Monat: März 2016

Einen ganzen Winter lang nichts anderes

Samstagabend, Dachgeschoss, ein Tisch voll Pizza-Schnittchen, Gemüse-Sticks und selbstgebackenen Muffins im Flur. Es schneit stundenlang und die Frauen trinken Mischbier und Bowle an jenem Abend. Auf dem Tisch stehen mehrere Plastikbecher mit selbstgebrautem, dunkelbraunen Tomaten-Chili-Alkoholgemisch, das hier „Schleusenwasser“ heißt und für das wohl jede Dorfgeneration ihren eigenen Namen und eigenes Rezept hat.
Das sind die Männer und Frauen aus meiner Heimatstadt, meistenteils heterosexuell, studierend, etwa 25 Jahre alt.
Sie sind kaum 25 und sehen aus wie ihre Eltern. (Die Männer trinken Bier und Hart-Alkohol.) Sie reden über Karriere und Körpergewicht derer, die gerade gegangen sind. (Die Frauen studieren Lehramt oder irgendwas Soziales.) Sie diskutieren über Aufstiegsmöglichkeiten im öffentlichen Dienst. (Die Männer studieren Ingenieuerwissenschaften oder Mathe-Physik-Lehramt.)
Hin und wieder denke ich von mir, dass ich nichts lieber will als genauso zu leben.

Ich bin das erste Mal in so großer Runde mit neuem Pronomen und Dreitagebart, den ich drei Wochen lang gezüchtet habe.
Ich hatte damit gerechnet, mit Anrede, Erinnerungen, alten Dynamiken auf die Vergangenheit verwiesen zu werden, vielleicht subtiler, vielleicht gewalttätiger. Ich war vorbereitet, mich dagegen zu verwehren.
Nichts davon ist passiert.
Alle Gäste vermeiden einen ganzen Abend, eine ganze Nacht lang jeden Namen und jedes Pronomen für mich.

Dieser Abend treibt mich um, denn untergründig habe ich irgendwie doch gehofft, mit mehr Wahrhaftigkeit und Bei-mir-sein mit den Leuten aus meiner Heimatstadt anders sprechen zu können, dass wir uns auch retrospektiv gegenseitig etwas verständlicher finden. („Ich versteh das nicht, es gibt Frauen, die sind Anfang 20 und wissen schon ganz genau, dass sie keine Kinder wollen … wie geht sowas?!“, sagt J., die in ihrem Praktikum Kinder mit physischen Einschränkungen unterrichtet, morgens am Küchentisch.) Mich treibt um, dass sie so eng leben und zugleich so sicher (Jobs, die angetreten werden, weil die Mutter einer Klassenkameradin aus dem Französischkurs 6. Klasse ist Schulleiterin in Groß-W.), und dann höre ich auf zu lachen und gehe ins Bad und nehme mir vor, eure Fingernagelfeilen zu verstecken, jeden Morgen wieder, einen ganzen Winter lang.
Denn ich trauere heftig, dass mein Leben ihnen unverständlich bleiben wird und dass mir ganz und gar die Mittel fehlen, ihnen zu erklären, dass Geschlecht echt die kleinste meiner Entwicklungen gewesen ist. Dass die Zweigeschlechterordnung viel grausamer ist, als ihr je wissen werdet und dass wir deswegen für eine sehr lange Zeit nicht mehr miteinander sprechen werden.
Ihre nächsten zwei Jahrzehnte, die auch die meinen zwei Jahrzehnte gewesen wären, hätte ich nicht angefangen, queer zu leben, wird alles klar, voraussagbar, wohlgeordnet und wohltemperiert sein. Sie werden mit ihrer Langzeitbeziehung in eine Stadtwohnung ziehen, irgendwann um ihren 27. Geburtstag herum, ein Auto anschaffen, Kinder alsbald (vielleicht zuerst die Kinder, dann das Auto), und wenn nichts Gravierendes dazwischenkommt, wird ihr Alkohol teurer werden und der Gin, Bombay Sapphire wenn sie dreißig sind, Old Raj, wenn es auf die fünfzig zugeht, immer regelmäßiger ausgeschenkt.
Ich weiß, dass ich nichts tun kann, um zu verhindern, dass wir mit Anfang, Mitte 40 spätestens auf dem Balkon stehen, ein bisschen erschöpft, ein bisschen resigniert, du am Ende deiner heterosexuellen Langzeitbeziehung die erste Zigarette seit deiner letzten Schwangerschaft vor zehn Jahren rauchend, unaufhaltsam unsere Plattitüden aufsagend („Was hat das Leben nur aus uns gemacht?“) und Lebensverhältnisse gegeneinander aufrechnend („Du hast zwei wundervolle Kinder“ – „Du hast deinen Eltern wenigstens einmal gesagt, dass du sie nicht liebst“)
Ich halte ein schales Bier der örtlichen Brauerei in der Hand und schweige viel. Ich sitze wie in einem Wackelbild, in dem ich unter den nach dem dritten Umzug unerbittlich zerfleddernden Plakaten von Wacken 2006 abwechselnd die angehenden Väter, die nicht weinen und nicht zuhören, aber Elternzeit nehmen werden, für unwirklich halte, und zugleich alle paar Minuten zweifle, ob ich wirklich echt, wirklich da bin.

