Dazwischen zu sein

Ab und an gibt es diese Tage, an denen ich kurz davor bin, einfach abzudrücken. Dann zögere ich doch noch, ziehe mir seufzend die Hose wieder hoch und lege die Testosteron-Spritze weg. Mal wieder vom Klo geflogen und des Ausweisdiebstahls in der Disko bezichtigt, mal wieder als Kampflesbe bezeichnet und nach meinem Geschlecht gefragt worden. Wie gestern und vorgestern auch.

Rechtfertigung, Erklärung, Aufklärung ist der goldene Dreischritt meines öffentlichen Auftretens. Wenn man in einem bestimmten Sinne dazwischen ist wie ich, weibliche Papiere und nicht nur Butch, sondern auch eine transgender-maskuline Identität zugleich sein Eigen nennt, kann das Leben anstrengend und belastend sein an Stellen, wo der Rest der Gesellschaft Beschwerlichkeiten nie vermuten würde.
Die meisten Transmänner kannten das Problem. Sie fragen mich kopfschüttelnd, warum ich mir dieses so fordernde Dazwischensein eigentlich dauerhaft antun muss.
Es klingt verlockend: Mit jeder T-Injektion ein bisschen weniger Fragen.

Als Leslie Feinberg sich für Testosteron entschied, stand eine lebensbedrohliche Situation dahinter. Dazwischenzusein bedeutete in den USA jener Tage eine Gefahr für Leib und Leben. Glücklicherweise sind wir heute in Deutschland mit dieser Art von Schrecken nicht mehr konfrontiert.
Die meisten Butches entscheiden sich aktuell aus vielen, lange abgewogenen und ausgeloteten Faktoren gesellschaftlicher und körperlicher Belastungen für eine Hormontherapie. Nicht radikal, sondern vorsichtige Kosten-Nutzen-Rechnungen, nicht 100 Prozent, sondern manchmal nur 51 entscheiden, und das oft genug am Ende einer langen, langen Müdigkeit.

Mit einem maskulinen, manchmal weiblich-maskulin und manchmal männlich-maskulin wahrgenommenen Auftreten widerspreche ich konsequent Außenerwartungen, die geschlechtliche Eindeutigkeit einfordern. Diese Erwartungen im Großen und Ganzen ungebrochen zu erfüllen, wäre allerdings die Voraussetzung für ein ganz normales Leben, ohne Rechtfertigungen, Verunsicherungen und Widersprüche.
Das Leben dazwischen erfordert viel Kraft, Überlegungen, Selbstsicherheit, und führt oft genug auch zu Ängsten, Ausschlußerfahrungen, Leiden die mit klar erkennbarer, deutlicher Binärgeschlechtlichkeit nicht auftreten würden. Manchmal bin ich einfach nur unendlich müde davon.
Dass für uns alltägliche Dinge problematisch sind und bleiben, die für geschlechtlich eindeutig zuzuordnende Personen (seien sie trans* oder cis) unkontrovers sind – ist das nicht alles Zeit und Energie, die vielleicht anderswo besser investiert wäre? Bedeutet nicht ein Festhalten an einer nicht kohärent und immer eindeutig maskulinen, sondern eben Zwischen-den-Welten-wandernden TG-Butch-Identität, sich an heutzutage unnötigen Leiden festzuhalten, sich selbst also aus diesen oder jenen Gründen freiwillig zu quälen? Mache ich es mir „schwerer, als es sein könnte“, weil ich einfach gerne leide?

Natürlich ist dieser Widerspruch nicht nur einseitig anstrengend, sondern immer wieder auch spannend, anregend und herausfordernd. Mit Themen und Fragen wie „Was macht mich und meine Maskulinität eigentlich aus, auch jenseits des Trans-Mainstreams?“, „Welche Ideen hatten andere, Maskulinität zu interpretieren, und wäre das was für mich?“ oder „Welche besonderen Perspektiven hat man durch geschlechtlich variierendes Auftreten?“ findet eine kreative Auseinandersetzung statt.
Testosteron kann jeder, Maskulinität kultivieren nicht.

Das sind die Glanzlichter eines Lebens an den Grenzen. Doch dazwischen sind die Füße auf diesem  beschwerlichen Weg so schwer, dass ich keinen einzigen Schritt mehr an dieser Grenze von Maskulinität tun will und kann.
Irgendwann ist der Augenblick gekommen, dass dieser Widerspruch eben absolut und unabwendbar nicht mehr produktiv ist. Jeglicher Widerbelebungsversuch scheitert. Und was tue ich, wenn dieser Augenblick gekommen ist? Kann ich den Widerspruch wieder so beleben, dass mein Land kein Niemandsland wird? Was kann ich verändern, dass diese Differenz lebbar und lebenswert bleibt?

