen, ich habe mich gefragt, welcher Teil der Butches sich wohl von dieser Einladung angesprochen fühlt. Ich bin es nämlich nicht mehr gewohnt, die Butches (und anderen nicht-cismännlichen FLITs) in meinem weiteren sozialen Umfeld nach „Frauen“ und „Nicht-Frauen“ sortieren zu müssen, weil üblicherweise eh alle auf der gleichen Party sind (die natürlich keine „Frauenparty“ ist, jedenfalls keine ohne erweiternde Fußnoten) und es…

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Jukebox

Für einen sommerlichen Femme/Butchsoundtrack … let’s have a date with femmes, sun & rain!

Soulfood:

Donna Summer – On The Radio (1979)

Eddie Kenricks – Date With The Rain (1972)

Revelation – I Can’t Move No Mountain (1975)

Brenton Wood – Better Believe It (1975)

J.C. Davis – A New Day (1969)

Chyvonne Scott – I’m Movin‘ On! (1965)

Martha Reeves & The Vandellas – Nowhere To Run ( inkl. Video der Band in Detroiter Autoproduktion 1965)

Sharon Jones & The Dap Kings – 100 Days, 100 Nights (wundervoll retro aus 2007)

Plaudereien aus dem Werkzeugkästchen: Liebes Butchtagebuch …

Donnerstag, 10.07.

Stehe so an der Bushaltestelle und zähle mal die zwölf, wartenden Leute nach „langen“ und „kurzen“ Haaren“ durch inkl. ihrer Genderpräsentationen.  Acht mit langen Haaren und vier mit kurzen Haaren. Die stereotype Gender-Gleichung: „Frauen“ = Längere/lange Haare; „Männer“ = kurze Haare geht hier fast zu 100% auf – wenn nicht ich Butch da wäre, mit kurzen Haaren.

Montag, 14.07.

Ganz im Ernst, wenn ich noch mal lesen muss, dass Butch/Femme eine „feste Rollenverteilung in lesbischen Paarbeziehungen“ sei, fange ich an zu kotzen. Mann, der Rollenbegriff ist URALT und hat schon Moos angesetzt! Und „lesbische „Paarbeziehungen“ sind auch schon ver-queert … naja, zum Teil. Frühe 1970er Jahre, als der Singular noch kein Problem war und es die „Frauenfrage“ oder „Das Jahr der Frau“ gab (DIE Frau, dieses seltsame und irgendwie bedrohte Wesen). Ja, da gab es auch DIE  Geschlechterrolle oder DIE Rollenverteilung zwischen DEM Mann und DER Frau. Mittleres 20. Jahrundert, als gesellschaftliche und Geschlechter-Rollen noch für funktionales, „regelmäßiges und vorhersehbares Verhalten“ standen – brav an Normen orientiert. Aus-der-Rolle-tanzen/fallen war da nicht mitgedacht (zumindest in der Theorie bei P.) und wenn doch: Strafe und zurück in die Spur!

Wie? Und das wird noch heute, 2014, von Femme/Butch angenommen?! Da sage ich auch: Strafe! 100x an die Tafel geschrieben: Femme/Butch ist DYNAMIK =  queere, erotische Kraft/Bewegung/Zusammenspiel/Macht!

Samstag, 19.07.

„Müßiggang ist aller Laster Anfang!“ – Finde den Sinnspruch großartig: Erst eine Weile rumhängen und nachher eine große Portion „Laster“ für alle Beteiligten!

Butches und alltägliche Sexismus-Erfahrungen?!

Habe gerade eine interessante  Info zu einer Ausstellungseröffnung gegen sexistisches Street-Harassment  – „My name is not Baby!“ bekommen, fand die Ankündigungen sehr spannend, ebenso die Projekte („My Name is Not ‚Baby‘!“ /“Stop Telling Women to Smile“). Was mir aber sehr oft bei aktuellen und auch wirklich guten feministischen Anti-Sexismus-Aktionen auffällt, female masculinities sind visuell nicht repräsentiert … als ob diese NICHT von Sexismus betroffen seien. Ja, möglicherweise zielt „Street-Harassment“ von female masculinities auch noch auf eine andere Ebene (Homophobie z.B.), aber Sexismus und Misogynie ist sehr vielfältig und Homophobie trifft auch queere Femininitäten.

Liegt es am Trans*diskurs, der sexstische Erfahrungen ausschließlich als „transphob“ rahmt und jedes Zurückgeworfensein auf „Weiblichkeit“ damit vermeidet, verhindert, von sich weist, und sich von der Erfahrung fundamental distanziert? Und zugleich damit als „fremde“ Erfahrung der „Anderen“ markiert?
Ich erinnerte in dem Zusammenhang, dass eine junge Femme einmal annahm, dass ich ihre sexistischen Erfahrungen nicht verstehen, nachvollziehen könnte oder SELBST erlebt haben könnte, weil sie annahm, ich würde nicht als „Frau“/“Lesbe“ passen… ein zweischneidiges Kompliment für mich … Passing, wieder dieses komplexe Thema der Wahrnehmung/Beurteilung, was wieder im Blickregime der_des Betrachter_in liegt.

Tatsächlich habe ich mich jahrelang gewundert – und es war mir auch etwas peinlich, weil irgendwie wundersam „privilegiert“ – dass ich kein Street-Harassment in Form von Anmachsprüchen abbekommen habe. Und nein, das hängt nicht unbedingt nur mit „Maskulinität“ zusammen. Von einer anderen Person erfahre ich, dass sie oft als Maskulinität passt, dennoch sexistisch angemacht wird. Sie vermutet, weil es an ihrer kleinen Körpergröße und damit am „Jung-aussehen“ liegt …
Aber Misogynie/Sexismus erlebe ich auch, und ich kenne sehr gut die Aufforderung von Cis-Männern, doch mal bitte zu lächeln! Oder nicht ernstgenommen zu werden, als irrational oder anmaßend/aggressiv gelte (sei doch bitte netter, gefälliger usw.) sowohl von Cis-Männern, als auch Frauen (soviel zum verinnerlichten Sexismus).

Also, warum sind female masculinities nicht visuell in Anti-Sexismus-Kampagnen angesprochen/integriert und damit unsichtbar??