Monat: August 2014

Brüste

Schwüle Hitze. Strand und Schweiß. Die Tshirts kleben an den Körpern, und ich spüre sehr deutlich, dass ich keineswegs fertig bin mit der Frage nach dem gutem Leben und der Rolle eines gelungenen Oberkörpers darin.
Wenn ich nur die paar tausend Euro auf meinem Konto hätte, dann könnte ich in sechs Wochen schon … An Tagen wie diesen denke ich unversehens ganz und gar nicht abgeklärt, sondern höchst drängend über Transition. Tage wie diese hat es immer wieder gegeben, und alles in allem habe ich die meiste Zeit meines Lebens die Brust-OP sehr viel dringender als Testo ersehnt, erbittert diskutiert, manchmal täglich neu auf die Goldwaage gelegt.
Dabei waren kaum der Herbst und weniger noch der Winter eine Herausforderung, sondern die Zeit des Übergangs. Dann, wenn die Körper deutlicher hervortreten: Ein Schmerz, der mit der Wucht eines jäh aufgeschlagenen Knies jedes Frühjahr, jeden Sommer neu konturiert.

Ich will kein Gewicht unter meinem Shirt spüren. Ich will im Sommerregen oben ohne auf dem Fahrrad sitzen. Ich will, dass meine Silhouette kompakt und deutlich gegen den Spiegel steht. Ich will einen flachen Oberkörper.
Bei dem Wetter scheint mir das alles klar wie das sehnsüchtig erwartete Meer. Aber warum denn eigentlich?
Ich sitze an meinem Tagebuch. Es ist eine ganze Weile her, dass meine Brust flach war, ich kann mich kaum an mein Körpergefühl erinnern. Und auch damals sah mein Oberkörper nicht so aus, wie er vielleicht künftig aussehen wird. Wie kann ich wissen, dass ich mir damit besser gefalle?

Ich bin erwachsen, feministisch aufgeklärt, habe Butler und vieles mehr gelesen und ich weiß, dass das gesellschaftliche Blickregime an Brüsten seine deutlichste Gewalt ausübt: Wer sichtbare Brüste hat, ist demnach eine Frau, und eine Frau mit nicht sichtbaren Brüsten ist keine.
Ich schreibe, zweifelnd, in mein Tagebuch: Geht es allein um meinen Vorteil? Will ich das, weil die juristische und soziale Norm nur „Männern“ erlaubt, im öffentlichen Raum mit entblößtem Oberkörper aufzutreten?
Ich halte inne. Die ganze Antwort ist das sicherlich nicht. Doch wie kann ich unterscheiden, wie sehr mein Bedürfnis nach einer flachen Brust von sozialen Vorgaben, und wie sehr tatsächlich von meinem individuellen Körpergefühl beeinflusst ist? Muss ich das überhaupt entscheiden können?

Ich leide nicht. Meine Maskulinität wird begehrt, Brüste hin oder her. Und irgendwann bin ich sowieso alt und falle endgültig aus der Gruppe derer, die als gesellschaftlich attraktiv gelten.
Liebes Tagebuch, bin ich so oberflächlich?

Ich sehe in den Spiegel und ja, ja! Ich möchte eine andere Brust.
Die einfachste Antwort auf die müßige Frage nach dem Warum: Ich glaube, dass es sich gut anfühlen wird. Ich stelle mir vor, über die Dünen auf den Strand zu laufen, mir dabei das durchgeschwitzte weiße Unterhemd nachlässig abstreifend, ins Meer zu stürmen.
Liebes Tagebuch: Geht es dabei um meine Brust oder um die schöne Szenerie?

Vielleicht sind diese abstrakten Bedenken gar nicht das Problem, sagt mein Spiegelbild. Du fürchtest die Ungewissheit. Oder das Krankenhaus. Oder beides.
Kind, du verstümmelst dich, sagt meine Mutter und rührt in der Soße zum Hackbraten.
Im Grunde ist die OP nichts anderes als ein besonderer Körperschmuck, ein queeres Tattoo, sagt ein Freund beruhigend zu mir. Wir Eingeweihten wissen die Zeichen zu deuten, wir werden einander am Strand erkennen. Wie die Freimaurer.

Ich habe nach Bildern von Brüsten gegoogelt.
Ist es anmaßend, etwas an anderen zu begehren, das ich für mich selbst so radikal ablehne? Was ist mit Kate Bornsteins Weisheit „Never fuck anyone you wouldn’t want to be“? (Warum machen sich Heterosexuelle eigentlich keine Gedanken über solche Probleme?)
Manchmal scheint es, als sei mein Körper bloßes Alphabet und erst andere lesen mir seine Erzählungen vor. Wer hat hier eigentlich welche Rechte?
Seine Brüste gehören ja nicht mir, sagt die Partnerin eines Transmanns, die ich abends nach Hause begleite.

Ich stehe einmal mehr vor dem Spiegel und sehe skeptisch an mir herab.
Soll all das nichts gegolten haben, die kleinen Details, die ich so gut kenne, die manche an mir geliebt haben: Meine Silhouette im dunklen Fenster (inklusive meines Befremdens darüber), das An- und Abschwellen des Gewebes, rechts die gegen das kräftige Rot hervorstehenden, beinahe dreiecksförmig zusammentreffenden Äderchen, und die kaum sichtbare, aber deutlich zu spürende Asymmetrie, dass links so viel schwerer in den Händen wiegt?

Brüste sind das Widerständigste an einer als männlich, maskulin gelesenen Person. Nicht ohne Grund wird unter Transmaskulinitäten und –Männlichkeiten unterschiedlichster Couleur nichts so alternativlos diskutiert wie die Brust-OP. Meistens werden sie einfach „gehasst“, sie heißen „die Dinger“, es wird darauf hin gefiebert, dass sie „endlich abkommen“ und jenseits der Mastektomie wartet nichts weniger als ein Leben „in Freiheit“.
Ich habe zu viel nachgedacht, um meinen Körper derart simpel zu deuten.
So simpel ist die Operation aber durchaus. Ich werde einen Oberkörper haben, der dem einiger hundert, vielleicht tausend Menschen beinahe gleicht. Der Vorhof wird mit einer Form ausgestochen wie Weihnachtsplätzchen. An meinen Nippeln wird man kaum erkennen, was meine Brust einzigartig macht in dieser Welt, sondern die Handschrift des Chirurgen.
Mich schaudert bei dem Gedanken und zugleich schäme ich mich dieses Schauderns. Habe ich Angst, dass mein Oberkörper vom Fließband meine individuelle Identität nicht mehr trägt? (Oh, was für eine fragile Identität wäre das, die rein körperlich begründet ist!) Schreibt mir diese Operation die kulturellen Normen, die mit meinen gewählten Pronomen einhergehen, buchstäblich auf den Leib? (Warum muss ich in so schlimmen Zeiten leben, die solch hohen Blutzoll für meine Identität verlangen?)
Oder ist es andersrum, gehe ich mit diesen Bedenken den biologistischen Vorurteilen unserer Zeit, in denen mein gesunder, leistungsfähiger Körper mir zukommt, wie er mir nun mal zugekommen ist und jedwede kulturelle Modifikation den beinahe sakralen Gesetzen der Naturwissenschaft widerspricht, geradewegs in die Falle?

Ich will nichts verlieren, abschneiden, verzichten, vernichten. Ich möchte keine Ökonomie des Mangels bestätigen, sage ich.
Weniger ist manchmal mehr, sagte meine Deutschlehrerin immer.

Advertisements