Monat: März 2014

„It ain’t easy being … green“: Historische Drag-Kings in den USA

Stormé DeLarverie (geboren 1920 in New Orleans, afroamerican), war  seit Mitte der 1950er Jahre bis Ende der 1960er Jahre  MC und Sänger_in der  Jewel-Box-Revue – ein sogenannter male impersonater. Die Jewel-Box-Revue – eine Drag-Show – gründete sich in den 1930er Jahren. Die meiste Zeit des Jahres war die Show zwischen New York und Miami in den USA unterwegs .

Stormé DeLarverie arbeitete unter anderem als Türsteher_in in queeren New Yorker Bars und war in vorderster Linie an den  Stonewall Riots 1969 beteiligt. Nach Maltz (1998), die Stormé als Türsteher_in in New York erlebte, war die Drag-King-Performance eine Möglichkeit für talentierte Butches, mit den erotischen Codes und ihrer female masculinity, die StoneButches von Männern unterscheidet, vor einem queeren und heterosexuellen Publikum zu spielen bzw. diese souverän auszuspielen und zugleich ernsthaft deutlich zu machen, dass es sich nicht nur um eine erotische Show oder Performance für zwei Stunden handelte.

Foto von Stormé in Anzug und Krawatte 1961 (Fotografin Diane Arbus)

Doku-Film-Porträt von 1987: „Stormé: The Lady of the Jewel-Box“

New-York-Times-Porträt von Stormé mit 89 Jahren

Website zu Stonewall-Protagonist_innen

… und aus ganz aktuellem Anlass ein tribute to – Stormé starb erst vor einigen Tagen, am 25.05.2014 mit 94 Jahren in New York!!

Tommy Williams  & eine grandiose Galerie von Jewel-Box-Performer_innen:

Eines der letzten Porträts in der Fotoreihe zeigt Tommy Williams (ebenfalls MC und Sänger_in).
Weitere biographische Daten zu Tommy Williams waren nicht zu finden. Falls jemand ergänzen kann, gebt uns gerne eine Info.

Mehr über die Jewel-Box-Revue und ihre „femme-mimics“ bzw. „feminine impressionists“, die diese Selbstbezeichnungen für sich bevorzugten

Zum Weiterlesen auch: Maltz, Robin (1998): „Real Butch. The performance/performativity of male impersonation, drag kings, passing as male, and stone butch realness“. In: Journal of Gender Studies, 7(3).

Westdeutsche Sittlichkeit: Sexualitäten und andere ‚Perversionen‘ in den 60er und 70er Jahren

„Im Zuge des Reformvorhabens „Mehr Demokratie wagen“ der sozial-liberalen Koalition fanden umfassende Rechtsreformen zwischen Ende der 1960er bis Mitte der 1970er Jahres statt, wie die des Sexualstrafrechts, das heißt „Straftaten gegen die Sittenordnung“. Konservative bürgerliche Rechtsnormen, die Geschlechterverhältnisse und Sexualitäten bereits im deutschen Kaiserreich regulierten, blieben in der Adenauer-Zeit noch durch Modernisierungsoffensiven unangetastet, sollten zum Teil gar ausgebaut werden. Ein Regierungsentwurf des StGB von 1962, welcher allerdings nie gesetzlich implementiert werden konnte, spiegelte den restriktiven Zeitgeist.

„[Er] sah vor, sämtliche Straftatbestände mit Bezug zu Religion, Ehe oder `Sittlichkeit` unter die neue Überschrift `Straftaten gegen die Sittenordnung` zu fassen und durch Aufspaltung einzelner Tatbestände aus den bislang 28 nicht weniger als 47 Paragraphen zu machen. Angefangen mit Gotteslästerung reichte der Abschnitt über Ehebruch, das `Zugänglichmachen` von Verhütungsmitteln und 17 verschiedene Straftatbestände mit dem Wort `Unzucht` in der Überschrift […] bis hin zu allein fünf Kuppel-Paragraphen und einem zu Tierquälerei.“ (Steinke 2005: 63)

