T und ich

To T or not to T, das ist hier die Frage: Für alle Menschen, die weiblich zugewiesen worden sind, sich mindestens teilweise als maskulin, männlich oder genderqueer definieren oder anderweitig in randständigen Gebieten der Gendernormvarianz herumtreiben, steht früher oder später die T-Frage zur Debatte.
Es ist der große Prüfstein und mehr als jede OP-Erwägung ist dies der Wendepunkt ein jeder Transitionsdiskussion. Das Zeichen, dass deine Identität keine Phase ist, dass es dir ernst ist, dass du dich auf den Weg gemacht hast, dass du für deine Identität einstehst.

Leute, die zögern und zweifeln werden als Newbies gerade so noch toleriert, solche, die sich zeitweise oder gar vollständig dagegen entschieden haben, misstrauisch beäugt. Ist der wirklich genug trans? Warum mit weniger als dem maximal Möglichen zufrieden geben? Und was ist mit dem Leidensdruck?
Zu diesen Fragen und ihrer Wirkung in der Community gibt es viel zu sagen, und sicherlich werde ich in dem einen oder anderen Blogeintrag nochmals darauf zurückkommen.

Ich transitioniere sehr wohl, und ich nehme kein Testosteron. Nicht, weil ich aus medizinischen Gründen nicht dürfte oder aus beruflichen oder gar religiösen Erwägungen heraus glaube, nicht zu dürfen; und auch nicht, weil man mir die Indikation verweigert oder ich zu feige, unsicher oder ängstlich wäre, das Wagnis einzugehen.
Ich nehme einzig und allein deshalb kein Testo, weil ich nicht will. Weil ich mich hier und heute dagegen entschieden habe, was natürlich nicht heißt, dass ich diese Entscheidung nicht vielleicht eines Tages anders treffen möchte.
Auch ich habe meine Gründe dafür. Einige davon mache ich hier gerne öffentlich mit dem Ziel, die T-Frage mal von einer anderen Seite anzugehen und ein Stück Sichtbarkeit dafür zu schaffen, dass ein Leben ohne T seine ganz eigenen Qualitäten hat und auch Hormone niemals „alternativlos“ sind.

Ich nehme kein Testosteron, weil ich die Kraft dafür habe. Ich traue mir zu, mit meiner queeren Maskulinität sichtbar zu sein. Wir alle, die mindestens einmal im Leben fundamental in Konflikt mit den so wohlgeordneten Männer-die-nicht-zuhören-und-Frauen-die-nicht-einparken-können-Verhältnissen geraten sind, brauchen weithin unüberhörbaren Widerspruch gegen die symbolische Ordnung. Wenn alle in der gendernormalen Hetero-Komfortzone abgetaucht sind, werden die Geschlechtsvorstellungen so beengend und farblos, ebenso langweilig wie gewaltvoll bleiben, wie sie heute sind.
Ich will zeigen, dass auch ein vermeintlich randständiger Geschlechtsausdruck ermöglicht, mittendrin zu sein, dass queere Maskulinität eine schöne und stolze Identität ist, und dass hier Platz ist gleichermaßen für die Harley und das Reihenmittelhaus und viele Gäste in unserem Garten. Ihr seid alle herzlich eingeladen.
Ich möchte kein Testosteron, weil ich trotz der anstrengenden, manchmal deprimierend fruchtlosen Auseinandersetzung um meine Geschlechtlichkeit und einen würdevollen Umgang mit meinem Körper durchaus auch passend bin, wie ich bin. Ich verweigere mich dem in Trans-Zusammenhängen so dominanten Abwertungs-Diskurs, den eigenen Körper ausschließlich als fehlerhaft und unpassend, als Quelle von Scham, Leid, Einschränkungen, ja, als Gelegenheit zur permanenten Selbstabwertung zu denken.
Das ist meine Art, mich nicht als gefangen in meinem Körper zu verstehen: Ich bin und bleibe frei. Ich weigere mich, ein Fehler der Natur zu sein.
Ich nehme kein Testosteron, weil ich wichtig finde, dass insbesondere die junge Queers eine Perspektive jenseits klassischer Transitionswege sehen und dass Transition durchaus nicht ausschließlich eine leidvolle, sondern eine gute und aufregende Erfahrung ist.
Ich brauche kein Testosteron, weil ich Geschlecht in einem Denkrahmen von Performance, nicht in einem Konzept von Biologie sehe. Natürlich ist das idealistisch und wir leben wahrlich nicht in den besten Zeiten für eine solche Sicht. Dennoch, ich will es versuchen.
Ich nehme kein Testosteron, weil ambigue Maskulinität eine ebenso kreative wie lehrreiche Erfahrung war und ist. Dass ich auch Jahre nach meinem inneren und äußeren Coming Out auf Hormone verzichtet habe, hat mir ein Verständnis davon ermöglicht, wie Geschlecht funktioniert, das anders niemals möglich gewesen wäre. Ganz zu schweigen davon, dass man zwischen den Geschlechtern die amüsantesten Dinge erleben kann – Monty Python wären heute mit Sicherheit queer.
Ich benötige kein Testosteron, weil ich individuell privilegiert bin in dem Sinne, dass meine Umgebung es mir leicht macht. Ich habe tolle Freund_innen und sogar eine vergleichsweise coole Familie, die meine sichtbare Queerness mittragen und meinen Geschlechtsausdruck wesentlich so akzeptieren können, wie er ist.
Ich verzichte auf Testosteron, weil ich denke, dass die Widersprüche, Brüche und Zumutungen des Dazwischenseins eine gesellschaftliche, eine zwischenmenschliche Herausforderung bleiben sollen und nicht individuell und allein in meinem Inneren stattfinden, weil Testo dieses Gefühl nicht heilen, sondern nur verschieben und verstecken kann.
Ich will kein Testo, weil ich rausfinden will, wie weit ich durch mein Handeln allein die Grenzen meines Geschlechtsausdrucks verschieben, wie weit ich gehen kann. Je weiter ich gehe, umso mehr bemerke ich, dass ich weiter komme, als ich je für möglich gehalten hätte. Und das ist ein sehr gutes Gefühl.