Je nachdem, wie man zählt, bin ich zur Zeit circa in der dritten Pubertät. Nach Aufbruch, Ausbruch, langen Nächten ohne Schlaf und in Kneipen und auf Tagungen ist das die Phase, in der ich neuerlich frage und abwäge und zweifle, über Lebens- und Geschlechterentwürfe, die diesmal mehr als nur ein paar Monate halten müssen.
Ich stelle mir vor, wie ich 35 Jahre alt bin und im malvenfarbenen Hemd mit meinem Kind darüber streite, ob es ein pinkes Überraschungsei haben darf.
Ich bin noch nicht 25, aber ich weiß genug, um zu verstehen, dass Abende wie diese nicht nur eine harmlose Komödie über Geschlechterklischees sind, sondern dass Geschlecht der Spiegel und das Brennglas ist, durch das soziale und emotionale Gemeinsamkeiten und Unterschiede unübersehbar werden.
Ich will nie wieder fünfzehn sein. Sie hören die gleiche Musik wie vor zehn Jahren, als sie so jung gewesen sind und so betrunken.
Mir war lange nicht deutlich, dass Transition nicht die Ursache ist und noch nichtmal der Anlass für mein wehmütiges bis markerschütterndes Befremden.
Meine Transition hat mir ermöglicht, dass ich genauso leben könnte wie sie, nichts mehr und nichts weniger als das. Ich wollte das und weiß nicht mehr, ob ich das immer noch will. Ich weiß nicht, ob ich eine Alternative finde, die nachhaltig lebenswert bleibt.

Meine Klassenkamerad*innen und Bekanntschaften meiner Kindheit und Jugend sind ruhig, bürgerlich und vollkommen unbewegt von den Verhältnissen der Welt. Sie sind, generationell völlig durchschnittlich, meistens im Ausland gewesen, sprechen mindestens eine Fremdsprache fließend, haben beinahe mehr Freund*innen international als national.
– Die EU-Außengrenzen müssen auf jeden Fall dicht!, sagt L., die gerade von einem Praktikum aus England kommt, noch vor dem ersten Kaffee am nächsten Morgen.
Die Dachfenster sind verdunkelt von einer durchschneiten Nacht und wir streiten vergeblich bis zum Mittagessen.
Mich treibt um, dass Bildung, wie es scheint, trotzdem schlussendlich und alles in allem nichts, aber auch gar nichts ausrichten kann (nichts für ein gutes Leben, nichts für Menschlichkeit und Zivilcourage, nichts gegen Abende mit angehenden Ingenieuren und angehenden Lehrerinnen) und wenn Bildung nichts nützt, bin ich geneigt zu sagen, dass ich nicht weiter weiß.
– Du nimmst die politischen Verhältnisse zu persönlich, sagen meine Eltern unisono am Telefon.

Mich treibt um, dass ich in diesem Umfeld nie und nimmer hätte leben wollen, dass ich vielleicht nicht auf dem Land leben kann, selbst wenn ich es denn wollte (und ich möchte ja alle halbe Jahre nach Tübingen oder Langeoog ziehen).
Ich, der ich mich gerne kokett als Skeptiker gefangen im Körper eines Humanisten bezeichne, bin zutiefst erschrocken, dass meine Existenz-Möglichkeiten zu keinem Zeitpunkt jemals so weitläufig waren, wie sie einem weißen, scheinbar heterosexuellen Mittelschichts-Kind in Mitteleuropa gerne versprochen werden, und ich fürchte, dass ich all dem nicht entkommen bin, dass mehrere Jahre und hunderte Kilometer zwischen mir und dem Dorf nichts, nichts ausrichten werden gegen Weihnachten, Klassentreffen und Abende wie diese.
Ich kann nicht leben im Dorf, aber das Dorf könnte sehr gut leben mit mir, denn für das Dorf bleibe ich eine von ihnen. Etwas anderes war nie vorgesehen. Das Dorf wird mir jedes Mal wieder mein Tagebuch in die Waagschale legen.
– Manche Dinge weiß man im Nachhinein wirklich besser zu schätzen, sage ich, als wir am nächsten Tag spazieren gehen, alle etwas verkatert. Die Landschaft, die Atmosphäre, das vermisse ich schon manchmal.
– Ja, sagt L., die in einer deutschen Großstadt studiert. Die Luft ist super. Und was wirklich toll ist, dass es hier noch nicht diese ganzen Türken-Viertel gibt!
Am Hafen schlittern ein Nissan und ein Smart mit angezogener Handbremse über den gefrorenen Neuschnee. Das Wetter ist sehr schön. Ich hoffe, dass mein Bus nicht ausfällt.