Erinnert sei hier zudem an strafrechtliche Restriktionen männlicher Homosexualität: Bis 1969, trotz an das Bundesverfassungsgericht formulierte Beschwerden, galt eine Fassung des § 175 StGB aus dem Jahre 1935, die männliche – jedoch nicht weibliche – „widernatürliche Unzucht“ mit Gefängnis bestrafte, oder in milderen Formen „sittlich labilen Menschen“ beispielsweise einen PKW-Führerschein verweigerte (vgl. Steinke 2005: 61), um ihren Mobilitätsradius und damit potenzielle Straftaten zu reduzieren. Rosa von Praunheims1 Filmtitel „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation in der er sich befindet“ fasst pointiert die homophobe gesellschaftliche Atmosphäre zusammen, und sollte zum politisierenden Weckruf für bundesdeutsche Schwule gelten. Einen solchen Politisierungsprozess zeigte der Film: Aus der Provinz kommend, bewegt sich der junge Protagonist in der homosexuellen Subkultur Westberlins zwischen Bars und ‚Klappen’. Das Zusammentreffen mit einem „emanzipierten Schwulen“ und dessen Wohngemeinschaft schwuler Männer eröffnen ihm politisierte Lebens- und Handlungsmöglichkeiten in einer homophoben Gesellschaft. Zugleich spiegelt der Film von 1970 den politischen Aufbruch homosexueller und transgender Personen wider, wie in den Stonewall Riots 1969 in New York geschehen, der sich ebenso wie die Anti-Vietnam-Proteste internationalisierte.

Das mediale Echo, das die TV-Ausstrahlung 1972 in der BRD auslöste, wurde von einem Aussendeskandal begleitet. Der Auftraggeber WDR sendete als einziger Sender den Film, während die ARD kurzfristig absagte und die Aufführung um ein Jahr verschob. Während der Ausstrahlung schaltete sich 1973 der Bayrische Rundfunk aus Protest aus (vgl. Sigusch 2010: 5).

Trotz einer vermehrten politischen Skandalisierung von homophoben Diskriminierungsstrukturen und zugleich einer breiteren Öffentlichkeit für nicht-heterosexuelle Lebensentwürfe und Identitäten sollte der § 175 StGB erst 1994 ersatzlos gestrichen werden, der in der DDR bereits 1957 gestrichen wurde (vgl. Gammerl 2010: 9). Insbesondere in Männlichkeitsbastionen, wie der Bundeswehr – oder aktuell die Fussballbundesliga – genügte der Verdacht des Schwulseins, um öffentliches Aufsehen zu erregen. Noch 1983/84 brachten entsprechende Gerüchte den damaligen stellvertretenden NATO-Oberbefehlshaber und Bundeswehrgeneral Günter Kießling zu Fall bzw. weiteten sich zu einer medialen und Verteidigungspolitischen „Affäre Kießling“ aus. Schwul-lebische Aktionsgruppen nahmen diesen Skandal auf und skandalisierten den selbigen, ebenso wie den § 175 StGB.

Obwohl der §175 StGB Lesben im Nachkriegswestdeutschland strafrechtlich nicht sanktionierte, so lässt sich beispielsweise am Mediendiskurs um und die Justizpraxis im Strafprozess Ihns/Andersen von 1974 in der Schleswig-Holsteinischen Provinzstadt Itzehoe ablesen, in welcher Weise nicht-heterosexuell lebende ‚Frauen‘ sozialer Stigmatisierung ausgesetzt waren. Er zeigt auch wie Homosexualität und Devianz diskursiv miteinander legiert waren und Heterosexualität als natürliche und somit legitime Sexualität sittlich unhinterfragt blieb (vgl. Gammerl 2010: 7, 11). Zugleich brachte der Prozess exemplarisch alltägliche Gewaltverhältnisse innerhalb einer Ehe zu Vorschein. Diese wirkten sich jedoch nicht strafmildernd aus, da sie offenbar als einen – wenn auch dysfunktionalen und ins Private verwiesenen – Aspekt einer natürlichen Geschlechterordnung billigend in Kauf genommen wurden. Stattdessen sollte die sexuelle ‚Widernatürlichkeit’ als eigentlicher Motor der Tat im Vordergrund des Itzehoe-Prozesses stehen. Der SPIEGEL (Art. „Halbwüchsige haben hier nichts zu suchen“ 41/1974) konstatierte ironisch das richterliche Plädoyer:

