Westdeutsche Sittlichkeit: Sexualitäten und andere ‚Perversionen‘ in den 60er und 70er Jahren

„Im Zuge des Reformvorhabens „Mehr Demokratie wagen“ der sozial-liberalen Koalition fanden umfassende Rechtsreformen zwischen Ende der 1960er bis Mitte der 1970er Jahres statt, wie die des Sexualstrafrechts, das heißt „Straftaten gegen die Sittenordnung“. Konservative bürgerliche Rechtsnormen, die Geschlechterverhältnisse und Sexualitäten bereits im deutschen Kaiserreich regulierten, blieben in der Adenauer-Zeit noch durch Modernisierungsoffensiven unangetastet, sollten zum Teil gar ausgebaut werden. Ein Regierungsentwurf des StGB von 1962, welcher allerdings nie gesetzlich implementiert werden konnte, spiegelte den restriktiven Zeitgeist.

„[Er] sah vor, sämtliche Straftatbestände mit Bezug zu Religion, Ehe oder `Sittlichkeit` unter die neue Überschrift `Straftaten gegen die Sittenordnung` zu fassen und durch Aufspaltung einzelner Tatbestände aus den bislang 28 nicht weniger als 47 Paragraphen zu machen. Angefangen mit Gotteslästerung reichte der Abschnitt über Ehebruch, das `Zugänglichmachen` von Verhütungsmitteln und 17 verschiedene Straftatbestände mit dem Wort `Unzucht` in der Überschrift […] bis hin zu allein fünf Kuppel-Paragraphen und einem zu Tierquälerei.“ (Steinke 2005: 63)

Erinnert sei hier zudem an strafrechtliche Restriktionen männlicher Homosexualität: Bis 1969, trotz an das Bundesverfassungsgericht formulierte Beschwerden, galt eine Fassung des § 175 StGB aus dem Jahre 1935, die männliche – jedoch nicht weibliche – „widernatürliche Unzucht“ mit Gefängnis bestrafte, oder in milderen Formen „sittlich labilen Menschen“ beispielsweise einen PKW-Führerschein verweigerte (vgl. Steinke 2005: 61), um ihren Mobilitätsradius und damit potenzielle Straftaten zu reduzieren. Rosa von Praunheims1 Filmtitel „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation in der er sich befindet“ fasst pointiert die homophobe gesellschaftliche Atmosphäre zusammen, und sollte zum politisierenden Weckruf für bundesdeutsche Schwule gelten. Einen solchen Politisierungsprozess zeigte der Film: Aus der Provinz kommend, bewegt sich der junge Protagonist in der homosexuellen Subkultur Westberlins zwischen Bars und ‚Klappen’. Das Zusammentreffen mit einem „emanzipierten Schwulen“ und dessen Wohngemeinschaft schwuler Männer eröffnen ihm politisierte Lebens- und Handlungsmöglichkeiten in einer homophoben Gesellschaft. Zugleich spiegelt der Film von 1970 den politischen Aufbruch homosexueller und transgender Personen wider, wie in den Stonewall Riots 1969 in New York geschehen, der sich ebenso wie die Anti-Vietnam-Proteste internationalisierte.

Das mediale Echo, das die TV-Ausstrahlung 1972 in der BRD auslöste, wurde von einem Aussendeskandal begleitet. Der Auftraggeber WDR sendete als einziger Sender den Film, während die ARD kurzfristig absagte und die Aufführung um ein Jahr verschob. Während der Ausstrahlung schaltete sich 1973 der Bayrische Rundfunk aus Protest aus (vgl. Sigusch 2010: 5).

Trotz einer vermehrten politischen Skandalisierung von homophoben Diskriminierungsstrukturen und zugleich einer breiteren Öffentlichkeit für nicht-heterosexuelle Lebensentwürfe und Identitäten sollte der § 175 StGB erst 1994 ersatzlos gestrichen werden, der in der DDR bereits 1957 gestrichen wurde (vgl. Gammerl 2010: 9). Insbesondere in Männlichkeitsbastionen, wie der Bundeswehr – oder aktuell die Fussballbundesliga – genügte der Verdacht des Schwulseins, um öffentliches Aufsehen zu erregen. Noch 1983/84 brachten entsprechende Gerüchte den damaligen stellvertretenden NATO-Oberbefehlshaber und Bundeswehrgeneral Günter Kießling zu Fall bzw. weiteten sich zu einer medialen und Verteidigungspolitischen „Affäre Kießling“ aus. Schwul-lebische Aktionsgruppen nahmen diesen Skandal auf und skandalisierten den selbigen, ebenso wie den § 175 StGB.

