Cis-Passing

Ich nehme inzwischen seit über drei Jahren Testo. Meine Erfahrungen mit „Passing“ sind von Highlight- und Wochenend- zu Langzeit- und Alltags-Erfahrungen geworden. Und obwohl „Passing“ an und für sich ein mindestens fragwürdiges Konstrukt ist (Wer bestimmt eigentlich, wer wann wie passt?, Stichwort Cisnormativität) möchte ich hier ein paar meiner jüngeren Gedanken dazu teilen.

Wie ich hier auf dem Blog irgendwo auch bemerkt habe, war eine meiner Ängste vor der Hormontherapie, dass Testo eine neue Fehlverknüpfung zwischen Außenwahrnehmung und Selbstverständnis etablieren würde. Das war für mich interessanterweise zu keinem Zeitpunkt ein Problem.
Meine geschlechtliche sehe ich inzwischen ähnlich wie meine geografische Herkunft: Im Ausland genügt es, zu erzählen, dass ich aus Deutschland komme, inlands präzisiere ich je nach Kenntnis meines Gegenübers die Himmelsrichtung, das Bundesland oder die nächste, etwa 200km entfernte Großstadt. Nur wenn jemand die Region, in der ich aufgewachsen bin, gut kennt, macht es Sinn, über genaue Ortschaften und Stadtteile zu sprechen.
Genauso verhält es sich mit meiner geschlechtlichen Identität. Wer die genauen queeren Differenzierungen kennt, mit dem kann ich auch ins Gespräch kommen wo ich „Mann“ als passend empfinde, um welche Teile des Begriffs ich ringe, welche ich mir angeeignet habe, was ich ablehne und welche Bezeichnung ich außerdem brauche. Für fast alle anderen Gelegenheiten reicht die Bezeichnung als „Mann“ oder „er“ als grober Hinweis und alles weitere dann, wenn ich darüber sprechen will. Mit dieser kompromisslichen Ungenauigkeit kann ich gut leben.

Das Passing als „Mann“ ist im großen und ganzen eine unproblematische Erfahrung für mich gewesen. Für mich dagegen nach wie vor holprig und ambivalent ist das Passing als „cis“.

Ich lebe aktuell in Teilen meines Lebens stealth (das ist beizeiten nochmal ein ganz eigenes Kapitel wert). Menschen, die mich neu kennen lernen und allen, denen ich auf der Straße, beim Einkaufen, auf der Arbeit begegne gehen davon aus, dass ich als Junge und dann Mann aufgewachsen bin.
Insbesondere sind sich die meisten Cis-Menschen nicht bewusst, dass es auch Menschen gibt, die nicht cis sind.
Konkret also mit vielen alltäglichen Dingen abweichende Erfahrungen gemacht haben oder machen und das Bewusstsein, dass es prinzipiell überhaupt die Möglichkeiten gibt, diese ganz anderen Erfahrungen zu machen.
Unhinterfragt und naturalisiert als cis und weiß gelesen zu werden bedeutet außerdem, dass man mir die Rolle eines Vertreters der Mehrheitsgesellschaft zuschreibt.
Für mein tägliches Leben, vor allem aber mein Gefühl zu meinem Alltag hatte das bedeutende Folgen und ist der Hauptgrund, warum ich die fehlende Reflektion der Cis-Norm wiederkehrend als belastend erlebe.

Früher war ich Objekt der Beobachtung und Begutachtung im öffentlichen Raum, und zwar sowohl in der Rolle des als „weiblich“ zugeordneten als auch in der Rolle des als „gender nonconforming“ gelesenen Menschen. Dieses Gefühl war mir lange derart vertraut, dass ich es gar nicht hätte benennen können, so „normalisiert“ waren die Mikro-Aggressionen für mich (dazu haben einige Butches sehr kluge, einfühlsame und empowernde Texte geschrieben, die mir dabei sehr geholfen haben, dieses Gefühl zu erkennen und zu bewältigen!) Ich habe mich oft jenseits einer Glasscheibe gefühlt. Eine panoptische Scheibe, die zwischen Beobachter und Beobachteten, „normal“ und „deviant“ einteilt. Eine Scheibe, deren bloße Existenz zudem noch von diejenigen, die kein Bewusstsein von gesellschaftlichen Geschlechterkonstruktion haben, schlichtweg bestritten wird.

