Wie ich Butch wurde

Trotzdem dies ein ButchBlog ist, habe ich nie darüber geschrieben, warum ich mich eigentlich so identifiziere. Warum ich unter allen queeren Maskulinitäten ausgerechnet diese wählte, welche Erwartungen, Gewinne, Auszeichnungen ich in diesem Geschlecht sehe, welche Wünsche und Visionen ich zu erfüllen hoffte.

Heute sind es knapp zwei Jahre, dass ich die ersten Femmes und Butches im realen Leben traf, und knapp drei, seit ich Stone Butch Blues las.
Vordergründig kam ich zu diesem Identitätsangebot auf der Flucht vor jenen weit verbreiteten Unzulänglichkeiten des Trans-Diskurses, die ich bis heute kritisiere: Die Misogynie, die Abwertung feministischer Perspektiven, oberflächliche OP-Fixiertheit, keine fürsorgliche Sichtweise auf den eigenen Körper und die eigene Vergangenheit, Wettbewerbscharakter der Transitionen, fehlende Solidarität mit Frauen und anderen Geschlechtern.

Ich wollte über meine Geschichte sprechen, ohne die Differenz zwischen Geburts- und Wahlgeschlecht als Mangel, großen Fehler, schlimmen Verlust betrachten zu müssen.
In Butch suchte ich neben meinem individuellen ein kollektives Bewusstsein für die Geschichte queerer Bewegungen, in dem jeder gegenwärtige, normvariante Geschlechtsausdruck wurzelt. Es kam mir unmöglich vor, herauszufinden, wo ich hinwollte, wenn ich noch nichtmal wusste, wo ich herkam.
In einer Dekade, in der zumindest innerhalb der queeren Welt alle paar Monate ein neues Geschlecht Hochkonjunktur hat, sah ich in Butch einen geeigneten Gegenentwurf. Anstelle postmoderner Haltlosigkeit die Stabilität eines Genders, das immerhin mehr als ein Jahrhundert Antworten auf die Herausforderungen der Zeit zu geben wusste.

Ich wollte nie außerhalb von Geschlechtlichkeit leben. Ich finde Geschlecht emotional und theoretisch spannend, herausfordernd, ästhetisch, anspruchsvoll, und die darin liegenden Unterdrückungsverhältnisse wollte und werde ich nicht aus einem Exil angehen. Darum kam für mich trotz all meiner Erfahrung des Dazwischenseins nie eine klassische Genderqueer-Identität in Frage.
Butch schien mir eine Möglichkeit, diesen queeren Erfahrungsbestand sinnvoll in eine geschlechtlich eindeutig verortete Identitätskonzeption zu integrieren.

Ich verstehe Identität und Geschlechtlichkeit noch immer als eine schöne und bereichernde, intellektuelle ebenso wie künstlerische Herausforderung, Anlass für Diskussion und Geschichten, für Herz, Hirn und Hand gleichermaßen.
Butch/Femme mit einem Fundus an Legenden und Klassikern, die mehr als nur medizinisch-juristische Wandlungen und Herausforderungen thematisiert, ja, selbst die zugehörige Pathos-Patina waren mir eine anregungsreiche Grundlage. Immerhin wurden hier Gefühle und Erkundungen der eigenen Identität, anders als damals in Trans-Kreisen, überhaupt zum Thema. Ich wollte nicht nur meinen Körper entwickeln, sondern auch meine Persönlichkeit.
Butch öffnete meinen Horizont, indem Identität und Begehren gemeinsam zur Debatte standen, Vergangenheit und Zukunft, reflektierte Maskulinität und queerer Feminismus zusammen verhandelt, Versehrungen und Chancen von Sozialisation und Kraftsport gleichermaßen bedacht wurden. Ein mir damals neuer und heute immer noch hilfreicher Denkrahmen.
Nicht zuletzt war das Butch-Femme-Forum zu seinen Spitzenzeiten bis 2010, und selbst noch in seinen letzten Höhepunkten 2012 eines der faszinierendsten Foren, die mir je begegnet sind, mit zugleich theoretisch und emotional hoch engagierten, differenzierten und visionären Beiträgen. Ich zehre bis heute von diesen Anregungen.