„Daß die Angeklagten auch als Mörder verurteilt wurden, weil sie‚ zur Befriedigung des Geschlechtstriebs’ töten ließen, wagte er [der Vorsitzende Richter] nicht auszusprechen: das umschrieb er nur. Es ging eben auch um Homosexualität unter Frauen, und der stehen wir ja ganz unbefangen gegenüber.“

 Die BILD nahm den Skandal-Prozess zum Anlass, der als „Hexenprozess von Itzehoe“ zur Initialzündung der Lesbenbewegung in der Bundesrepublik werden sollte, eine über mehrere Ausgaben verteilte Serie „Die Verbrechen der lesbischen Frauen“ zu publizieren. Vorangegangen war ein Jahr zuvor die sensationslüsterne Reihe „Die homosexuellen Lustmörder“:

„Bild weiß: ‚Die Leidenschaft der lesbischen Frau kann zu den grausamsten Konflikten führen: zu verlassenen Kindern, zerrissenen Ehen, zu aller Art von Unglück, Tötung, Selbstmord, Mord … Der Männerekel steigt in vielen Stufen an. Von stiller, scheuer Abkehr steigert er sich zur Feindschaft gegen alles Männliche.‘ (H.v. Hentig, Die Kriminalität der lesbischen Frau, zitiert in Bild vom 29.8.74). Lesbierinnen offen wegen ihrer sexuellen Beziehungen zu bestrafen ist nicht jedermanns Sache, aber wenn homosexuell=kriminell, dann wird es sogar für den aufgeklärten Bürger eindeutig: das muß verurteilt werden, am besten lebenslänglich! […] Wehren wir uns gegen die sexuelle Unterdrückung der Frau! Schluß mit dem Zwang zur Heterosexualität! Freispruch für die weibliche Heterosexualität!“ (Flugblatt Frauenzentrum Frankfurt 1974, in Lenz 2010: 249)

Trotz homophober, diskriminierender Diskurse führte der Prozess zu einer deutlichen öffentlichen Sichtbarwerdung und Politisierung lesbischer Frauen, nicht alleine durch deren Proteste und Demonstrationen ab 1974 (Lenz 2010: 231, 243f.). Für eine aufklärerische mediale Öffentlichkeit sorgte wie auch im Falle des Praunheim-Films der Westdeutsche Rundfunk. Die 45-minütige Dokumentation von 1974 „…Und wir nehmen uns unser Recht ! Lesbierinnen in Deutschland“ von Claus Ferdinand Siegfried muss vor dem Hintergrund des Itzehoe-Prozesses gelesen werden. Er porträtierte Aktivistinnen der HAW (Homosexuelle Aktion Westberlin). Diese Dokumentation hatte einen politisierenden Effekt wie auch Praunheims Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers“ drei Jahre zuvor. Zugleich ermöglichte er in der prä-online-Ära der frühen 1970er Jahre bundesweite Information über lesbisches, emanzipatorisches Engagement, so dass er isoliert lebenden Lesben erreichte, die sich wiederum mit der HAW in Verbindung setzten (vgl. Kokula 1983: 72). Ein Jahr zuvor wurde im ZDF die TV-Dokumentation „Zärtlichkeit und Rebellion – Zur Situation der homosexuellen Frau“ von Eva Münthel gezeigt, in der die interviewten Frauen über ihren Lebens- und Familienalltag sprachen, aber auch über ihre politischen, feministischen Perspektiven. Vielen lesbischen Aktivist_innen galt die Dokumentation, obwohl sie das erste mediale Ereignis in der Bundesrepublik war, das lesbisches Leben thematisierte, als zu wenig kritisch (vgl. Gammerl 2010: 12).