Ich lebe nun diesseits der Glasscheibe. Gegenüber fellow queers und teilweise auch Cis-Frauen bin ich in einer privilegierteren Position. Im Gespräch bin ich derjenige, der Blicke lenken kann (nein, wir reden jetzt nicht über die geschlechtlich uneindeutig lesbare Passant*in) und dessen Beobachtung von sichtbaren gesellschaftlichen Minderheiten im öffentlichen Raum gefürchtet wird (die Kassierer*in, den ich als Tomboy lese, die meinem solidarisch-freundlichen Blick ausweicht).
Auch die Scham verschiebt sich.
Wenn ich früher misgendert wurde, bedeutete das zugleich immer auch: Du bist nicht „normal“, du bestimmst nicht, wer du bist und du gehörst nicht zur Mehrheit. Misgendert zu werden war eine Beschämung.
Heute kommt es gelegentlich wegen meines offenbar manchmal als uneindeutig wahrgenommen Vornamens dazu, dass ich im Schriftverkehr falsch angesprochen werde. Wenn ich die Anrede richtig stelle, fühlt sich mein Gegenüber beschämt. Mit mir hat diese Scham nichts mehr zu tun.

Dieser Blickwechsel aus der Minderheitsperspektive zur unfreiwilligen Mehrheitsposition ist mächtig und beängstigend.
Denn auch wenn man es mir nicht mehr ansieht, bin ich natürlich immer noch nicht Teil der Mehrheitsgesellschaft. Ich bleibe trans und queer und von weiteren strukturellen Benachteiligungen betroffen.
Werde ich als cis gelesen, gewinne ich Handlungsmacht. Weil ich trans bin, ist diese Handlungsmacht mit einem Ablaufdatum versehen. Best before: outing. Das Gute dabei (das immer noch schlimm genug ist), ist dass nur ich dieses Datum sehen kann.
Zugleich habe ich an Wirkungsmacht in vielen Situationen netto dazugewonnen (mit freundlichen Grüßen, die patriarchalen Strukturen). Zu dieser neuen Macht kann und will ich mich verantwortungsvoll verhalten. Als jemand, der lange Zeit in einer sehr marginalisierten Position gelebt hat – und sich relativ zu weißen, heterosexuellen Cis-Männern immer noch in einer weniger privilegierten Position befindet! -, ist es schwer, mich an den neuen Handlungsspielraum und das veränderte Gewicht meiner Worte zu gewöhnen. Und weil unterschiedliche Diskriminierungs- und Benachteiligungsformen in der Kombination jetzt, da ich mir meiner alten (Weiß-sein, zum Beispiel) und neuen (männlich-gelesen werden, zum Beispiel) Privilegien zunehmend bewusster werde, verschiebt sich die Perspektive von Als-sichtbare-Minderheit-überleben dahin, Privilegien bewusst wahrzunehmen und zu teilen. Das ist kein kleiner Schritt. Das ist ein ganz neuer Modus des Alltagslebens.
Cis-Passing mündet mit diesen ambivalenten Bewegungen in ein seltsames, gleichermaßen ambivalentes Konglomerat: 1. männliche Privilegien durch Zuschreibung zu erhalten, die aber aufgrund der Cis-Norm stets bedroht sind und potenziell entzogen werden könnten und 2. der Ambivalenz, auf einer sozialen Achse Vorteile zu erlangen, die aber durch Nachteile auf der anderen egalisiert werden (könnten) und 3. der fehlenden Gewöhnung im Umgang mit gesellschaftlicher Macht (der berüchtigten „männliche Privilegien“). Das Verhältnis dieser Aspekte zueinander verdient gewinnt natürlich durch Ungleichheiten auf weiteren sozialen Achsen zusätzlich an Komplexität.
Ich vermute, dass es unter anderem diese Mischung ist, verbunden mit Schuldgefühlen (dafür, ungerechtfertigte Vorteile durch Zuschreibung zu erhalten), Ängsten (vor Entzug der Cis-Privilegien) und Unsicherheit (im Umgang mit den Vorteilen des Als-männlich-gelesen-werdens) die viele Butches, die Testo genommen haben oder nehmen, unter dem Stichwort „Unsichtbarkeit“ verhandeln.

Zwischen Passing als cis und Passing als Mann besteht der Zusammenhang, dass in der gesellschaftlichen Mainstream-Sicht das eine das andere bedingt. Wäre die Verbindung zwischen beidem nicht so eng, würden strukturell mehr Sichtbarkeiten möglich und mein Verhältnis dazu individuell wäre nicht so ambivalent.
Das als ein paar vorläufige Skizzen zu meinem Erleben von Passing.

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