Von einer tiefen Müdigkeit

Letztens sprach mich jemand auf einer Party an und fragte, welche Wohlfühl-Pronomen ich für non-binäre Identitäten kenne. Und wie man überhaupt jemals mit all dem Schmerz und Nichtweiterwissen zwischen Sprache und Körper klarkommen kann.

Oh, wie gut kenne ich diese Fragen, den vorgebeugten Oberkörper, den hungernden Unterton. Wie oft habe ich selbst mir halbe Abende einen Anlass ausgedacht, mit den richtigen Leuten ins Gespräch zu kommen, habe ich mit ihnen in Ecken gesessen und in der Kälte gestanden, bis weit in den Morgen hinein, und über Transitionsgeschichten, Pronomendiskussion, Queererfahrungen mehr als einmal meine Station verpasst.
Ach, das kommt schon alles in Ordnung, meinte ich nur, kam mir altväterlich vor und wusste genau, dass meine Antwort weder hilfreich noch tröstlich war.

Bei vielen Transitionen – und damit meine ich sowohl binäre als auch non-binäre, medizinisch-juristische und nicht medizinisch-juristische – kann man die Uhr präzise stellen: Nach ziemlich genau zwei Jahren der intensiven Auseinandersetzung tritt eine Ruhephase ein, die für viele in einer Abkehr von Community überhaupt mündet.
Meine zwei Jahre sind seit einigen Monaten abgelaufen.
Das spüre ich deutlich, auch wenn ich nach außen nicht so wirke, weil meine in spannenderen Zeiten gesammelten Gedanken und Anregungen darüber hinweg täuschen.
Ich ertappe mich bei Plattitüden wie Im-Grunde-sind-wir-doch-alle-nur-Menschen. Ich habe meinen Browserverlauf schon lange nicht mehr gelöscht. Ich zünde keine Häuser mehr an, wenn mich jemand misgendert.
Mir fehlt die Kraft zur fundamentalen Empörung und die Geduld zu ermunterndem Mentoring. Ich bin so müde, dass ich das noch nichtmal bedaure. Ich möchte Gender-Winterschlaf, lange und tief.
Ich bin müde, und ich bin zugleich distanziert und gelassen. Die Frustration über allgemeine Cis-, Binär- und Heteronormativität, holzschnitthafte Transitions-Erzählungen, selbstzerstörerisches Szene-Gebaren, so deprimierend, nervenaufreibend, empörend ich das alles oft empfand, nehme ich hin, wach und milde.

Man hört wenig von dieser Müdigkeit.
Einerseits ist das banal: Transition ist für viele, mich eingeschlossen, eine unvergleichlich aufregende Lebensphase, die irgendwann in ihre unvermeidlichen Alltäglichkeiten übergeht. Ich kann ich nicht mein ganzes Leben lang jeden Tag etwas Neues, Verheißungsvolles im Spiegel entdecken.
Andererseits haben die, die sich über die üblichen zwei Jahre hinaus mit Trans- und Queer-Themen beschäftigen, zusehends weniger Gesprächspartner*innen auf Augenhöhe.
Habe ich einfach schlecht mit meinen Kräften gehaushaltet? Oder ist das Ende der Transition wirklich erst der Anfang des Weges?
Erfahrungswerte, ob eine Pause oder doch Gender-Ruhestand die richtige Antwort auf diese Müdigkeit sind, existieren kaum.

Genau genommen setzt sich die geschilderte Erschöpfung aus drei verschiedenen Müdigkeiten zusammen: Die Transitions-Müdigkeit, die Aktivismus-Müdigkeit und die Identitäts-Müdigkeit.
Mich interessiert schon lange nicht mehr, ob trans* oder nicht, ob Coming Out oder nicht, welche Identität, welche sexuelle Orientierung, gefangen im falschen Körper, in der falschen Gesellschaft oder im falschen Leben. Ob die Identität politisch subversiv genug, die Entscheidung für Hormone, Operation, Krawatte die richtige, der Umgang mit Unsichtbarkeit, Dazwischensein, Maskulinität wohl erwogen.
Ich hätte es nie für möglich gehalten, eines Tages so fundamental gelangweilt sein zu können von diesen Themen.

Überlegungen wie der Einfluss von Alter, Bildung, Wohnort auf geschlechtliche Lebensläufe, Unsichtbarkeit und Schmerzlichkeiten einer Nicht-Mainstream-Identität beschäftigen mich nach wie vor.
Ich komme in meiner Auseinandersetzung nur langsam und oft gar nicht voran. Vieles, das mich derzeit interessiert, ist so diffus, dass ich darüber nur mühsam sprechen, geschweige denn schreiben kann.

Meine Antworten werden dürftiger. Manchmal denke ich, überhaupt nichts mehr sagen zu können.

Vielleicht bin ich so müde, weil mein politisches Bewusstsein so präsent ist. Ich finde es notwendiger denn je, die Kräfte auf die verschiedenen Erfahrungen und das gemeinsame Anliegen zwischen Lesben, Schwulen, Trans-, Queer-, Inter- und Hetero-Menschen zu konzentrieren.

