Monat: Dezember 2015

Queer kinky & sexy Leben mit chronischen Erkrankungen

Im Zentrum von BDSM stehen körperliche, mentale und sexuelle, emotionale Grenzgänge. Das Eingebunden sein in Szenen bedeutet darüber hinaus, mit bestimmten Erwartungen und Wünschen konfrontiert zu sein, wie wir als bottom, switch, als Top agieren, uns präsentieren, in Kontakt gehen, uns innerhalb der Szene engagieren, uns vernetzen, und ob wir auf Playparties oder anderen Events präsent sind.

Die heißen Fantasien über Tops und Dom(me)s sind: Ungebrochen stark, dominant, sexuell fordernd, lustvoll Grenzen setzend, streng fürsorglich, körperlich und mental präsent und Verursacher_innen von genussvollem Schmerz. Die kinky Fantasien über bottoms und submissives kreisen um den Genuss von Schmerzen, das Eintauchen in Schmerz und „Schwäche“, die Lust an Restriktionen, am „Pleasen“, am Zur-Verfügung-stehen/knien.

Was aber, wenn Tops selbst Schmerzen empfinden, oft und unfreiwillig; körperlich, mental oder emotional nicht „immer stark“ sind; in bestimmten Phasen der vermehrten Fürsorge und Unterstützung bedürfen; sich nicht sexy fühlen und keine Lust auf Dominanz und Sex haben? Playevents und/oder Organisationsarbeit massiv anstrengend finden? Die Energiezeitfenster begrenzt sind? Sich für „Schwäche“ schämen?

Was aber, wenn bottoms selbst Schmerzen empfinden, oft und unfreiwillig; körperlich, mental oder emotional nicht immer in der Lage sind, „sich hinzugeben“; in bestimmten Phasen der vermehrten Fürsorge und Unterstützung bedürfen; Playevents und/oder Organisationsarbeit massiv anstrengend finden? Die Energiezeitfenster begrenzt sind? Sich nicht sexy fühlen; keine Lust auf dominiert werden und Sex haben? Und die Restriktionen des eigenen Körpers usw. einfach nur satt haben?

  • Erleben: Hat sich in Eurem Erleben als bottom/submissive oder als Top/Dom(me) etwas durch Erkrankung verändert? Gibt es hier Unterschiede, ob Ihr eher SM oder eher D/s lebt?
  • Selbstverständnis: Was bedeutet es für Dich als Top/Dom(me), für Dich als bottom/submissive erkrankt, beeinträchtigt zu sein?
  • Verhandlung: Wie verhandelt Ihr Eure Beeinträchtigung? Was bedeutet für Euch im Hinblick auf Erkrankung „ssc“?
  • Umgang: Wie geht Ihr z.B. mit Schmerzen um? Z.B. mit Erkrankungsphasen oder Anfallserkrankungen? Wie vereinbart Ihr das mit Euch und Eurem Gegenüber in Plays, in Spielbeziehungen, Poly- oder Nicht-Polybeziehungen?
  • Szene: Wie empfindest Du den Umgang innerhalb der queeren, lesbischen BDSM-Szene mit Erkankung/Beeinträchtigung? Was fehlt Dir? Was hast Du als hilfreich erlebt?
  • Unterschiede: Wie und mit wem Du lebst, mit oder ohne Erwerbsarbeit, ob mit Trans*erfahrung oder ohne, ob als *Femme oder *Butch, mit oder ohne Migrationserfahrung, jünger oder älter, mit oder ohne Kinder usw. – all dies hat unterschiedlichen Einfluss auf ein Leben mit chronischer Erkrankungen.
  • Empowerment durch BDSM: Was stärkt Dich an BDSM, an Deinem kinky Leben & Sexualität?

All diejenigen sind willkommen, die sich angesprochen fühlen, hier ins Gespräch zu kommen. Wem das zu wenig geschützt ist, kann mir gerne eine PM senden.

Zu mir: Keleb, mittelalter T*Butch, Daddy-Dom, mit Autoimmunerkrankungen inkl. chronischer Schmerzen. Butch/Femme-D/s-Erotik und Sex ist das, was für mich Genuss bedeutet und mich erinnert, dass ich viel mehr bin als die Summe meiner zum Teil angeschlagenen Einzelteile – neben Soul der 1960er und 1970er Jahre, gutem Essen und etwas Zen.

