Monat: September 2014

Das Gender-Gleichgewicht

Ich balanciere die verschiedenen Erfordernisse meines Geschlechts: Wie ich nach außen wirke, wie ich mich selbst ausdrücke, wo ich der Gesellschaft Herausforderungen zumute und wo ich mich den Gegebenheiten füge.
Ich balanciere zwischen dem Bedürfnis nach Sichtbarkeit, als queer, als Transmaskulinität, als Butch. Unter anderem, weil ich finde, dass das zu mir passt.
Als Gegengewicht steht die Anstrengung, die Anpassung, das Bedürfnis nach unaufgeregter Normalität. Denn ich bin manchmal müde, bin immer häufiger müde, habe keine Lust und keine Kraft für Erklärungen, und ich brauche den Schutz, den Rückzugsraum, den metaphysischen Massagesalon, den unsere Gesellschaft nur jenen bereitstellt, die ein unkompliziertes, ungebrochenes Geschlecht anzubieten haben.

Damit es mir gut geht, wäge ich ab. Für Butch wie für Genderqueerness überhaupt gibt es nicht die eine Autobahn, sondern ein ganzes Geflecht von Trampelpfaden im Feld. Für jede Entscheidung, jede Abzweigung, die sich auf möglichen medizinisch-juristischen Transitionswegen stellt – dem Namen, dem Personenstand, den Hormonen, den Operationen – ein gegeneinander Wiegen der verschiedenen Optionen.

In der Grundschule haben wir Bamboleo gespielt: Eine Holzplatte liegt auf einer Kork-Kugel. Indem man Holzteile in verschiedenen Farben und Formen hinzufügt oder wegnimmt, gerät die Platte ins Gleichgewicht oder außer Balance. Wenn man zu viele Teile auflegt, stürzt die Konstruktion in sich zusammen.
Ich probiere, die Teile, die mein Geschlecht ausmachen, in ein tragendes Verhältnis zueinander zu setzen. Wenn dieses Gleichgewicht gelingt, wird es scheinen, als würde es schweben.
Ich füge den schweren Testosteron-Klotz hinzu und die Platte kippt gefährlich. Vielleicht hätte ich den nicht so eindeutig auf die eine Seite, sondern eher in die Mitte legen sollen. Oder einfach eine Nummer kleiner gewählt. Andererseits, es macht Sinn, die schwersten, unförmigen Komponenten zuerst unterzubringen.
Testosteron fügt meinem Körper mehr Queerness, mehr Uneindeutigkeit hinzu und beraubt mich zugleich meiner sozialen Lesbarkeit und Ambiguität.
Ich bringe einen kegelförmigen, weiblichen Personenstand auf die gegenüber liegende Seite und frage mich, ob das genügt für ein vorläufiges Gleichgewicht.
Ich erstrebe die richtige Balance an Sichtbarkeit, nicht nur, weil ich daran gewöhnt bin, sondern auch weil ich mein Gender als ein politisches verstehe. Politisch kann nur das werden, was im öffentlichen Raum wirksam ist, Sichtbarkeit ist ein Aspekt davon. Keine Ahnung, ob „Mann“ jemals ein politisches Geschlecht werden kann, jedenfalls sehe ich mich durchaus in einer Tradition mit jenen, die „Frau“ als ein solches etabliert haben. Mir erscheint „Transmann“ nicht politisch genug.
Ich lebe mit einem geschlechtsneutralen Namen. Ich verschiebe diesen Baustein, indem ich diesem einen eindeutig männlichen an die Seite stelle.
Ich arbeite hart an meinem Gleichgewicht. Ich probiere, was sich gut anfühlt und zugleich plane ich voraus. Ich komponiere mein Geschlecht, wie andere Leute Symphonien und Gedichte komponieren, ich entwerfe verschiedene Szenarien auf dem Spielbrett und ich kalkuliere, wie belastbar diese Konstruktionen sind.
Der Gedanke, Geschlecht könnte das Ergebnis langwieriger Gewichtsproben, eines fein justierten Zusammenspiels sein, ist noch immer provozierend. Er widerspricht dem allgegenwärtigen Authenzititätsdiktat, dem auch Transmenschen bruchlos gehorchen, indem sie als ihren tiefsten Wunsch und Transitionsbegehr anführen „endlich sie selbst sein zu dürfen“.
Ich stelle mir vor, diesen meinen gewählten Namen in meinen Ausweis zu tragen. Stelle mir vor, ihn konform als legalen Vornamen oder als Künstlernamen zu führen.
Ich ergänze auf dieser Seite, der widerständigen, noch eine Reihe kleiner Dominosteine, die meinen Bildungsauftrag repräsentieren, ganz nebenbei, indem ich meine Geschichte erzähle, indem ich anderen Vokabeln wie queer, transmaskulin, Butch zumute, indem ich junge Queers tröste, die daran verzweifeln, ob sie überhaupt jemals irgendwo hingehören.

Andere haben eine Balance für sich gefunden.
Ivan Coyote hat zeitweise Testosteron genommen und die Brust-Operation gemacht, im Gegengewicht dazu jedoch niemals seinen legalen Namen und Personenstand geändert.
Micah ist asexueller Neutrois, hat Top-OP und Vornamens- und Personenstandsänderung durchlaufen, zum Ausgleich dafür nur intervallweise niedrig dosiertes Testosteron genommen und eine Transition durchlaufen, die Binarität weder zum Weg noch zum Ziel hat.
Sunny Drake nimmt Testosteron und wird seine boy-tits operieren lassen, und er identifiziert sich als Mann auf der einen Seite und als femme auf der anderen.
Rae Spoon nahm und nimmt kein Testosteron und erwägt keine Operation, identifiziert sich demgegenüber jedoch als genderqueer und nimmt die Freiräume einer Künstler-Identität in Anspruch.
Gleichgewicht ist nicht alles. Bei manchen sehe ich vermeintlich dieselbe Klötzer-Konfiguration und sie nennen sich nicht Butch und nicht genderqueer, sondern Transmann.

Die Balance ist immer mal wieder gefährdet. Wenn ich einen der Bausteine wegnehme oder verschiebe, verändert sich das Gesamtsystem.
Es bleiben einige unförmige Klötzer, die mein ganzes Spiel zu ruinieren drohen. Kann ich die grobe Belastung der heterosexuellen Außenwahrnehmung unterbringen? Reicht es, wenn ich lange Haare, oder zumindest Iro, Dreads und andere geschlechtsunabhängige Frisuren als Gegengewicht aufbringe?
Manchmal wünschte ich, ich wäre eher Femme statt Butch. Das wäre eine mächtige, tief subversive Ergänzung jeder Transitionsbemühung. Weil meine Persönlichkeit bleibt, wie sie ist, wird es immer Komponenten geben, die in meinem Baukasten möglicher Geschlechtsausdrücke einfach niemals vorkommen werden.
Ich werde maximal zum Karneval Glitzerstulpen tragen, und sollte mein maskuliner Habitus eines Tages ungebrochen männlich wahrgenommen werden, bleibt es mir verwehrt, dem mit einer Feminisierung meiner Attitude und Kleidung zu begegnen.
Fallen mir andere Strategien ein, mir selbst gerecht zu bleiben? Bemerke ich vielleicht über die Jahre, dass mir die aktuell unvermeidlich scheinende Queerness verzichtbar wird und ich schließlich meinen Binärfrieden gemacht habe? Oder werde ich einer jener peinlichen Transmänner mit Vollbart, die in jedem Gespräch jedem Gegenüber in den ersten drei Minuten aufdrängen, dass sie ja übrigens auch Butch waren oder sind?

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