Welche wichtige soziale Bedeutung eine sich als autonom verstehende frauenbewegte Infrastruktur, wie Frauencafés, Frauenzentren oder Frauenbuchläden, ab Mitte der 1970er Jahre für insbesondere lesbische Aktivist_innen vor diesem Hintergrund haben sollte, darauf weist der Band „100 Jahre Lesbengeschichte“ von Dennert/Leidinger/Rauchut (2007) hin. Allerdings fand in dieser Phase der 1970er Jahre ein Verdrängungsprozess der traditionellen homosexuellen Barkultur und der „Clique als konstituierendes Element der lesbischen Gemeinschaft“ durch „Emanzipationsgruppen“ statt. Beides porträtierte Ilse Kokula in ihrer klassischen Studie von 1983.

Zugleich waren die Lesben- und Schwulenbewegungen der 1970er und 1980er Jahre in der BRD wichtig, dass sich Lesben und Schwule als politische Identitäten und neue, emanzipatorische Gender verstanden – etwas das aktuell in Vergessenheit gerät.

1 Rosa von Praunheim, unter bürgerlichem Namen 1942 als Holger Mischwitzky geboren, ist schwuler Aktivist und Filmregisseur.“

Wer meinen Text zitieren will, Anfragen an Keleb.

Literatur:

Dennert, Gabriele/Leidinger, Christiane/Rauchut, Franziska (2007): In Bewegung bleiben. 100 Jahre Politik, Kultur und Geschichte von Lesben. Berlin: Querverlag.
Gammerl, Benno (2010): Eine Regenbogengeschichte. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. H. 15/16 (2010): 7–13.
Heinrich-Böll-Stiftung/Feministisches Institut (Hrsg.) (1999): Wie weit flog die Tomate? Eine 68erinnen-Gala der Reflexion. Berlin: Heinrich-Böll-Stiftung.
Kokula, Ilse (1983): Formen lesbischer Subkultur. Vergesellschaftung und soziale Bewegung. Berlin: Rosa Winkel.
Kokula, Ilse (1990): „Wir leiden nicht mehr, sondern sind gelitten“. Lesbisch leben in Deutschland. München: Knaur.
Lenz, Ilse (2010): Die neue Frauenbewegung in Deutschland. Abschied vom kleinen Unterschied, eine Quellensammlung. Wiesbaden: VS.
Steinke, Ron: „Ein Mann, der mit einem anderen Mann …“. Eine kurze Geschichte des § 175 in der BRD. In: Forum Recht. H. 2 (2005). 60–63.
Woltersdorff, Volker alias Lore Logorrhöe (2003): Queer Theory and Queer Politics. Geschlechterpolitiken. In: UTOPIE kreativ: Rosa-Luxemburg-Stiftung (Hrsg.).156: 914–923.

Dazwischen zu sein

Ab und an gibt es diese Tage, an denen ich kurz davor bin, einfach abzudrücken. Dann zögere ich doch noch, ziehe mir seufzend die Hose wieder hoch und lege die Testosteron-Spritze weg. Mal wieder vom Klo geflogen und des Ausweisdiebstahls in der Disko bezichtigt, mal wieder als Kampflesbe bezeichnet und nach meinem Geschlecht gefragt worden. Wie gestern und vorgestern auch.

Rechtfertigung, Erklärung, Aufklärung ist der goldene Dreischritt meines öffentlichen Auftretens. Wenn man in einem bestimmten Sinne dazwischen ist wie ich, weibliche Papiere und nicht nur Butch, sondern auch eine transgender-maskuline Identität zugleich sein Eigen nennt, kann das Leben anstrengend und belastend sein an Stellen, wo der Rest der Gesellschaft Beschwerlichkeiten nie vermuten würde.
Die meisten Transmänner kannten das Problem. Sie fragen mich kopfschüttelnd, warum ich mir dieses so fordernde Dazwischensein eigentlich dauerhaft antun muss.
Es klingt verlockend: Mit jeder T-Injektion ein bisschen weniger Fragen.