Zum Weiterlesen: XanWest, chronisch erkrankter Top

Ein langer, aber sehr spannender Beitrag von Johanna Hedva: „Sick Women Theory“, wobei sie „Women“ nicht essentiell als „weiblich“ versteht … wie gesagt, sehr interessant, zu lesen.

 

Wie ich einmal angekommen war

Schade, dass mein Muskeltonus zu verschiedenen Transitionsphasen nicht gemessen wurde. Dieses Diagramm wäre vielleicht aufschlussreicher als jeder Video-Vergleich.
Ich bin ruhig, als der Türsteher in der Schwulenbar meinen Ausweis sehen will und sich vertraulich zu mir neigt:
– Are you a girl?
– No, it’s just the name.
Er nickt, ich nicke und mein Herz hat nicht einen Schlag ausgesetzt.

Bevor ich mich auf den Weg gemacht habe, zu transitionieren, war ich mehr als skeptisch gegenüber jenem vielzitierten, seltsam nebulösen „Angekommensein“.
Was soll das bitte bedeuten, wie sich anfühlen? Wo ich doch schon der allzu griffig-allgegenwärtigen Formel des „Weges“ misstraue? Und ist für jemanden wie mich, der queer bleibt, in Unfrieden und Widerwillen gegen die heteronormative Zweigeschlechterordnung, ein „Ankommen“ in dieser Welt überhaupt denkbar?
Dass kein Datum einer Spritze, eines Krankenhaustermins, eines Behördenstempels dafür bürgen könnte, war naheliegend. Auch, dass eine Transition und ihr Endzustand sich nicht anfühlt wie auf Speed, Achterbahn und Kindergeburtstag alle Tage.
„Angekommensein“: Ein bestenfalls situativer Zustand, der über eine Tasse Tee nie hinausreichen wird? Physisch oder metaphysisch? Ein amorphes Gebilde, dessen Position und Gestalt sich umso mehr verändert, je weiter ich mich darauf hin bewege?

Ich glaube dennoch, ich bin angekommen.
Ich tue mich schwer, dieses Lebensgefühl zu beschreiben, weil es unaufgeregt ist, voll Alltäglichkeiten und Dingen, die für fast alle Menschen selbstverständlich sind und für mich erst langsam selbstverständlich werden.
Ich lebe nicht mehr in der Katastrophe und ich glaube nicht mehr an Wunder.
Transition bedeutet für mich nicht mehr und nicht weniger als die radikale Entscheidung, mich auf meinen Körper und meine Identität einzulassen. Angekommensein heißt, mit welchen Mitteln auch immer, frei genug geworden zu sein, deren Bedürfnisse zu erfahren und gerecht werden zu können.
Das ist alles.

Dem jungen Mann geht es gut.
Herrentoiletten, Herrenhaarschnitte, eine lange Reihe performativer Selbstverständlichkeiten.
Schon wieder in der Pronomenrunde eingenickt.

Es passieren immer noch schlimme Dinge dann und wann.
Individuell für mich, wenn die zwei kleinen Jungs am Pissoir neben mir sich so ungezwungen unterhalten, dass ich noch minutenlang die Fäuste in der Hosentasche balle. Wenn in der Facebook-Gruppe das alljährliche Klassentreffen-Doodle geteilt wird, ich ganz gefasst eine Pro-Kontra-Liste schreibe und nachts trotzdem schweißgebadet erwache, weil mir im Traum ein Bekannter erklärt hat, er werde niemals den neuen Namen benutzen, denn letztlich sei das mit dem Namen nunmal im Unterbewusstsein verankert, und das Unterbewusstsein lasse sich nicht betrügen.