Natürlich ist es absolut traurig und desaströs, sich gezwungen zu sehen, seinen eigenen Körper, den wir TGs zu akzeptieren und in einem guten Sinne anzunehmen und zu gestalten wir alle so lange und hart gearbeitet haben, hormonell einer gesellschaftlichen Erwartung anpassen zu müssen glaubt. Wie deprimierend allein der Fakt ist, darüber nachzudenken, kann man gar nicht oft genug wiederholen.
Wenn ich durch die Gegend laufe, mache ich zwangsläufig „Maskulinität sichtbar“, d.h. bin quasi ein lebendes Exempel dafür, wie Maskulinität funktioniert, egal welcher Körper dem als Träger zugrunde liegt. Ich bin sichtbar. Nicht immer und überall, und freilich kann es auch ein Vergnügen sein, darüber zu entscheiden, ob, wie und wann ich den Eindruck eindeutiger, lückenloser Maskulinität zusammenbrechen lasse. Damit komme ich immer wieder in die Rolle, mich gegenüber Trans*-, Lesben- und Heten-Communities, auf der Straße durch Blicke, anderswo auch durch Worte für mein Sein rechtfertigen muss.

Immer wieder wird mir dabei mit viel Neugierde, Offenheit und Unvoreingenommenheit begegnet, und viele, die einfach wenig Erfahrung und Wissen mit derartigen Identitäten haben, lassen sich gerne aufklären und an diesem Schatz aus Gedanken und Erfahrungen beteiligen. Nichtsdestotrotz heißt das aber immer wieder: begründen, erklären, darlegen, und ich merke oft erst, wenn ich unter gleichen Wesen, den TGs und den Butches dieser Welt unterwegs bin, wie entspannt ich sein kann.
Eigentlich ist es nicht mein Job, „everybody’s Gender-Pädagoge“ zu sein, andere an den Anblick TG-Butches zu gewöhnen und zur Offenheit gegenüber geschlechtlicher Vielfalt zu erziehen.

Nun, stellen wir uns mal vor, ich würde transitionieren und damit eine eindeutige Lesart meiner selbst anbieten, immer und auf den ersten Blick eindeutig lesbar sein, den Widerspruch ein und für alle Mal lösen.
Könnte ich mit dieser plötzlichen Unsichtbarkeit leben? In welchem Verhältnis stehen Selbst- und Fremdwahrnehmung dann?
Nach einem Leben des Widerspruchs und der Widerständigkeit reicht meine Fantasie vermutlich nicht so weit, mir vorstellen zu können, wie es wäre, nicht aufzufallen und mich nicht zu erklären. So viele große Fragen, die mir immer wieder die Spritze aus der Hand schlagen:
Definiere ich mich inzwischen so sehr durch Anders-Sein, weil ich einfach gerne anders bin? Habe ich mich so sehr daran gewöhnt, dass ich vielleicht gar nicht mehr sehe, wie schön und angenehm das unauffällige, erklärungslose, bequeme „Normal-Sein“ sein könnte? Wie tief sitzt dieses Dazwischensein, das dann nur noch innerlich, nicht mehr äußerlich wäre? Könnte ich damit umgehen, dass man mich dann für einen Mann halten würde? Habe ich meine Wurzeln womöglich direkt in diesem Widerspruch, so dass mein T-Leben auf eine neue Weise widersprüchlich und unlebbar wäre?

Wie bei den meisten wichtigen Fragen gibt es zur Lösung kein Rezept, das mehr beschreibt als nur Apfelkuchen mit Zimt. Und mal ehrlich, seit wann findet man Antworten in Spritzen?
Vielleicht, ja, vielleicht gelingt es, wenn ich ganz Butch und diese Fragen lebe, dabei allmählich, ohne etwas zu merken, eines fremden Tages in die Antwort hineinzuleben?

Advertisements

6 Kommentare

  1. Danke, dass Du mir aus der Seele sprichst. Bei jedem Satz musste ich nicken und ich fühle manchmal die gleiche Verzweiflung wie sie aus Deinen Zeilen spricht.
    Und doch … wenn ich in die Augen einer Femme schau, die mich versteht und ohne Worte mit mir spricht, weiß ich, dass ich genau so gewollt und akzeptiert bin – ohne T. Der Traum vom Sein ohne Erklärungen rückt dann wieder ein bisschen näher, wenn er sich vorher in den Straßen von einem zurückgezogen hat.
    Ist es nicht diese Stärke, die in den Augen einer Femme liegt, die uns manchmal fehlt, wenn wir verzweifelt nach der Spritze sehen. Und ist es nicht diese Stärke, die wir genau in solchen Momenten wieder gewinnen, um die sein zu können die wir sind?

    Der Kampf dauert, er macht müde, aber es gibt kleine Augenblicke, die es wert sind, so zu sein wie wir sind und die uns eine Berechtigung geben.

    1. Schön, dass es manch anderem in der großen weiten Welt da draußen genauso geht. Freund_innen und Femmes sind sicherlich wunderbare, unerlässliche Stärke und Halt. Wurzeln können, dürfen und müssen wir jedoch weiterhin in uns selbst, darin liegt ja die Stärke, das manchmal empfundene Alleinsein, die oft verspürte Müdigkeit.
      Deinem letzten Satz – die Müdigkeit im andauernden gefecht und „die es wert sind, so zu sein wie wir sind“ kann ich so nur unterschreiben. Viel Kraft weiterhin!

  2. Hallo ich bin Janine eine cis, ich bin seit 1J mit einem TM zusammen. Über das dazwischen haben wir auch schon gesprochen. Ich finde den Text Hammer gut geschrieben! Und wir sind auch der Meinung das dieses Rollenspiel nervig ist. In China ist es völlig inordnung das Geschlecht dazwischen zusein. Ich finde z.B. ein Penis macht noch lange keinen Mann aus. Vielen dank für den tollen Text

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s