Als Leslie Feinberg sich für Testosteron entschied, stand eine lebensbedrohliche Situation dahinter. Dazwischenzusein bedeutete in den USA jener Tage eine Gefahr für Leib und Leben. Glücklicherweise sind wir heute in Deutschland mit dieser Art von Schrecken nicht mehr konfrontiert.
Die meisten Butches entscheiden sich aktuell aus vielen, lange abgewogenen und ausgeloteten Faktoren gesellschaftlicher und körperlicher Belastungen für eine Hormontherapie. Nicht radikal, sondern vorsichtige Kosten-Nutzen-Rechnungen, nicht 100 Prozent, sondern manchmal nur 51 entscheiden, und das oft genug am Ende einer langen, langen Müdigkeit.

Mit einem maskulinen, manchmal weiblich-maskulin und manchmal männlich-maskulin wahrgenommenen Auftreten widerspreche ich konsequent Außenerwartungen, die geschlechtliche Eindeutigkeit einfordern. Diese Erwartungen im Großen und Ganzen ungebrochen zu erfüllen, wäre allerdings die Voraussetzung für ein ganz normales Leben, ohne Rechtfertigungen, Verunsicherungen und Widersprüche.
Das Leben dazwischen erfordert viel Kraft, Überlegungen, Selbstsicherheit, und führt oft genug auch zu Ängsten, Ausschlußerfahrungen, Leiden die mit klar erkennbarer, deutlicher Binärgeschlechtlichkeit nicht auftreten würden. Manchmal bin ich einfach nur unendlich müde davon.
Dass für uns alltägliche Dinge problematisch sind und bleiben, die für geschlechtlich eindeutig zuzuordnende Personen (seien sie trans* oder cis) unkontrovers sind – ist das nicht alles Zeit und Energie, die vielleicht anderswo besser investiert wäre? Bedeutet nicht ein Festhalten an einer nicht kohärent und immer eindeutig maskulinen, sondern eben Zwischen-den-Welten-wandernden TG-Butch-Identität, sich an heutzutage unnötigen Leiden festzuhalten, sich selbst also aus diesen oder jenen Gründen freiwillig zu quälen? Mache ich es mir „schwerer, als es sein könnte“, weil ich einfach gerne leide?

Natürlich ist dieser Widerspruch nicht nur einseitig anstrengend, sondern immer wieder auch spannend, anregend und herausfordernd. Mit Themen und Fragen wie „Was macht mich und meine Maskulinität eigentlich aus, auch jenseits des Trans-Mainstreams?“, „Welche Ideen hatten andere, Maskulinität zu interpretieren, und wäre das was für mich?“ oder „Welche besonderen Perspektiven hat man durch geschlechtlich variierendes Auftreten?“ findet eine kreative Auseinandersetzung statt.
Testosteron kann jeder, Maskulinität kultivieren nicht.

Das sind die Glanzlichter eines Lebens an den Grenzen. Doch dazwischen sind die Füße auf diesem  beschwerlichen Weg so schwer, dass ich keinen einzigen Schritt mehr an dieser Grenze von Maskulinität tun will und kann.
Irgendwann ist der Augenblick gekommen, dass dieser Widerspruch eben absolut und unabwendbar nicht mehr produktiv ist. Jeglicher Widerbelebungsversuch scheitert. Und was tue ich, wenn dieser Augenblick gekommen ist? Kann ich den Widerspruch wieder so beleben, dass mein Land kein Niemandsland wird? Was kann ich verändern, dass diese Differenz lebbar und lebenswert bleibt?