Transition bleibt lange Frühling und, wenn es gut geht, länger noch Sommer.
Für die meisten sind es, ich wiederhole mich, ziemlich genau zwei Jahre, in denen sie Videos machen, auf Facebook schreiben, Stammtische und Tagungen besuchen, aktiv, selbstbewusst und politisch werden.
Ich bin überrascht, dass dieses Fenster von zwei dutzend Monaten für einige Menschen viel verändert, aber für die meisten alles in allem ziemlich wenig.
Eine hormonell-biologisch legitimierte Pubertät im Zeitraffer, ein bisschen rumprobiert, ein bisschen eskaliert, und danach rasten die meisten, klick-klack, ziemlich nahtlos wieder in ihre alten Wertesysteme ein, als wäre nie etwas geschehen.
Wer durch eine Transition nicht freigesetzt wird, wird niemals frei sein.
Diese allzu wahrscheinliche Tatsache finde ich höchst bedauerlich. Auch deshalb, weil es nur anfangs so schien, als seien meine Mit-Transitionierenden im selben Maße wie ich suchend gewesen, suchend und aufgewühlt, kochenden Blutes über die Ungerechtigkeiten der Welt, strampelnd und spuckend angesichts aufflutender Dysphorie, mit den Fingernägeln an den Knochen des heteronormativen Systems rüttelnd und kratzend, und darüber unabhängig, nachdenklich und ein bisschen fassungslos geworden.
Ich selbst vermisse manchmal das Gefühl dieser Ganz Großen Freiheit, in der alles fragwürdig schien, monatelang. Ich hatte das Privileg, meinen eigenen Kompass wählen zu dürfen. Meine Freiheit des Angekommenseins besteht darin, ihn zu kalibrieren, dessen Koordinaten zu folgen, nachzujustieren und darum zu wissen, dass nicht nur der Kompass sondern das Moos und die Sterne meine Wegzeichen sein können.
Ich habe Transitionierende, seien es Frauen und Männer auf dem Weg zu sich selbst, seien es Butches, aus denen Männer, Frauen, die zu Femmes wurden, genderqueere, die ihr binäres Coming-Out hatten und andersrum, in einer zutiefst offenen, verletzlichen, fragilen, prägenden Zeit ihres Lebens erblühen sehen dürfen.
Die beengende Last meiner eigenen Angst, Sinnsuche, den manchmal überwältigenden Ungewissheiten wurde mehr als aufgewogen durch die wilde Schönheit von Transitionsgesprächen: so viele Menschen, die das erste Mal Sex hatten; die eines Tages einen Namen trugen, der sie stark machen wird; die sich aufgemacht haben, endlich Pyrotechniker*in, Tättowierer*in und Pornostar zu werden.
Diese hoffnungsintensive Zeit ist für meinen Transitions-Jahrgang vorüber.
Wer jetzt keine Eltern hat, findet keine mehr. Wer immer noch nicht schlafen kann, wird lange schlaflos bleiben.

PS: Dieser Text erzählt nur vom gegenwärtigen Gefühl des Angekommenseins, für mich und im Verhältnis zu denen, die in einem ähnlichen Rahmen wie ich transitionier(t)en. Welche Faktoren dazu geführt haben und welche Auseinandersetzungen mit Körper und Identität dem vorausgingen, ist ein anderes Thema für einen anderen Beitrag. Und wie bereits der Titel spoilert: Dass es bei diesem ersten Angekommensein bleibt, habe ich auch nur einen kurzen Moment geglaubt.

Über Butches, Transmänner und (nicht nur) lesbische Verlustgefühle

Ausführliche Replik einer queeren, butchbeghernden Femme auf diesen Beitrag in ZEIT online: http://www.zeit.de/kultur/2015-12/transsexualitaet-homosexualitaet-diversity-geschlecht-butches-10nach8

Teile des Ganzen

Also, ich habe ja die gleiche Partyeinladung bekommen wie Andrea Roedig. Ich bin sogar zu dieser Party hingegangen. In allererster Linie aus Neugier. Und weil ich finde, dass es – neben z.B. Partys für FrauenLesbenInterTrans (FLIT) und Partys für LesbenSchwuleBisexuelleTransleuteQueers (LGBTQ) und Partys für „alle“ – durchaus auch Partys nur für Frauen (inkl. Transfrauen) geben kann und sollte. Und ich hatte vor dem Besuch der Party tatsächlich ein wenig halbernste Sorge, ob dort wohl auch für mich attraktive Menschen (sprich: Butches) sein würden. Oder vielleicht sollte ich eher sagen, ich habe mich gefragt, welcher Teil der Butches sich wohl von dieser Einladung angesprochen fühlt. Ich bin es nämlich nicht mehr gewohnt, die Butches (und anderen nicht-cismännlichen FLITs) in meinem weiteren sozialen Umfeld nach „Frauen“ und „Nicht-Frauen“ sortieren zu müssen, weil üblicherweise eh alle auf der gleichen Party sind (die natürlich keine „Frauenparty“ ist, jedenfalls keine ohne erweiternde Fußnoten) und es…

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