Als ich kein kleiner Junge war

Wenn ich groß bin, wäre ich gerne ein Junge.
Natürlich weiß ich, dass die Zeit mir das ein und für alle Mal verwehrt, und dieses Bewusstsein fundiert eine Trauer, von der ich weiß, dass sie unheilbar bleiben muss.
Chronologisch steht mir „Ich bin ein Junge!“ nicht zu. Ich verweile im ewigen „Ich wäre lieber ein Junge!“, wenn überhaupt.

Kein Junge gewesen zu sein gehört zu den unterschätzten Trans-Traurigkeiten, derer man sich im Prozess der transmännlichen Identitätsgewinnung unweigerlich mit schmerzlicher Deutlichkeit bewusst wird.
Ich habe Erfahrungen, die kein Junge je gemacht hat. Ein Junge ist nicht mit einem Kleid bei der Einschulung beschämt worden, wurde nicht irgendwann zwischen der fünften und achten Klasse jäh als „die Andere“ von seinen Kameraden verraten, hat nicht ein Wort darüber verloren, warum er eigentlich Fußball spielt.
Wenn ich auf Bäume kletterte, hangelte ich mich von Das-machen-Mädchen-aber-nicht über Du-bist-ja-ganz-schön-mutig-für-ein-Mädchen und Als-ich-klein-war-wollte-ich-auch-manchmal-ein-Junge-sein hinauf zu Wir-hatten-doch-alle-mal-eine-burschikose-Phase.
Ein Junge ist niemals auf dem Herrenklo gewesen, umherschauend und abwägend, ob sich das wirklich gut anfühlt.
Ein Junge hat niemals so anrührende Mails an seine besten Freunde geschrieben wie ich, als ich meine ersten Boxershorts kaufte.

Ich bin sauer, dass mir diese Chance ungefragt und ein und für alle Mal genommen ist. Keine Hormone und keine Operation könnten dieses Versäumnis je beheben.
Ich bin wütend bis zu einem Grad hilfloser Verzweiflung, weil ich nicht nur dieses Junge-Sein niemals erleben durfte, sondern auch, weil ich die Deutungshoheit über meine Vergangenheit nie erlangen werde. Es wird immer Menschen geben, die in mir zeitlebens ein, ja, zwölfjähriges Mädchen sehen, und tragischerweise haben sie mit dieser Sichtweise nicht völlig Unrecht.
Mein Aussehen und mein Verhalten ist zu einer bestimmten Zeit als das eines Mädchens eingeordnet, gedeutet, vorausgesagt worden, und auch jeder Widerstand gegen diese Zuordnung und damit einher gehenden Erwartungen bestätigte nur stets wiederum diese Lesart.
Ich war rebellisch, in der Tat. Ein rebellisches Mädchen.
Geschlecht ist die einzige logische Form, in der Vorannahme, Beweis und Schlussfolgerung in eins fallen. Das Traurige daran ist, dass mein Selbstentwurf, damals wie heute, gegen diese Deutung nicht ankommt und niemals ankommen kann.
Ich bleibe den Rest meines Lebens nicht nur, aber immer auch und damit unentrinnbar auf mein ehemaliges Mädchensein festgelegt.

Die Außenwelt hat mich nicht als Jungen erkannt.
Bedauerliches Resultat dieser Diskrepanz ist auch, dass mir damit wesentliche Jahre für die Anerkennung meiner Person und Persönlichkeit fehlen. Mädchensein ist nicht immer, aber immer wieder Ursache und Anlass für Anerkennung gewesen.
Ein Mädchen, das sich für Physik interessiert, interessiert sich nie einfach nur für Physik.
Im Bestreben, Differenz zwischen mich und „die Mädchen“ zu bringen, diese scheinbar endgültige Zuordnung zu widerlegen, habe ich strategisch immer wieder bewusst un-mädchenhafte Interessen und Verhaltensweisen an den Tag gelegt.
Paradoxerweise hat genau das mich immer wieder besonders deutlich auf das so unentrinnbare Mädchensein rückverwiesen.

Es fehlt so elementar an transmännlicher, von Butch-Kultur kaum zu reden, dass auch in der jüngeren Vergangenheit im deutschsprachigen Raum zumindest keine kollektiven Bewältigungsmechanismen dieser Traurigkeit entwickelt wurden. Der dominante Trans-Diskurs kann dieses Problem gar nicht erst artikulieren, da alle je schon männlich und de facto ein Junge gewesen sind und das Mannsein folglich auf Basis dieses Innerer-Junge-Sein gedacht wird und nicht aus einer Reflektion auf Verletzungen, Versäumnisse, generell weiblicher Sozialisation heraus. Infolgedessen gibt es auch dort bislang weder Initiations-Riten noch überhaupt ein Bewusstsein dieses symbolischen, emotional-sozialen Vakuums.
Gute Frage, wie sich eine Identität als queere Transmännlichkeit oder auch als Mann überhaupt entwerfen lässt ohne dieses Junge-Gewesensein, im Bewusstsein aller Verheerungen weiblicher Sozialisation.
Eine reife Queer-Identität zu entwickeln, die weder infantil-hedonistisch oder leugnend-naiv, noch Verantwortung an medizinische oder juristische Instanzen delegierend daherkommt, bleibt eine Herausforderung.

Diese Tage der Kindheit, in denen Erwachsensein für manche eine Verlockung und ein offenes Land zu sein schien, waren für mich nie unbeschwert. Sie trugen bereits Züge jener Wandlung, die mich unaufhaltsam in eine Welt involvierte, in die ich immer weniger hineinpasste.
Ich trauere darum, dass diese frühzeitig verlorene Unbeschwertheit nicht zurückzuholen ist; ich trauere darum, dass niemand diesen Jungen kennenlernen durfte, der ich hätte sein sollen; ich trauere darum, dass diese Trauer ein Leben lang Teil von mir sein wird.
Nein, ich war nicht schon immer ein Mann und leider auch kein Junge. Ich bin als geschlechtsunkonformes Mädchen behandelt worden, das gerne ein Junge wäre.
Das ist ein Unterschied, den ich zu vergeben hoffe, nicht aber zu vergessen.

Es heißt, es gäbe drei Schlüssel männlicher Initiation. Du bekommst eine Erzählung, ein Geheimnis und eine Wunde. Die Wunde habe ich schonmal.

PS: A Boy and her Dog hat einen lesenswerten Artikel dazu geschrieben.
Außerdem gibt es im FTM-Issue von März 1990 einen schönen Essay zur Transition vom Jungen zum Mann.

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6 Kommentare

  1. Es trifft sehr gut was ich selber fühle. Nichts kann einem die kindheit im richtigen Körper geben und nichts macht den Körper den ich jetzt besitze zu einem vollfunktionsfähigen männlichen Körper. Das tut weh und der Schmerz bleibt egal was man tut immer da.
    Sehr schön geschrieben. Danke dafür.

    1. Lieben Dank für deinen Kommentar! Es tut immer wieder gut, zu hören, wie vielen es da draußen auch so geht (auch wenn für meinen Geschmack immer noch zu wenig darüber gesprochen und geschrieben wird).

  2. Danke für diesen super Beitrag. Spricht aus, was in meinem Kopf schon länger in einer flockigen Brühe umherschwamm, aber nie recht an die Oberfläche kam.

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