Monat: Juni 2014

Butches und alltägliche Sexismus-Erfahrungen?!

Habe gerade eine interessante  Info zu einer Ausstellungseröffnung gegen sexistisches Street-Harassment  – „My name is not Baby!“ bekommen, fand die Ankündigungen sehr spannend, ebenso die Projekte („My Name is Not ‚Baby‘!“ /“Stop Telling Women to Smile“). Was mir aber sehr oft bei aktuellen und auch wirklich guten feministischen Anti-Sexismus-Aktionen auffällt, female masculinities sind visuell nicht repräsentiert … als ob diese NICHT von Sexismus betroffen seien. Ja, möglicherweise zielt „Street-Harassment“ von female masculinities auch noch auf eine andere Ebene (Homophobie z.B.), aber Sexismus und Misogynie ist sehr vielfältig und Homophobie trifft auch queere Femininitäten.

Liegt es am Trans*diskurs, der sexstische Erfahrungen ausschließlich als „transphob“ rahmt und jedes Zurückgeworfensein auf „Weiblichkeit“ damit vermeidet, verhindert, von sich weist, und sich von der Erfahrung fundamental distanziert? Und zugleich damit als „fremde“ Erfahrung der „Anderen“ markiert?
Ich erinnerte in dem Zusammenhang, dass eine junge Femme einmal annahm, dass ich ihre sexistischen Erfahrungen nicht verstehen, nachvollziehen könnte oder SELBST erlebt haben könnte, weil sie annahm, ich würde nicht als „Frau“/“Lesbe“ passen… ein zweischneidiges Kompliment für mich … Passing, wieder dieses komplexe Thema der Wahrnehmung/Beurteilung, was wieder im Blickregime der_des Betrachter_in liegt.

Tatsächlich habe ich mich jahrelang gewundert – und es war mir auch etwas peinlich, weil irgendwie wundersam „privilegiert“ – dass ich kein Street-Harassment in Form von Anmachsprüchen abbekommen habe. Und nein, das hängt nicht unbedingt nur mit „Maskulinität“ zusammen. Von einer anderen Person erfahre ich, dass sie oft als Maskulinität passt, dennoch sexistisch angemacht wird. Sie vermutet, weil es an ihrer kleinen Körpergröße und damit am „Jung-aussehen“ liegt …
Aber Misogynie/Sexismus erlebe ich auch, und ich kenne sehr gut die Aufforderung von Cis-Männern, doch mal bitte zu lächeln! Oder nicht ernstgenommen zu werden, als irrational oder anmaßend/aggressiv gelte (sei doch bitte netter, gefälliger usw.) sowohl von Cis-Männern, als auch Frauen (soviel zum verinnerlichten Sexismus).

Also, warum sind female masculinities nicht visuell in Anti-Sexismus-Kampagnen angesprochen/integriert und damit unsichtbar??

Ein paar Gedanken zu Stoneness … von einem StoneButch

Stoneness, StoneButch, StoneFemme … fast schon mythologische Begriffe …
Stone-Sexualität wird – wenn nicht als vergleichbar stereotyp wie z.B. Femme/Butch  – als etwas sich Widersprechendes wahrgenommen und fehlgedeutet. Das liegt sicherlich auch an der Metapher „Stein“. Während Sex innere Bilder von Nähe, Grenzauflösung, heiß usw. hervorruft, klingt „Stone“ nach hart, begrenzt, kalt, im Zweifelsfall schmerzhaft, wenn mensch von einem solchen getroffen wird. Und überhaupt, wer müssen erst diese Butches und Femmes sein, die diese seltsame Leidenschaft miteinander teilen? Ganz sicher klingt das alles erst einmal nicht sehr sexy und schon gar nicht nach sehr, sehr heiß und kreativ.
XanWest listet ein paar (Miß-)Verständnisse auf (Link siehe unten), die kursieren:

Stoneness würde bedeuteten,

  1. einen emotionalen Panzer, eine Rüstung zu tragen;
  2. in Bezug auf körperliche Berührungen Grenzen zu haben;
  3. Erfahrungen mit gewaltvollen körperlichen Berührungen zu haben;
  4. Aus deutschprachigen Femme/Butch-Diskussionen um StoneButch möchte ich die vage Formulierung „Nicht als ‚Frau‘ berührt werden zu wollen“ ergänzen;
  5. als Butch sich am Ende eines Maskulinitätsspektrums zu bewegen bezogen auf das was Maskulinität in westlichen Kulturen bedeutet;
  6. als Butch sexuell zu toppen;
  7. eine sexuelle Vorliebe, bei der der Genuss in der anderen Person angesiedelt ist und über diese und ihr sexuelles Erleben vermittelt erlebt wird.

Und hier gebe ich mal meinen old-school-Senf dazu:
Vorausgeschickt meine ich, in den (Miss-)Verständnissen liegen auch einige Körnchen  „Wahrheiten“, ob aus der Sicht der eigenen Butch- oder Femme-Biographie, der Entwicklung eigener Selbstverständnisse, aber auch historisch, also das was Femmes und Butches zu verschiedenen Zeiten an guten und sehr unguten Erfahrungen mit ihrem So-Sein gemacht haben.  Aber Diskussionen – wie die von XanWest angestoßen – zeigen, dass es Sinn macht, Stoneness/StoneButch/StoneFemme zu entstauben und in neuem, sexy Glanz zu sehen.

