Heimweh nach dem Land der Frauen

Ich trauere um die Teilhabe an der Kultur jener, die sich selbst als weiblich verstehen oder zumindest zeitweilig so zugewiesen worden sind.
Es ist ein bisschen so, als wäre ich adoptiert worden oder im Auslandsjahr gewesen im Land der Frauen und Weiblichkeiten.
Sie haben gespürt, dass ich keiner von ihnen bin. Manchmal deutlicher, als für beide Seiten erträglich war. Und trotz all meiner Fremdheit haben sie mich in ihre Häuser eingeladen, als sei ich einer der Ihren, sind freundlich und offen zu mir gewesen, haben mich getröstet, für mich gesorgt und zu mir gestanden, ihre Cupcakes und ihre Geheimnisse mit mir geteilt.
Nun bin ich zurückgekehrt in meine Heimat, das Land der Butches, Maskulinitäten und Transmännlichkeiten. Meine Herkunft, meine Sprache, meine Kultur. Hier bin ich Zuhause, ganz ohne Zweifel. Das ist ein wunderbares Gefühl, das ich lange genug vermisst, ja, auf das ich zeitweise kaum Hoffnung mehr hatte. Keep rockin’, Bros!
Ich bin auf eine Weise dankbar und glücklich, dass es mir schlicht an Worten dafür mangelt.

Und dennoch bedeutet diese Zugehörigkeit und Vertrautheit unter queeren Maskulinitäten eine unvermeidliche, dauerhafte und schmerzliche Entfernung und Entfremdung zur Kultur der Frauen, Femmes und anderen Weiblichkeiten.
Das ist notwendig, weil beide Kulturen untereinander ihr ganz spezifisches und unnachahmliches Miteinander eigenen Rechts haben. Von dieser Polarität und Differenz lebt die Dynamik, die ich erst schätze, seit ich ihre Dimension so ganz erfasse.
Ich weiß auch, dass nur eine Maskulinitäts- und Butch-Identität, in der ich mir selbst gerecht werde, mir die Stärke, Würde und Selbstbewusstheit verleiht, Femmes und Frauen das würdige Gegenüber zu sein, das sie verdienen.

Natürlich kann und soll mich diese Differenz nicht davon entbinden, mich für Weiblichkeiten und Femininitäten einzusetzen, gegen Misogynie und Sexismus einzutreten, Unterschiedlichkeit in der geschlechtlichen Inszenierung zu respektieren und anzuerkennen. Selbstverständlich sind die verschiedenen Kulturen nicht natürlich bedingt. Zwei vollständig voneinander separierte Kulturen gibt es sowieso nicht.
Und dennoch: Manchmal habe ich Heimweh nach dem Land, das nicht meine Heimat ist. Ich war zeitweise, auf einer verquere Art, so was Ähnliches wie ein Teil von Euch, Ihr die Ihr in der Kultur der Frauen lebt, und habe Euch kennen und schätzen gelernt. Ich weiß, was ich verliere mit dem Transformationsprozess, der mich erst Butch werden lässt. Ihr, meine einst so fürsorglichen Gastgeberinnen, werdet nie wieder Eure Geheimnisse mit mir teilen.
Ihr fehlt mir manchmal unsäglich.

Das war nicht immer so.
In meiner Fremdheit und meiner Wut über diese Fremdheit war ich alles andere als freundlich dieser Kultur gegenüber, in die ich mich verdammt sah. Diese fragile Gemeinschaft und Gastfreundschaft reichte keineswegs immer bis zu Euren Toiletten. Es wäre ungerechtfertigt, diese Zeit im Nachhinein zu glorifizieren: Ich war nicht sehr fair und habe es in meinem langen Auslandsjahr weder mir noch den Bewohnerinnen dieses Landes sonderlich leicht gemacht.
Heute bin ich dankbar für die Zeit, die ich bei Euch verbringen durfte. Dass Ihr diese Geduld aufgebracht, mein Anderssein und meinen Zorn ausgehalten habt. Heute kann ich sehen, welch wunderbares und besonderes Geschenk Ihr mir gemacht habt, indem Ihr mich so offen und nahe Anteil nehmen lassen habt an Euren Gedanken, Sehnsüchten und Perspektiven. Das ist ein seltenes Privileg, das niemand besitzt, der sein ganzes Leben nur im Land der Männlichkeiten und Maskulinitäten zugebracht hat: Danke dafür!
Erst wo ich ganz in meinem Land wohne, kann ich ermessen, was ich verloren habe. Dass ich überhaupt etwas verloren habe. Und kann bedauern, dass es diese Entfernung gibt, dieses Fremdsein, diese Verschiedenheit und dass ich unwiederbringlich verändert bin.
Zwischen mir und jenen Menschen, die in der Kultur der Femmes, Frauen und anderen Weiblichkeiten leben, klafft eine unaufhebbare Differenz. Sie ist nicht zu überwinden. Das ist manchmal einfach nur todtraurig.

Ich bin willkommen, auf Besuch zurückzukommen. Mir erzählen lassen von Erfahrungen und Perspektiven, die ich, der geschlechtliche Migrant, nur noch halb verstehen kann. Wie gut, dass es auch hier diese billigen Touristik-Souvenir-Shops gibt: In sentimentalen Stunden hänge ich meine Lichterkette an die Wand.

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