„Stone Butch Blues“ – eine unromantische Geschichte in 10 Bildern

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Träume in den erwachenden Morgen – unser Zuhause

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Katzenfrühstück

12_mein Arbeitsplatz

Mein Arbeitsplatz

05_Wer hier eintritt, auf den regnen keine Goldtaler

Wer hier eintritt, auf den regnen keine Goldtaler

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StoneButch Dreams

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glamouröse Barkultur

06_fliegender Teppich in eine andere Welt

Fliegender Teppich in eine andere, virtuelle Welt

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unser Butch/Femme-Stammtisch

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Dein Arbeitsplatz

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Endstation Sehnsucht

Eine lakonische Fotoreihe aus Bremerhaven in Hafennähe von heute (Danke an Labyrinthus fürs Begleiten). Das Quartier hatte in den 1950er und 1960er Jahren seine große Zeit – mit einer riesigen Dichte an Kneipen, Bars, Jazzclubs, und dem Aladin-Kino mit seinem besonders geschwungenen Eingang. Einige Bars, die hier vor allem von schwulen* Männern betrieben wurden, sahen weit weniger heruntergekommen aus als heute. Lesben* waren bzw. sind durchaus Teil der Gäste, zum Beispiel heute im „Dreams“. Dennoch war das alles nicht schön oder glamourös – wie gegenwärtige nostalgische 50’s-Cupcake-oder Rockabilly-Fantasien nahelegen. Es war eher wie St. Pauli bis Ende der 1960er Jahre oder die Barszene in „Stone Butch Blues“. Die „homosexuelle Barkultur“ bis Ende der 1980er Jahre hatte verschlossene Türen, kleine Sichtfenstern, Türkontrollen, Jukeboxes, mal mehr, mal weniger roten Plüsch und war im „Rotlichtmilieu“ angesiedelt. Wer in die Bar wollte, musste klingeln, der_die Inhaber_in öffnete ein kleines Fenster und schaute, wer draußen war, um dann persönlich die Tür zu öffenen. Alle wurden per Handschlag begrüßt. Das waren Sicherheitsmaßnahmen aufgrund der langen Kriminalisierungsgeschichte von queeren* Menschen. Als ich in dieser Zeit im Rickmersstraßenrevier immer wieder mal unterwegs war, erfuhr ich von Freund_innen zum Beispiel, dass ein Schwuler* aus Homophobie in einer Seitenstraße erschlagen wurde, und von Lesben*, die als Zuhälter_innen arbeiteten. Auch gab um 1990 Morde an Sexarbeiter_innen. Sie wurden hier hinter einem Supermarkt getötet in den Container geworfen. Neben dem „Babylon“, das früher „Why not“ hieß,  gab es eine Bar, die hieß „La Femme“ und von Lesben* betrieben wurde. Ein paar Monate später übernahmen Zuhälter sie „feindlich“, so dass in den Hinterzimmern Sexarbeit stattfand.

Vor diesem Hintergrund konnte und kann ich die Romantisierung von „Stone Butch Blues“ nicht verstehen, der ich immer wieder begegne. Als ich das Buch las – mehr als dreimal habe ich es bislang nicht geschafft – , konnte ich vor allem die alltägliche (sexualisierte) Gewalt, das Überleben und Ausgeliefertsein in ein paar Quadratkilometern Straßenrevier, die Wut über die Perspektivlosigkeit und die Angst, die im Nacken sitzt, und die Trostlosigkeit des „Leben am Randes“ schmecken. Fühlen konnte ich die überlebensnotwendige Bedeutung eines Mikrokosmos von Freund_inschaften, Liebesbeziehungen, die zarten Augenblicke, das Innehalten, die kleinen liebevollen und gleichzeitig unterstützenden Gesten, die sinnlichen und auch verstehenden Blicke – Momente, wie das zeitentrückte Innenleben in einem Kokon. Auch ich habe mal für jemanden, die vergewaltigt wurde, Kakao gekocht und das Badewasser eingelassen – ich empfinde und sehe diese Erinnerung nur als „zarter Schaum“, „warmes Wasser“, „dunkel, heiß, süß“ und „schweigen“. Dafür und für den „StoneButch/Femme-Blues“ gibt es nur Bilder, keine Worte.