Obwohl der §175 StGB Lesben im Nachkriegswestdeutschland strafrechtlich nicht sanktionierte, so lässt sich beispielsweise am Mediendiskurs um und die Justizpraxis im Strafprozess Ihns/Andersen von 1974 in der Schleswig-Holsteinischen Provinzstadt Itzehoe ablesen, in welcher Weise nicht-heterosexuell lebende ‚Frauen‘ sozialer Stigmatisierung ausgesetzt waren. Er zeigt auch wie Homosexualität und Devianz diskursiv miteinander legiert waren und Heterosexualität als natürliche und somit legitime Sexualität sittlich unhinterfragt blieb (vgl. Gammerl 2010: 7, 11). Zugleich brachte der Prozess exemplarisch alltägliche Gewaltverhältnisse innerhalb einer Ehe zu Vorschein. Diese wirkten sich jedoch nicht strafmildernd aus, da sie offenbar als einen – wenn auch dysfunktionalen und ins Private verwiesenen – Aspekt einer natürlichen Geschlechterordnung billigend in Kauf genommen wurden. Stattdessen sollte die sexuelle ‚Widernatürlichkeit’ als eigentlicher Motor der Tat im Vordergrund des Itzehoe-Prozesses stehen. Der SPIEGEL (Art. „Halbwüchsige haben hier nichts zu suchen“ 41/1974) konstatierte ironisch das richterliche Plädoyer:

„Daß die Angeklagten auch als Mörder verurteilt wurden, weil sie‚ zur Befriedigung des Geschlechtstriebs’ töten ließen, wagte er [der Vorsitzende Richter] nicht auszusprechen: das umschrieb er nur. Es ging eben auch um Homosexualität unter Frauen, und der stehen wir ja ganz unbefangen gegenüber.“

 Die BILD nahm den Skandal-Prozess zum Anlass, der als „Hexenprozess von Itzehoe“ zur Initialzündung der Lesbenbewegung in der Bundesrepublik werden sollte, eine über mehrere Ausgaben verteilte Serie „Die Verbrechen der lesbischen Frauen“ zu publizieren. Vorangegangen war ein Jahr zuvor die sensationslüsterne Reihe „Die homosexuellen Lustmörder“:

„Bild weiß: ‚Die Leidenschaft der lesbischen Frau kann zu den grausamsten Konflikten führen: zu verlassenen Kindern, zerrissenen Ehen, zu aller Art von Unglück, Tötung, Selbstmord, Mord … Der Männerekel steigt in vielen Stufen an. Von stiller, scheuer Abkehr steigert er sich zur Feindschaft gegen alles Männliche.‘ (H.v. Hentig, Die Kriminalität der lesbischen Frau, zitiert in Bild vom 29.8.74). Lesbierinnen offen wegen ihrer sexuellen Beziehungen zu bestrafen ist nicht jedermanns Sache, aber wenn homosexuell=kriminell, dann wird es sogar für den aufgeklärten Bürger eindeutig: das muß verurteilt werden, am besten lebenslänglich! […] Wehren wir uns gegen die sexuelle Unterdrückung der Frau! Schluß mit dem Zwang zur Heterosexualität! Freispruch für die weibliche Heterosexualität!“ (Flugblatt Frauenzentrum Frankfurt 1974, in Lenz 2010: 249)

