Monat: Juli 2016

Trans* und Queer in Psychotherapie. Ein How-To.

– In Ihrem Alter, sagt Frau R. In Ihrem Alter muss man vorsichtig sein mit Diagnosen.
Der Raum ist hell, ein weitläufiges Grün, Sonne vor dem Fenster, die Wände voll abstrakter Kunst in warmen Tönen, ein Glas perlenden Wassers auf dem Glastisch.
Frau R. hat schon viele Transpersonen therapeutisch begleitet. Sie erklärt mir, wie sie vorgeht: nach dem Kennenlernen bekommt jede*r Patient*in einen ausführlichen lebensgeschichtlichen Fragebogen, ca. 25 Seiten lang, der als Gesprächsgrundlage dient.
Frau R. sagt, Transparenz sei ihr sehr wichtig. Deswegen dürfe jeder Patient bei ihr die Akte lesen. Und das müsse genau überlegt sein mit den Diagnosen, denn in meinem Alter, wie gesagt, da stünde noch was auf dem Spiel.
– Ich erstelle dann anhand dieses Fragebogens die Diagnosen und wir besprechen das zusammen.
Ich nicke.
– Sie müssen aber schon auch damit rechnen, dass ich Ihre Transsexualität infrage stelle, sagt Frau R.

Ich war lange auf der Suche nach einer guten Therapie. Das hat mit chronisch knappen Therapie-Plätzen zu tun, mit dem noch prekärereren Mangel an Therapeut*innen, die trans*- und queer-bejahend sind und vor allem mit Erlebnissen wie jenes mit Frau R.
Wie man einen Therapie-Platz sucht und finden kann, habe ich also in mehreren Monaten Versuch und Irrtum gelernt. Ich habe einige Erfahrungen zusammen gefasst, die sich für mich als hilfreich erwiesen haben, um eine den eigenen Wünschen und Zielen möglichst entsprechende Therapie zu beginnen.

Im Voraus

– Zeit nehmen (in allen Stadien der Suche). Vorgespräche bei mehreren Therapeut*innen vereinbaren. Du hast das Recht auf fünf probatorische Sitzungen bei jeder Therapeut*in, und es ist auch dein Recht, alle fünf Sitzungen zu nehmen (auch wenn dich viele Therapeut*innen ggf. unter Druck setzen werden, dich schneller zu entscheiden).
– Ziel und Zweck der Therapie bestimmen. Machst du Therapie, weil du musst oder weil du willst? Wenn du selbst möchtest, was genau erhoffst du dir? Wie stellst du dir deinen optimalen Therapie-Verlauf vor: Möchtest du einfach 5-20 Minuten einmal im Monat kurz von deinem aktuellen Alltag und Transitionsstand berichten und dann wieder gehen? Möchtest du mit deiner Therapeut*in über Trans* in Geschichte und Gegenwart philosophieren? Möchtest du zwar die Bescheinigung über die 18 Monate Therapie aufgrund von „Transsexualismus“, aber eigentlich eine andere Thematik (berufliche Orientierung, Familie, Sucht, …) bearbeiten?
– Setze Prioritäten. Wenn du primär z.B. eine Sucht-Thematik angehen möchtest, ist es möglicherweise sinnvoll, eine Therapeut*in mit diesem Schwerpunkt zu wählen, und ihr besprecht in den ersten Sitzungen, was du in Bezug auf deine Transition von ihr*ihm brauchst.
– Person des Therapeut*in. Ist es dir wichtig, dass die Person schon Erfahrung mit Trans* hat? Willst du ein*e Therapeut*in eines bestimmten Geschlechts, mit oder ohne eigene Transitionserfahrung? Sind dir Altersabstand zwischen dir und dem Therapeut*in oder bestimmte berufliche Qualifikationen wichtig (z.B. ein bestimmtes Studium, Zusatzausbildungen in EMDR, …)?
– Über den Rahmen und die Methode informieren. Es gibt aktuell drei Therapie-Formen, die von deutschen Krankenkassen übernommen werden: Psychoanalyse, Verhaltenstherapie und tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie. Kommt nur eine oder mehrere Formen für dich infrage? Welche? Möchtest du in der Therapie eher mittel- und langfristige Themen bearbeiten, oder hast du z.B. aufgrund von Trauma akuten Bedarf?
– Bedenke mögliche Interessenkonflikte. Ist für dich ein vertrauensvolles therapeutisches Verhältnis möglich, wenn der Therapierende zugleich ein Gutachten für eine Vornamens- und Personenstandsänderung schreibt?