Natürlich ist es absolut traurig und desaströs, sich gezwungen zu sehen, seinen eigenen Körper, den wir TGs zu akzeptieren und in einem guten Sinne anzunehmen und zu gestalten wir alle so lange und hart gearbeitet haben, hormonell einer gesellschaftlichen Erwartung anpassen zu müssen glaubt. Wie deprimierend allein der Fakt ist, darüber nachzudenken, kann man gar nicht oft genug wiederholen.
Wenn ich durch die Gegend laufe, mache ich zwangsläufig „Maskulinität sichtbar“, d.h. bin quasi ein lebendes Exempel dafür, wie Maskulinität funktioniert, egal welcher Körper dem als Träger zugrunde liegt. Ich bin sichtbar. Nicht immer und überall, und freilich kann es auch ein Vergnügen sein, darüber zu entscheiden, ob, wie und wann ich den Eindruck eindeutiger, lückenloser Maskulinität zusammenbrechen lasse. Damit komme ich immer wieder in die Rolle, mich gegenüber Trans*-, Lesben- und Heten-Communities, auf der Straße durch Blicke, anderswo auch durch Worte für mein Sein rechtfertigen muss.

Immer wieder wird mir dabei mit viel Neugierde, Offenheit und Unvoreingenommenheit begegnet, und viele, die einfach wenig Erfahrung und Wissen mit derartigen Identitäten haben, lassen sich gerne aufklären und an diesem Schatz aus Gedanken und Erfahrungen beteiligen. Nichtsdestotrotz heißt das aber immer wieder: begründen, erklären, darlegen, und ich merke oft erst, wenn ich unter gleichen Wesen, den TGs und den Butches dieser Welt unterwegs bin, wie entspannt ich sein kann.
Eigentlich ist es nicht mein Job, „everybody’s Gender-Pädagoge“ zu sein, andere an den Anblick TG-Butches zu gewöhnen und zur Offenheit gegenüber geschlechtlicher Vielfalt zu erziehen.

Nun, stellen wir uns mal vor, ich würde transitionieren und damit eine eindeutige Lesart meiner selbst anbieten, immer und auf den ersten Blick eindeutig lesbar sein, den Widerspruch ein und für alle Mal lösen.
Könnte ich mit dieser plötzlichen Unsichtbarkeit leben? In welchem Verhältnis stehen Selbst- und Fremdwahrnehmung dann?
Nach einem Leben des Widerspruchs und der Widerständigkeit reicht meine Fantasie vermutlich nicht so weit, mir vorstellen zu können, wie es wäre, nicht aufzufallen und mich nicht zu erklären. So viele große Fragen, die mir immer wieder die Spritze aus der Hand schlagen:
Definiere ich mich inzwischen so sehr durch Anders-Sein, weil ich einfach gerne anders bin? Habe ich mich so sehr daran gewöhnt, dass ich vielleicht gar nicht mehr sehe, wie schön und angenehm das unauffällige, erklärungslose, bequeme „Normal-Sein“ sein könnte? Wie tief sitzt dieses Dazwischensein, das dann nur noch innerlich, nicht mehr äußerlich wäre? Könnte ich damit umgehen, dass man mich dann für einen Mann halten würde? Habe ich meine Wurzeln womöglich direkt in diesem Widerspruch, so dass mein T-Leben auf eine neue Weise widersprüchlich und unlebbar wäre?

Wie bei den meisten wichtigen Fragen gibt es zur Lösung kein Rezept, das mehr beschreibt als nur Apfelkuchen mit Zimt. Und mal ehrlich, seit wann findet man Antworten in Spritzen?
Vielleicht, ja, vielleicht gelingt es, wenn ich ganz Butch und diese Fragen lebe, dabei allmählich, ohne etwas zu merken, eines fremden Tages in die Antwort hineinzuleben?

Worüber ich spreche, wenn ich über Butch spreche

Die Idee Butch hat aktuell nicht gerade Hochkonjunktur im queeren Mainstream. Doch da ist eine Glut, die in alle Himmelsrichtungen verstreut vor sich hinglimmt, und sich anfachen lässt und das Potenzial hat, ein ganzes Land unter Feuer zu setzen, wenn die Winde nur günstig stehen.