Gerade die ersten vier (Miß-) Verständnisse fand ich für mein Selbstverständnis schwierig anzunehmen, obwohl es da einige dicke Körner Wahrheit in meinem Leben gibt, über die ich sicherlich nicht glücklich bin. Nur finde ich die nicht förderlich dafür, sexuellen Genuss zu erweitern. Vor allem stört es mich, dass es bedeutet, dass ich mich und meine Sexualität, meine Nähefähigkeit negativ über Defizite und Limitierung definieren soll.
Ja, klar – Erfahrungen von sexualisierter Gewalt wirken sich auf die Fähigkeit zu körperlicher Nähe, Sexualität oder auch emotionaler Nähe aus – ob als Geben oder Nehmen verstanden, als Fähigkeit, sich einlassen zu können. Damit findet sich in diesem (Miß-)Verständnis von Stoneness ein Platz und ein Ausdruck für diese beschissenen Gewaltfolgen. Positiv kann ich daran auch finden, dass meinem Eindruck nach in Butch-Diskussionen sexualisierte Gewalt sonst keinen Raum hat, oder sogar tabuisiert wird. Vermutlich weil a) sie „femininisiert“, b) Schwäche impliziert und das kollidiert mit Maskulinität. Das wären vergleichbare Verdrängungsmotive wie bei „Männern“. Auch macht dieses Verständnis von Stoneness als nähebegrenzt noch einmal darauf aufmerksam, dass schlicht und noch immer mehr Menschen, die als weiblich kategorisiert werden, von sexualisierter Gewalt betroffen sind. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, wenn zwei weiblich kategorisierte Menschen aufeinander treffen, Nähe und Sex mit einander teilen, dass mindestens eine, wenn nicht beide entsprechende Erfahrungen und einen entsprechenden Umgang zum Beispiel mit sogenannten „automatischen Abwehrreaktionen“  hineinbringen – ob das sich um Femme oder Butch handelt.

Stichwort „emotionaler Panzer“: Warum ich aber Schwierigkeiten mit einer solchen Stoneness-Identität habe, weil damit meine Butch-Identität und Sexualität zu einer des „Überlebens“ stilisiert wird. Das will ich nicht, mich über „Überleben“ definieren“. Hei, wo ist das gute&geile Leben? Klar, kann ich dieses fette, häßliche und schmerzhafte Korn Wahrheit nicht leugnen. Das gute&geile& auch mal leichtere (Er-)Leben und Femmes so zu begegnen ist für mich immer wieder harte Arbeit. Auch meine ich nicht, dass Stoneness wegtherapiert, weggeheilt werden muss (- die Frage auch: WOHIN wegheilt? Dass ich dann keine Lust mehr auf Strap-ons habe oder Femme nicht mehr, wenn sie „geheilt“ ist?). Hinweise auf „Heilung“ werden bei XanWest zum Beispiel vehement abgelehnt. Ich meine, so vehement muss ich „Heilung“ nicht ablehnen. Warum kann ein anderes Verständnis von Stoneness nicht bedeuten, GLEICHZEITIG Grenzen (also „Panzer“ vielleicht aufgrund von „Narben“ und „Wunden“) und dennoch einen entspannteren Umgang mit dem eigenen Körper, den Emotionen und denen anderer zu haben oder entwicklen zu wollen? Dann kann die Limitierung von körperlicher/sexueller Berührung als eine Form lustvoller und „selbstgewählter“ restraints wahrgenommen werden. Besser Grenzen haben zu wollen und setzen zu können, als sie des Überlebens und der Kontrolle und Sicherstellung dessen haben zu müssen.

Das Argument „nicht auf weibliche Art und Weise berührt werden wollen“ wird bei XanWest nicht genannt, aber ich will es noch mal aufnehmen und dagegen halten:

Nicht als „Frau“ berührt werden zu wollen wird mit Penetration gleichgesetzt. Penetration als sexuelle Praxis. Darunter wird in der Regel vaginale Penetration verstanden.  Anale Penetration oder andere „Penetrationspraxen“ von Mund, Haut werden damit nicht mitgedacht. „Penetration“ wird statt dessen weiblich gegendert. Das heißt, mit diesem Argument findet genau das statt, wogegen sich sonst abgegrenzt wird: Es ist ein doing-gender-Argument. Und zugleich bringt es Gender („Weibliches“) erst mit Sexualität (bzw. eine bestimmte sexuellen Handlung) zusammen, in dem  unterstellt wird, es gäbe eine „weibliche“ oder „männliche“ Sexualität. Ja klar, es gibt kulturelle, gegenderte sexy Inszenierungen von sexuellen Praxen/Handlungen, also sexuelle Handlungen gegendert zu „feiern“. Aber reicht es nicht für StoneButch aus – so ganz schlicht ohne gender-schnick-schnack -, festzustellen und zu sagen: Danke nein, ich stehe nicht auf vaginale Penetration ( – und meine Brust kann so oder nicht so berührt werden). Aber ich liebe es sehr und macht mich an, wenn mein Femme-Gegenüber drauf steht!“ Müssen ja nicht alle die selbe Eissorte wollen und mögen, oder?!

Weiterer StoneButch-Senf zu den anderen spannenden Punkten folgt…

(Einige meiner Überlegungen sind durch XanWests StoneBlog inspiriert und einem Text von Robin Maltz zu „Real Butch…“ (1998) – und wie immer durch gute Gespräche! Danke für passionierte Herzen und Hirne!
XanWest bietet Workshops zum Thema Stone-Sexualität an und im ersten Teil seiner BlogSerie geht er auf das allgemeine Verständnis oder auch Unverständnis in queeren und lesbischen Communities ein, was das Oxymoron Stoneness hervorruft.)