Der Weg ist so lang. Ich liege abends nicht mehr wach.

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4 Kommentare

  1. Hi, ich bin selbst noch irgendwie am Anfang, zumindest denke ich das von mir. Aber trotzdem kenne ich diese Frustration und diese Resignation. Nach 3 Jahren Verhaltenstherapie habe ich es geschafft mich selbst zu akzeptieren und mich meinen Mitmenschen anvertraut. DOch je mehr ich drüber spreche und je mehr ich versuche das Thema trans* oder Intersexualität bzw. non binary gender zu fördern und für Akzeptanz zu werben, desto gestresster und müder werde ich. Man hat irgendwann keine Lust mehr. Und wenn im Fernsehen mal wieder ein (ausnahmsweise guter) Beitrag dazu läuft, kocht es innerlich wieder so hoch, dass man wegschaltet um selbst mal irgendwie Distanz dazu zu bekommen.

    Ich glaube aber, dass das gar nicht verkehrt ist. Es hilft dir und mir vielleicht sich mehr auf sich selbst zu fokussieren und nach dem eigenen Glück zu greifen statt ständig die Welt verbessern zu wollen :)

  2. Hallo N, hab Dank für deinen Kommentar!
    Das politische Anliegen wird mir ein lebenslanges Ziel und Herausforderung bleiben. Ziemlich sicher zwischendurch ruhig bis erschöpft (wie du es auch schilderst), mit Pausen und Entspannungsphasen, dabei hoffentlich immer wieder nicht nur resginativ, sondern mit konstruktiver Wut. Mal mehr, mal weniger deutlich im Vordergrund, und ob und wie Geschlechter-Gerechtigkeit der Fokus bleiben wird kann, welche Formen mein Engagement annimmt, wird sich gewiss verändern. Damit bin ich noch nicht fertig, und das werde ich, genug Kraft vorausgesetzt, ein Leben lang nicht (Und natürlich muss ich mit dieser Kraft auch haushalten. Ich rege mich nicht über jeden Facebook-Kommentar oder RTL-Doku auf, das ist es nicht wert.)
    Die von mir empfundene Müdigkeit richtet sich nicht nur nach außen, sondern auch nach innen. Über die Natur dieser inneren Müdigkeit bin ich mir nicht so klar. Stecke ich, was Geschlechtlichkeit anbetrifft, in einer Sackgasse? Werde ich jemals wieder so bewegt und fasziniert sein können von Queer-Theorien? Bin ich müde, weil ich alles gedacht, probiert, erlebt habe, was für mich individuell in dieser Hinsicht hilfreich, anregend oder richtungweisend sein konnte? Das alles hat für mich durchaus mit Glück zu tun.
    Die klassische Transitions-Erzählung, die für manche / viele (?) bestimmt auch zutreffend ist, besagt ja, dass man nach allen relevanten Entscheidungen, Outings, Transitionsschritten „durch“ ist. Jedenfalls – vorerst? – so „durch“, dass es nicht mehr für größeres Engagement oder umfassende Publikationen reicht. Dass fast alle Blogs aus dem transmännlichen Spektrum nach spätestens zwei Jahren, oft viel eher, abbrechen, spricht für diese These. Vielleicht bin ich nun an diesem Punkt?

  3. Hab mich gerade sehr wiedergefunden in diesem Text. Ich bin seit einem dreiviertel Jahr in diesem Zustand, mit einigen Ausreißern in intensiven Aktivismus, nur um dann wieder mich von all dem zu entfernen.
    Ich hatte das Gefühl, ich kann nichts mehr geben? Bis ich bemerkte, meine Umgebung gibt mir nichts mehr, und vielleicht ist es an der Zeit weiterzugehen. Ich weiß noch nicht genau, was das für mich bedeutet. Es tut aber wirklich gut, so einen Text zu lesen und von anderen Leuten Ähnliches zu hören.

    1. Danke für deinen Kommentar – ich freue mich wiederum, zu lesen, dass ich mit dieser Thematik weniger allein bin als erwartet. Deine Formulierung „Ich weiß noch nicht genau, was das für mich bedeutet“ fasst sehr pointiert zusammen, worin die Problematik besteht.
      Seit dem Veröffentlichen dieses Textes gibt es übrigens keinen neuen Stand. Hin und wieder habe ich einige Tage intensiven Aktivismus, bin fasziniert, begeistert sogar, und denke, dass diese Müdigkeit nur eine Phase war, um mich einigen Themen aus der Distanz neu und tiefgründig zu nähern (Geschlecht ist so ein komplexes und diverses Thema, da kann ich doch ein Leben lang zu keinem Ende kommen!) – und dann wiederum bin ich erschöpft und gelangweilt und spüre deutlich, dass mich die Auseinandersetzung in diesem Bereich derzeit schlichtweg nicht zu neuen Gedanken führt.

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