Ich freue mich auf weitere Überlegungen und Gedanken von Euch in den Kommentaren.

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3 Kommentare

  1. „Ich nehme kein Testosteron, weil ich die Kraft dafür habe.“ „Ich bin und bleibe frei.“
    Das ist die Stärke, die ich als butch-liebende Femme begehre, die ich als Pendant zu meiner Femme-Stärke brauche. Ein wunderbarer und wichtiger Beitrag. Ich hoffe, die Botschaft kommt besonders bei vielen jungen Trans-Maskulinitäten an. Und so viel Körperpositivität und Selbstliebe können wir alle gebrauchen. Danke, danke, danke, <3 <3 <3.

  2. Ich möchte und benötige und wünsche mir immer wieder Testosteron – zumindest für ein halbes Jahr bis ein Jahr – und immer wieder fühle ich mich zerrieben im alltäglichen doing-gender. Immer wieder erlebe ich es, dass meine Stärke in Sekunden verlustig gehen kann, wenn ich feststelle, dass ich, wenn auch nicht als Fehler der Natur, so doch als Anmaßung, als Hybris der Natur wahrgenommen werde oder gar nicht wahrgenommen werde. Eben eine „Frau“, die sich „anmaßt“ im maskulinen und damit auch erotischen Powerplay mitzuspielen – so sind „Lesben“ eben. Es ist von meiner Tagesform abhängig, dass meine Stärke und Präsenz dann einknickt oder eben nicht, dass ich Genuss an dieser vermeintlichen Anmaßung und damit Provokation, female masculinity zu sein, verspüre … oder eben nicht. Nein, meine Stärke, Selbstverbundenheit oder Körperpositivität ist nicht durchgängig und ungebrochen. Ich sehe und nehme meine Grenzen wahr und lerne sie zu akzeptieren, sie gut zu heißen. Ich lerne auch den Wunsch und die Sehnsucht zu akzeptieren und zu verstehen, mit Testosteron durch manche Alltagssituationen vielleicht leichter, ungeschorener durchzukommen (zu „passen“), meine Maskulinität nicht immer wieder täglich legitimieren zu müssen, einfach mal selbstverständlicher zu sein, also von selbst verständlich als Maskulinität wahrgenommen zu werden. Wenn mir schon wenig Verständnis und Akzeptanz entgegengebracht wurde und wird, dann habe ich zu lernen, das für mich zu tun.

    Ich sehe in dem Akzeptieren meiner Grenzen, der immer wieder einbrechenden Stärke und „Würde“ und der Illusion, durch Testo könnten bestimmte Bedürfnisse nach Anerkennung, Würdigung, Respekt, Frieden, Schmerzfreiheit erfüllt werden, eine andere Art von Stärke. Leben mit Grenzen, Widersprüchen bedeutet nicht, etwas falsch gemacht zu haben oder selbst falsch, nicht richtig zu sein, schwach zu sein. Ich gehe im Wissen meiner wunden Punkte weiter durch das Leben als female masculinity, als Butch – vielleicht mit mehreren Monaten Testo oder nie. Das verbindet mich mit Menschen, denen es ebenso geht (und das müssen keinesfalls trans*Personen sein) und die bereit sind, an inneren und äußeren Widersprüchen zu wachsen, von ihnen zu lernen, die die Illusion nach „Erlösung“, in dem Fall nach Lösung der Widersprüche aufgegeben haben, aber dennoch den Wunsch danach verstehen können – ohne ihn als Schwäche zu bewerten.

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