Ich werde hier eine Annäherung daran versuchen, was meiner Auffassung nach Butch gegenüber Identitäten wie Transmännern oder maskulinen Lesben auszeichnen könnte, und welche Spezifika dieser Identität zugehören, die Butch einzigartig macht unter allen maskulinen Identitäten.

Butch verbindet Begehren und Identität.

Das zeichnet Butch gegenüber Lesbischsein, das sich derzeit ausschließlich über Begehren definiert (auch das war mal anders!), und gegenüber Transmännlichkeiten aus, die sich ausschließlich durch ihre Geschlechtsidentität definieren.
Butch stellt eine einzigartige Verbindung von sex und gender her, weil Begehren und Identität in einem Zusammenhang verhandelt werden. Damit befindet eine Butch-Identität sich am Schnittpunkt dreier möglicher Identifikationen, Traditionen und Begehrensformen. Das heißt, dass eine Annäherung an Butch notwendig die Auseinandersetzung mit Lesben, Trans* und Genderqueerness beinhalten muss. Zu diesen steht Butch jeweils in unterschiedlichen Verhältnissen, und jede individuelle Butch-Identität bedeutet zusätzlich auch eine individuelle Nuancierung dieser Aspekte.

Butch ist sichtbar queer.

Anders als heterosexuelle Transmänner, die nach außen schlichtweg als heterosexuell und weiter nichts gelesen werden, integriert Butch feminine und maskuline körperliche Attribute imAuftreten. Neben den Ausschlusserfahrungen, die eine mal so, mal so wahrgenommene Geschlechtsidentität bedeutet, kann sichtbare Queerness auch ein mit stolz kultiviertes Alleinstellungsmerkmal sein und werden, das der heterosexuellen Matrix eine unaustilgbare Störung zufügt:

A whole lot of my identity is staked in being gay — being queer — and being read by other people as gay or queer. And I like that, even if it’s becoming an oxymoron. I like being other and different and a little bit weird. I like talking about it. I like getting reactions about it. I like being new and strange and maybe a bit titillating or scary or fascinating to the people I meet (assuming, of course, that doesn’t inspire them to try to kick my teeth down my throat). Breakitdownbutch

Butch ist historisch anschlussfähig.

Die Geschichte homosexueller Subkulturen und ihrer queeren Kultivierung von Identitäten jenseits angepasster Heterosexualität ist lang. Butch nimmt diesen roten Faden der Geschichte auf und begreift das eigene Gender als etwas auch historisch Gewordenes.

Butch bedeutet Fürsorge.

Menschen, die zu einer Zeit rechtlich und/oder medizinisch transitionieren, sind auf eine interessante Weise gleich alt. Die Zählung beginnt noch einmal bei Null, dem Jahre T. Fortan sind alle Kinder eines T-Jahrgangs zugleich in der Pubertät. Die Gruppe aller Trans* besteht ziemlich genau aus jenen, die in ihrem Transitionsprozess stecken, sei es mental oder körperlich, und jenen, die ihre Transition erfolgreich überstanden haben.
Butch hingegen ist lebenslange Auseinandersetzung, Wachsen und Ringen um und an der eigenen Geschlechtlichkeit. Das Thema bleibt präsent, und die Lösungen einer jungen Butch-Person mögen sehr anders sein als die Ideen, wenn sie älter geworden ist. Es gibt nicht nur einen Austausch innerhalb, sondern zwischen den verschiedenen Generationen.

Dieser Blog dient dem Versuch, diesen ersten möglichen gedanklichen Pfade weiter zu folgen, und zu schauen, welche Merkmale Butch wirklich ausmachen, diese altgediente Identität neu zu erproben, und herauszufinden, welche Anzüge im 21. Jahrhundert noch passen.
So jung und zaghaft die neueren Unternehmungen, Butch zu leben sind, ist viel Spannendes zu erwarten auf dieser Reise. Wir fragen nicht, wohin man käme, wenn man denn ginge. Wir schauen, wo wir da hinkommen.