Trotz homophober, diskriminierender Diskurse führte der Prozess zu einer deutlichen öffentlichen Sichtbarwerdung und Politisierung lesbischer Frauen, nicht alleine durch deren Proteste und Demonstrationen ab 1974 (Lenz 2010: 231, 243f.). Für eine aufklärerische mediale Öffentlichkeit sorgte wie auch im Falle des Praunheim-Films der Westdeutsche Rundfunk. Die 45-minütige Dokumentation von 1974 „…Und wir nehmen uns unser Recht ! Lesbierinnen in Deutschland“ von Claus Ferdinand Siegfried muss vor dem Hintergrund des Itzehoe-Prozesses gelesen werden. Er porträtierte Aktivistinnen der HAW (Homosexuelle Aktion Westberlin). Diese Dokumentation hatte einen politisierenden Effekt wie auch Praunheims Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers“ drei Jahre zuvor. Zugleich ermöglichte er in der prä-online-Ära der frühen 1970er Jahre bundesweite Information über lesbisches, emanzipatorisches Engagement, so dass er isoliert lebenden Lesben erreichte, die sich wiederum mit der HAW in Verbindung setzten (vgl. Kokula 1983: 72). Ein Jahr zuvor wurde im ZDF die TV-Dokumentation „Zärtlichkeit und Rebellion – Zur Situation der homosexuellen Frau“ von Eva Münthel gezeigt, in der die interviewten Frauen über ihren Lebens- und Familienalltag sprachen, aber auch über ihre politischen, feministischen Perspektiven. Vielen lesbischen Aktivist_innen galt die Dokumentation, obwohl sie das erste mediale Ereignis in der Bundesrepublik war, das lesbisches Leben thematisierte, als zu wenig kritisch (vgl. Gammerl 2010: 12).

Welche wichtige soziale Bedeutung eine sich als autonom verstehende frauenbewegte Infrastruktur, wie Frauencafés, Frauenzentren oder Frauenbuchläden, ab Mitte der 1970er Jahre für insbesondere lesbische Aktivist_innen vor diesem Hintergrund haben sollte, darauf weist der Band „100 Jahre Lesbengeschichte“ von Dennert/Leidinger/Rauchut (2007) hin. Allerdings fand in dieser Phase der 1970er Jahre ein Verdrängungsprozess der traditionellen homosexuellen Barkultur und der „Clique als konstituierendes Element der lesbischen Gemeinschaft“ durch „Emanzipationsgruppen“ statt. Beides porträtierte Ilse Kokula in ihrer klassischen Studie von 1983.

Zugleich waren die Lesben- und Schwulenbewegungen der 1970er und 1980er Jahre in der BRD wichtig, dass sich Lesben und Schwule als politische Identitäten und neue, emanzipatorische Gender verstanden – etwas das aktuell in Vergessenheit gerät.

1 Rosa von Praunheim, unter bürgerlichem Namen 1942 als Holger Mischwitzky geboren, ist schwuler Aktivist und Filmregisseur.“

Wer meinen Text zitieren will, Anfragen an Keleb.

Literatur:

Dennert, Gabriele/Leidinger, Christiane/Rauchut, Franziska (2007): In Bewegung bleiben. 100 Jahre Politik, Kultur und Geschichte von Lesben. Berlin: Querverlag.
Gammerl, Benno (2010): Eine Regenbogengeschichte. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. H. 15/16 (2010): 7–13.
Heinrich-Böll-Stiftung/Feministisches Institut (Hrsg.) (1999): Wie weit flog die Tomate? Eine 68erinnen-Gala der Reflexion. Berlin: Heinrich-Böll-Stiftung.
Kokula, Ilse (1983): Formen lesbischer Subkultur. Vergesellschaftung und soziale Bewegung. Berlin: Rosa Winkel.
Kokula, Ilse (1990): „Wir leiden nicht mehr, sondern sind gelitten“. Lesbisch leben in Deutschland. München: Knaur.
Lenz, Ilse (2010): Die neue Frauenbewegung in Deutschland. Abschied vom kleinen Unterschied, eine Quellensammlung. Wiesbaden: VS.
Steinke, Ron: „Ein Mann, der mit einem anderen Mann …“. Eine kurze Geschichte des § 175 in der BRD. In: Forum Recht. H. 2 (2005). 60–63.
Woltersdorff, Volker alias Lore Logorrhöe (2003): Queer Theory and Queer Politics. Geschlechterpolitiken. In: UTOPIE kreativ: Rosa-Luxemburg-Stiftung (Hrsg.).156: 914–923.
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