Während und nach den ersten Sitzungen

– Befrage deine*n Therapeut*in. Stelle eine Liste an Fragen zusammen, die dir wichtig sind. Sieht der Therapeut*in trans* als Krankheit oder lebenswerte Normvariante? Stimmt er*sie der Aussage zu, dass es mehr Geschlechter gibt als nur s.g. „Männer“ und „Frauen“? … Brauchst du ein*e Therapeut*in mit einer bestimmten Transitions-Kompetenz (z.B. um dich bei der Beantragung einer Mastektomie ohne Testo zu unterstützen)?
– Vertraue deinem Gefühl. Wer in den ersten Sitzungen einen dubiosen Eindruck macht oder von dem du einfach das unbestimmbare Gefühl hast, ihr*ihm nicht vertrauen zu können, dann ist die Person nicht die richtige für eine gemeinsame Therapie.
– Achte auf Professionalität des Therapeut*in.
Einige Zeichen für mangelnde Professionalität sind: nervöses, unruhiges Verhalten während der Sitzung (z.B. Nägel pulen, ständig Sitzposition wechseln, mit Fingern rumspielen, …), essen, ständiges Auf-die-Uhr-schauen. Unstrukturierte Sitzungen (z.B. Therapeut*in liest deine Krankenkassenkarte mitten in der laufenden Sitzung ein). Unterbricht dich in deinen Erzählungen. Wertende Bemerkungen und Zuschreibungen (z.B. „Die Hormone wirken aber gut bei Ihnen!“). Vergisst häufig, was in den vergangen Sitzungen besprochen worden ist. Respektiert deine Entscheidungen nicht (versucht z.B., dich zu Operationen zu überreden). Pausenloses notieren (in den ersten Sitzungen ist es normal, dass Therapeut*innen viel mitschreiben, um die Grundlagen zu protokollieren, das sollte jedoch nicht der Regelfall in den Sitzungen sein). Therapeut*in erzählt von sich und/oder lästert über Kolleg*innen. Just for the record: Auch Haustiere und Alkoholika haben in der Praxis nichts zu suchen.
Einige Zeichen für Professionalität sind: Unbewegte Mimik und ruhige Gestik. Strukturierte Sitzungen mit klar definiertem Anfang und Ende. Kein Überziehen des zeitlichen Rahmens. Nimmt Bezug auf deine vorherigen Berichte, auch wenn diese schon mehrere Sitzungen zurück liegen. Lässt dich immer ausreden. Dein Therapeut*in gibt dir eine Liste mit Adressen, an die du dich wenden kannst, wenn du den Eindruck hast, dass in der Therapie deine Grenzen überschritten werden oder du anderweitigen Klärungsbedarf im Therapeut*innen-Patient*innen-Verhältnis hast.
– Achte auf respektvolle Rahmenbedingungen. Der Therapeut*in spricht dich mit gewähltem Namen, Anrede und Pronomen an und stellt auch Bescheinigungen auf den neuen Namen aus.
– Erfrage relevante Details. Viele Therapeut*innen führen eine transspezifische Therapie gleich mit zusätzlichen Diagnosen zu F64.0 (Transsexualismus) durch oder übernehmen alte Diagnosen unhinterfragt. Überlege, ob und mit welchen Diagnosen du leben kannst. Für spätere Kranken-, Berufsunfähigkeits- und Lebensversicherungen sind bestimmte Diagnosen ein Ausschlusskriterium, selbst wenn sie lange zurückliegen.

Anders als zu vielen anderen Transitions-Themen (Operationen, Identitätsfindung, Ressourcen) empfand ich es bei der Therapie-Suche als wenig hilfreich, mich mit anderen auszutauschen.
Die meisten Trans*-Personen nehmen die erstbeste Therapeut*in, die einen Platz frei hat, um durch Wartezeiten ihre Transition nicht noch weiter zu verzögern. Wenn Therapeut*innen grenzüberschreitend, respektlos, wertend oder unprofessionell sind, wählen fast alle eher die innere Emigration als die Beschwerde oder (einen theoretisch jederzeit möglichen) Therapeut*innenwechsel.
Das hängt natürlich vor allem mit der enormen Abhängigkeit zusammen, denn für viele wichtige Transisionsschritte (Hormone, Vornamensänderung, Kostenübernahme für Operationen) ist derzeit die Zusammenarbeit mit Therapeut*innen unerlässlich. So lange die 18-monatige Psychotherapie als Richtlinie für Krankenkassen und MDK besteht, bleiben Transpersonen abhängig und erpressbar durch genau jene, deren Beruf es eigentlich ist, Menschen unabhängig und selbstbestärkend zu beraten und zu begleiten.
Darüber hinaus spielt für diesen unkritischen Umgang mit Psychotherapie auch eine Rolle, dass unter den transerfahrenen Therapeut*innen viele schlicht inkompetent sind. Um genau zu sein, so viele, dass in der Community mehr oder minder inkompetente Therapeut*innen die unhinterfragte Norm sind, so dass es schwierig ist, diesen Aspekt überhaupt erst zu realisieren, geschweige denn, sich dagegen zu verwehren.
Wer überdies nicht das Glück hat, in Berlin oder Nordrhein-Westfalen zu wohnen, hat angesichts der gravierenden Mangels an transspezifischen Therapieplätzen gar keine (oder nur unter Inkaufnahme von langen und teuren Fahrtwegen) Möglichkeit, eine Therapie nach den eigenen Wünschen und Bedürfnissen zu gestalten.
Daneben sind wie stets auch Sozialisation und internalisierte Transphobie eine Ursache für die schwierige Diskussionslage („Wenn mein Therapeut mich respektlos behandelt, bin ich selbst Schuld“), fehlende Informationen, insbesondere in deutscher Sprache („Irgendwie fühle ich mich unwohl in der Therapie, aber ich weiß auch nicht, wie es anders laufen könnte“), community-interne Vorurteile („Wenn deine Therapeutin dich missachtet, dann nur, weil du nicht richtig trans* bist!“) und das allgemein gesellschaftliche Stigma gegenüber Therapie („Wer eine Therapie macht, ist irgendwo auch bekloppt und hat gar keinen respektvollen Umgang verdient!“).

Ich hoffe, dass diese Liste dabei hilft, über Therapie-Erfahrungen ins Gespräch zu kommen. Kommentiert gerne, wenn ihr Ergänzungen habt oder von euren Erfahrungen mit transspezifischer Therapie berichten wollt.