Einige persönliche Vorlieben taten ihr Übriges, mich für diese Identität zu gewinnen.
Ich habe eine Schwäche für diskursive Trümmerfelder. Ich mag Lebenskonzepte, in denen nicht je schon alles gesagt, gedacht und getan ist, sondern die offen, unbestimmt, noch nicht völlig ausgedeutet sind.
Einer auch unter queeren Identitäten kleinen Minderheit anzugehören, schreckte mich nicht, sondern reizte meine Lust auf Community-Arbeit, das eigene Wirken unmittelbar zu spüren, Teilhabe zu erfahren, bevor sich Normierungen und Gruppendruck ausbilden. Vorurteile über Butches kamen mir so fern vor, dass ich sie kaum mit mir in Verbindung brachte, und wenn doch, beflügelten sie eher meine Koketterie mit der Rolle des unterschätzten Underdogs.
Progressive Ansichten über Geschlecht und Gesellschaft im Gewand von Anzug und Krawatte fand ich eine spannende Mischung, und mit kaum zwanzig als „oldschool“ zu gelten, schien mir eine produktive Ironie.

Ich hoffte auf generationelle Vielfalt. Solidarität und Fürsorge unter jenen, die denselben Geschlechtsausdruck wählten wie ich, die selbst zu denkbar verschiedenen Jahrzehnten Erfahrungen und Einschränkungen darin teilten, entlang ähnlicher Verwerfungen und Hoffnungen lebten, und jenen, deren Weg und Werden ein ganz anderes ist und sein wird. Mentoring in schlechten Zeit und Abenteuer in den besseren. Und vielleicht eines fernen Tages selbst jemandem ein Zippo schenken zu dürfen.
Ich hielt mich nicht mehr für einen Mann, nachdem ich gerade die Illusion der Binarität durchschaut hatte. Angesichts der wenig reflektierten Misogynie meiner Jugend hatte ich gerade erst den Zauber, die Würde, die Wertschätzung für Femininität entdeckt und freute mich über ein Umfeld, in dem ich meine Maskulinität entwickeln konnte, ohne den geschlechtlichen Ausdruck anderer abwerten zu müssen.

Insgeheim ist mein Butch-Verständnis auch dadurch motiviert, dass ich gerne zumindest versuchen würde, geschlechtlich zu sein, ohne in die Fallen jeder Geschlechtlichkeit zu gehen. Feministisch und queer, männlich und privilegienbewusst, geschichtsreflektiert und zukunftsoffen, Baltimore und Champs-Elysees, und absurderweise manchmal sogar: der beste Kumpel der Männer und die beste Freundin der Frauen.

Alles in allem schien mir Butch eine Möglichkeit, einen würdevollen Umgang mit meinem Körper und meiner Vergangenheit zu finden.
Maskulinität erkannte ich als die Konstante im Wandel meines Geschlechtsausdrucks, entlang der ich Worte und Wege für mein Sein zu suchen begann. Aus einem Anlass zu homo- und transphober Abwertung wurde eine Gelegenheit zu Selbstbewusstsein und Selbsterkundung.
Das, was andere an mir als irritierend und manchmal auch provozierend empfanden, im Gegenteil als Geschenk, als eine der wertvollsten Gesten meines Auftretens zu kultivieren, war eine revolutionäre Idee, und ist bis heute die schönste Antwort, die ich auf derlei Erfahrungen zu geben weiß.

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3 Kommentare

  1. Du sprichst mir aus der tiefsten Seele, dafür danke ich dir (und schenke dir mental für diesen wundervollen Artikel mein bestes Zippo ;))

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